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Bei Wohnungs-Stürmung: Berliner Polizei soll minderjährige Geflüchtete schwer verletzt haben

Ein Jugendlicher musste mit einer 15 Zentimeter langen Schnittwunde im Krankenhaus behandelt werden. Jetzt ermittelt das LKA.
23 Mai 2018, 2:22pm
Symbolbild || Kind: Free-Photos | Pixabay | CC0 || Glasscheibe: imago | Blickwinkel || Beamte: imago | christian Mang || Montage: VICE

Niemand, wirklich niemand möchte von der Polizei geweckt werden. Schon gar nicht, wenn man erstens nichts verbrochen hat, zweitens der Weckruf das laute Krachen einer eingetretenen Tür ist und man drittens wenige Minuten später in Handschellen zwischen Scherben und seinem eigenen Blut liegt. Einer Gruppe junger Geflüchteter soll aber genau das vor zwei Wochen in Berlin passiert sein, als ein Polizeieinsatz in ihrer Jugendwohngruppe völlig außer Kontrolle geriet. Die Organisation der Einrichtung spricht von "unverhältnismäßigen und rechtswidrigen Handlungen" bis hin zu Misshandlungen der minderjährigen Bewohner durch die Polizisten.

Die Geflüchteten sind minderjährig und unbegleitet, also ohne Verwandte oder einen sonstigen Vormund nach Deutschland gekommen. In der sogenannten Jugendwohngruppe des Kinder- und Jugendhilfe-Verbundes Berlin-Brandenburg (KJHV) in Berlin-Lichtenberg teilen sich mehrere Geflüchtete, die 15 Jahre oder älter sind, eine Wohnung und werden nur tagsüber betreut.

Unter den Bewohnern befindet sich allerdings ein junger Mann, den die Polizei eines Raubes verdächtigt. Er soll zudem bereits gewalttätig gegenüber Polizisten aufgetreten sein, schreibt der Tagesspiegel. Im Dezember vergangenen Jahres holten sich die Beamten beim zuständigen Gericht einen Durchsuchungsbeschluss.


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Aber erst Mitte April soll eine Beamtin der Polizei sowohl mit der zuständigen Betreuerin als auch mit der gesetzlichen Vormundin des zu dem Zeitpunkt minderjährigen Verdächtigen telefoniert haben, schreibt der KJHV in einer Stellungnahme zu dem Vorfall. Die Betreuerin habe der Beamtin dabei unter anderem erklärt, wie die Station der Jugendwohngruppe aufgebaut ist. Die Beamtin soll ihr im Gegenzug versichert haben, dass "nur das Zimmer des betroffenen Jugendlichen und die Gemeinschaftsräume durchsucht werden", heißt es. Anschließend passierte erst einmal nichts.

Es zerbrachen mehrere Türrahmen, dann das Glas einer Schranktür

Am Mittwochmorgen vor zwei Wochen fuhr die Polizei dann in Berlin-Lichtenberg vor – ohne Betreuerin oder Vormundin informiert zu haben, schreibt der KJHV. Die Geflüchteten befinden sich zu diesem Zeitpunkt allein in der Wohnung und schlafen. Den Einsatz beschreibt der KJHV anschließend in seiner Stellungnahme so:

Statt zu klingeln, hätten mehrere Teams der Polizei gegen 7:15 Uhr die Wohnungstür eingetreten. Die Beamten seien in "Kampfanzügen" aufmarschiert – und allem Anschein auch mit Kampfmentalität, denn neben dem Zimmer des Verdächtigen seien die Beamten auch gewaltsam in weitere Zimmer eingedrungen, für die sie keinen Durchsuchungsbeschluss hatten.

In einem davon sollen drei Beamte einen überraschten Jugendlichen aus seinem Bett gezerrt und ihn gegen die Glastür eines Schranks geworfen haben. Das Glas soll bei dem Aufprall zerbrochen sein, der Geflüchtete habe mehrere tiefe, bis zu 15 Zentimeter lange und stark blutende Schnittwunden an einem Arm erlitten. Die Einsatzkräfte sollen ihm dann Handschellen angelegt und sie ihm erst nach einer Identitätsprüfung abgenommen haben. Erst dann sollen sie seine Wunden erstversorgt haben. Ein hinzugerufener Rettungsdienst habe den Verletzten in ein Krankenhaus gebracht, wo er noch drei Tage lang stationär behandelt worden sei.

Zeitgleich sollen drei bis vier weitere Beamte die Tür eines Nachbarzimmers eingetreten und dort auf einen weiteren Unbeteiligten mit Schlagstöcken eingeschlagen haben. Später sollen sie ihn über den Flur geschliffen haben, ein Notarzt habe unter anderem einen verrenkten Arm des Geflüchteten behandeln müssen. Auf die Frage, warum es ihn erwischt habe, soll ein Beamter dem Jugendlichen geantwortet haben, er sei selbst Schuld, wenn er mit dem Beschuldigten zusammen wohnen würde, schreibt der KJHV.

Der festgenommene Verdächtige selbst habe zwei Schürfwunden am Kopf bei dem Einsatz davongetragen. Erst gut eine Stunde nach dem gewaltsamen Weckruf soll es den Geflüchteten möglich gewesen sein, ihre Betreuer über den Vorfall zu informieren.

Das LKA hat Ermittlungen gegen die beschuldigten Polizisten aufgenommen

Die Polizei hatte ursprünglich keine Pressemitteilung zu dem Einsatz veröffentlicht, am Mittwoch räumte die Behörde allerdings auf Twitter ein, dass es an dem Tag vor zwei Wochen einen Einsatz in der Einrichtung gegeben habe. "Nach Bekanntwerden von Vorwürfen, dass es beim Einsatz zu unverhältnismäßiger Gewaltanwendung durch Polizeikräfte gekommen sein soll", ermittle nun das LKA gegen die Kollegen, heißt es dort. Ein Polizeisprecher bestätigte gegenüber VICE, dass es sich bei den Ermittlungen um den Vorwurf der Körperverletzung im Amt handele.

Unklar ist, welche Polizisten an der Eskalation in der Unterkunft beteiligt waren. Der KJHV schreibt in seiner bereits am letzten Donnerstag veröffentlichten Stellungnahme von "Sicherungseinheiten" im Einsatz, die Polizei selbst von Beamten des Raubkommissariats und "Unterstützungskräften". Auch ein Polizeisprecher wollte gegenüber VICE mit Verweis auf das laufende Verfahren keine genaueren Angaben machen.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin, zu dem der KJHV gehört, forderte am Mittwoch eine schnelle Aufklärung der Ereignisse sowie "entsprechende Konsequenzen". Dazu gehöre, so der Verbund, dass die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Inneres und der Polizei gemeinsam ein einheitliches Verfahren für solche Einsätze entwickelt, das Unbeteiligte schützt. Die jungen Bewohner und Bewohnerinnen in Einrichtungen wie jener in Lichtenberg würden schließlich besondere Unterstützung benötigen: "Es liegt in unser aller Interesse, dass sie sich dort sicher fühlen können und gerecht behandelt werden."

Im aktuellen Fall ist das nicht gelungen. Laut KJHV soll der mutmaßlich gewaltsame Polizeieinsatz die jungen Bewohner traumatisiert haben. Einer der Verletzten sei erst kurz zuvor, nach jahrelanger Betreuung, in die Jugend-WG gezogen. Jetzt schreibt die Jugendhilfe: "15 Minuten Polizeigewalt haben zwei Jahre Jugendhilfe und therapeutische Arbeit zerstört."

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