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"Das ist nicht von der Stange" – Sneaker Surgery verwandeln eure Schuhe in Kunstwerke

Sneaker Surgery motzen Schuhe für Ufo361, Bonez MC, David Alaba und viele mehr auf. Wir haben mit ihnen über ihre Leidenschaft, Entstehungsgeschichte, neue Trends und den Prozess hin zum fertigen Schuh gesprochen.

von Niklas Fucks
04 Juli 2018, 12:07pm

Alle Fotos: David Luther

Was haben die Füße von David Alaba, Franck Ribery, Ufo361 und Bonez MC miteinander zu tun – abgesehen davon, dass sie an den Beinen ziemlich erfolgreicher Typen baumeln? Sie alle haben schon einmal in Schuhen von Sneaker Surgery gesteckt. Bei Sneaker Surgery handelt es sich um einen der deutschlandweit bekanntesten Anbieter für Customized Sneakers – also nach individuellen Wünschen (um-) gestaltete Sportschuhe. Dahinter steht vor allem Martin Olomi. Seit Jahrzehnten treibt er sich in der Hamburger HipHop-Szene um, seit einigen Jahren hat er seine Berufung gefunden. Dabei sieht er sich allerdings weniger als Schuster oder Designer, sondern eher als Künstler, der sich auf Schuhen austobt. Gemeinsam mit seinem Mitarbeiter und Airbrush-Spezialisten Younes Bouchlouch hat er Sneaker für Spitzensportler, Rapper und YouTube-Sternchen produziert. Trotzdem ringt er noch um Anerkennung und Verständnis für sein ungewöhnliches Geschäftsmodell.


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Bei mir ist Martin Olomi damit an der richtigen Adresse: Ich kaufe mir knapp einmal im Jahr neue Schuhe, sobald ich das letzte Paar zu Sandalen zerlatscht habe. Wie Menschen Unsummen für exklusive Kleidungsstücke latzen können, war mir schon immer rätselhaft und dass Trends vorbei sind, merke ich oft erst, wenn sie wieder zurückkommen. So ziemlich alle meine Einblicke in die Welt der Sneakerheads stammen von ungeklickten High Snobiety-Überschriften und daher, dass ich in der Nähe des Schuhladens Overkill in Berlin gearbeitet habe, wo ich die Massen an Kids und Ebay-Verkäufer belächelte, die dort für limitierte Sneakermodelle ihre Zelte und Campingstühle aufschlugen. Heute soll sich das ändern: Olomi hat mich für Noisey in den Hamburger Randbezirk Ohlsdorf in die Werkstatt von Sneaker Surgery eingeladen, um mich in die Welt der Turnschuhmodifizierung einzuführen.

Younes Bouchlouch und Martin Olomi

Wichtig: Customs und die Hypebeast-Jagd nach der nächsten limitierten Edition sind zwei verschiedene Paar streng limitierte Treter. Customs haben keinen Wiederverkaufswert. Es geht darum, etwas zu haben, was kein anderer zu bieten hat, erklärt Martin, als wir uns im gemütlichen Werkstattkeller niedergelassen haben – vor uns ein Berg seiner Werke. Darunter finden sich natürlich Hype-Modelle der vergangenen Jahre, wie Adidas Ultraboost, Yeezys oder den gerade zurückkehrenden Nike Air Force One, alle versehen mit spektakulären Paintjobs, modifizierten Stoffen oder Logos anderer Marken.

"Die Trends ändern sich ziemlich schnell", erklärt mir Olomi. "Heute ist Adidas angesagt, morgen Nike. Da muss man sich anpassen, Trends schnell erkennen und drüberjumpen, sonst machst du kein Geld." Deswegen erarbeitet er für Kunden regelmäßig Marken-Kollaborationen, die es in Wirklichkeit nicht gibt: Bayern-Profi David Alaba bat zum Beispiel um einen klassischen Vans-Treter mit Supreme-Logo. Im Zeitalter der absurden Marken-Kooperationen geben Manufakturen wie Sneaker Surgery Käufern die Möglichkeit, ihre eigene ideale Kombination zu entwickeln. Auch nach Off-White fragen Leute regelmäßig, "und du musst leider Gottes solche Sachen machen, damit du verkaufst oder von diesen ganzen Bloggern geteilt wirst, um Reichweite zu generieren und Follower zu bekommen. Aber bei diesen Star Wars-Schuhen zum Beispiel stecke ich richtig Herzblut und Kreativität rein, aber die meisten wollen halt die Marken." Fast schon wehmütig blickt er auf einige Ultraboosts – jedes Paar von ihnen einem Charakter aus Star Wars gewidmet, inklusive eingenähtem Namen und liebevoll gesprühtem Weltraumnebel.

Boba
Yoda
Rebels

Wie entsteht so ein Custom Sneaker? Das lässt sich schwer zusammenfassen, da zwischen einem einfach aufgemalten Motiv und dem kompletten Austausch aller Materialien alles möglich ist und Menschen wie Olomi ständig versuchen, neue abgedrehte Techniken zu entwickeln, um sich von der Konkurrenz abzusetzen. Fest steht aber, dass jeder Custom Sneaker mit einem neu gekauften Schuh beginnt. Soll auf diesen Farbe aufgetragen werden, muss er mit Aceton eingerieben werden, da die Schuhe ab Werk mit einer Fettschicht überzogen sind. Erst dann kann die wind- und wetterfeste Spezialfarbe aufgetragen werden. Unter Umständen müssen davor aber noch das Nike-Swoosh oder die Adidas-Streifen abgenommen werden, damit der Untergrund glatt genug ist, um mit Airbrush bearbeitet werden zu können. Airbrush-Künstler Younes Bouchlouch, der für frühere Jobs Motorradtanks, Yachtsegel oder Rimowa-Koffer besprühte, nennt Schuhe liebevoll eine "ziemlich undankbare Oberfläche, aber auch eine Herausforderung". Verglichen mit Pinsel oder der klassischen Sprühdose bietet sich Airbrush für die Arbeit mit Schuhen an, da sich hier das Verhältnis zwischen Druck und Farbe frei regulieren lässt. So kann genau die richtige Menge an Farbe aufgetragen werden, sodass diese eher einzieht und nicht allzu schnell bröckelt. Am Ende wird der Schuh erneut eingesprüht, damit er wieder so weit wie möglich wasserabweisend ist.

Son Goku

Dass so ein von Hand bearbeiteter Schuh so viel aushält wie einer aus der Fabrik, ist allerdings Wunschdenken: "Das sind Customs, die sind nicht aus dem Werk. Das Leder ist nicht gegerbt. Die Farben ziehen zwar ein, aber wenn du damit anfängst, Fußball zu spielen, wird die Farbe irgendwann platzen. Ich versuche, die Schuhe so tragbar wie möglich zu machen, aber Sport, Fußball, Fahrrad fahren machen ja auch normale Schuhe kaputt. Ich sage den Leuten auch immer: Das ist ein Kunstwerk, das ist nicht von der Stange. So musst du es auch behandeln. Die meisten verstehen es, aber es gibt auch Kandidaten, die ihre in ein paar Monaten kaputt bekommen.”

Klettverschluss wie früher

Olomis Leidenschaft für Sneaker reifte übrigens über Jahre der Zurückhaltung. "Wir sind damals 1989 aus Bulgarien nach Hamburg gekommen. Anfang '90 wurde zum Beispiel dieser Jordan 6er Infrared getragen. Damals konnte mein Vater mir nicht jeden Schuh von Michael Jordan kaufen, wollte es auch nicht. Später, als ich es mir leisten konnte, habe ich mir jeden Schuh gekauft, den ich damals wollte." Nach dem Abitur bewegte sich Martins Leben allerdings erst einmal in eine andere Richtung: "Ich habe jahrelang Musik gemacht, das war aber auch nichts für mich. Damals habe ich auch Erfan hier kennen gelernt." Ich frage, was er denn für Musik gemacht hat und unter welchem Namen? Kurzes Schweigen, dann löst Erfan Bolourchi – Musikmanager und langjähriger Freund Olomis, der sich um das Management hochkarätiger Aufträge kümmert – auf: "Er war Back-up-Rapper von Ferris MC."

Knapp drei Jahre tourte Olomi damals mit Ferris und dessen DJ Stylewarz durch die Lande. "Ich hieß damals Ja.One / Jawan. Wir haben sogar eine Single mit Ferris aufgenommen. Damals dachte ich: Das ist jetzt mein Leben, ich mache jetzt nur noch das. Und dann ging es alles plötzlich bergab." Was ging schief, frage ich. "Kennst du das legendäre Interview bei interaktiv, wo er Gülcan zusammenscheißt?" Bolourchi kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Das, das Kalkofe dann geflachst hat?" "Genau!"

"Der Tonmann hatte irgendwie verkackt und hatte uns die Monitorboxen ausgestellt, sodass wir uns selbst im Studio nicht mehr hörten." Olomi, der selbst mit auf der Bühne stand, klingt beim Erzählen wie jemand, der eine schmerzhafte Story schon so oft erzählt hat, dass sie wieder lustig ist. "Im Fernsehen lief der Sound aber normal weiter. Jedenfalls haben wir dann quasi acapella weitergemacht, der Soundmann hat seinen Fehler gecheckt und die Musik wieder reingedreht – nur war Ferris dann nicht mehr on Point. Und dann ist er SO ausgerastet. Er hatte davor schon für ein Interview bei 1Live viel Kritik geerntet und hat dann den ganzen Frust bei Viva rausgelassen. Das war der Grund, warum dann erstmal vieles bergab ging – davor hatte er immer Rotation im Musikfernsehen und danach war es vorbei. Das hat uns die Beine abgesägt, weil das war genau um die Zeit, als wir mit unserer Single an den Start kommen wollten. Aber wenn ich mir die Single heute nochmal anhöre und mit heutigem HipHop vergleiche … Nicht gut. Müll. Na ja, ganz OK."

Werkstatt

Gebannt höre ich zu, wie sich meine Kindheitserinnerung an einen hämischen Sketch in eine persönliche Tragödie verwandelt. "Vieles von dieser Zeit habe ich über lange Zeit komplett ausgeblendet, weil es mich echt richtig mitgenommen hat, als es zu Ende ging. Ich hatte eine extrem schwere Zeit, litt unter Depressionen. Ich habe dann noch bis 2006 versucht, da alleine etwas zu erreichen, aber irgendwann habe ich gemerkt, wie sehr ich am Ende war – körperlich, psychisch, finanziell. Dann habe ich einen Schlussstrich gezogen." Also fuhr Olomi Taxi in den Straßen Hamburgs – fast die nächsten zehn Jahre lang. Eine Zeile Rap hat er nie wieder geschrieben, "sogar jahrelang überhaupt keine Musik mehr gehört". Der Lichtblick: Als erfolgreicher Rapper hätte er vielleicht nie anfangen müssen, seine Sneaker zu reparieren – als Taxifahrer schon.

A sucuk a day…

"Irgendwann habe ich gemerkt, dass die Qualität von Jordans immer schlechter und schlechter wurde. Die Sohlen fingen an zu cracken und die Farbe bröckelte. Also dachte ich mir: Es kann doch nicht sein, dass man 160 Euro ausgibt und man den Schuh dann nicht reparieren kann. Also bin ich auf spezielle Farben gestoßen, hab mir Tutorials im Internet angeguckt und fing an auszuprobieren, einfach weil ich unbedingt meine Schuhe wieder sauber bekommen wollte." Und das funktionierte – so gut sogar, dass Olomis gesamter Freundeskreis seine Schuhe bei ihm ablud. Das lieferte genügend Versuchsobjekte, um zu lernen. "Ich habe damals natürlich alles umsonst gemacht und viel gelernt, irgendwann war das aber nicht genug." So begann er, eigene Designs für bekannte Sneakermodelle zu erarbeiten – erst alleine und später mit der Hilfe von Younes Bouchlouch.

Feinarbeit

Seit 2017 kann Martin Olomi von Sneaker Surgery leben. Dass es in dieser Nische schwierig ist, Fuß zu fassen, liegt auf der Hand. Denn gerade jungen Sneakerfreaks sind die mindestens 350 Euro für ein eingeschränkt tragbares Schuhwerk oft zu viel. Doch Olomi war zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Ein Unikat, das er für ein befreundetes Mitglied der 187 Strassenbande hergestellt hatte, weckte das Interesse einer Nike-Mitarbeiterin. Bolourchi kannte diese, empfahl seinen alten Freund weiter und so begann eine fruchtbare Beziehung, dank der Sneaker Surgery mittlerweile für viele deutsche Musiker und Sportler öffentlichkeitswirksame Einzelstücke herstellen durfte.

Die Kooperation mit Nike begann mit 30 identischen Jubiläumspaaren fürs splash! 2017 – eine große Herausforderung für Olomi, der bisher nur Unikate hergestellt hatte. Darauf folgten von Miami Vice inspirierte Air Force Ones für Bausa, zwei verschiedene Motive für Bonez, verschiedenfarbige diamantenbesetzte Sneaker für Ufo361 und 54 identische Paare mit Nelson-Mandela-Zitat anlässlich des ersten Champions-League-Spiels von RB Leipzig. Außerdem Paare für Farid Bang & Kollegah, Fußballer Leon Goretzka, den YouTuber DerOemsen und zwei Paare für Franck Ribery – ein Paar mit seinem eigenen Porträt, eines mit dem seines Sohnes.

Smile

Durch all diese Modelle scrollt Olomi auf dem Instagram-Account von Sneaker Surgery und erzählt Anekdoten. Wir spannen nach getaner Arbeit auf der Terrasse aus, während Fotograf und Journalist David Luther die letzten Bilder schießt. Da meint Bouchlouch, dass er noch etwas sagen will und leicht verdutzt schalte ich das Diktiergerät wieder an. "Was Martin als Künstler ausmacht: Ich kann ihm vielleicht manchmal noch ein paar Techniken zeigen, aber er brennt dafür. Heutzutage kann ja irgendwie jeder kreativ sein, aber kaum jemand schafft es, etwas so durchzuziehen. Es ist sein Glaube an die Sache, der uns heute hier versammelt hat und uns alle damit überzeugt hat." Olomi wirkt etwas berührt und wirft lachend ein: "Die Euros haben dich überzeugt." Doch Bouchlouch bleibt dabei: "Ich habe einmal gelesen, dass Glaube ansteckend ist. Erfan hat anfangs nicht daran geglaubt, ich auch nicht. Aber jetzt machen wir alle Schuhe."

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