Söders Kopf: imago | Metodi Popow || Maria: gemeinfrei || Collage von VICE 

Alle Gebote Gottes, gegen die Markus Söder bereits verstoßen hat

Wie christlich ist der erste Kreuzritter der Nation wirklich?

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09 Mai 2018, 12:21pm

Söders Kopf: imago | Metodi Popow || Maria: gemeinfrei || Collage von VICE 

Seit er beschlossen hat, in allen bayerischen Behörden Kreuze aufzuhängen, ist aus Markus Söder so etwas wie der erste Kreuzritter der Nation geworden. Der neue bayerische Ministerpräsident hat zwar gleich beteuert, das Kreuz sei "nicht ein Zeichen einer Religion" – nur ist diese Aussage ungefähr so sinnvoll wie die Behauptung, ein Totenkopf mit gekreuzten Knochen sei "nicht das Zeichen für ernsthafte Probleme" oder Zehenschuhe seien "nicht das Zeichen, dass man sich komplett selbst aufgegeben hat".

Schon deshalb musste der Franke für seinen Vorstoß eine beinahe biblische Sintflut aus Gelächter und Zorn über sich ergehen lassen. Zwei Drittel der Deutschen – inklusive der meisten Kirchenväter – finden es nicht so toll, Kreuze in Ämtern aufzuhängen. Und trotzdem hält Söder daran fest: Gerade jetzt, bekräftigte er, sei es an der Zeit, "zu unserer eigenen Religion zu stehen".

Was die Frage aufwirft: Seit wann ist Markus Söder eigentlich so ein Turbo-Christ? Tatsächlich ist er schon länger in der evangelischen Kirche Bayerns engagiert (das evangelische Sonntagsblatt nannte ihn "Bayerns neuen Vorzeigeprotestanten"), und wenn er gefragt wird, erzählt er in Interviews gerne, dass sein Glaube ihm "Kraft und Halt" gibt.

Aber wie sagte schon Jesus? "Laber nicht, zieh mal lieber deine Armbanduhr aus!" Und deshalb wollen wir an dieser Stelle nicht nur Söders Worte, sondern vor allem seine Taten einer strengen Christlichkeits-Prüfung unterziehen. Und zwar anhand der zehn Gebote: Gottes direkte Befehle für die einen, "das älteste Selbstoptimierungs-Listicle der Welt" für die anderen. Und los geht's.

1. Gebot: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Das erste Gebot definiert nicht weniger als das grundlegende Entwicklungsprinzip menschlicher Zivilisation von der Antike bis in die Neuzeit: den Monotheismus. Oder sagen wir so: Ganz unwichtig ist es nicht. Leidert rasselt Söder aber schon hier spektakulär durch – denn er hat schon oft zugegeben, dass er neben dem Herrn im Himmel noch einer anderen Gottheit huldigt: dem CSU-Übervater Franz Josef Strauß.

"Während andere Teenager Fußballstars oder Popidole an ihren Wänden hatten", erzählt Söder immer wieder gerne, "hing bei mir ein riesiges Poster von Franz Josef Strauß über meinem Bett. Für mich war das cool, weil ich Strauß cool fand." Er gibt allerdings zu, dass das immer mal wieder die "Freundinnen", die er mit nach Hause brachte, verstört hat. Freundinnen? Mit nach Hause? Vor der Ehe? Wir kommen darauf zurück. Zunächst ist festzustellen, dass das Ausmaß der Söder’schen Strauß-Verehrung die Grenze zum Götzendienst spätestens dann überschritten hatte, als Söder vorschlug, seinem Idol eine Büste in der heidnischen Ruhmeshalle Walhalla zu errichten. Vade retro, satana!

Iudicium: Gebot gebrochen!

2. Gebot: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen.

Das Gebot wird meistens herausgekramt, um den Leuten das Fluchen oder das Schwören beim Namen Gottes zu verbieten. Da hat Söder Glück gehabt: Er ist Franke, und anders als die Südbayern werfen die nicht ganz so enthusiastisch mit Flüchen wie "Zefix" (Kruzifix), "Greizsakrament" oder "Greizdeibi" um sich.


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Andererseits: Gibt es einen größeren Missbrauch des Namen des Herrn, als dessen Logo in allen bayerischen Ämtern aufzuhängen, nur um sich im Landtagswahlkampf als Verteidiger der blau-weißen Heimat zu inszenieren, UND DANN AUCH NOCH ZU BEHAUPTEN, DASS KREUZ HABE NIX MIT DEM CHRISTENTUM ZU TUN? Nein, gibt es nicht.

Iudicium: Gebot gebrochen!

3. Gebot: Du sollst den Feiertag heiligen.

Heißt im Grunde: Man soll am Sonntag nichts weiter tun, als erst in der Kirche rumzuknien und sich danach auf dem Dorfplatz ein gemütliches Grundrauschen anzutrinken. Aber hält sich Markus daran? Immerhin wissen wir, dass Söder ein Workaholic ist: "Ich habe noch niemanden erlebt, der seiner Karriere so viel untergeordnet hat wie Markus Söder", zitiert ein Spiegel-Portrait über Söder den Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly.

Auf einem Gemälde von Jusepe de Ribera zeigt Moses die Zehn Gebote, im Artikel geht es nämlich um Markus Söder und sein Verhältnis zu christlichen Werten.
Moses is not amused. Jusepe de Ribera, Öl auf Leinwand, 1638

Nach einer kurzen Google-Suche stößt man zudem schnell auf den Leserbrief eines aufgebrachten CSU-Bezirksrat, der sich darüber aufregt, dass Söder 2010 mal einen Termin "während den üblichen Zeiten des Sonntagsgottesdienstes" angesetzt habe. "Wir starten große Bündnisse für einen arbeitsfreien Sonntag, und die Regierung von Unterfranken und Staatsminister Markus Söder können nicht mal auf das 'Arbeiten' während den Gottesdienstzeiten verzichten!", schimpft der Mann. Natürlich schließen wir uns dem Urteil dieses guten Christenmenschen an.

Iudicium: Gebot gebrochen!

4. Gebot: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

Söders Eltern sind beide bereits gestorben, im Netz finden sich aber noch ein paar alte Fotos und sogar eine kleine Lobrede, die der Politiker auf seinen Vater gehalten hat. Darin erinnert er sich unter anderem, wie ein Nachbar ihm als Fünfjährigem mal einen Willy-Brandt-Anstecker schenkte. "Als ich damit nach Hause kam, hat mein Vater geschimpft", schreibt Söder. "Da ahnte ich schon: SPD bedeutet Ärger. Meine Eltern waren immer Strauß-Fans." Und mit dem hielt er es bekanntlich auch, also können wir ihm hier keinen Vorwurf machen.

Iudicium: Gebot gehalten.

5. Gebot: Du sollst nicht töten.

Na ja. Zwar gibt es in der Söder-Biografie von Roman Deininger und Uwe Ritzer einen ganzen Teil mit dem Namen "Das Projekt Königsmord", in dem es darum geht, wie Söder es gegen den totalen Widerstand seines Vorgängers doch noch geschafft hat, Horst Seehofer als Ministerpräsident zu beerben. Aber das Gebot lautet nun mal "Du sollst nicht töten" und nicht "Du sollst keine alternden Mafia-Paten vom Thron stoßen, damit du selber alternder Mafia-Pate werden kannst", und deshalb müssen wir Söder hier einen Freispruch erteilen – zumindest bis der BND irgendwann die Söder-Akten öffnet.

Iudicium: Gebot gehalten.

6. Gebot: Du sollst nicht ehebrechen.

Hier wird es spannend, denn es geht um Sex (endlich!). Damit kennt sich Söder aus: Sein erstes Kind bekam er 1998 von der Angestellten eines Sonnenstudios, mit der er eine lose Affäre hatte. Ein Jahr später heiratete er aber nicht sie, sondern die Tochter eines reichen Nürnberger Bauunternehmers ("Ich glaube, ich war ihm wohl zu arm", kommentierte die hellsichtige Sonnenstudio-Angestellte später).

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder faltet die Hände.
I got 99 problems ... Foto: imago | HRSchulz

Technisch gesehen steckt hinter der Sache allerdings kein Ehebruch, richtig gut findet die Bibel solch kleine Schmutzeleien allerdings auch nicht. "Wenn ein Mann ein Mädchen, das noch nicht verlobt ist, verführt und mit ihr schläft", heißt es schließlich im 2. Buch Mose, "muss er den Brautpreis für sie bezahlen und sie heiraten." Was Söder offensichtlich vergessen hatte. Aber gut: Nicht alles, was Moses an Moralität so durch den Kopf ging, landete am Ende auch in seiner Top-Ten-Sammlung.

Iudicium: Gebot gehalten, we guess. Wir sind trotzdem nicht beeindruckt, Markus! Die Inquisition rümpft die Nase.

7. Gebot: Du sollst nicht stehlen.

Dass Söder in den letzten Jahren oft wirkte, als habe er seine Ideen alle bei der AfD geklaut, reicht wohl nicht für eine Verurteilung. Glück gehabt, du fränkischer Filou!

Iudicium: Gebot gehalten.

8. Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Tja, und hier reißt sie wieder, Söders Strähne der Moral. Der Mann wurde früher schließlich nicht umsonst zum "Kettenhund der CSU" getauft: Es gibt, kann man die Sache grob zusammenfassen, in Deutschland kaum jemanden, über den Söder nicht schon die niedersten Gemeinheiten verbreitet hätte. Gerhard Schröder warf er mal "Mitschuld" am Mord eines Kindes vor, Mesut Özil, dass er keine Elfmeter schießen könne, und der Grünen-Fraktion im Bundestag unterstellte er, dass sie geschlossen auf Drogen sei. 2007 verspottete Söder, ganz Gentleman, die CSU-Politikerin Gabriele Pauli zudem als "tragische Medienfigur" und als "die Tatjana Gsell der CSU", die lieber sofort aus der Politik verschwinden sollte – und das bloß, weil ein paar Fotos der ehemaligen Landrätin in Latexhandschuhen aufgetaucht waren.

Unterm Strich: Mehr sogar als die meisten CSU-Intriganten hat Söder seine politische Karriere darauf aufgebaut, andere niederzumachen, zu beleidigen und zu verleumden. Das hat für die Karriere gut funktioniert, das gestehen wir ihm gerne zu, unchristlich bleibt das politische Wadenbeißen trotzdem.

Iudicium: Gebot gebrochen!

9. Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

Schwieriger Punkt. Soweit wir wissen, ist Markus Söder noch nirgendwo eingestiegen, hat keinen fremden Kühlschrank leergefressen und niemandem ungebeten ins Klo gekackt. Andererseits gab es wohl seit Gerhard "Ich will hier rein" Schröder in Deutschland keinen Politiker mehr, der das politische Haus eines anderen gieriger begehrte als Söder die Staatskanzlei Horst Seehofers. Nur: Gilt das göttliche Gebot auch für vom Steuerzahler und nur auf Zeit zur Verfügung gestellte Immobilien? Wir wissen es nicht, und Gott ist seit der Wahl von Donald Trump nicht mehr zu erreichen, deshalb lassen wir den neuen Landesvater hier mit einem Unentschieden von der Angel.

Iudicium: Gebot gehalten, aus Mangel an Beweisen.

10. Gebot: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.

Noch einmal: Wir können Söders alles verzehrenden Neid auf Horst Seehofers Amt nicht zweifelsfrei als Regelverstoß ahnden. Weder hinsichtlich des letzten noch in Bezug auf dieses, das zehnte und letzte Gebot. Gegen übermäßigen Ehrgeiz hat die Bibel nämlich nichts: Als Zeichen seines Mutes brachte etwa David dem König Saul einmal die Vorhäute von 200 getöteten Philistern mit, obwohl Saul nur hundert bestellt hatte.

Die enormen Vorhautentfernungsfertigkeiten des jungen Mannes machten dem alten König allerdings Angst. So sehr fürchtete er Davids machtpolitische Ambition, dass er gleich einige Male versuchte, den jungen Rivalen durch allerlei Intrigen und Meuchelmorde loszuwerden. Am Ende aber war jeder Widerstand zwecklos, David wurde König Israels, und Saul musste nach Berlin und sich dort Tag für Tag mit Angela Merkel herumschlagen. Oder so. Gegen Ambition an sich hat die Bibel jedenfalls nichts. Und da uns kein Fall bekannt ist, in dem Markus Söder jemandem das Vieh geklaut hat, geben wir ihm den Punkt.

Iudicium: Gebot gehalten.

Endergebnis, iudicium divinum:

Söder hat vier von zehn Geboten gebrochen, darunter aber auch ein paar der wichtigsten, und beim Punkt "Ehebruch" erreicht er gerade so ein Unentschieden. Zum Vorzeige-Christen macht ihn diese Bilanz nicht. Andererseits: Dafür, dass er fast sein ganzes Leben in Nürnberg verbracht hat, ist es dem Söder Markus gelungen, sein Leben mit großen Portionen biblischer Leidenschaft vollzustopfen: Liebe, Verrat, Intrigen, Königsmord – bei Söder ist vieles dabei, an dem schon die Patriarchen der Bibel ihren Spaß hatten. Und wenn man deren Lebensläufe an den zehn Geboten messen würde, ginge die Sache noch viel schlechter aus. So gesehen ist Söder genau der richtige, um uns die Heuchelei der vorhaute-hackenden, schwule-steinigenden und söhne-opfernden Alt-Testamentarier wieder näher zu bringen. Amen!

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