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Fetisch-Partys & Wiesenromantik – Dank Ghetto Justice macht Hardcore wieder Spaß

"Meine geliebte Mutter hat es bis heute nicht zu Ende geschaut, da die nassen Augen weiteres Anschauen verhindern". Die Berliner Band Ghetto Justice macht ihrem Motto "Easy Living & Exzess" alle Ehre.

von Julius Wußmann
18 Juni 2018, 1:05pm

Foto: Screenshot via YouTube aus dem Video "Tor zur Hölle" von Ghetto Justice

Wir können keine Musikvideos von grimmig guckenden Hardcore-Bands mehr sehen. Entweder hüpfen sie in einer verlassenen Lagerhalle oder ihrem Proberaum zu ihrem Song rum oder latschen HipHop-mäßig samt Crew durch ihre Kleinstadt. Ghetto Justice haben davon anscheinend auch genug und für ihr Debüt-Album Easy Living & Exzess alle Klischees im Pissoir runtergespült. Die Berliner beschreiben sich in ihrer Facebook-Bio selbst als "vulgär, anmaßend und antifaschistisch, aber immer gut gelaunt" und leben diese Tugenden in ihren beiden aktuellen Single-Videos voll aus. Ein Album mit so einem Titel, das schon im Hörspiel-Intro damit beginnt, dass die Jungs in einen Techno-Club gehen, um dort dann sofort Drogen zu kaufen, verpflichtet eben.

Auf das Ende April erschienene Fetisch-Video zu "Tor zur Hölle" waren wir gespannt, als die Band damals erste verstörende Ausschnitte via Instagram streute. Wir wurden nicht enttäuscht. Das dagegen überraschend veröffentlichte "PickUp" war dann ein blumiges Hippie-Freudenfeuer. Gegensätzlicher könnten die Clips nicht sein, trotzdem werfen sie beide gleichermaßen Fragen auf. Also haben wir uns von Sänger Nico mal genauer erklären lassen, was da eigentlich abging.

"Tor zur Hölle"

Im Video zu "Tor zur Hölle" fährt nachts ein Van vor, aus dem dann absurd viele Leute in schrillen Klamotten aussteigen. Ein Beat dudelt im Hintergrund vor sich hin, der ähnliche Spannung aufbaut wie bei einer nachmittäglichen Quiz-Show im Ersten. Schnell wird klar, dass die Partytruppe ganz bestimmt nicht ins Berghain oder Matrix will, sondern eher zu einer abgefuckten Version der Feier von Eyes Wide Shut. nach über einer Minute setzt erst der Song ein. Plötzlich sind alle maskiert und springen halbnackt aufeinander rum. Exzess in seiner dreckigsten Form.


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Nico erklärt uns die Grundidee des Videos: "Abhängen, Dinge einnehmen und jemand hält die Kamera drauf." Ein paar Szenen, die sich dabei abgespielt hatten, sollen später allerdings nicht verwendet worden sein. Weil sie die Band "in einem ungünstigen Licht darstellten". Für Nicos Eltern waren die Bilder wohl schon so hart genug: "Es hat genau ein Stunde gedauert, bis sie den Clip in den Händen hatten und einige Tränen rollten. Meine geliebte Mutter hat es glaube ich bis heute nicht zu Ende geschaut, da die nassen Augen weiteres Anschauen verhindern. Von Vater kam ein einfaches und sehr bestimmtes 'Was soll das, ich bin schockiert'." Nico kann es aber verstehen, immerhin müssten sie sich in ihrem kleinen Dorf für ihren Fetischvideos drehenden Sohn rechtfertigen, während alle anderen Kinder Haus, Kind und Auto haben.

Gedreht wurde übrigens in einem Berliner Wohnprojekt, dessen Namen lieber ungenannt bleiben soll. Während sich damals die Leute von Ghetto Justice in Bier, Schweiß und Haut suhlten, wurde zufälligerweise ein Stock höher der Geburtstag einer Vierjährigen gefeiert.

"PickUp"

Der Song ist eine Abrechnung mit PickUp-Artists. Da heißt es beispielsweise "Flirten als Kunst, flirten als Challenge // Die Frauen wollen dich nicht, du lausiger Bengel". Den Text hat Nico geschrieben, nachdem er sich zwei Stunden lang angeekelt PickUp-Videos angeguckt hatte. Ein krasser Kontrast zu den wütenden Lyrics ist dann das Musikvideo. Da stehen die Fünf auf einer Wiese irgendwo im Saarland, mit Blumen hinter den Ohren und performen fröhlich lächelnd ihren Song. Entstanden ist das bei ihrer letzten Tour Anfang Juni. "Eigentlich wollten wir nur ne Kippe rauchen und die Aussicht genießen", erzählt Nico. Dann habe Bassist Ele ein Bandfoto vor "traumhafter Kulisse" machen wollen und am Ende zogen sie dann One-Take das Video durch. Kosten: 99 Cent, weil niemand den Song dabei hatte und sie das eigene Werk erst noch bei iTunes kaufen mussten. Smartphone bis auf Anschlag laut gemacht und dazu so tun als ob – fertig ist das Ding.

Nico beschreibt den Clip als "Video für die geschundenen Elternseelen". Seine Mutter mag das Video sogar, auch wenn der Hüftschwung ihres Sohnes noch "ausbaufähig" sei.

Falls es noch ein weiteres Musikvideo geben sollte, muss das bitte zum Track "Palaber" sein. Wir wollen schließlich unbedingt sehen, wie Feature-Gast MC Bogy mit den Jungs von Ghetto Justice abgeht.

Das Album Easy Living & Exzess könnt ihr auf Vinyl bestellen oder auf Spotify hören:

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