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Menschen

Frauen erzählen, wie es ist, jung Mutter zu werden

"Als ich die zwei Striche auf dem Test gesehen habe, habe ich sofort geweint."

von Yannah Alfering
14 August 2019, 7:22am

Foto: Hakki Topcu

Angeblich ist man in seinem Leben nie wieder so frei und unbeschwert wie in der Schulzeit. Das behaupten zumindest sehr viele 30-Jährige, während sie bei ihrem dritten Gin Tonic am Donnerstagabend über ihr Leben sinnieren.

Annika, Minou* und Julia sind während ihrer Schulzeit Mutter geworden. Während ihre Freunde auf Partys geknutscht haben, haben sie Windeln gewechselt und Brei aufgewärmt Dabei waren sie etwa zehn Jahre jünger als die heutige Durchschnittsmutter.

Wir haben sie gefragt, wie das damals für sie war.

Annika, 31, Mutter geworden mit 19

Annika und ihre Tochter
Annika heute mit ihrem zweiten Kind, der dreijährigen Magdalena | Foto: privat

Als ich meinen Sohn Jakob bekommen habe, war ich gerade 19 und habe mein Abi gemacht. Mein Freund war 23. Bei unserem Einjährigen waren wir schon zu dritt. Das war natürlich nicht so geplant. Unsere Eltern waren am Anfang zwar etwas geschockt, haben dann aber schnell ihre Unterstützung ausgesprochen. Eine Abtreibung war keine Option. Ich würde es aber niemals verurteilen, wenn jemand darüber nachdenken würde. Ich hatte die luxuriöse Situation, dass ich von allen Seiten Rückhalt hatte und dass der Vater von meinem Sohn bei mir geblieben ist. Das geht nicht allen so. Ich wusste immer, dass ich im Notfall heimkommen kann.

Ich war damals auf einer katholischen Mädchenschule. Als ich von der Schwangerschaft erfahren habe, musste ich mit meinen Eltern zur Direktorin, die Nonne war. Wir haben uns gefühlt wie Sünder, die gerade beichten. Sie war aber einfach nur froh, dass ich das Kind behalten wollte. Ich bin dann bis fünf Tage vor der Entbindung in die Schule gegangen und sofort nach den acht Wochen Mutterschutz wiedergekommen. Mein Sohn war unter der Woche entweder bei meiner Mama oder bei den Schwiegereltern, damit ich zur Schule konnte.

Da ich schon vor der Schwangerschaft keine Partymaus war, hat mich das Kind nicht sonderlich eingeschränkt. Trotzdem habe ich am Anfang den Fehler gemacht und mich von meinen Freunden zurückgezogen. Ich war so mit mir und dem Kind beschäftigt. Das war mir in dem Moment gar nicht so bewusst. Heute bereue ich das. Es war immer mein Plan nach der Schule Tiermedizin zu studieren. Dafür hätte ich aber wegziehen müssen. Das habe ich mir mit Kleinkind nicht mehr zugetraut. Also bin ich in Regensburg geblieben und habe Grundschullehramt studiert. Das war aber nichts für mich und ich habe abgebrochen. Mein Freund und ich haben dann zeitgleich begonnen, Umweltsicherung in Ansbach zu studieren, als unser Sohn zwei war.

Heute sind wir verheiratet und haben vor drei Jahren noch unsere gemeinsame Tochter Magdalena bekommen. Hätten wir drei Monate nach der Geburt unseres Sohnes gemerkt, dass wir nicht zusammen passen, sähe das anders aus. Die zweite Schwangerschaft verlief komplett anders. Bei Jakob war ich tiefenentspannt. Ich hatte keine Geburtsvorbereitung gemacht, keinen Kontakt zu anderen Müttern, nicht einmal eine Hebamme. Bei Magdalena habe ich all das mitgemacht. Außerdem gibt es jetzt das Internet. Wenn irgendwas ist, fang ich sofort an zu googeln. Bei Jakob hatte ich gar keine Zeit dafür, mich drei Wochen in die Breiernährung einzulesen. Da habe ich einfach ein Gläschen gekauft.

Ich bin nur 1,50 groß und habe immer noch jünger ausgesehen, als ich es ohnehin schon war. Während der Schwangerschaft müssen die Leute geglaubt haben, ich sei 14. Seit mein Sohn in der Schule ist, fällt mir der Altersunterschied zu anderen Eltern deutlicher auf. Einige von denen könnten meine Eltern sein. Das fühlt sich auch heute noch manchmal komisch an. Die verurteilenden Blicke verwachsen sich zum Glück langsam, aber früher war es schlimm.

Mein Kind war immer ein Motivator für mich. Es ging nicht mehr nur um mich. Wäre ich nicht schwanger geworden, wäre mein Abi bestimmt nicht so gut gewesen. Andere Dinge werden plötzlich notgedrungen unwichtiger. Es ist aber auch schön, dass andere in dem Alter diesen unbeschwerten Umgang mit dem Leben hatten. Mein Mann und ich hatten nie wirklich eine Zweierbeziehung. Wir waren von Anfang an Eltern. Wir haben keine großen Reisen gemacht, Zeit zu zweit verbracht oder uns ein finanzielles Polster aufgebaut. Manchmal gucke ich etwas wehmütig zurück und frage mich, wie es ohne die Schwangerschaft gelaufen wäre. Wären wir noch zusammen? Das weiß ich gar nicht. Man steckt viel mehr Energie in eine Beziehung, wenn man ein Kind hat.


Auch bei VICE: Warum eine Trans-Jugendliche ihre Schule verlassen musste


Minou*, 30, Mutter geworden mit 19

Ich habe erfahren, dass ich schwanger bin, als ich in der zwölften Klasse war. Ich habe zu der Zeit total rebelliert, hatte Stress mit meinen Eltern und wollte die Schule eigentlich abbrechen. Als der Bluttest positiv war, habe ich es direkt meiner Mutter gesagt. Die war nicht gerade erfreut. Trotzdem hat sie mich zu allen Arztterminen begleitet.

Ich selber hatte am Anfang meiner Schwangerschaft gar keine Emotionen. Ich habe nur gedacht: Scheiße, du bist jetzt schwanger. Du musst jetzt doch deinen Schulabschluss machen. Du musst aufhören zu rauchen. Ich war total rational in diesem Moment. Als meine Chefin mich gefragt hat, ob sie sich freuen soll oder nicht, habe ich mit "Ich weiß es nicht" geantwortet. Über Abtreibung habe ich trotzdem nie nachgedacht.

Von dem Vater meiner Tochter habe ich mich getrennt, als sie zwei war. Wir haben die ersten vier Monate gar nicht über die Schwangerschaft geredet. Er konnte mit dem Thema nichts anfangen. Ich selber habe erst eine richtige Bindung zu dem Baby aufgebaut, als mein Bauch gewachsen ist. Nach der Geburt habe ich mich von allen Freunden abgekapselt. Ich dachte, ich müsste jetzt dieses Bilderbuchleben als Mutter führen und für meine Familie da sein. Dabei war unsere Beziehung eine absolute Katastrophe. Irgendwann hat es geknallt und ich bin ausgezogen. Ein Kind kann nur glücklich sein, wenn die Mutter es auch ist.

Obwohl ich meine Freunde in den ersten zwei Jahren vernachlässigt hatte, waren sie sofort wieder für mich da. Ich bin in die erstbeste Wohnung gezogen, hatte keinen Kitaplatz in der Nähe und habe mein Freiwilliges Soziales Jahr angefangen. Meine Freunde haben mir in der Zeit total mit meiner Alltagsstrukturierung geholfen. Die haben alle studiert und dann organisiert, wer wann meine Tochter abholt und bringt. So konnte ich nach meinem FSJ sogar meine Ausbildung machen. Ohne sie weiß ich nicht, wie das mit der Kleinen hätte funktionieren sollen.

Aber es gab natürlich trotzdem Momente, in denen ich dachte, ich schaffe das nicht. Momente, in denen ich total geheult habe. Momente, in denen ich meine Tochter zu Unrecht angeschrien habe, weil ich nicht mehr konnte. Mit 19 Mutter werden ist echt hart. Auch heute bin ich in der Schule meiner Tochter noch die jüngste Mutter. Ich habe immer das Gefühl, bei den anderen Muttis nicht anzukommen. Obwohl ich so früh Mutter wurde, habe ich dennoch nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Ich hatte während meiner Ausbildung drei Jobs. Einer davon war in einer Bar. Das war mein Ausgleich. In der Regel hat man sich seine Base schon aufgebaut, wenn man ein Kind bekommt. Wir hatten aber noch keine. Meine Tochter hat mich bei total vielen Dingen begleitet und bestärkt. Sie ist meine Vernunft-Instanz.

Meine Freundinnen bekommen jetzt alle Kinder und meine Tochter ist zehn. Die Rollen haben sich jetzt geändert. Jetzt unterstütze ich und gebe Ratschläge. Das ist total schön. Ich heirate nächstes Jahr und mein Freund und ich möchten auf jeden Fall noch gemeinsame Kinder haben. Alles hat sich zum Guten entwickelt.

Julia, 18, Mutter geworden mit 18

Julia und ihre Zwillinge
Julia und ihre 10 Monate alten Zwillingen | Foto: Hakki Topcu

Mit 17 schwanger zu werden, war ein ziemlicher Schock. Als ich die zwei Striche auf dem Test gesehen habe, habe ich sofort geweint. Beim Frauenarzt haben wir dann erfahren, dass ich sogar Zwillinge bekomme. Unser erster Gedanke war eine Abtreibung. Wir waren sogar bei der Konfliktberatung. Innerlich wusste ich zu dem Zeitpunkt aber schon, dass ich die beiden bekommen möchte. Nach dem Termin habe ich es meinem Freund gesagt. Ich hätte eine Abtreibung nicht mit meinem Gewissen vereinbaren können. Die beiden sind jetzt zehn Monate alt und ich habe die Entscheidung nie bereut. Wenn ich sehe, wie die beiden sich freuen und lachen, ist das wunderschön.

Die Zwillinge und ich wohnen momentan noch bei meinen Eltern. Mein Freund wohnt 40 Kilometer entfernt und hat dort gerade Abi gemacht. Jetzt suchen wir eine Wohnung im Umkreis, weil ich ab August auch wieder zur Schule gehe. Meine Eltern arbeiten beide, also wird dann eine Tagesmutter auf die Kleinen aufpassen. Meine Schwangerschaft habe ich damals in der Schule relativ lange geheim gehalten. Mir war eigentlich scheißegal, was die anderen davon halten, aber ich wollte keinen Hype drum machen.

Die meisten Menschen kennen junge Mütter nur aus dem Trash-TV. Es gibt junge Mütter, die asozial sind. Es gibt ältere Mütter, die asozial sind. Ich glaube, das Alter hat nichts mit den Qualitäten als Mutter zu tun, sondern der Verstand. Während Andere in meinem Alter feiern gehen, stehe ich jetzt um sechs Uhr auf und kümmere mich um die Kleinen. Mit den meisten Leuten von früher habe ich keinen Kontakt mehr. Die freie Zeit, die ich habe, nutze ich für Sport, Lesen oder um an meinem Blog zu arbeiten. Kontakt zu anderen Müttern habe ich kaum. Junge Mütter gibt es hier im Umkreis selten. Ich spaziere oft mit den Zwillingen durch den Park. Omas fragen mich ganz häufig, ob die beiden meine Kinder sind. Die sind aber immer süß und interessiert. Es gibt aber auch Leute, die den Kopf schütteln oder fragen, wie alt ich sei. Man merkt schon, dass viele Menschen Vorurteile haben. Ich bekomme aber auch viel positives Feedback zum Umgang mit meinen Kindern.

Ich hatte während der Schwangerschaft natürlich auch Ängste. Kann ich meine Schule fertig machen? Werde ich einen Job finden? Schaffe ich das? Ich hatte das Glück, dass ich viel familiären Support hatte. Ich denke, es ist immer irgendwie machbar. Es gibt beispielsweise Mutter-Kind-Heime und die Kosten für meine Tagesmutter werden vom Jugendamt übernommen. Ich möchte anderen jungen Müttern gerne Mut machen: Euer Leben ist nicht vorbei, nur weil ihr Mama seid.

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