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Menschen

Darum eignen sich Schrebergärten so hervorragend für Verbrechen

Was wurde aus dem Ort, an dem Menschen ihre geschundenen Körper, geformt aus Graubrot, Leberwurst und verpassten Chancen, nach getaner Arbeit zur Ruhe legen?

von Tim Geyer
19 November 2019, 10:52am

Schlauch: imago images / fStop Images || Gangster: imago images | MITO || Häuschen: imago images | Lem 

Wenn die Welt noch irgendwo in Ordnung ist, dann in deutschen Kleingartenkolonien. Hier hält man sich an Gesetze. Also nicht nur an die, die für alle gelten, sondern auch an die, die man sich einfach so ausgedacht hat. Zu Heckenhöhen, Rasenmähzeiten und anderen drolligen Dingen, einfach weil Regeln das Gelee in dieser Schweinskopfsülze namens Leben sind. Schrebergarten reimt sich auf Strebergarten, das kann ja gar kein Zufall sein.

Quatsch, Nonsens, Blödsinn. In der Realität sind Schrebergärten Horte der Kriminalität. Sin City Deutschland. Wer das nicht glaubt, sollte öfter Polizeimeldungen lesen, zum Beispiel aus Berlin. Dort erklärte die Generalstaatsanwaltschaft am Donnerstag, dass die Polizei bei ihren Ermittlungen gegen eine Gruppe Kokstaxifahrer auch ein Laubengrundstück durchsucht habe. Und im Juli war bekannt geworden, dass kriminelle Mitglieder einer arabischen Großfamilie in eine Kleingartenanlage mit 17 Parzellen investiert hatten, bevor die Staatsanwaltschaft die Kolonie einkassierte. Dazu kommt eine lange Liste von Kleingärtnern, die auf Laubengrundstücken mit Schusswaffen rumfuchteln, illegal Cannabis anbauen oder im Hauptberuf Großdealer sind. Wie konnte es so weit kommen?


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Was wurde aus dem teutonischen Paradies, in dem die Menschen ihre geschundenen Körper, geformt aus Graubrot, Leberwurst und verpassten Chancen, nach getaner Arbeit zur Ruhe legten? In der die Langeweile King war. Wie konnte sich dort eine Parallelgesellschaft etablieren? Nun, eigentlich musste es passieren.

Die sogenannte deutsche Mehrheitsgesellschaft benutzt den Wischiwaschi-Begriff Parallelgesellschaft ja meist, um Menschen mit Migrationshintergrund auszugrenzen. Türkischstämmige Gemüsehändler, die "Staudensellerie" nicht akzentfrei aussprechen können, kann man so unter den Verdacht stellen, irgendwie nicht dazugehören zu wollen. Und über all diesem rassistischen Gefasel haben wir Deutschen vergessen, den Begriff der Parallelgesellschaft auf die eigenen Feuchtbiotope anzuwenden: Kleingärten. Denn hier schottet sich die Mehrheitsgesellschaft ab. Hinter Zäunen und archaischen Regeln, durchgesetzt unter Androhung öffentlicher Ächtung bei Kleingartenvereinsmitgliederversammlungen. Und deshalb gedeiht hier direkt neben den Kohlköpfen auch die Kriminalität.

Von außen betrachtet wirken Schrebergärten so harmlos wie Hundewelpen, denen man einen süßen Hut aufgesetzt hat. In der Gartenlaube darf Deutschland sich noch unbeobachtet fühlen – um alles rauszulassen, als wäre man auf Mallorca. Zum Beispiel totalitäre Fantasien. Passiv, indem man sich in sadomasochistischem Vergnügen dem Herr und Zuchtmeister namens Bundeskleingartengesetz unterwirft. Aber auch aktiv, indem man selbst zum Tyrannen wird, zum Gebieter über Gewürm und Gartenzwerge; Unterwerfer von Unkraut und letztlich auch unliebsamen Betäubungsmittelgesetzen.

Der Regisseur Ulrich Seidel zeigte 2004 in seiner Dokumentation Im Keller, was spießbürgerliche Österreicherinnen in ihren Häusern verstecken: Schießstände, creepy Puppensammlungen und Hitler-Zimmer. Vielleicht ist der Schrebergarten ja so etwas wie die deutsche Version des österreichischen Kellers. Der Ort, der uns daran erinnert, dass wir uns eher über die Dinge Gedanken machen sollten, die vermeintlich harmlos wirken.

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