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"Yo, lebst du noch?": YouTuber filmt Leiche und macht alles falsch

Prankster Logan Paul hält gemeinsam mit seinen YouTube-Bros mit der Kamera auf ein Selbstmordopfer und stellt das Ganze ins Netz. Der Fall wirft Fragen auf: über den Umgang YouTubes mit seinen Stars und die Verantwortung der Content Creators.

von Dennis Kogel
03 Januar 2018, 4:09pm

Bild: Screenshot, YouTube

"Das hier ist der realste Vlog, den ich je gemacht habe. Schnallt euch verdammt noch mal an, denn so ein Video werdet ihr nie wieder sehen." Mit diesen Worten, die Logan Paul zu Beginn seines jüngsten Clips in die Kamera spricht, soll er Recht behalten. Einen Tag nach dem Upload ist das Video bereits gelöscht und der YouTube-Star aus den USA steckt mitten in einem der größten und bedeutendsten Skandale der Plattform. Der Titel des verschwundenen Videos: "Wir haben einen Toten im japanischen Selbstmordwald gefunden."

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Dabei beginnt das etwa 15-minütige Video aus Japan wie jedes andere des Pranksters Logan Paul, laut der Analyseseite Social Blade auf Platz 24 der bekanntesten und wichtigsten YouTuber weltweit. Rund 15 Millionen Abonnenten bespaßt er mit täglichen Videos. In seinem neuesten blödelt er mit seinen Bros im Auto, verwechselt bei der Anfahrt zu einem japanischen Wald ständig Fuji (den Vulkan) und Fiji (die Inselgruppe), zieht sich eine Plüschmütze mit Aliengesicht aus Toy Story über den Kopf. Und plötzlich findet er bei einem Spaziergang durch das Unterholz mit seiner Crew eine Leiche – mitten im Wald.

"Es ist dieses Vlog-Life!", scherzt Logan Paul im Wald.

Im Video sind Nahaufnahmen des Mannes zu sehen, nur sein Gesicht hat Paul verpixelt. In den verbliebenen acht Minuten reagiert der YouTuber wie in einem Video aus dem Reaction-Genre gemeinsam mit seinen Freunden auf das Erlebte: "Ich glaube, die Mütze war eine dumme Idee", kichert Paul, "Mach die Scheißkamera aus", rät ein Freund aus dem Off. Sie filmen weiter. Zwischen nervösen Witzen und vielen "What the fuuuck!"-Rufen versucht Logan Paul, seinem Publikum halbherzige Ratschläge über Depression und Suizid zu geben. Nachdem die YouTube-Gang aus dem Wald zurückkommt, posiert Paul mit jungen Fans aus Australien vor dem Wald für ein Selfie. Gelegentlich blitzt Selbstreflexion durch: "Was, wenn die Kinder, die hier vor dem Wald rumlaufen, diese Leiche entdeckt hätten?", grübelt er – und liefert die grausamen Szenen dann gleich selbst an sein Publikum. Denn Logan Paul stellt das Video von dem Leichenfund online, auch für seine vielen minderjährigen Fans. 48 Stunden später steht der erfolgreiche YouTuber im Zentrum einer gigantischen Kontroverse – er löscht das Video und muss sich kleinlaut für seinen Fehler entschuldigen, den rund sechs Millionen Menschen bis dahin gesehen haben.

Wer ist Logan Paul?

Der 22-jährige YouTuber wurde um 2014 zunächst auf der Videoplattform Vine bekannt. In seinen sechssekündigen Clips beweist er immer wieder Talent für komödiantisches Timing und Slapstick-Comedy. Oder kurz: Logan Paul wusste schon immer, wie er sich für Lacher effektiv auf die Schnauze legen kann. Mit dem Ende von Vine folgte der Umzug auf andere Plattformen, YouTube, Facebook und Arbeiten für große Filmproduktionen.

Kurz nach dem Fund posiert Logan Paul noch mit Fans für ein Selfie und rät ihnen, nicht in den Wald zu gehen. | Bild: Screenshot, YouTube

Hier ändert sich auch Pauls Fokus. Statt kurzen Stunt-Videos macht er jetzt Vlogs, die sein tägliches Leben dokumentieren, und vergrößert seine Reichweite mit Prank-Videos, in denen er reihenweise Menschen verarscht. So veralberte er etwa 2000 Pokémon Go-Spieler im New Yorker Central Park mit falschen Pokémon-Sichtungen. Gemeinsam mit seinem ebenfalls auf YouTube berühmten Bruder Jake terrorisiert Logan Paul auch seine Nachbarschaft in L.A., was Jake den (etwas überzogenen) Titel als "schlimmste Person auf Erden"eingebracht hat.

Mit seinen Videos erreicht Logan Paul etwa 15 Millionen Abonnenten auf YouTube, 16 Millionen Fans auf Instagram. Er dreht zahlreiche Musikvideos, erscheint in einem Gastauftritt in der Serie CSI: Special Victims Unit und spielte Hauptrollen in The Thinning und Airplane Mode, beides Filme für YouTubes eigenen Streaming-Dienst "YouTube Red".

"Geh zur Hölle" – Die Reaktionen

Logan Paul hat sich inzwischen für das Video entschuldigt, einmal per Tweet, einmal ein weiteres Mal weinend vor der Kamera. Denn die Reaktionen, die auf Pauls Umgang mit dessen Entdeckung folgen, sind heftig: "Du widerst mich an. Du bist Müll. Selbstmord ist kein Witz. Geh zur Hölle." Der Tweet kommt nicht von irgendjemandem, sondern von Aaron Paul, Star der Erfolgsserie Breaking Bad. Andere YouTuber wie PewDiePie oder boogie2988 äußern sich in Videos ebenfalls kritisch zu dem Fall; so gut wie alle größeren Medien in den USA berichten.

Der YouTube-Star beteuert in seinen Entschuldigungen, den Clip aus Japan nicht für die Klicks hochgeladen zu haben ("die kriege ich doch sowieso"), auch um Geld ginge es ihm nicht. Daher habe er das Video nicht monetarisiert, es also ohne Werbeschaltungen hochgeladen. Warum Paul den taktlosen Leichenfund dann überhaupt der Öffentlichkeit zeigen wollte, bleibt jedoch sein Geheimnis.

Was ist das Problem?

Wer in dem Video einfach nur einen jungen Mann sieht, der nicht weiß, wie er mit einer traumatischen Extremsituation umgehen kann, hat wahrscheinlich zumindest teilweise Recht. Logan Paul betont immer wieder, dass er nicht weiter weiß und noch nie einen Toten gesehen hat. Mit ein paar Phrasen will er einerseits seine Zuschauer vor Suizid bewahren, läuft verstört auf und ab, macht Witze auf eigene Kosten und filmt jedoch gleichzeitig mit der Kamera den Toten für Nahaufnahmen ab.

Diese Reaktion ist, wenn auch pietätlos, zumindest nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar ist jedoch Logan Pauls Vermischung dieser Ausnahmesituation mit seinem Berufsleben – und dem Klick auf "Veröffentlichen" im YouTube Video Uploader nur wenige Zeit später.


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Dieser Moment illustriert eine der spannendsten, frustrierendsten und wichtigsten Entwicklungen der Videoplattform. Logan Paul ist in diesem Moment kein traumatisierter, unbeteiligter Zuschauer, der einen Unfall filmt und in einer Übersprungsreaktion irgendwo hochlädt. Er ist auch kein Journalist, der nach einem Anschlag ein Live-Video startet, um einen Eindruck vom Geschehen zu vermitteln – und selbst dabei zu Recht dafür Kritik einstecken muss. Logan Paul ist eine Ein-Mann-Produktionsfirma, die mit täglichen Videos ein Publikum von über 15 Millionen Menschen erreicht. Für ihn müssen, genau wie für andere Medien, Regeln gelten, die der Verantwortung eines Multiplikators gerecht werden.

Bewährte Regeln können auch für neue Content-Lieferanten gelten

Für solche ethischen Grundsätze muss das Rad nicht neu erfunden werden. Ratschläge finden sich etwa im Pressekodex, der dazu anhält, Respekt im Umgang mit Opfern und dem Leid der Angehörigen zu zeigen. Logan Paul macht das nicht. Nicht wenn er eine Leiche als Hintergrund benutzt, um über Depression und Suizid zu sinnieren, nicht wenn er vor dem toten Mann Witze macht, und garantiert nicht, wenn er am Ende des Videos bittet, den Kanal zu abonnieren.

Vor allem bei der Berichterstattung über Suizide ermahnen Psychologen immer wieder zur besonderen Vorsicht, um keine Nachahmer zu ermutigen. In den Richtlinien der Deutschen Depressionshilfe wird empfohlen, Orte, an denen ein Suizid stattgefunden hat, nicht zu mystifizieren, Selbstmordmethoden nicht detailliert zu zeigen und nicht mit Schlagzeilen über Suizid Aufmerksamkeit zu erregen. All das missachtet Logan Paul.

"Unsere Gedanken sind bei der Familie": Was YouTube zum Fall sagt

Auf Nachfrage von Motherboard, welche Schritte unternommen werden, damit YouTube-Größen für solche Umstände geschult werden, schickt ein Sprecher per E-Mail ein offizielles Statement: "Unsere Gedanken sind bei der Familie der Person im Video. YouTube verbietet gewalttätige oder blutige Inhalte, die auf eine schockierende, sensationslüsterne oder respektlose Art dargestellt werden." Eine oder mehrere dieser Kriterien erfüllte laut YouTube also das Video des 22-jährigen Stars. "Wir arbeiten mit Gruppen wie der National Suicide Prevention Lifeline, um Schulungsmaterialien anzubieten, die in unserem YouTube Safety Center erhältlich sind", heißt es zum Thema Schulungen. Im Klartext: Da steht etwas im Internet, das kann man sich angucken – oder es lassen.

Doch hätte Paul ein anderes Video über seine traumatische Erfahrung machen können? Ja, sagt YouTube: "Sollte ein Video grausame Bilder zeigen, kann es nur online bleiben, wenn es von angemessenen oder dokumentarischen Informationen begleitet wird oder gegebenenfalls eine Altersbeschränkung bekommt." Paul hätte also genau abwägen müssen, welche Bilder er zeigt, wie er sie einbettet und kontextualisiert. Das Video, das er hochlädt, folgt zynisch einem Spannungsbogen und stellt den Tod eines Menschen nicht wie die Tragödie dar, die es ist, sondern wie einen weiteren, absurden Tag im Leben eines berühmten Witzbolds mit Plüschhut. "Es ist dieses Vlog-Life!", scherzt Logan Paul im Wald.

Der Umgang mit überforderten Kanalbetreibern ist somit auch eine Verantwortung, die YouTube als Plattform annehmen muss – zumindest, wenn falsche Entscheidungen wie bei Logan ein Millionenpublikum solchen Bildern aussetzen, die nicht nur taktlos, sondern auch traumatisierend wirken. Im Fall von Logan Paul ist wirklich alles schiefgegangen – und die Löschung des Videos hilft dagegen nur bedingt. Die Bilder bleiben online: Als Reuploads und Clips, die das gelöschte Video zeigen. Bereits jetzt haben sie Millionen Views.

Update, 10.01.18, 10:33: YouTube äußert sich erstmalig ausführlich zum Fall via Twitter. In einer Reihe von fünf Tweets beschreibt die Video-Plattform die eigene Kommunikation als "frustrierend" und die Kritik daran als berechtigt: "Selbstmord ist kein Witz und sollte niemals für Views ausgebeutet werden. Wir haben sehr lange für unsere Antwort gebraucht, aber wir hören zu. Wir werden bald Maßnahmen vorstellen, damit ein solches Video nie wieder in Umlauf gerät." Ein mögliches Szenario wären Löschzentren, in denen hunderte Mitarbeiter neues Material im Minutentakt überprüfen. Ein solches System setzt Facebook auch in Deutschland ein. Welche Maßnahmen YouTube genau plant, ist derzeit nicht bekannt.

Bei Depression oder akuten Suizidgedanken gibt es zahlreiche Stellen, die professionelle Hilfe anbieten und das eigene Leid lindern helfen. Die Hotlines sind Tag und Nacht erreichbar. Auch wer Opfer von Mobbing wird, findet in Deutschland bei vielen Stellen Hilfe.