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Illustration: Lia Kantrowitz

Wie ein Deutscher im Alleingang ein ziemlich bizarres Porno-Genre erfunden hat

Mark Hay

Mark Hay

In mehr als hundert Sexfilmen jagt ein Seemonster nackte Frauen. Wir haben versucht herauszufinden, was es mit dem ganzen Wahnsinn auf sich hat und wer dahinter steckt.

Illustration: Lia Kantrowitz

Es gibt da draußen – will heißen: im Internet – ein obskures Porno-Subgenre, in dem jemand in einem handelsüblichen Seeungeheuer-Kostüm auftritt und sich rollengerecht über die erschrockenen Darstellerinnen hermacht.

Verteilt über verschiedene Websites finden sich über 100 Filmchen dieses Nischenfetischs. Obwohl die Clips von unterschiedlichen Produktionsteams stammen, tragen die Monsterdarsteller immer das gleiche Kostüm von der Firma Zagone Studios. Gedreht haben die Videos nicht etwa die üblichen Pornofirmen, sondern jene, die in Heimarbeit Erwachsenenunterhaltung nach den Vorgaben von Fans herstellen. Beliebte Themen dieser maßgeschneiderten Fantasien sind Fußfetische, gespielter Inzest, Face-Sitting, Femdom und so ziemlich jede andere Fetischkategorie, die man sich vorstellen kann. Eine Sonderstellung in diesem bunten Schlüpfrigkeiten-Sammelsurium bekommt das Seeungeheuer-Genre durch den Umstand, dass wir den kompletten Genre-Kanon offensichtlich einem einzigen Fan zu verdanken haben.

"Es gibt nur diesen einen deutschen Typen", sagt Guda*. Guda ist Mitbetreiber von Bitch Slap Studios, das schon einige Filme für den Monsterliebhaber produziert hat. Er berichtet mir, dass dieser mysteriöse Pornofan bereits "wer weiß wie viel Geld ausgegeben hat", um einen Haufen Seeungeheuer-Streifen produzieren zu lassen – vielleicht sogar alle, die es davon gibt.


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Natürlich lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit sagen, ob dieser Mann tatsächlich der einzige Auftraggeber für Pornos mit grüngeschuppten Protagonisten ist. Wir wissen allerdings, dass die große Mehrheit dieser Filme auf seine Kappe geht. Wie viele der passionierte Superfan genau in Auftrag gegeben hat, lässt sich aber leider auch nicht sagen. Einige dieser Auftragsarbeiten kommen nie auf den Markt, andere sind kaum aufzutreiben. Aber Cory Chase sagt, dass sie in den vergangenen Jahren etwa 25 Filme für den Kostümliebhaber gedreht habe. Sie leitet das Studio Cory Chase Customs, das durch das Twitter-Malheur von Ted Cruz bekannt geworden ist. Guda, der gleichzeitig als Produzent, Regisseur und Darsteller in Erscheinung tritt, hat seit 2009 etwa 60 Filme für den Deutschen gemacht. Ein Kollege bei Bitch Slap Studios habe sogar noch länger mit dem Deutschen zusammengearbeitet. Wie viele Filme es pro Jahr waren oder insgesamt, konnte Guda nicht sagen.

Für einen Preis zwischen 100 und 15.000 US-Dollar (und mehr) machen Auftragsstudios fast alles, was das Fetischherz begehrt – auch Pornos mit "Leichen". Die Kunden teilen die Wünsche mit, bezahlt wird im Voraus. In diesem speziellen Fall schickt der Fan sogar ein Skript für den gewünschten Monstersex und das Kostüm von Zagone Studios, falls es sich noch nicht im Besitz der Produktionsfirma befindet.

Natürlich wollte ich auch vom Kostümhersteller wissen, ob man dort mitbekommen hat, dass eins ihrer Kostüme elementarer Bestandteil eines ganzen Porno-Subgenres geworden ist. Von einem Mitarbeiter der Marketing-Abteilung bekam ich daraufhin folgende Antwort: "Wir wussten nicht, dass unser Kostüm Sea Creature in pornografischen Filmen verwendet wird. Wir hoffen, dass die Darsteller das Kostüm bequem finden, es für sie einfach zu tragen ist und das Publikum sich an dessen künstlerischer Schönheit erfreut."

Noch viel mehr wollte ich aber mit dem geheimnisvollen Pornofan sprechen und erfahren, was ihn genau am Monstersex so anturnt. Ich habe also einige Studios, mit denen er zusammengearbeitet hat, gebeten, meine Interviewanfrage weiterzuleiten. Leider, aber irgendwie auch verständlich, war er nicht bereit, darüber zu reden. Auch keiner der Produzenten, mit denen ich mich unterhalten habe, hat jemals eingehender mit ihm über seine Monstervorliebe gesprochen.

Bitch Slap Studios waren allerdings so freundlich, mir die Unterlagen für einen Seemonster-Streifen zukommen zu lassen, den sie vor Kurzem gedreht hatten. "Ich möchte nur weit geöffnete, herkömmliche Missionarsstellung ohne ausgefallene Variationen. Einfach nur viele Einstellungen von dieser einfachen Pose", heißt es dort. "Entweder das ganze Mädchen und das Monster, vor allem das Mädchen und etwas Monster, aber nie vor allem Monster und etwas Mädchen." Ihm ist außerdem extrem wichtig, dass die Darstellerin den ganzen Film über nackt ist. Er will so viel Oberkörper wie möglich sehen und das Gesicht der Darstellerin muss immer im Bild sein. Simulierter Sex, bei dem die Darsteller nur Trockenübungen miteinander machen, ist OK. Wenn allerdings ein Schwanz zu sehen sein sollte, bevorzugt er einen Strap-on Monsterdildo. Am wichtigsten scheint ihm auf jeden Fall die Reaktion der Frau auf das Monster zu sein.

"Klare Ausdrücke des Schocks von ihr. Das Monster geilt sich an ihrer Angst auf!" – anonymer Auftraggeber

Die Endprodukte unterscheiden sich je nach Studio stark, insbesondere in der Interpretation des Monsters. In Clips wie The Horny Monster from Beyond (2014) von Peachy Keen Films – einem Studio, von dem ich knapp 40 weitere Monsterstreifen in einem ihrer Vertriebskanäle gefunden habe – ist das Monster extrem überzeichnet, mitsamt wildem Gestikulieren und "Nya nya!"-Geschrei. Guda hingegen gibt der Figur in seinen Produktionen einen ernsteren Anstrich. In Sea Monster Got Me (2014) und Out of the Abyss (2017) tritt das Ungeheuer weitaus bedrohlicher auf. Chase, die das Monster oft selbst spielt, verwendet zum Vögeln einen knallgrünen Strap-on in Alli Rae in Swamp Monster vs the Beauty (2014) und Melanie Hicks and the Swamp Monster Attacks (2016). Das Studio Chris' Corner hingegen lässt in A Monster Rape (2016) den pinken, allzu menschlichen Penis hervorschauen, die der Darsteller unter dem Monsterhemd trägt. Auch wenn die Videos von Chase fast immer Penetration mit einem Strap-on beinhalten, belassen es Guda und die anderen in der Regel bei Trockensexübungen.

Der Fan selbst scheint für die unfreiwillige Komik unbeholfener Monster allerdings nicht viel übrig zu haben. "Ich möchte ein Horror-Feeling, ohne irgendwelches ungelenkes/lustiges Monsterverhalten", erklärt er in dem gleichen Auftrag. Stichwortartig beschreibt er die Szene weiter. Das Ungeheuer solle brüllen und zischen. Die Darstellerin "ist erschrocken, weint, fleht, wehrt sich, etc. Sie hasst es und zeigt das auch, aber aus Angst lässt sie ihn mit ihr gewähren. Klare Ausdrücke des Schocks, Entsetzens und Angst von ihr. Das Monster geilt sich an ihrer Angst auf!"

Wir wissen nicht, was den mysteriösen Auftraggeber der Seeungeheuer-Pornos antreibt. Doch es gibt auch weitaus verbreitetere Varianten von Monsterfetischen mit Vampiren oder Hexen. Alle Produzenten, die ich dazu befragt habe, vermuten, dass diese Vorliebe mit dem Konsum von Horrorfilmen in der Jugend zu tun hat. Im Fall unseres passionierten Fans könnte der Anblick der hilflosen Jungfrau, die von einem Monster entführt wird und im ersten Moment erschrocken ist, aber schließlich der animalischen Kraft der Kreatur erliegt, ein formatives erotisches Erlebnis gewesen sein. Es handelt sich dabei um ein beliebtes Muster des Horrorgenres, das man in Dracula, King Kong oder Der Schrecken vom Amazonas sieht. Und rein intuitiv scheint diese Erklärung alles andere als abwegig, da die Kreaturen und ihre Filme zumeist sexuell aufgeladen sind. Die Verbindung zwischen Monster und Erotik brennt sich im Gedächtnis ein und turnt einen später im Leben an.

Dr. Mark Griffiths, ein Psychologe mit dem Forschungsschwerpunkt Fetisch an der britischen Nottingham Trent University, stimmt zu. "Ein Großteil der Forschung über die Ursprünge von Paraphilien und Fetischen suggeriert, dass diese in der Kindheit und Pubertät durch ein assoziatives Paaren von etwas Sexuellem mit einem Fetischobjekt entstehen, das normalerweise nicht als sexuell gesehen wird."

Aber was auch immer den Superfan so viele Jahre angetrieben hat, er wird sein Subgenre wahrscheinlich nicht ewig am Leben halten können. Laut Chase seien seine Aufträge in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Guda schiebt das auf den Umstand, dass manche Studios wegen der Verluste durch Piraterie und der starken Konkurrenz ihre Preise erhöhen mussten. "Er bestellt nur bei uns, wenn wir gerade ein Model vor Ort haben, das ihm gefällt. So ist es billiger für ihn", erklärt Guda. Eine Darstellerin aus Los Angeles, Miami oder New York extra für den Dreh einfliegen zu lassen, kostet natürlich entsprechend viel Geld.

"Eine Darstellerin, die für uns das Kostüm getragen hat, hat einfach hingeschmissen." – Guda

So richtig wird man die Aufträge des Ungeheuer-Afficionados bei den Studios aber vielleicht auch nicht vermissen. Alle meine Gesprächspartner, die das Kostüm schon einmal getragen haben, haben mir erzählt, dass es darin heiß ist und man nur schwer rausgucken kann. Selbst simulierter Sex würde dadurch richtig schwierig. Hinzu kommt, dass die Rolle Brüllen und überzeugende Monstermimik erfordert, was gerade in Kombination mit einer glaubhaften Sexdarbietung recht anspruchsvoll ist. "Wir hatten eine Darstellerin, die für uns das Kostüm getragen hat, und sie hat einfach hingeschmissen", erinnert sich Guda. "Sie hat es in dem Teil gehasst."

Während Chase mit ihren Verkaufszahlen von Monsterpornos generell zufrieden ist, verkaufen sich die Seeungeheuer-Clips laut Guda richtig schlecht. Sein erfolgreichster Film ist in fünf Jahren vielleicht 80- oder 90-mal runtergeladen worden – das reicht kaum, um die Kosten für Darsteller und Crew zu decken. Vom Auftraggeber werden in der Regel nur die Produktionskosten bezahlt. Für Guda spielt das Subgenre im besten Fall die Kosten wieder ein.

Sollte sich der Seeungeheuer-Liebhaber irgendwann vom Markt verabschieden, dürfte auch das Genre Geschichte sein. Trotzdem zeigt dieses Beispiel, wie schnell im Bereich der Auftragspornos etwas ganz Neues entstehen kann. Alles, was es dazu braucht, ist eine Person mit reichlich Geld und einer sehr speziellen Fantasie.

*In der Fetischwelt sind manche Darsteller, Produzenten und Regisseure nur unter ihren Vornamen oder Pseudonymen bekannt. In diesen Fällen haben wir ihre bevorzugten Namen verwendet.

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