Ich habe von Gangstern gelernt, dass Männer weinen dürfen

Wo harte Kerle sind, gibt es kaputte Kindheiten, tote Freunde – und viele Tränen.

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19 Mai 2018, 9:30am

Illustration: imago | Ikon Images

Kein weinender Mann hat mich je so beeindruckt wie unser Seargant-at-Arms bei meiner Aufnahmezeremonie. Er stand neben mir und dicke Tränen flossen über sein Gesicht, als er sein Shirt auszog und es mir als Zeichen der Brüderlichkeit überreichte. Die Stille im Raum war erdrückend – einem Raum voll mit gestandenen Rockern. Und der weinende Mann war der Härteste von allen. Ein Seargant-at-Arms ist für die Sicherheit der Clubmitglieder zuständig. Mir war vorher noch nie aufgefallen, wie schnell Tränen das Gesicht eines Mannes hinunterlaufen können – und dass ein weinender Mann wunderschön aussehen kann.

Als Kind habe ich viele Filme mit Jean-Claude Van Damme und Steven Seagal geguckt. Meinem Vater gefielen die übertriebenen Emotionen und mir gefiel es, Zeit mit meinem Vater zu verbringen. Steven Seagal verkörperte den Alpha-Prototyp, das klassische Männlichkeitsbild in der Tradition des Hagakuredem Weg des Samurai, für den es als Krieger unehrenhaft ist, Gefühle zu zeigen. In dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, gab es eine Menge solcher Kerle. Klassische Schlägertypen, die keine Zeit für Gefühle oder Sentimentalitäten hatten.

Van Damme auf der anderen Seite hatte nie ein Problem mit Tränen. Er verkörperte den modernen Actionheld, dessen Gefühle im Angesicht einer Tragödie komplett offen liegen. In seinen Filmen war Van Damme immer der Fisch auf dem Trockenen. Er legte es nie darauf an, ein harter Hund zu sein, aber die Umstände zwangen ihm immer wieder diese Rolle auf. Wirklich wohl damit fühlten sich seine Figuren nie.


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Als ich älter wurde, lernte auch ich immer mehr Männer kennen, die kein Problem damit hatten, zu weinen. Das waren Freunde, die sich von der Gesellschaft ausgestoßen fühlten. Es waren gebrochene Menschen, die eine Menge Ballast mit sich herumschleppten. Sie stammten aus kaputten Familien, lebten kaputte Leben und hatten sich für eine kriminelle Laufbahn entschieden.

In den Schattenbereichen unserer Gesellschaft läuft vieles über Extreme, und Emotionen sind davon nicht ausgeschlossen. Die Gefühlswelten der meisten Protagonisten funktionieren nach dem Prinzip alles oder nichts. Wenn du das Vertrauen dieser Menschen gewinnst oder ihren Lebensstil teilst, dann musst du auch das Gewicht ihrer emotionalen Bedürfnisse mittragen – genau so wie sie nur allzu bereitwillig deine mittragen.

Das dürfte auch von den Gefängnissen kommen. Die Einsamkeit, die du dort erlebst, verzerrt jedes Gespür für soziale Normalität. Nach einigen Monaten hinter Gittern müssen die meisten Häftlinge mitansehen, wie ihre Bekannten langsam die Besuche schleifen lassen und Anrufe nicht mehr annehmen. Viele sind in dieser Zeit sehr verletzlich und werden alleingelassen. Und wenn sie endlich wieder frei sind, müssen sie sich erst wieder das Vertrauen ihrer alten Kollegen erkämpfen. Es nicht unüblich, dass sich mit der Zeit eine Mischung aus Paranoia und Abhängigkeit in der Psyche des Kriminellen einbrennt.

Ich erinnere mich, wie ein gestandener Mann in seinen Fünfzigern vor mir in Tränen ausbrach, als ich ihn wegen seiner Konsumgewohnheiten konfrontierte. Es war alles immer ein großer Spaß, wenn wir Freitags zusammen loszogen. Aber für ihn war es damit nicht vorbei. Regelmäßig machte er weiter bis Mittwoch der folgenden Woche. Seine Frau hatte ihn bereits verlassen und er war kurz davor, sein Haus zu verlieren. Also beschloss unser Freundeskreis für ihn ein Drogenverbot. Wir drohten ihm mit Ausschluss, falls er uns hintergehen sollte. In seinen Tränen lagen vor allem tiefe Dankbarkeit und Reue. Er weinte auf eine Art, die uns zeigte, wie wichtig wir und unsere Freundschaft ihm waren.

Vier Jahre ist es etwa her, als ich einem anderen Freund in einem Stripclub in Melbourne über den Weg lief. Wir hatten uns seit Jahren nicht gesehen und er kam gerade aus dem Knast, wo er ein ganzes Jahr in Einzelhaft verbracht hatte. Er war irgendwie aufgekratzt oder auf Speed. Ich konnte das nicht ganz festmachen. Ich interpretierte sein paranoides Verhalten vor allem als Nachwehen seiner Haft.

Er weinte, während er ihm immer wieder mit der Faust ins Gesicht schlug. Offensichtlich tat ihm der andere Typ leid, aber gleichzeitig konnte er sich nicht beherrschen.

Später kam eine Gruppe Australian-Football-Spieler rein, die sich ans andere Ende der Bar setzte und dort feierte. Ständig blickte mein Kumpel argwöhnisch zu ihnen rüber. Warum ihn die Typen so anstarren würden, fragte er mich immer wieder. Aus Spaß sagte ich ihm, dass das an dem großen "Revenge"-Tattoo läge, das sich über eine Seite seines Schädels erstreckt.

Etwa eine Stunde später hörte ich Glas splittern und jemanden brüllen: "Sieh, zu was du mich gezwungen hast!" Als ich mich umdrehte, sah ich, wie mein Kumpel über einen der Spieler gebeugt stand. Er weinte, während er ihm immer wieder mit der Faust ins Gesicht schlug. Offensichtlich tat ihm der andere Typ leid, aber gleichzeitig konnte er sich nicht beherrschen.

Obwohl Kriminelle vielleicht nicht gerade optimal aufgestellt sind, was Karriere, Bildung oder eine solide Erziehung angeht, so sind wir uns unserer heftigen Gefühlsschwankungen mehr als bewusst. Und wir sprechen sehr offen darüber. Ich fand es immer beruhigend, wenn ich mithörte, wie Häftlinge ihren Freunden am Telefon offen sagten, dass sie sie lieben und vermissen. Es ist schon beeindruckend, wie brutal ehrlich diese Worte manchmal klingen können.

Die emotionale Transparenz kennt allerdings auch ihre Grenzen. Es gibt sehr strikte Regeln, zu welchen Dingen du offen Gefühle deine zeigen darfst. Eine Haftstrafe zum Beispiel ist nichts, worüber du dich bei irgendjemandem beschweren darfst. Deine Leidensgeschichte bringt dich auf einem Gefängnishof nicht weiter. Genau so wenig gilt das für Beziehungskummer, solange dieser nichts mit Familie zu tun hat. Der Gefühlsaustausch unter Häftlingen beschränkt sich größtenteils auf deine Brüder und Kollegen draußen, die tiefe Liebe zu ihnen und wie sehr du sie vermisst.

Bei der krassen Unsicherheit, welche die Gangkultur mit sich bringt, und dem obersten Gebot der Loyalität ist das vielleicht auch kein Wunder. Ich musste mitansehen, wie ein Mann hinter der Glasscheibe im Besuchsraum zusammenbrach, als ich ihm sagte, dass das Jugendamt sein Kind geholt hatte. Er weinte bitterlich, aber die dicke Trennscheibe schluckte jedes Geräusch. Es war gleichzeitig unwirklich und lähmend. Ich konnte nichts für ihn tun und es hat mir das Herz gebrochen. Ich konnte ihn nicht mit einer Umarmung trösten, ihm nicht die Hand geben. Nichts. Ich konnte ihm nur dabei zuschauen, wie die volle Wucht seiner Entscheidungen auf ihn einschlug.

Ich schätze, das Klischee stimmt: Wenn du mit dem Feuer spielst, verbrennst du dich früher oder später. Und wenn du mit Kriminellen abhängst und Teil ihres Lebens bist, dann greift es irgendwann auf dich über und reißt dich mit. Oder zumindest wirst du mit so viel Tragik konfrontiert, dass Weinen die normalste Sache der Welt wird.

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