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Bitcoin-Netzwerk: "10.000 mal mehr Leistung als der stärkste Computer der Welt"

Wir haben mit Sam Rosenblum von Coinbase, einer Handelsplattform für Kryptowährungen, über den Bitcoin-Hype gesprochen.
30.1.18
Foto zur Verfügung gestellt von World Web Forum

Sam Rosenblum ist "Director of Global Business Development" bei Coinbase, einer US-amerikanischen Handelsplattform für Kryptowährungen. Sie bietet Privat- und Geschäftskunden in 32 Ländern die Möglichkeit, Währungen wie Dollar, Euros oder Schweizer Franken in Kryptowährungen wie Bitcoin, Etherum oder Litecoin zu wechseln. Wir haben Rosenblum am World Web Forum in Zürich getroffen, um mehr über das boomende Geschäftsfeld zu erfahren.

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VICE: Wenn ich meiner Mutter erklären müsste, weshalb sie in Bitcoin investieren sollte, was würde ich ihr am besten sagen?
Sam Rosenblum: Sie sollte auf jeden Fall nur dann investieren, wenn sie sich selbst schlau gemacht hat, worum es bei Blockchain geht und sie an die Grundsätze der Technologie glaubt. Ich würde generell niemandem raten, in eine Anlage zu investieren, die er nicht durchschaut. Es gibt sicherlich weniger riskante Anlagekategorien als Kryptowährungen. Kryptowährungen basieren auf der Blockchain-Technologie, die vereinfacht gesagt das Finanzsystem dezentralisiert, indem sie zentrale Institutionen wie Banken umgeht. Was wird der wichtigste Effekt dieser Technologie auf die Gesellschaft sein?
Unser Ziel ist es darauf hinzuarbeiten, der Welt ein offenes und dezentrales Finanzsystem verfügbar zu machen, in dem jeder teilnehmen kann, der über einen Internetanschluss verfügt. Der wichtigste gesellschaftliche Effekt dabei ist, dass selbstorganisierte Gruppen bestehend aus unabhängigen Individuen aus allen Ecken der Welt das erste Mal in der Geschichte die Möglichkeit haben, grössere Skaleneffekte zu erzeugen, als etablierte zentralistische Institutionen und Unternehmen. Das wird die Branche grundlegend verändern und in einer Machtverschiebung weg von den grossen Finanzinstituten hin zu den Nutzern resultieren. Das Bitcoin-Netzwerk verfügt heute schon über 10.000 mal so viel Rechenleistung, wie der stärkste Hochleistungsrechner der Welt. Nur liegt die Rechenleistung nicht im Besitz eines zentralen Eigentümers, sondern es sind alles unabhängige Nutzer, die ihre Kapazitäten zusammengelegt haben.


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Apropos Rechenleistung: Ich habe kürzlich gelesen, dass das gesamte Bitcoin-Netzwerk bald mehr Strom verbraucht als Nigeria. Wie steht es um den ökologischen Fussabdruck dieser Technologie?
Das ist natürlich eine gute Schlagzeile, dahinter verbirgt sich jedoch eine inkrementelle Denkweise: Es gibt schon alle diese Stromverbraucher und jetzt kommt Bitcoin noch dazu. Aber überleg dir mal, wie viel Strom durch diese Technologie auf der anderen Seite gespart werden kann, nachdem sie sich erst einmal zum dominanten globalen Wertspeicher entwickelt hat. Wenn nicht mehr die ganze Zeit irgendwelche Goldbarren energieaufwändig hin und her transportiert werden müssen, um Werte zu verschieben. Die entscheidende Frage lautet: In welchem Verhältnis steht der Energieverbrauch von Bitcoin zum Zusatznutzen, den Bitcoin für die Welt hat, im Vergleich zur nächstbesten Alternative? Coinbase wurde 2012 gegründet. Wie haben sich die juristischen Rahmenbedingungen seither verändert?
Als Bitcoin im Januar 2009 auf den Markt kam, gab es noch gar keine staatliche Regulierung, weil sich so eine Technologie niemand vorstellen konnte. Einige Jahre später gab es von einigen Zentralbanken dann Communiqués, in denen sie die Haftung für die Kryptowährung ablehnten und den Leuten erklärten, dass sie auf eigenes Risiko investieren und sie im Falle eines Betrugs nicht geschützt werden können. Knapp zehn Jahre später beschäftigen sich zahlreiche Behörden mit der Regulierung von Kryptowährungen. Dabei geht es hauptsächlich darum, wie Geldwäsche und Terrorfinanzierung verhindert und wie Mainstream-Nutzer vor Betrügern geschützt werden können. Als wir mit Coinbase damals anfingen, waren wir die einzigen, die sich solche Fragen gestellt hatten und schauten sie als eine Kernkompetenz unseres Geschäfts an. Heute gibt es von Japan über die EU bis hin zu den USA unterschiedliche staatliche Regulierungen darüber, unter welchen Umständen Kryptowährungen ausgetauscht werden dürfen.

Widerspricht die staatliche Regulierung nicht dem Hauptprinzip der Technologie, dass sich die Nutzer selbst organisieren?
Das wurde uns von einigen Bitcoin-Nutzern der ersten Stunde auch schon angekreidet, aber als internationale Handelsplattform müssen wir natürlich beide Welten bedienen. Mit Coinbase schlagen wir eine zuverlässige Brücke zwischen der bereits existierenden finanziellen und regulatorischen Infrastruktur auf der einen, und unabhängigen, selbstorganisierten Technologen und Nutzern auf der anderen Seite. Unser Ziel war schon immer, Kryptowährungen einer möglichst breiten Masse zugänglich zu machen. Dabei anerkennen wir, dass es gewisse Nutzer ausserhalb des Mainstreams geben mag, die sich dafür entscheiden, nicht mit uns zu arbeiten. Wie geht ihr dabei praktisch vor?
In Ländern, in denen es bereits nationale Regulierungen gibt, setzen wir diese natürlich um und in Ländern ohne Regulierung, übernehmen wir Best Practices von regulierten Märkten wie dem US-Markt, die eher konservativ sind. Wenn nationale Behörden die amerikanische Blaupause lokalisieren wollen, dann können sie dies selbstverständlich tun und wir werden uns darum bemühen, der lokalen Regulierung nachzukommen. Besteht dadurch nicht die Gefahr, dass die USA ihre eigenen Gesetze in andere Länder exportiert?
Prinzipiell schon, aber in der Praxis haben wir gesehen, dass sich die US-Version einfach gut bewährt hat. Ihre Prinzipien sind deckungsgleich mit unseren Anforderungen. Einerseits geht es darum, Geldwäsche zu verhindern, und andererseits Nutzer zu schützen.

In der Panel-Diskussion vorhin haben wir gehört, dass sich gewisse Finanzinstitute überlegen, private Blockchains aufzubauen. Was hältst du davon?
Grundsätzlich ist es gut, dass diese Institute mit neuen Technologien experimentieren. Die geschlossene und zentralisierte Verwendung einer offen und dezentralisierten Ressource ist aber sicherlich nicht die beste. Deswegen glaube ich auch nicht, dass sie eine grosse Zukunft haben wird. Nachdem Bitcoin 2017 seinen Wert verzehnfachen konnte, ist der Kurs im Januar wieder zusammengebrochen. Wie erklärst du dir das?
Für jemanden, der erst Ende letzten Jahres auf Bitcoin aufmerksam wurde, mag diese Beobachtung zutreffen. Fakt ist aber, das der Kurs heute höher liegt, als noch vor vier Monaten. Und wenn du dir den Verlauf seit 2009 anschaust, dann siehst du eine steile Entwicklung nach oben. Der Kurs stieg schon mal von zwei Dollar auf zwölf und dann wieder runter auf zwei. Im November 2013 stieg er von 400 Dollar auf 1300 und fiel danach runter auf 170. Immer hatten die Leute das Gefühl, das sei das Ende von Bitcoin. Und jetzt liegt der Kurs bei über 10.000 Dollar. Die Kursbewertung ist immer eine Frage der Perspektive und des Zeithorizonts. Wenn sich jemand nur Bitcoin kauft, um schnelles Geld zu machen, ist es wahrscheinlich nicht die beste Anlage. Für die Leute, die von Anfang an langfristig in die Kryptowährung investiert hatten, hat es sich aber allemal ausgezahlt.

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