Liebe

Deshalb bekommst du bei Liebeskummer oft keinen Bissen runter

Tagelang keinen Appetit oder exzessives Frustessen: Bricht dir jemand das Herz, spielt dein Appetit verrückt.

von Iris Bouwmeester
23 Mai 2017, 8:29am

Foto: Chris Bethell

Wenn dir jemand mit knallroten, geschwollenen und tränenden Augen über den Weg läuft, ist es entweder Pollenzeit und er oder sie hat seine Allergiemedikamente vergessen – oder seine oder ihre Beziehung ist gerade in die Brüche gegangen. Denn dank Facebook – die feinsäuberlich unseren Beziehungsstatus dokumentieren – wissen wir jetzt, dass viele Beziehungen im Frühling enden.


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Und wenn man mal drüber nachdenkt, ist das gar keine so riesige Überraschung. Im Winter kuscheln wir uns gerne fest an jemanden, während wir die neuesten Serien auf Netflix bingen. Aber sobald die Sonne wieder rauskommt, sehnen wir uns nach Freiheit. Dieses Phänomen wird auch als cuffing season bezeichnet, die Zeit, in der wir uns an einen Partner "ketten" (engl. to cuff – "Handschellen anlegen"), um die kalte Winterzeit zu überstehen. Sobald das Wetter wieder besser wird, befreien wir uns von diesen selbstauferlegten Fesseln.

Wenn du Schluss gemacht hast, geht es dir eigentlich ganz OK. Aber wenn sich jemand von dir getrennt hast und du gern noch ein bisschen (oder viel) länger an diesen Jemand "gefesselt" geblieben wärst, wird es schon schwieriger.

Herzschmerz verzehrt einen, ein schreckliches Gefühl, dass auch die Art, wie du isst, beeinflusst. Das habe ich vor Kurzem aus erster Hand mitbekommen: Nachdem ihr Freund sie verlassen hatte, hat eine meiner Kolleginnen eine ganze Woche lang nichts gegessen. "Ich will ja", meinte sie, "aber das ist körperlich unmöglich, als ob zwei fette Sumo-Ringer in meinem Magen gegeneinander kämpfen." Eine Woche später die komplette Kehrtwende: In ihrer Tasche waren nur noch Schokoriegel und andere Süßigkeiten. Außerdem sang sie die ganze Zeit Adele-Songs.

Auch wenn es manchmal unbegreiflich ist, warum es plötzlich mit der Liebe vorbei ist, wollte ich doch endlich wissen, wieso wir bei Liebeskummer so ein komisches Essverhalten an den Tag legen.

Also habe ich zuerst mit Dr. Gert ter Horst gesprochen, Professor für Neurobiologie und Leiter des Zentrums für Neuroimaging am Universitätsklinikum in Grönigen. Er erzählt mir, dass unser Körper eindeutig auf Liebeskummer reagiert. "Liebeskummer verursacht viel Stress", meinte er. "Alle Reaktionen des Körpers auf Dauerstress treten also auch bei Liebeskummer ein. Zum Beispiel ein höherer Herzschlag und erhöhte Cortisol- und Adrenalinspiegel." Das wiederum führt zu schlaflosen Nächten und einem knurrenden Magen, während man selbst aber keinen Bissen runterbekommt.

"Ähnliches sehen wir beim Radfahren oder Schwimmen", meint ter Horst weiter. "Radfahrer müssen viel essen, aber das fällt ihnen schwer. Sie können es körperlich einfach nicht. Durch die körperliche Anstrengung schnellen, ähnlich wie bei Stress, Herzschlag und Adrenalin nach oben. Deshalb bekommt man fast keinen Bissen runter."

Dass man bei Liebeskummer nicht essen kann, liegt daran, dass der Körper sich im "Kampfmodus" befindet, so ter Horst. Der sogenannte Sympathikus wird aktiv, dieser Teil des Nervensystems erlaubt es deinem Körper, in Notsituationen schnell zu reagieren. Deine Pupillen und die Lungenbläschen weiten sich und das Herz schlägt schneller. Kurz: Du begibst dich in den Überlebensmodus. Da wird Essen zweitrangig. Dein Körper hat einen Weg gefunden, dein Hungergefühl zu unterdrücken: Die Muskelnkontaktionen um Magen und Darm werden weniger, sodass alles langsam zur Ruhe kommt und die Verdauung langsamer läuft.

Neben den körperlichen Stressreaktionen spielen auch die Emotionen verrückt. Traurig, deprimiert oder wütend zu sein hat direkte Auswirkungen auf deinen Appetit und wie du Geschmack wahrnimmst. "Die Gehirnareale, die für unsere Emotionen und verletzte Gefühle verantwortlich sind, steuern auch die Art, wie wir essen, unser Verlangen nach Essen und was wir schmecken", erklärt Gerd ter Horst. "Diese Areale liegen dicht beieinander und könne sich gegenseitig beeinflussen." Das könnte also erklären, warum du dein Lieblingsessen plötzlich nicht mehr sehen kannst, wenn dein Lover deine Gefühle mit Füßen getreten hat.


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Sobald der Appetit zurückkommt, so ter Horst, essen viele eher fettiges Essen. Du siehst den Pizzaboten häufiger als dein eigenes Spiegelbild und morgens, mittags und abends isst du am liebsten so ungesund wie nur irgendwie möglich. Der Grund? Du willst mehr Kalorien. "Weil der Körper so gestresst ist, braucht man mehr Energie. Deshalb entscheidet man sich schneller für Junk Food als für gesunde Dinge."

Leonoor van der Sloot, Therapeutin für emotionsfokussierte Paartherapie, bestätigt diese Lust auf fettiges Essen aus psychologischer Perspektive. "Wenn man sich verliebt, wird viel Oxytocin freigesetzt. Dadurch fühlt man sich sicher. Endet eine Beziehung, fällt der Oxytocinspiegel plötzlich ab. Es entsteht ein Mangel der Körper ist quasi auf Entzug. Dadurch kann man sich deprimiert und lustlos fühlen. Einige versuchen, den Spiegel wieder zu erhöhen, indem sie Dinge essen, die sie glücklich machen, wie Schokolade. Vor allem emotionale Esser sind extrem anfällig für Ben & Jerry's-Exzesse."

Das erklärt auch das Verhalten meiner Kollegin: Liebeskummer bringt deine inneren Mechanismen durcheinander, deine Hormone fahren Achterbahn. Und dann will man entweder gar nichts essen oder einen Schokoriegel nach dem anderen wegatmen.

Und was das Ganze noch schwieriger macht – als wäre es nicht schon kompliziert genug: Frauen und Männer reagieren unterschiedlich auf Liebeskummer. "Im Vergleich zu Männern leiden Frauen viel stärker unter somatischen Beschwerden wie Magen- und Kopfschmerzen", erklärt ter Horst. Und genau diese Beschwerden beeinflussen, wie wir essen.

Bis jetzt ist noch nicht eindeutig nachgewiesen, warum Frauen so viel stärker unter Bauchschmerzen und einem leeren Magen leiden als Männer. Te Horst vermutet, dass "das weibliche Gehirn anders mit Stress umgeht als das männliche." Trotzdem meinen beide Experten, dass es bei jedem Menschen unterschiedlich ist, wie der Körper auf das Ende einer Beziehung reagiert. Und vor allem macht es einen Unterschied, ob du Schluss gemacht hast oder nicht.

Wenn du dich also gerade in eine Decke eingemummelt hast, umgeben von vollgerotzten Taschentüchern, leeren Pizzaschachteln und Eisbechern, und krampfhaft versuchst, nicht wieder durch das Facebook-Profil deines oder deiner Ex zu scrollen, tröste dich: Das ist eine vollkommen normale Reaktion deines Körpers.