Die Gina-Lisa-Demo zeigt, wie schwierig die Debatte um sexuelle Gewalt ist
Alle Fotos: Karl Kemp

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Die Gina-Lisa-Demo zeigt, wie schwierig die Debatte um sexuelle Gewalt ist

Vor dem Amtsgericht Tiergarten gab es am Montag Tränen, Wut und feministische Zerwürfnisse. Vor allem bewies die Solidaritätsveranstaltung aber, wie wichtig Zusammenhalt gegen sexuelle Gewalt ist.
28.6.16

„No means No" steht auf einigen Plakaten, „Du bist nicht allein" auf anderen. Die Demo hat um 9:00 Uhr morgens begonnen, zeitgleich zum voraussichtlich letzten Prozesstag gegen Gina-Lisa Lohfink im Amtsgericht Tiergarten. Es geht nicht mehr um die mutmaßliche Vergewaltigung, die laut dem Model im Jahr 2012 stattgefunden haben soll und die als Videomitschnitt lange Zeit im Internet abrufbar war. Es geht nicht um ihr „Nein", das sie darauf mehrmals äußerte. Heute geht es um eine Geldstrafe, die eine Richterin und eine Staatsanwältin festsetzten und die Gina-Lisa jetzt wegen Falschbeschuldigung zahlen soll. Eine Entwicklung, die für heftige Diskussionen in Deutschland sorgt und einmal mehr die Frage aufwirft, wer mit dem aktuellen Sexualstrafrecht eigentlich tatsächlich geschützt wird.

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Die Straße vor dem Gerichtsgebäude wird um 10:00 Uhr abgesperrt. Über 1.100 Teilnehmer_innen hatten sich über Facebook für die Demo angemeldet, weitere 3.000 waren interessiert. Eine Polizeibeamtin schätzt: „Es sind wohl etwa 100 Menschen hier. Wir haben mit sehr viel mehr gerechnet." Eine Mitorganisatorin spricht hingegen von 500 Personen.

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Über den Prozesstag hinweg werden auf der Soli-Veranstaltung emotionale Erfahrungsberichte von Vergewaltigungsopfern vorgelesen, Reden zum Thema gehalten, zwischendurch gibt es Musik von Santigold, die Hamburger Rapperin Finna tritt auf. Es sind etwa 95 Prozent Frauen anwesend, einige wenige Männer. Man sieht bekannte feministische Aktivistinnen in der Menge: Anne Wizorek und Gizem Adiyamam von Ausnahmslos. Manche der Anwesenden tragen bunte Perücken, einige von ihnen keine Schuhe, zwischendurch tanzt eine Person irgendwo alleine zur Musik. Ein Passant könnte im ersten Moment denken, dass es sich um ein Straßenfest handelt.

Dabei sind die Beteiligten an der Soli-Veranstaltung vor allem eins: wütend. Wütend auf das in ihren Augen unzureichende Sexualstrafrecht, das den Satz „Nein heißt Nein" endlich integrieren muss. Und wütend darauf, wie von Justiz und vereinzelt auch Medien mit Gina-Lisa umgegangen wird.

Alle Fotos: Karl Kemp

Die Demo ist gut organisiert. Im Gerichtssaal sitzt Laura, die per WhatsApp Updates schickt. Micha gibt die Informationen anschließend durch ein Mikro an die Menge weiter. Auf die Ereignisse aus dem Prozess wird mit Buh-Rufen und Pfiffen reagiert. Laura sendet eine Nachricht: „Man kann euch drinnen hören". Micha, die Juristin ist und ihr Referendariat im Amtsgericht machte, erzählt, wie dick die Mauern des Gebäudes seien. Dass man hören kann, was draußen vor sich geht, ist also durchaus beachtlich.

Die Richterin, erzählt Laura später, als wir uns draußen treffen, soll zu Beginn des Prozesses gescherzt haben, er würde schon pünktlich beendet werden—schließlich würden Italien und Spanien um 18:00 Uhr im Achtelfinale gegeneinander spielen. Eine Fehleinschätzung, wie sich im Laufe des Tages zeigen sollte. Der erste Zeuge musste rund 100 Minuten warten, bis er aufgerufen wurde. Gegen die Richterin wurde ein Befangenheitsantrag gestellt—auch, weil eine Gerichtssprecherin geäußert habe, dass die Beschimpfungen gegen Gina-Lisa beim letzten Gerichtstermin von der Verteidigung inszeniert worden seien, erklärt Laura.

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Sie sagt, dass es sich dabei um ein gängiges Verfahren handle, mit dem man versuche, den Prozess in die Länge zu ziehen. Ein Schöffengericht entscheidet, aber rein praktisch würde so ein Antrag nie wirklich umgesetzt.

Für Laura ist die Befangenheit der Richterin offensichtlich: „Sie ist tendenziös in der Zeugenvernehmung. Pardis F. (Anmerkung: einer der ehemals Angeklagten) wurde mit Samthandschuhen angefasst. Die Managerin, die als Entlastungszeugin für Gina-Lisa da war, wurde auseinandergenommen und alles, was sie sagte, wurde von der Richterin infrage gestellt." Für viele der Aktivistinnen und Aktivisten ist sie eine Art Personifizierung all dessen, wofür sie auf die Straße gehen.

Nicht nur im Gerichtssaal wird versucht, der Frage auf die Spur zu kommen, was 2012 wirklich zwischen Gina-Lisa und den beiden Männern passierte. Auch bei der Demo wird an jeder Ecke diskutiert. Der Fall wird auseinandergenommen, juristische Einzelheiten werden besprochen und auch politische Debatten geführt. Wie weit geht Selbstbestimmung? Was ist mit Sexarbeit? Was ist deutsche Rape Culture? Wie sollte man sich zur Wehr setzen? Auf ein Laken schrieben Demonstrant_innen: „Tote Männer vergewaltigen nicht. Wir werden uns verteidigen." Das Laken war nur kurze Zeit sichtbar. Es ist unklar, ob es runter musste.

Das ist nicht der einzige Punkt, bei dem sich die Demonstrant_innen uneinig zu sein scheinen. Während einer Rede des Prostituiertenverbandes Hydra e.V. schreit eine Teilnehmerin: „Sexarbeit ist Sklaverei." Vertreter_innen der Sexarbeit stellen sich ihr entgegen. Die Energie konzentriert sich kurz auf den Streit. Eine Frau mit gelben Haaren sagt wiederholt: „Es geht um Selbstbestimmung." Micha wird sauer, geht ans Mikro. Die Streithabenden sollen sich zurückhalten, es gehe um Gina-Lisa. Und da sind sich schließlich alle einig. Da geht die Wut geballt in die gleiche Richtung.

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Zur Mittagszeit ist Prozesspause und Gina-Lisa kommt kurz auf die Demo. Sie bedankt sich erneut für die Unterstützung und weint. Sie hatte sich vor Prozessbeginn schon mal bedankt. Die Menge setzt zum Chor an: „Du bist nicht allein. Du bist nicht allein. Du bist nicht allein." Eine Demo-Teilnehmerin sagt, jemand habe sich im Gerichtssaal ausgezogen. Man erfährt im Anschluss, es war eine Femen-Aktivistin.

Der Prozess ist nach der Mittagspause schnell wieder in vollem Gange, die Femen-Aktivistin wurde entfernt. Micha geht ans Mikro: „Die Richterin will das Video der mutmaßlichen Vergewaltigung zeigen. Die Öffentlichkeit soll zusehen." Die Begründung: Gina-Lisa habe schließlich selbst bewusst den Kontakt zu ihr gesucht. Die Demonstrant_innen sind eine Sekunde fassungslos, dann kocht die Wut über. Sie stimmen an: „Nein heißt Nein!" Rund 40 Minuten lang rufen sie im Kanon. Das Video wird am Ende nicht gezeigt—allerdings nicht wegen der Empörung auf der anderen Seite der dicken Gerichtsmauern. Die Verteidiger hatten aus Protest den Saal verlassen.

Auch wenn viele Hintergründe noch unklar sind, der Prozess hat für viele Signalwirkung. Er zeigt exemplarisch, mit welchen Hürden man sich als mutmaßliches Opfer von sexueller Gewalt konfrontiert sieht. Mit einer gesellschaftlichen Mentalität, die sagt: Du bist in der Verantwortung, wenn dir jemand anderes Unrecht antut. Eingerahmt von sexistischer Berichterstattung, Vergewaltigungsscherzen auf Social Media und in der Fernsehwerbung, und einem Sexualstrafrecht, das viele überhaupt erst davon abhält, Vorfälle zur Anzeige zu bringen. Der Fall Gina-Lisa bleibt wichtig, vor allem wegen seines symbolischen Potentials. Wie will eine Gesellschaft mit möglichen Opfern sexueller Gewalt umgehen? Wie sollen Opfer geschützt werden?

Ein Urteil blieb am Montag entgegen aller Ankündigungen doch aus. Der nächste Prozess-Termin ist im August. Bei den Demonstrant_innen findet Gina-Lisa ausnahmslose Unterstützung. Nach Prozessende umarmt sie einige von ihnen, bedankt sich erneut. Nachdem sie in ihr Taxi gestiegen ist und die Fotograf_innen verschwunden sind, löst sich die Restgruppe von etwa 60 müden Menschen auf. Einige von ihnen saßen seit 9:00 Uhr morgens vor dem Amtsgericht. Viele von ihnen wollen weiter protestieren, auch zum nächsten Prozess erscheinen. So lange, bis das Sexualstrafrecht in ihren Augen endlich gerecht ist. Bis Nein auch wirklich Nein heißt.