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Warum am Wochenende in Berlin eine queere Jobmesse stattfindet

"Ich wurde hinterm Rücken als 'die Schwuchtel' bezeichnet. So geht es vielen im Beruf."

von Lea Albring
26 Mai 2017, 8:11am

Alle Fotos: Caro Kadatz, Sera Cakal, Gabriele di Stetano

Für die Pause ein Wurstbrötchen, für die Kollegen einen coolen Spruch und für Passantinnen ein sexistisches Hinterherpfeifen: das Klischee-Bild des typischen Bauarbeiters. Aber was, wenn Marc lieber einem Mann hinterherpfeift? Oder Stewardess Sina nach ihrem Transatlantik-Flug von ihrer Freundin Anna abgeholt wird? Wirkt komisch, weil viele Klischees besser zementiert sind, als Baustellen. Weil sie bodenloser sind als der Arbeitsplatz von Flugbegleiterinnen.

Aber wie ist es wirklich? Gibt es homofeindliche Branchen? Und wo und wie wird im Job die Karriereleiter für queere Menschen erst gar nicht aufgestellt?

Fakt ist: Wer "schwul" klingt, hat weniger Chancen auf eine Spitzenposition. Das ist kein Scherz, sondern das Ergebnis einer Studie der Universität von Surrey. Forscher spielten Stimmaufnahmen ab und baten Probanden, auf dieser Basis ein Gehalt für eine Führungsposition vorzuschlagen. Was rauskam: Männer mit hohen, stereotypisch als schwul wahrgenommenen Stimmen, bekamen von den männlichen Probanden deutlich weniger Geld. Die weiblichen Teilnehmerinnen machten keinen Unterschied.

Am Samstag, den 27. Mai, findet in Berlin zum achten Mal die queere Jobbörse Sticks and Stones statt. Die Veranstalter erwarten 100 Aussteller und rund 3.000 Besucher. Ein Indiz dafür, dass Diskriminierung queerer Menschen nicht nur auf der Chef-Ebene ein Problem ist? Warum ist so eine Jobbörse überhaupt nötig? Und halten die Veranstalter die Bundeswehr – einer der Aussteller – tatsächlich für einen homofreundlichen Arbeitgeber? Wir haben bei Stuart Cameron (37) nachgefragt, der die Messe ins Leben gerufen hat.

Stuart mit Einhorn-Maske. "Das Einhorn ist eigentlich ein Trans", erklärt er, "eine Mischung aus Nashorn und Pferd. Es präsentiert die LGBT-Community, und wirkt gleichzeitig sehr stark." | Foto: Migele Maciunaite

VICE: Warum ist es für den Job überhaupt wichtig, mit wem man schläft?
Stuart Cameron: Chefs und Mitarbeitern sollte es egal sein, was ihr Kollege im Bett macht. Sex hat nichts am Arbeitsplatz zu suchen. Wenn man queer ist, wird das aber nicht nur im Bett sichtbar, sondern auch, wenn einen der Partner nach der Arbeit abholt. Wenn sich jemand im Büro nicht outet – weil er beispielsweise Angst hat, diskriminiert und ausgeschlossen zu werden – verwendet er viel Energie für dieses Versteckspiel. Keine Seite profitiert davon.

Man sollte sich also lieber outen?
Es gibt Statistiken, und das passt zu meinen Erfahrungen, die sagen: Über 50 Prozent outen sich nicht auf der Arbeit, Freunde und Familie wissen aber Bescheid. Das ist ein krasses Missverhältnis. Eine Pauschalantwort pro oder contra Outing gibt es nicht, das hängt immer vom Arbeitsumfeld ab. Andererseits ist man nach einem Outing freier und nicht mehr erpressbar.

Gibt es typische Berufe für LGBT-Personen?
Ich habe schon so viele Lebensläufe gesehen, auf der Messe mit so vielen Leuten gesprochen, dass ich weiß: Wir sind überall. Wenn ein größeres Unternehmen behauptet, queere Arbeitnehmer gebe es bei ihm nicht, dann ist das entweder eine Lüge oder Unwissenheit. Mehr als zehn Prozent der Mitarbeiter von Facebook zum Beispiel sind LGBT, kam bei einer freiwilligen Umfrage raus.


Ebenfalls bei VICE: Homosexuelle Heilen – Hinter den Kulissen der sogenannten Reparativtherapie


Was sind typische Vorurteile gegenüber queeren Personen in der Arbeitswelt?
Schwule sind verweichlicht, Lesben hart im Nehmen, die bekannten Klischees also. Ich kenne sehr viele Leute, auf die das nicht zutrifft. LGBT-Personen kann man nicht Verallgemeinern, genauso wenig wie Heterosexuelle: Der eine ist nett, der andere unhöflich, der nächste ist schlau, der übernächste dumm. Woran es oft fehlt: an positiven Vorbildern. Deshalb arbeiten wir gerade auch an einer Liste von Deutschlands Top 100 geouteten LGBTI-Führungskräften, eine Top 10 haben wir gerade erst veröffentlicht.

Gibt es so etwas wie eine Diskriminierungs-Hierarchie: Am härtesten trifft es Transgender-Personen, dann Schwule und Lesben?
Ja, das ist so. Die meisten Unternehmen wissen viel zu wenig über Transsexualität und nehmen es als etwas Befremdliches wahr. Fast keiner weiß, wie man sich richtig verhält, und schon gar nicht, wie man unterstützend begleitet. Immerhin: Mittlerweile gibt es einen Orientierungs-Leitfaden vom Bundesfamilienministerium. Das ist nicht viel, aber ein Anfang.

In welcher Branche werden queere Personen noch immer besonders oft diskriminiert?
Das hat nichts mit der Branche, sondern mit der Unternehmenskultur zu tun. Diskriminierung gibt es überall da, wo Diversity klein geschrieben wird. Die Kirche, besonders die katholische, fällt mir da ein. Nächstenliebe kann ich in dieser Arbeitswelt nicht entdecken.

Warum gibt es Bedarf an einer queeren Jobbörse?
Ich bin von mir ausgegangen: Ich wollte im Job nicht verstecken, dass ich schwul bin. Geoutet habe ich mich mit 15, vorher war mein Leben ein Verstell- und Versteckspiel. Auf eine Wiederholung kann ich gut verzichten. Ich habe auch schon schlechte Erfahrungen gemacht: In einem großen Elektronik-Fachhandel wurde ich hinterm Rücken als "die Schwuchtel" bezeichnet und habe tägliche Lästereien mitbekommen. So geht es vielen. Um die Suche nach LGBT-freundlichen Unternehmen zu erleichtern, um überhaupt ein Bewusstsein zu schaffen, habe ich dann die Sticks and Stones gegründet. Was wir immer wieder feststellen: Zu uns kommen auch viele heterosexuelle Frauen. Auch für die ist ein nicht-homophobes, Diversity-freundliches Arbeitsklima wichtig. Hier müssen sie nicht mit Sexismus rechnen und sehen gleiche Aufstiegschancen. Eine offene Unternehmenskultur zieht viele Talente an.

Bewerbungsunterlagen-Check auf der Sticks and Stones 2016

Welche Firma würdest du nicht als Aussteller erlauben?
Wir fordern von unseren Ausstellern Nachweise, dass sie etwas für die LGBT-Kultur im Unternehmen machen. Das kann ein Statement des CEOs sein, das kann eine lesbische Mitarbeiterin sein, die von ihren positiven Erfahrungen erzählt. Ohne Nachweis kann niemand ausstellen. Generell gilt: Wenn in einem Unternehmen der Frauenanteil gering ist, es kein Diversity-Management gibt, kann man davon ausgehen, dass nicht viel für LGBT-Mitarbeiter getan wird.

Einer deiner Aussteller ist die Bundeswehr. Hältst du die für einen queer-freundlichen Arbeitgeber?
In der Bundeswehr gibt es eine Gruppe, die sich für LGBT-Mitarbeiter stark macht. Deshalb kann man natürlich nicht sagen, dass die Bundeswehr ein queerer Arbeitgeber ist, das wäre naiv. Aber ein kultureller Wandel setzt ein, genau das wollen wir unterstützen. Wenn durch unsere Messe mehr LGBT-Leute dort arbeiten wollen, dann hilft das dem Wandel.

War auch schon im letzten Jahr Aussteller auf der queeren Jobmesse: die Bundeswehr

Wer will nicht auf deiner Jobmesse ausstellen?
Es gab schon Fälle, dass Firmen nicht mitmachen wollten, weil sie einen Image-Schaden bei ihren Kunden befürchteten. Seit den acht Jahren, die ich die Sticks and Stones schon mache, hat sich aber sehr viel getan, es gibt mehr und mehr Firmen, die das Thema auf der Agenda haben. Das reicht aber nicht. Bis keiner mehr in der Arbeitswelt diskriminiert wird ist es noch ein langer Weg. Stichwort: Frauenquote – die finde ich richtig.

Was können Homosexuelle besser als ein Heterosexuelle?
Nichts – das gilt aber auch umgekehrt. Die sexuelle Identität hat nichts mit der Arbeitsqualität zu tun. Es mag sein, dass die Erfahrungen vor dem Outing dazu führen, dass einige sensibler sind, möglicherweise ihre Umgebung besser wahrnehmen. Das ist aber nur eine Vermutung. Ich kenne auch knallharte schwule und lesbische CEOs, unter denen ich nicht arbeiten möchte.

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