Gesundheit

HPV – die „Volksseuche“, über die kaum jemand spricht

Eine Infektion kann im ersten Moment harmlos erscheinen, jedoch auch schwerwiegende Folgen nach sich ziehen—zum Beispiel Gebärmutterhalskrebs. Wir haben mit einer Betroffenen und einem Gynäkologen über die Risiken gesprochen.

von Verena Bogner
14 Juni 2016, 8:35am

Foto: unsplash.com | CC0 License

Humane Papillomviren, kurz HPV, sind hoch infektiöse Viren, von denen es über 100 verschiedene Typen gibt und die vorwiegend durch sexuellen Kontakt übertragen werden—egal ob Vaginal-, Anal- oder Oralverkehr—, aber auch durch bloßen Hautkontakt weitergegeben werden können. Generell lässt sich schwer sagen, wie viele Frauen und Männer im deutschsprachigen Raum mit HPV infiziert sind, da es keine entsprechenden Zahlen gibt. Eine HPV-Infektion verläuft meist ohne äußerliche Symptome und oftmals kann der Körper die Viren auch selbstständig wieder abwehren. Verlassen sollte man sich darauf jedoch nicht.

Wenn es um die Folgen einer HPV-Infektion geht, muss man erst einmal zwischen verschiedenen Virentypen unterscheiden. Es gibt sogenannte Low-Risk- und High-Risk-Viren, die man wiederum jeweils in verschiedene Typen unterteilen kann. Infiziert man sich mit Low-Risk-Viren, kann dies zu Kondylomen, also Feigwarzen führen, die sowohl Männer als auch Frauen betreffen können und zwar unangenehm sind, jedoch ansonsten nicht weiter schlimm. Feigwarzen lassen sich elektrochirurgisch abtragen oder mit Salben behandeln. Da es sich bei ihnen um eine chronische Erkrankung handelt, können sie jedoch zurückkommen.

High-Risk-Viren hingegen können weit schwerwiegendere Folgen haben—sowohl für Frauen als auch für Männer. Durch sie kann Muttermund-, Vulva- oder Schamlippenkrebs entstehen, auch Darmkrebs ist eine mögliche Folge. Oralsex mit einer HPV-positiven Person, die mit High-Risk-Viren infiziert ist, kann außerdem zu Kehlkopfkrebs führen, wie es zum Beispiel bei Schauspieler Michael Douglas der Fall ist. Auch Analkarzinome können infolge einer Infektion mit High-Risk-Viren entstehen.

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Vor allem Gebärmutterhalskrebs, die häufigste Krebsart, die als Folge einer Infektion mit High-Risk-Viren auftritt, ist in den letzten Jahren immer wieder ein Thema. In Deutschland kam es im Jahr 2012 zu 4.640 Neuerkrankungen und 1.617 Todesfällen. Laut Statistik Austria waren im Jahr 2012 insgesamt 405 Österreicherinnen erstmals von bösartigen Krebserkrankungen des Gebärmutterhalses betroffen, 146 starben daran. Insgesamt lebten zum Zeitpunkt der Studie über 8.000 Frauen mit der Diagnose Cervixkarzinom in Österreich.

Natürlich gibt es Möglichkeiten, sich auf HPV testen zu lassen. Im Regelfall wird bei der Kontrolluntersuchung beim Frauenarzt ein Krebsabstrich durchgeführt. Mithilfe dieses Abstriches wird festgestellt, ob im Bereich des Muttermundes auffällige Zellen angesiedelt sind. Das würde jedoch noch lange nicht bedeuten, dass man auch wirklich Muttermundkrebs habe, wie der Wiener Frauenarzt Dr. Friedrich Gill im Gespräch mit Broadly erzählt. Er diagnostiziere jedoch bei immer mehr seiner Patientinnen auffällige Krebsabstriche und bezeichnet HPV als „Volksseuche". Er schätzt den Anteil der HPV-Positiven auf 50 Prozent der Bevölkerung.

Illustration von HFA Studio

Auch bei Marie (*) wurden nach dem Krebsabstrich beim Frauenarzt auffällige Zellen gefunden. Sie erzählt: „Im September 2014 war ich zur Kontrolle bei meinem Frauenarzt. Ein paar Wochen später habe ich einen Anruf von der Sprechstundenhilfe bekommen und die hat mir gesagt, dass ich zu einer Besprechung in die Praxis kommen soll. Mein Krebsabstrich hat nicht gepasst und allein das war für mich in dem Moment ein riesiger Schock, weil ich keinen ungeschützten Sex hatte. Es hat sich dann herausgestellt, dass mein Abstrich schon PAP IV war, ich also mit High-Risk-Viren infiziert war."

Der Krebsabstrich wird nach der Analyse je nach Ergebnis einer PAP-Gruppe zugeordnet. Grob kann man sagen, dass der Grad der Schwere der Infektion je nach angehängter Zahl steigt. So bedeutet PAP I zum Beispiel, dass der Abstrich und das Zellbild völlig normal sind. Handelt es sich PAP IV, wurden in der Regel bereits pathologische Zellveränderungen festgestellt, es besteht ein Verdacht auf Krebs und es ist sofortige Intervention notwendig—so auch bei Marie: „Ich wurde von meiner Ärztin gleich in ein Krankenhaus in Wien überwiesen, die haben dann nochmal Zellen entnommen und dann war eigentlich sofort klar, dass sie ein Stück von meinem Gebärmutterhals entfernen müssen. Und das haben sie dann auch gemacht."

Ich hatte Panik, dass irgendwas in mir kaputt ist.

Mittlerweile geht es Marie wieder gut und auch bei ihrem letzten Krebsabstrich wurden keine auffälligen Zellen gefunden. Sie hatte eher psychisch als körperlich mit der ganzen Sache zu kämpfen: „Ich war einfach fertig mit der Welt. Ein paar Monate danach wurde mir erst klar, was da eigentlich passiert ist und ich hatte bis vor kurzem immer noch Panik, dass jetzt irgendwas in mir kaputt ist."

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Wahrscheinlichkeit einer HPV-Infektion zu senken—beispielsweise mit einer gesunden Lebensweise. „Der Körper kann eine Infektion mit HPV in einem Zeitraum von circa 18 Monaten abwehren, das sehe ich in meiner Praxis sehr oft.", erklärt Frauenarzt Dr. Gill. „Wenn eine Patientin zum Beispiel einen auffälligen Krebsabstrich hat, kann es sein, dass der bei der Kontrolle nach einem halben Jahr plötzlich wieder im Normbereich liegt." Bei Menschen mit schwachem Immunsystem, zum Beispiel Rauchern und Raucherinnen, kann es schneller zu einer Infektion kommen, da Rauchen das Immunsystem schädigt und Viren somit schlechter abgewehrt werden können. Kondome senken das Risiko einer Infektion zwar, garantieren jedoch keinen vollständigen Schutz, da es sich bei HPV nicht um eine „herkömmliche" Geschlechtskrankheit handelt, die durch Körperflüssigkeiten übertragen wird, sondern eben auch durch Hautkontakt mit Stellen übertragen werden kann, die nicht vom Kondom geschützt sind.

Sowohl in Deutschland als auch in Österreich und der Schweiz wird die HPV-Impfung vor allem für junge Frauen vor dem ersten Geschlechtsverkehr empfohlen. Dr. Gill hält sie jedoch im Allgemeinen für sinnvoll—auch für Frauen, „die schon HPV positiv sind. Vor allem auch die, die schon einen pathologischen Krebsabstrich hatten. Das gibt Frauen, denen zum Beispiel schon Zellen entfernt wurden, die Möglichkeit, bei Null zu beginnen und der Körper hat mehr Chance, in Zukunft Viren abzuwehren." Eine Möglichkeit, die seiner Meinung nach nicht genug Menschen wahrnehmen. „Es sind meines Wissens bis dato nur ungefähr drei bis fünf Prozent der Österreicher und Österreicherinnen gegen HPV geimpft und von denen sind wiederum wahrscheinlich 99 Prozent Mädchen oder Frauen. Genau genommen sollten aber alle geimpft werden, um eine sogenannte Herdenimmunität zu erzeugen."

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Wie bei jeder Impfung scheiden sich auch in Bezug auf HPV die Geister. Ein Argument ist immer wieder, dass der Impfstoff nicht gegen alle der krebserregenden HPV-Stämme, sondern nur gegen einige wenige wirkt. Vier, um genau zu sein. Der Gynäkologe Christian Marth betonte jedoch im Gespräch mit dem Standard, dass es sich dabei um ebenjene handle, die 70 Prozent der Gebärmutterhalskrebserkrankungen ausmachen.

Insbesondere im Hinblick auf die Langzeitfolgen ist es erschreckend, wie wenig Menschen sich aktiv mit dem Thema HPV auseinandersetzen. Doch auch wenn die Krankheit im ersten Moment keinerlei Symptome aufweist, macht sie das nicht weniger gefährlich; Das weiß auch Dr. Gill, der immer wieder feststellen muss, dass seine Patientinnen wenig bis nichts über die Krankheit wissen oder eine Infektion nicht als akute Bedrohung sehen: „Es sollte sich eigentlich jede vernünftige Frau, die Geschlechtsverkehr hat, auf HPV testen lassen."


* Name von der Redaktion geändert

Titelfoto: unsplash.com | CC0 License

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