24 Stunden

Ich habe 24 Stunden am Berliner Alexanderplatz verbracht

"Und jetzt gebt ihr die Flaschen ab?", frage ich. "Nee, jetzt nehmen wir Drogen", sagt Jan.

von Tim Geyer
04 Oktober 2018, 9:38am

Foto: imago | STPP

Mitternacht am Alexanderplatz. Unter der Weltzeituhr reicht mir Anne einen Plastikumschlag. "Kannst du den für mich verschicken?", sagt sie und lächelt wie ein müdes Kleinkind. Sie ist barfuß, vielleicht Mitte 20, ihr schwarzes Haar verfilzt. Alles an ihr wirkt weich, matt, erschöpft. Ihr abgemagerter Begleiter umkreist mich eher wie ein hungriges Tier. Ich kenne die beiden nicht, aber sehe, dass sie high vom Heroin sind. Und anstatt an diesem Freitag das Vernünftige zu tun und diesen Umschlag nicht einzustecken, stecke ich den Umschlag ein. Meine Neugier ist stärker als mein Verstand und damit passe ich gut hierher.

Der Berliner Alexanderplatz ist das Trash-TV unter deutschen Plätzen. Man macht sich gern über ihn lustig. Aber man schaut auch gerne hin, weil man sich dann besser fühlt. Manchmal vergisst man dabei, ganz genau hinzusehen.

Eigentlich hört man überall, wie hässlich dieser zentrale Platz Berlins ist, der die Ausstrahlung einer Autobahnraststätte hat und an dem es ein Großklo gibt, das laut eines Werbeplakats schon über eine Million Gäste besucht haben. Und trotzdem kommen sie alle her. Jeden Tag 360.000 Menschen. An einen Ort mit einer der höchsten Kriminalitätsraten Berlins. Was wollen die alle hier?

Billigen Rausch, billige Klamotten, seichte Touristenbespaßung, viel Kriminalität und ein wenig Sozialvoyeurismus. Mehr gebe es hier nicht, sagen meine Freunde. Ich will wissen, ob es wirklich so ist, und wer die Menschen sind, die hier die U-Bahn verlassen.

In den nächsten 24 Stunden treffe ich Männer und Frauen, die sich wegen einer Rose schlagen, Rocker am Veganer-Fest und Obdachlose, die überzeugt sind, für immer am Alex festzusitzen.

11:57 Uhr – Haupteingang Kaufhof: Paulinas Lieblingsarbeitsplatz

Paulina sagt, die Berliner Polizisten seien im Vergleich zu der Polizei in Polen wie Hippies | Alle Fotos wenn nicht anders beschrieben vom Autor

Am Alexanderplatz sehen die Punks noch so aus, als habe sie sich eine Redakteurin von Berlin – Tag & Nacht ausgedacht. Vor dem Kaufhof packt Paulina – Nietenhalsband, grüne Haare – gerade ihren Rucksack. Der Alexanderplatz war früher ein Treffpunkt für Ausreißer aus ganz Deutschland, hat mir ein Punk am U-Bahn-Ausgang erzählt. Aber jetzt – "wegen der ganzen Bullen" – sei der Alex nur noch ein Ort, an dem man sich trifft, um gemeinsam abzuhauen. Die 24-jährige Paulina aus Polen sieht den Alex als etwas anderes.

"Der Alex ist ein Schwarzes Loch und verschluckt das Geld der Leute", sagt sie auf Englisch. Sie wundere sich, wie viel Geld die Menschen hier in ihren Becher werfen. Heute seien es wie fast jeden Tag 50 Euro in drei Stunden gewesen – genug, um ihre kleine Wohnung in Lichtenberg zu bezahlen.

"Das ist mein Lieblingsarbeitsplatz", sagt Paulina über den Alex – diese 330 mal 200 Meter im Zentrum Berlins, auf denen mehrere Architekturepochen zwar große Gebäude, aber wenig Großes hinterlassen haben. Vor allem der renovierte Kaufhof-Koloss und schräg gegenüber das Saturn-Gebäude erinnern ein wenig an gestapelte Container. Verkleidet mit Naturstein, damit keiner was merkt. Darüber ragt das 125 Meter hohe Park-Inn-Hochhaus, ein Glasbau, der ein Hotel beherbergt, aber trotz seiner Ausmaße nicht lange im Gedächtnis bleibt. Von der südwestlichen Seite beschallt der S-Bahnhof den Platz. Alles dahinter gehört genau genommen nicht mehr dazu. Die Gegend hat gar keinen Namen. Dort findet man die Plattenbauten der Rathauspassagen, das Rote Rathaus und den Fernsehturm. Den nennen manche Berliner trotzdem einfach "Alex" – alles andere ist Zugezogenen-Klugscheißerei.


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Auch Paulina würde sich an solchen Ungenauigkeiten wohl nicht stören, Berlin sei nunmal ein seltsamer Ort, sagt sie: "Die Polizisten sind im Vergleich zu Polen richtige Hippies. Einmal hat mir einer zehn Euro in die Hand gedrückt." Für "Weed, Booze and Dog Food" habe damals auf ihrem Schild gestanden.

Die Berliner Polizei führt den Alex als "Kriminalitätsbelasteter Ort", weil es hier zu besonders vielen Straftaten kommt – insgesamt 7.500 waren es im letzten Jahr. Darunter 782 vorsätzliche Körperverletzungen, 63 Mal Raub, ein versuchter Totschlag sowie zusammengerechnet sechs Vergewaltigungen und schwere sexuelle Nötigungen. Seit am Jahresende an der Weltzeituhr eine neue Polizeiwache eröffnet hat, ist es etwas ruhiger geworden. "Teile der problematischen Klientel haben sich seitdem in andere Bereiche der Stadt zerstreut", sagt ein Sprecher der Polizei, die Anzahl der Gewaltdelikte ging um ein Drittel zurück. Trotzdem werden in den nächsten 24 Stunden alleine am Alexanderplatz 25 Straftaten begangen werden. Die Menschen, die gerade zwischen Primark und Topshop hin und her eilen, werden davon kaum etwas mitbekommen.

14:12 Uhr – Grunerstraße: Kristyna kommt jeden Tag aus dem Wald an den Alex

An diesen Stromkästen sitzt Krystina fast jeden Tag, "ein guter Ort", sagt sie

Kristyna aus Litauen stört die allgegenwärtige Polizei am Alex nicht, sie kommt deswegen her. "Wo viel Gefahr ist, ist viel Polizei und die passt auf mich auf", sagt sie fröhlich. An der Grunerstraße, die den Alex im Südosten begrenzt, lehnt sie an einem Stromkasten, zwischen Taschen und Tüten, darin ihr ganzer Besitz. Neben ihr strömen Dutzende Menschen über die Straße und tragen Geld in die Alexa-Mall. Ab und zu landet etwas davon in Krystinas Becher.

Die Sonne hat die Regenwolken an diesem letzten Augustwochenende vertrieben, über Kristynas Oberlippe glänzen kleine Schweißperlen. Seit neun Jahren lebt sie in Berlin, seit drei Jahren ist sie mit Arumas zusammen. Er kommt aus der Slowakei. Die beiden haben eine einjährige Tochter. "Das Jugendamt hat sie uns weggenommen", sagt Kristyna, aber darüber wolle sie nicht reden, das mache sie traurig.

Arumas und sie übernachten in einem Zelt im Wald, "viel weiter weg als früher", sagt sie. Da schliefen sie im ehemaligen Haus der Statistik. Die zehnstöckige DDR-Ruine an der Ecke Otto-Braun-Straße/Karl-Marx-Allee steht seit zehn Jahren leer. Ein Schandfleck, sagen viele. Doch wie so oft am Alexanderplatz ist das eine Frage der Perspektive. Für viele Obdachlose war der Schandfleck ein Zuhause. Ein Beton- und Stahlgerippe, in dem es kalt wurde, als die neuen Besitzer irgendwann die Fenster ausbauen ließen – zur "Durchlüftung", aber wohl auch, um Obdachlose zu vertreiben. Inzwischen ist dort eine Baustelle. Aus dem Haus der Statistik soll das Haus der Zusammenkunft werden. Mindestens 300 Wohnungen sollen hier entstehen, auch für Studierende, Senioren und Geflüchtete.

Trotz aller Schwierigkeiten sei das hier ein guter Ort, sagt Kristyna über ihre zwei Quadratmeter Pappkarton an der vierspurigen Straße. Es ist ein Privileg, den Alexanderplatz hässlich zu finden.

14:37 Uhr – Alexanderplatz: Kuttenträger auf dem Veganen Sommerfest

Beim Veganen Sommerfest am Alexanderplatz zeigt ein Besucher, was ihm im Leben wichtig ist (l.). Andere Besucher wirken eher so, als wären sie hier unfreiwillig gelandet

Wann etwas in der Mitte der Konsumgesellschaft angekommen ist, erkennt man in Deutschland daran, dass es dazu ein Fest auf dem Alexanderplatz gibt. Beinahe das ganze Jahr über sind hier für irgendeinen Anlass Buden und Bühnen aufgebaut. Oft – Weihnachtsmarkt, Berliner Oktoberfest – geht es dann darum, in kurzer Zeit viel Alkohol zu trinken. Aber manchmal schaffen es auch positive gesellschaftliche Entwicklungen in die Mitte dieses Platzes. Heute: das vegane Sommerfest.

Schöne Menschen mit reiner Haut und reinem Gewissen schlendern entlang der Verkaufsstände für vegane Kosmetik, vegane Kondome, veganes Essen. "Linksgrünversiffter, gemüsefressender Gutmensch", steht auf dem T-Shirt eines Besuchers, zwei Gitarristinnen singen auf einer Bühne "love is what you got". Noch nie lag der Alexanderplatz so nahe an Friedrichshain. Aber die Illusion hält nur kurz.

Fünf Männer Ende fünfzig, Typ Bockwurst mit Senf, bahnen sich den Weg durch die Veganerinnen und Veganer. Auf ihren Lederwesten reißt ein Bär sein Maul bedrohlich auf und aus ihren Blicken spricht die Verwunderung eines Urvolks, das in der Steppe überraschend auf ein Nagelstudio trifft. Dann hinter dem nächsten Tofu-Stand – aufgeregtes Fingerzeigen, endlich! – die Erlösung. Die Männer haben die Alex Oase gefunden und verschwinden in dem vielleicht hässlichsten Biergarten Berlins. Doch egal wie sehr man sich über die Ballermann-Bude im Herzen der Hauptstadt ärgert: Sie wird noch da sein, wenn das schöne Fest längst wieder vorbei ist.

19:20 Uhr, Weltzeituhr: Jan und Marco, die Stammbesetzung vom Alex

Marco (r.) sagt, er müsste eigentlich weg vom Alex, um einen Alkoholentzug zu machen. Aber bislang sei es ihm nicht gelungen

Die meisten Menschen am Alex scheinen nur auf der Durchreise zu sein. Jan, 25, aus Niedersachsen und Marco, 30, aus Brandenburg sind immer hier. Vor einem Souvenirshop an der Weltzeituhr haben sie ihren Stammplatz. Jan sammelt Pfandflaschen, Marco managt die Schnorrbecher. Das Geschäft laufe gut, sagt Jan: "Bei 35 Grad 35 Euro am Tag, im Winter manchmal auch nur 5." Ihr Schlafplatz auf der Straße liegt ein paar Ecken weiter.

"Willst du was Lustiges hören?", fragt Marco und klingt dabei zu müde und zu alt für einen 30-Jährigen. Über seine Stirn zieht sich eine fingerbreite Narbe. "Ich bin noch nie in meinem Leben geflogen. Nur einmal. Mit dem Hubschrauber. Und daran kann ich mich nicht erinnern, weil ich bewusstlos war."

Zwei Typen hatten mit einer Flasche so lange auf seinen Kopf eingedroschen, bis er sich nicht mehr rührte, sagt Marco. Sie wollten seine Jacke haben. Vor sieben Jahren, am S-Bahnhof Straußberg. Der Rettungshubschrauber flog ihn mit Schädel-Hirn-Trauma ins Unfallklinikum Marzahn. Die Täter wurden nie gefasst – "Ist halt so", sagt Marco. Er habe eh andere Probleme: "Meine Leber ist kaputt."

Vor einem Monat lag Marco mit inneren Blutungen unter der nahegelegenen S-Bahn-Unterführung. Polizisten hatten ihn aus dem Regen ins Trockene getragen, bis der Notarzt kam. Er hatte mehr gesoffen, als seine Leber verarbeiten konnte. "Fettleber. Meine Werte sind um das Zehnfache überschritten", sagt er. Marco müsste zur Entgiftung. Sein letzter Alkoholentzug scheiterte wegen THC in der Urinprobe. Marco sagt, er wolle es trotzdem nochmal versuchen, müsse er ja. Sonst: Leberzirrhose – unheilbar.

Unter dieser S-Bahn-Brücke lag Marco vor ein paar Wochen mit inneren Blutungen

"Mein Alter war auch Alkoholiker", sagt Marco, der Vater habe ihn und die Geschwister geschlagen. "Meine jüngere Schwester hat das fertig gemacht." Vor zwei Jahren habe sie Suizid begangen. "Hab' ich auch schon überlegt", sagt Marco, neulich im Suff. Jan und ein paar andere hielten ihn ab.

"Es gibt immer etwas zu leben", sage ich, weil mir nichts Besseres einfällt. Marco schweigt und Jan sagt "Ach", überlegt und sagt dann: "Glaube ich nicht."

"Ich muss hier trotzdem weg, bei mir ist der Kanal voll", sagt Marco. Therapie, betreutes Wohnen, so könne es klappen. "Aber ich lande sowieso wieder hier." Weg gehen vom Alex? Auch Jan glaubt nicht daran: "Dann müsste ich schwarz fahren und deswegen war ich gerade fast einen Monat im Knast. Das will ich nicht mehr. Also bleibe ich halt hier."

Inzwischen ist es dunkel geworden. Gegenüber am Berolinahaus fahren zwei Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei auf. "Und jetzt geht ihr die Flaschen abgeben?", frage ich. "Nee, jetzt gehen wir Drogen nehmen", sagt Jan.

20:53 Uhr, Platz vor dem Kaufhof: "Wenn du hier spielst, kannst du überall spielen"

"Eine Frau kommt immer wieder", sagt der Straßenmusiker Dean. "Erst will sie singen, dann küssen und dann schlägt sie mich."

Mit der heraufziehenden Dunkelheit verschwinden die Touristen vom Alex, zumindest die nüchternen. Neben dem Kaufhof hat sich um einen Straßenmusiker eine abenteuerliche Menge aus grölenden Tetrapackweintrinkern und einer ebenfalls nicht mehr ganz nüchternen Reisegruppe aus Russland zusammengefunden. Vielleicht haben sie ja vor Freude eine Kneipe ausgetrunken, weil sie gehört haben, dass König Friedrich Wilhelm III. den Platz 1805 nach dem russischen Zaren Alexander I. benennen ließ.

Vor ihnen versucht jetzt jedenfalls Dean, 25, mit E-Gitarre und Loopstation so zu tun, als ob er nicht vor einem aggressiven Mob spielen würde. Alle paar Minuten legt ein Tetrapacktrinker einen Arm um Deans Schulter und haucht ihm Schnapsatem ins Ohr. Später sagt Dean, der mit hochgekrempelten Hemdsärmeln und Kippe im Mundwinkel so aussieht, wie man sich einen Dean vorstellt: "Als Straßenmusiker bin ich ein Magnet für Trinker, Einsame und Verrückte."

Der Alex sei wie ein Trainingslager, "wenn du hier spielst, während ein grinsender Typ neben dir steht, der mit einem Messer durch die Luft sticht und dich dabei anstarrt, dann kannst du überall spielen." Er habe sich deswegen einen "360-Grad-Blick" zugelegt, um die Leute im Auge zu behalten. Kurz darauf lerne ich, was er damit meint.

Als Dean zum zweiten Mal "Country Roads" spielt, spüre ich etwas an meinem Hintern. Einer der taumelnden Tetrapacktrinker hat sich nach vorne gebeugt und leckt über meine Jeans. Aus fiebrig-gelblichen Augen schaut er mich an und grinst. Dann öffnet und schließt er mechanisch seinen Kiefer wie ein betrunkener Nussknacker.

Die Realität am Alex ist nicht immer schön. Man kann versuchen, sie zu ignorieren. Sich mit Billigklamotten und Junkfood betäuben oder in 35 Sekunden auf den Fernsehturm fahren und sich weit weg von all dem da unten fühlen. Aber wenn man einfach mal eine Zeit lang am Alexanderplatz stehen bleibt, holt die Realität jeden ein.

23:23 Uhr – Weltzeituhr: Anne will die Liebe finden

Am Alexanderplatz kann es schon mal passieren, dass einem jemand im Heroin-Rausch an der Weltzeituhr (r.) einen Umschlag mit Chemnitzer Adresse überreicht

Um kurz vor Mitternacht ist der Platz vor der Weltzeituhr menschenleer. Die Uhr, ein eineinhalb Meter breiter Zylinder, ruht auf einer Säule. Um die Uhr herum haben die Sozialisten 1969 ihre Sehnsuchtsorte eingeprägt: Bagdad, Leningrad, Kabul, Dakar, Ulan Bator. Hauptsache weit weg, schienen die Menschen in der DDR gedacht zu haben. Nach zwölf Stunden am Alex fühle ich mich ihnen sehr verbunden.

Ich mache mir Notizen, als ich eine kindliche Stimme höre. "Was schreibst du da?", fragt eine Frau, deren Körperspannung an eine zu lange gekochte Spaghetti erinnert. Sie heißt Anne. Neben ihr steht ein dürrer Mann, nur wenig lebendiger als die Exponate im Menschenmuseum, drüben unterm Fernsehturm. Er ist wie sie höchstens Mitte 20. Ich sage, ich schreibe Städtenamen auf. "Lies mal vor", sagt Anne, während ihr Begleiter mich aus tiefliegenden Augen fixiert.

Als ich vorgelesen habe, tauft mich Anne auf den Namen Quentin und sagt in Richtung Weltzeituhr und die für die Menschen in der DDR unerreichbaren Ortsnamen: "Das ist der Brunnen, aus dem kein Wasser fließt." Ihr Freund Rio Reiser habe sie heute ausgehen lassen. "Jetzt will ich die Liebe finden", sagt sie und zieht einen Plastik-Umschlag aus der Bauchtasche ihres Kapuzenpullovers. Darauf eine Adresse in Chemnitz. Sie bittet mich, ihn ihrer Freundin zu schicken, und drückt mir 20 Cent in die Hand. "Hast du einen Euro?", fragt ihr Begleiter, bevor die beiden in Richtung U-Bahn verschwinden. Erst fünf Minuten später frage ich mich, was eigentlich in dem gewölbten Umschlag ist. Öffnen darf ich ihn nicht, aber unter dem Druck meiner Finger gibt er leicht nach, wie ein Stück Watte. Irgendetwas, jedenfalls kein Tabak, riecht süßlich-streng. Ich beschließe, die Sache so zu handhaben, wie sich alle Dinge am Alex gut handhaben lassen: einfach nicht darüber nachdenken.

2:08 Uhr – Carambar: Streit wegen einer Rose

Eine Rose ist alles, was nach einer Schlägerei vor einem Club zurückbleibt

Vor dem Club Carambar schreien sich zwei Gruppen an. Offenbar hat jemand einer Frau eine Rose angeboten und jemand anderes fand das nicht gut. Dann geht alles schnell. Schläge, Tritte, Kreischen. Männer mit dicken Armen in engen T-Shirts diskutieren mit Fäusten, wer weniger im Kopf hat. Auch Frauen schlagen, treten in den Menschenhaufen. Nach ein paar Sekunden ist alles vorbei. Erst kommt ein Polizeibus, dann zwei, dann drei. Schließlich versuchen acht Polizisten herauszufinden, wer hier wann wen gehauen hat und warum. Einer der Männer ruft: "Was für'n Scheißabend!" Ein anderer blutet ein bisschen an der Stirn. Von der Carambar ballert stoisch der immer gleiche Reggaeton-Beat.

Um 2:35 Uhr beendet die Polizei ihren Einsatz. Zwischen den Tramgleisen bleibt eine Rose zurück.

Gegen 3:30 Uhr schreit wieder jemand, diesmal zwischen Rathauspassagen und Fernsehturm. Es sind die gleichen Leute wie eben. "Ich ficke deine Mutter!", sagt einer, "Du Hurensohn!", ein anderer. Stühle werden zu Wurfgeschossen, ein Werbeaufsteller zum Schutzschild. Am S-Bahnhof flackert schon blaues Licht, kommt näher, die Männer und Frauen flüchten. Einer läuft auf mich zu, dicke Arme, enges Shirt, wilder Blick. "Mann, ick hab keen Bock mehr, check das endlich! Was für'n Scheißabend!", ruft er, bevor er wegläuft, und ich weiß nicht, ob er mich meint oder den Alexanderplatz.

3:39 Uhr – Rathauspassagen: Grace aus Irland muss zur Landsberger Allee

Auch Grace hat für heute Nacht genug. Die Irin, Anfang 20, glitzernder Paillettenrock, verschmierter Kajal, taucht wankend aus der Nacht auf. "Kannst du mir helfen?", fragt sie. Sie muss zur Landsberger Allee. Den Weg habe sie vergessen. Wir laufen gemeinsam die paar Meter bis zur Tramhaltestelle. "Willst du mein Boyfriend sein?", fragt sie und ich sage, dass ich darüber nachdenken müsse. Als sie mich zum Abschied matt umarmt – mehr so, als würde sie sich selbst für die Nacht an eine Kleiderstange hängen – sagt Grace, "ich liebe dich sehr". Dann fährt sie nach Hause, hoffe ich.

5:45 Uhr – Dircksenstraße: "Guten Morgen, Ausländerplatz!"

Ein Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung kümmert sich um die Hinterlassenschaften von täglich bis zu 360.000 Menschen

Sonnenaufgang. Die Letzten der Nacht und die Ersten des Tages sind auch am Alex immer die Leute von der Berliner Stadtreinigung. Zwei Männer fahren die Mülltonnen ab und saugen den Inhalt durch ein Rohr in den Müllwagen – 70 Mülltonnen in einer Nachtschicht, sagt der eine: "Manchmal kommste dann morgens um sieme her und dann sitzt da noch so'n Übrigjebliebener und fühlt sich jestört. Na ja, Doofe gibts immer."

Vor dem Dunkin' Donuts lassen sich ein Mann und eine Frau jedenfalls nicht stören und küssen sich vielleicht zum ersten Mal. Erst zögerlich, nervös, fast die Lippen des anderen verfehlend, dann entschlossener, einander umfassend und es wirkt, als würde sich die ganze Anspannung der Nacht, das Suchen, die Fragen – Will er mich? Will sie mich? – in einem Kuss entladen. Und während diese beiden die Nacht wohl noch verlängern werden, ziehen die ersten Touristinnen ihre Trolleys über den Platz. Lieferanten fahren ein und ein junger Mann ruft vor dem Fernsehturm: "Guten Morgen, Ausländerplatz!"

9:30 Uhr – Postbank: Annes Brief

Ich erinnere mich an Annes Brief und bringe ihn zur Post.

11:48 Uhr – Eingangsbereich Rathauspassagen, Jasmin will Miss Alexanderplatz werden

Einen Schönheitswettbewerb am Alexanderplatz zu veranstalten, findet Jasmin gar nicht seltsam

In den letzten 24 Stunden habe ich mich oft gefragt, wo die Menschen sind, die den Alexanderplatz schön finden. Gibt es sie? Leute erzählten mir, sie wären hier, um einzukaufen, zu arbeiten, einfach, um einmal dagewesen zu sein, oder weil ihnen sonst nichts Besseres einfiel. Aber schön fand es keiner hier. Es ist deshalb nicht der naheliegendste Gedanke, so wie heute in den Rathauspassagen eine Miss- und Mister-Alexanderplatz-Wahl zu veranstalten.

Im Eingangsbereich erklärt eine Veranstaltungs-Mitarbeiterin den Teilnehmenden, wie sie später ihre Nummern halten und über die Bühne laufen sollen. Vier Männer bewerben sich um den Titel und zwölf Frauen. "Jaaaa, so richtig zwanglos müsst ihr sein!", lallt ein schnauzbärtiger Mann, der nach einer Mischung aus Schnaps und altem Handtuch riecht. Trotz 25 Grad trägt er einen knöchellangen Mantel. Schwer atmend beobachtet er die Vorbereitungen und kommentiert jeden Schritt der Teilnehmerinnen. Denen scheint wiederum das Kunststück zu gelingen, den Mann, also die Realität des Alexanderplatzes, auszublenden. Beim Facebook-Event klickten fast 2.000 Menschen auf "Teilnehmen". Ein User fragte: "Ist diese Veranstaltung ernst gemeint? Ist Besoffensein ein Ausschlusskriterium?" Den Teilnehmenden scheint es sehr ernst zu sein.

Die 18-jährige Jasmin aus Spandau nimmt zum dritten Mal an einer Miss-Wahl teil und wird von einer Freundin begleitet, die sich als ihre "Personal Assistant" vorstellt. Jasmin sagt, ihr Chef habe sie auf das Thema Miss-Wahlen gebracht und jetzt mache es ihr einfach Spaß mitzulaufen. Ob sie es seltsam findet, am Alexanderplatz einen Schönheitswettbewerb zu veranstalten? "Der Alexanderplatz gehört einfach zu Berlin dazu. Also kann man als Berlinerin auch eine Miss Alexanderplatz werden", sagt sie.

Den Alex einfach akzeptieren und das Beste daraus machen – wie mit allem in Berlin, was nicht perfekt ist: Darauf müssen Zugezogene erst mal kommen. Denn auch für Berliner wäre es leicht, auf den Alex herabzublicken – wie das ganze Land oft auf Berlin herabblickt. Der Alexanderplatz ist nicht der Ku'Damm mit seinen Luxusläden, nicht das RAW-Gelände mit seinen Touristen-Clubs und nicht der Görlitzer Park mit seinen Dealern. Aber der Alexanderplatz ist von allem etwas. Er ist das ehrlichste Zentrum einer Hauptstadt, das man sich nur vorstellen kann.

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