geschichte

Über die zeitlose Faszination der rebellischen Heiligen Jeanne d'Arc

'Die Passion der Jungfrau von Orléans' ist ein 90 Jahre alter Stummfilm, der zeigt, wie die religiöse Kultfigur Filmemacher und Zuschauer für immer in ihren Bann ziehen wird.
Foto von Janus Films

Kaum ein anderes weinendes Gesicht ist ikonischer als das von Renée Jeanne Falconetti, der Frau, die die religiöse Kultfigur Jeanne d'Arc in Carl Theodor Dreyers Stummfilm Die Passion der Jungfrau von Orléans unsterblich machte. Ihre tränenerfüllten Augen – im einen Moment voller Angst, im anderen voller Verzweiflung – sind in der filmischen Sprache zu einem unverkennbaren Bild für Leid und Martyrium geworden. Aber trotz der vielen Tränen und dem eindringlichen Bild einer zermürbten Frau gilt Jeanne d'Arc schon immer als Symbol der weiblichen Stärke.

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Jeanne d'Arc ist deshalb auch immer wieder für Filmemacher interessant – von Jacques Rivette (Johanna, die Jungfrau – Der Kampf) und Roberto Rossellini (Johanna auf dem Scheiterhaufen) über Robert Bresson (Der Prozeß der Jeanne d’Arc) und Otto Preminger (Die heilige Johanna) bis hin zu Luc Besson (Johanna von Orleans). Zusammen mit Die Passion der Jungfrau von Orléans werden alle diese Filme in der Reihe "Woman, Warrior, Saint: Joan of Arc Onscreen" gezeigt, um die Veröffentlichung eines weiteren Jeanne-d'Arc-Films zu feieren: Bruno Dumonts Jeannette, ein Heavy-Metal-Musical über die jungen Jahre von Jeanne.

Der älteste Film zu diesem Thema ist und bleibt aber Die Passion der Jungfrau von Orléans: Am 21. April wird er 90 Jahre alt. Falconetti sagt darin kein Wort, ihre Emotionen drückt sie nur durch ihre Mimik aus. Wenn sie zum Tode verurteilt wird und die eine Seite ihres Gesichts – augenscheinlich unfreiwillig – zuckt, dann reagiert man als Zuschauer einfach emotional, egal wie man auch zu der historischen Figur steht. Die Passion basiert auf den echten Dokumenten von der Verhandlung gegen Jeanne d'Arc im Jahre 1431, nimmt sich aber auch künstlerische Freiheiten und zeigt Jeanne mit einer Verletzlichkeit, die es so nur in bewegten Bildern gibt.

Die Richter, extrem nah und von unten gefilmt, werden zu Vorboten für Jeannes Schicksal. Obwohl es sich um einen Stummfilm handelt, sind Falconettis Schreie fast hörbar. Genauso wie die zerfurchten Gesichter der Charaktere im Detail gezeigt werden, konzentriert sich Die Passion der Jungfrau von Orléans vor allem auf Jeannes letzte Momente vor dem Scheiterhaufen. Wegen des Fokus auf die Verhandlung und die Hinrichtung braucht der Film den Kontext des Hundertjährigen Kriegs gar nicht.

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Die Geschworenen und die Menge hielten Jeanne d'Arc für eine Hexe, weil sie behauptete, dass Gott zu ihr spreche. Aber egal, was man auch von dieser Geschichte hält, eine Sache ist sicher: Jeanne d'Arc war eine weitere Frau, der man nicht geglaubt hat und die dafür von Männern bestraft wurde. Wann wird uns dieses Muster mal nicht mehr bekannt vorkommen? In Die Passion der Jungfrau von Orléans stellen die Männer Jeanne anzügliche Fragen und in Rossellinis Adaption erklärt sich ein Mann in Schweinekostüm bereit, über Jeanne zu richten. Das erinnert an die französische Version der #MeToo-Bewegung, die sich mit "Prangere das Schwein an" übersetzen lässt.

Jeanne d'Arc wurde zudem wegen des illegalen Akts der Travestie angeklagt, weil sie eine Kurzhaarfrisur trug. Aus Dokumenten geht allerdings hervor, dass sie das nur tat, um unter Männern nicht aufzufallen. Somit ist sie nicht nur eine religiöse, sondern auch eine Art LGBTQ-Ikone: Schon im 15. Jahrhundert rebellierte sie gegen Gender-Normen.

Jeanne d'Arc ist auf jeden Fall ein Symbol der unbändigen Überzeugung und Ausdauer. Und der Umgang mit dem Film spiegelt das auf wundersame Weise ebenfalls wieder: So wurde Die Passion der Jungfrau von Orléans nicht nur von der katholischen Kirche zensiert, die Negative wurden ebenfalls zerstört oder gingen verloren. Erst über 50 Jahre nach der Premiere des Films fand man sie auf mysteriöse Art und Weise in einer norwegischen Psychiatrie wieder.

Die Passion der Jungfrau von Orléans hat also über die Jahrzehnte hinweg immer wieder einen Weg in die Kinos gefunden. Am Ende des Films tut Jeanne aus Angst vor dem Feuer Buße, um ihr Leben zu retten. Später besinnt sie sich jedoch auf ihren Glauben zurück und überlegt es sich anders. Einer der Richter fragt sie, wie sie noch an Gott glauben könne. Darauf antwortet die Märtyrerin, dass Gottes Wege unergründlich seien. Und so stellt sie sich ihrem schrecklichen Schicksal. Mit einem letzten Blick gen Himmel weiß sie aber, dass das ewige Paradies auf sie wartet.

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