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Polizei zerschlägt eine der berüchtigtesten Racheporno-Seiten der Welt

Auf Anon-IB wurden geklaute Nacktbilder und private Sexvideos gepostet. Jetzt ist die Seite offline und die Polizei geht gegen Betreiber und Nutzer vor. Auch Hunderte Deutsche könnten bald Post bekommen.

von Matthew Gault, Joseph Cox, und Max Hoppenstedt
26 April 2018, 12:06pm

Bild: Shutterstock | Ursula Ferrara

Die niederländische Polizei hat Anon-IB abgeschaltet, die vielleicht bekannteste Revenge-Porn-Seite, auf der zehntausende Nacktbilder und private Videoaufnahmen illegal geteilt wurden. Auch wenn bisher unklar ist, ob die Nutzer von Anon-IB eine neue Seite gründen werden, ist dies ein wichtiger Schlag im Kampf gegen Rachepornos.

Ab dem Nachmittag des 25. April war auf der Anon-IB-Startseite ein Banner der niederländischen Polizei zu sehen: "Cybercrime-Teams der niederländischen Polizei haben das Anon-IB-Forum im Zuge einer laufenden Ermittlung übernommen", heißt es dort. Später am Tag war die Seite dann gar nicht mehr verfügbar.

Ein Sprecher der niederländischen Polizei bestätigte gegenüber Motherboard, dass alle drei Domains von Anon-IB von der niederländischen Polizei abgeschaltet wurden. "Das waren wir. Wir konnten die Seite dicht machen, weil wir die Server gefunden haben. Die standen alle in den Niederlanden", erklärte Robert Salome am Telefon. Weitere Details dazu, wie die Polizei auf die Spur der Server gekommen ist, wollte der Sprecher nicht verraten. Es seien aber keine weiteren Länder an den Ermittlungen beteiligt gewesen. "Die Operation war eine rein niederländische Aktion."

Die Polizei geht auch gegen die Nutzer von Anon-IB vor

Besucher von Anon-IB wurde für gewisse Zeit auf eine Info-Seite der niederländischen Polizei weitergeleitet
Auf diese Seite wurden Besucher von Anon-IB umgeleitet | Screenshot: Motherboard

Betreiber und Administratoren konnte die Polizei bisher nicht festnehmen. "Die jagen wir jetzt", erklärte Salome. Die Polizei nimmt aber mit der Aktion vor allem auch Nutzer ins Visier, die "auf der Seite aktiv illegale Inhalte gepostet und verbreitet haben", sagte Salome gegenüber Motherboard. Tatsächlich wurden in den vergangenen Monaten bereits drei niederländische Anon-IB-Nutzer im Zuge der Ermittlungen festgenommen. Gegen zwei weitere wird ermittelt.

Begonnen haben die Ermittlungen im Jahr 2017 als eine Frau der Polizei meldete, dass ihre bei einem Cloud-Dienstleister gespeicherten Bilder im Netz veröffentlicht wurden. Cybercrime-Ermittlern aus Amsterdam gelang es daraufhin, einen 31-Jährigen aus der Kleinstadt Culemborg festzunehmen. Ihm werden Hacking und das illegale Verbreiten von Nacktbildern vorgeworfen. Auf den beschlagnahmten Festplatten entdeckten die Ermittler große Mengen an Bildern von verschiedenen Frauen. Durch die Festnahme kam die Polizei auch einem 35-Jährigen aus Groningen und drei weiteren Verdächtigen auf die Spur. Allen wirft die Polizei Hacking vor: Die Verdächtigen sollen sich in private Accounts ihrer Opfer eingeloggt haben und ihre bei Clouddiensten gespeicherten Aufnahmen geklaut haben, so berichtet es ein Sprecher der niederländischen Polizei. Alle Verdächtigen sollen große Mengen an privaten Aufnahmen von verschiedenen Frauen auf ihren Rechnern gehortet und in privaten Chats weiterverbreitet haben.

Die niederländische Polizei kündigte an, nach Abschluss der Ermittlungen alle Frauen zu benachrichtigen.

Warum jetzt auch deutsche Nutzer gefasst werden könnten

Auch deutschen Nutzern könnte nach der aktuellen Aktion eine Festnahme drohen. "Wir haben den Server und wenn die deutsche Polizei die Daten von Usern haben möchte, die illegale Aufnahmen gepostet haben, dann geben wir das gerne weiter", sagte Salome. Bisher seien aber keine Informationen weitergegeben worden.

"Es gibt so viele Opfer durch Anon-IB. Die Leute, die hier posten, schaden so vielen Leuten", sagte Salome. "Deshalb haben wir mit Hochdruck gegen die Seite ermittelt und deshalb wollten wir auch einzelne Nutzer festnehmen." Über ein Jahr lang haben die niederländischen Ermittler


Auf Broadly: Der qualvolle Kampf gegen Rachepornos


Kaum ein anderes Land auf der Welt geht so vehement gegen die Verbreitung von Rachepornos vor wie die Niederlande. 2015 gewannen niederländische Ermittler einen Aufsehen erregenden Rechtsstreit gegen Facebook. Das Tech-Unternehmen wurde gerichtlich gezwungen, die Identität eines Nutzers offenzulegen, der ein Nacktvideo seiner Ex-Freundin geteilt hatte. Auch das niederländische Start-up Leakserv hilft Betroffenen dabei, Rachepornos im Netz aufzuspüren und zu entfernen.

Anon-IB hat jahrelang eine zentrale Rolle beim Verbreiten von Rachepornos gespielt. Manche nutzten die Seite wie eine Tauschbörse, auf der sie Aufnahmen von Frauen aus ihrer Region anfragten und im Gegenzug Aufnahmen anboten, die sie selbst gestohlen hatten. Bekannt wurde die Seite durch das Leak "The Fappening" im Jahr 2014. Damals boten Hacker im Netz Nacktbilder von Prominenten wie Jennifer Lawrence, Rihanna oder Kirsten Dunst an. Anon-IB war eine der Seiten, auf der Hacker die Bilder zum ersten Mal veröffentlichten, bevor sie sich im Netz verbreiteten.

Das Forum wurde jeden Monat von über zwei Millionen Nutzern aus aller Welt aufgerufen, die Threads waren nach Ländern, Städten oder auch Universitäten unterteilt. Nach Recherchen von Motherboard haben allein innerhalb weniger Monate im Jahr 2017 mehr als 2.000 Nutzer mit deutschen IP-Adressen auf der Seite Beiträge veröffentlicht. Das zeigt ein uns vorliegendes Leak der IP-Adressen der Seite. Die Daten zeigen auch, dass nur wenige der Anon-IB-User den Anonymisierungsdienst Tor benutzen, um ihre Identität zu verschleiern. Scheinbar verließen sie sich auf das Sicherheitsversprechen der Seite, die sich selbst als "das beste anonyme Imageboard" im Internet bezeichnet hat. Ein Versprechen, dass die Seite offenbar nicht halten konnte.

Der Kampf gegen Rachepornos geht weiter

Die Abschaltung von Anon-IB stieß vor allem bei Menschen, deren Bilder geleakt wurden, auf große Zustimmung. "Wir sind begeistert, dass endlich eine Strafverfolgungsbehörde etwas gegen diese Website unternommen hat", sagte Katelyn Bowden, Gründerin der Aktivistengruppe Badass Army gegenüber Motherboard. Auch Bowdens Bilder wurden im vergangenen Jahr auf Anon-IB geteilt. Nun kämpft sie mit anderen Frauen gemeinsam gegen Rachepornos. "Anon-IB war ein digitales Krebsgeschwür, das entfernt werden musste. Wir sind der niederländischen Polizei unendlich dankbar, dass sie Anon-IB abgeschaltet haben."

Während die Opfer von Rachepornos den Schlag gegen Anon-IB feiern, bereiten sie sich schon auf die nächsten Schritte vor. Denn die Racheporno-Community hat sich bereits auf andere Plattformen, wie die Gaming-Chat-App Discord und den Chat-Dienst Slack ausgeweitet. Dass Anon-IB nun offline ist, ist ein Erfolg – aber der Kampf gegen Rachepornos ist noch lange nicht vorbei.

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