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Popkultur

Die neueste Teenie-Mütter-Show ist das Traurigste, was seit Langem auf RTL2 lief

'Wir bekommen dein Baby – Promimütter helfen' beweist aber auch: Bei Trash-Shows arbeiten nicht nur zynische Arschlöcher.

von Lisa Ludwig
22 März 2018, 1:19pm

Celina und René | Alle Fotos: RTL2

Junge Menschen, zusammengepfercht auf engstem Raum, ohne Geld, ohne Job, aber mit Playboy-Bordüre im Hausflur – die erste Folge von Wir bekommen dein Baby – Promimütter helfen entwirft ein Szenario, das albtraumhafter kaum sein könnte.

Das Format begleitet Teenager mit zweifelhafter Zukunftsaussicht bei der Geburt ihrer Kinder. Weil es mit Teenie-Mütter – Wenn Kinder Kinder kriegen schon ein Format gibt, was exakt das Gleiche macht, hat sich RTL2 etwas Besonderes ausgedacht: Auf die überforderten Heranwachsenden wird nicht nur ein Kamerateam losgelassen, sondern auch noch eine irgendwie prominente Frau. Deren Qualifikation: Sie ist ebenfalls Mutter.

In insgesamt sechs Folgen sollen unter anderem Sängerin Kim Gloss, Model Sara Kulka und Natascha Ochsenknecht – von Beruf Natascha Ochsenknecht – jungen Eltern dabei helfen, ihr Leben in den Griff zu kriegen. Den Anfang macht Silvia Wollny, die immerhin elf Kinder auf die Welt gebracht hat. Das erscheint als Qualifikation anbetracht der Größe der Aufgabe, die ihr bevorsteht, angemessen.

Die 19-jährige Celina erwartet ihr zweites Kind. Zusammen mit ihrem Freund René (20), ihrer Tochter Jolina (19 Monate) und einer Würgeschlange bewohnt die Kölnerin ihr Kinderzimmer im Haus ihrer Mutter Brigitte. 15 Personen leben hier, darunter die fünf leiblichen Kinder von Brigitte, vier Pflegekinder und vier Enkelkinder. Um die Familienverhältnisse noch verworrener zu machen, ist Celinas Mutter mittlerweile auch mit Renés Vater liiert. Das ist auch deswegen so schwierig, weil René die Trennung seiner Eltern immer noch nicht verwunden hat. Kein Wunder eigentlich, dass der 20-Jährige so viel kifft.


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Silvia Wollny hat also einiges vor sich: dem arbeitslosen René einen Job besorgen und von seiner Cannabis-Sucht heilen; Celina dazu motivieren, wieder zur Schule zu gehen und eine Ausbildung zu machen. Vor allem aber: das Paar aus dem winzigen Zimmer herausholen.

"Dat is ein Stall hier!", ruft die 53-Jährige entsetzt, als sie zum ersten Mal den Raum betritt. Auf diesen 16 Quadratmetern sollen demnächst vier Menschen leben. Ihr kommen die Tränen, RTL2 spielt den Soundtrack des Drogendramas Requiem for a Dream ein. "Da haben Gefangene im Gefängnis mehr Platz. Das ist menschenunwürdig, was hier passiert."

Silvia Wollny verspricht Celina und René, dass sie so nicht länger leben müssen. Eine Phrase, die so in jedem zynischen "C-Promi verändert das Leben einer krebskranken Frührentnerin"-Format fällt. Dem Wollnys-Oberhaupt nimmt man das allerdings ab. In Die Wollnys – Eine schrecklich große Familie bewies sie schließlich, dass ihr für ihre Familie kein Aufwand zu groß ist. Silvia Wollny geht es nicht darum, in einer Situation selbst möglichst vorteilhaft auszusehen, sie möchte, dass es ihrem Umfeld gut geht. Und das sind in diesem Fall eben zwei Menschen um die 20, die bisher mehr schlecht als recht durchs Leben gestolpert sind.

Silvia Wollny und René | Alle Fotos: RTL2

Bevor das Großprojekt Wohnraum in Angriff genommen werden kann, muss sich die Promimutter allerdings erst einmal mit einem noch dringlicheren Problem beschäftigen: Der 20-jährige René kifft zu viel und verschläft deswegen regelmäßig den halben Tag. Keine ideale Voraussetzung, um sich um den Neugeborenen Alessio zu kümmern.

"Mit 13 habe ich angefangen zu kiffen, mit 14 habe ich angefangen, Amphetamine zu nehmen", sagte René zu Beginn der Sendung. Jetzt hängt er mit geschlossenen Augen in einem Sessel und soll sich von der Stimme eines "Hypnotherapeuten" an seinen mentalen "Strrrrrand" führen lassen. Sonderlich beruhigend kann diese Übung nicht sein, der Therapeut rollt das R nämlich, als wäre er Hitler – und unter Anleitung eines Massenmörders will sich wohl niemand in die Untiefen der eigenen Psyche vortasten. Als René wenig später die Augen aufschlägt, ist er sich trotzdem sicher, "dass Kiffen gar keinen Sinn hat". Drogenproblem gelöst.

Zeit, sich Celina zu widmen. Die 19-Jährige soll auf einer durchsichtigen Tafel im Garten aufschreiben, wann sie sich vorstellen kann, wieder in die Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen. Das ist insofern etwas unglücklich, als dass sich absolut nicht erkennen lässt, was sie aufschreibt. Glücklicherweise wiederholen die Teenie-Mutter und ihre prominente Unterstützung alles, was Celina notiert. Schule? Vielleicht wieder so in zwei Jahren. Danach Ausbildung, wahrscheinlich als Rechtsanwaltsfachangestellte. Silvia Wollny kontert die "Gucken wir mal"-Attitüde von Celina mit einem Kalenderspruch: "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen."

Die jungen Eltern blicken trotzdem positiv in die Zukunft. René ist schon seit einigen Wochen clean, und auch für die verfahrene Wohnsituation findet sich am Schluss eine Lösung. Celinas Geschwister ziehen aus und die vierköpfige Familie bekommt die komplette obere Etage des Hauses für sich. Silvia Wollny organisiert Maler und hilft tatkräftig beim Renovieren mit. Vor allem aber zeigt sie immer wieder: Sie will niemanden vorführen, sie will helfen.

Die Promimutter und ihre familiäre Großbaustelle

In einem Jeans-Outfit mit Glitzerapplikationen und silberner "Harald"-Namenskette um den Hals hört Silvia Wollny aufmerksam zu, wie das junge Pärchen ihr von den Fortschritten der letzten Wochen berichtet. Man sieht, dass sie stolz ist – und man glaubt es ihr. Sie möchte wirklich, dass es Celina, René, Jolina und Alessio gut geht. Dass sie vielleicht gerade noch, aber nicht für immer auf Hartz IV angewiesen sind. Und dass sie ihren Kindern irgendwann mal "etwas bieten können".

Die Sendung endet mit einer Einstellung, in der die nimmermüde Silvia Wollny zu ihrer eigenen Großfamilie zurückstapft. Wer Mutter ist, hat nie Feierabend. Das weiß nicht nur Kris Jenner, die die Kardashian-Familie in ein multimillionenschweres Imperium verwandelt hat, das weiß auch die 53-Jährige aus Ratheim. "Ich reiße mir 24 Stunden den Hintern auf, könnte manchmal selber da sitzen und weinen", erzählte sie Mitte letzten Jahres in einem Interview.

Celina und René sind an diesem Punkt der kompletten Selbstaufgabe noch nicht angekommen. Dafür haben sie jetzt keinen Schimmel mehr im Bad.

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