Jobrealität

Wie man sich fühlt, wenn man beruflich Tiere tötet

Ein Metzger erzählt von seinem blutigen Beruf.

von Katinka Oppeck
17 Dezember 2018, 5:00am

Alle Fotos von Diana Pfammatter

Dieser Artikel stammt aus unserer Redaktion in Zürich.

Im kleinen Dörfchen Stein im Aargau stirbt jeden Montag mindestens ein Lebewesen. Oft durch die Hand von Bobby Müller.

Wöchentlich bringen Bauern ihr Vieh in die Familienmetzgerei Müller, in der Bobby mit seinen Geschwistern und insgesamt zehn Angestellten seit fast 30 Jahren Tiere schlachtet, ihr Fleisch ausbeint, es verkauft oder für Catering-Events kocht.

Wie geht es einem damit, wenn man Woche für Woche über Leben und Tod entscheidet? Was passiert im Kopf, wenn man einen Bolzenschussapparat ansetzt und abdrückt? MUNCHIES hat nachgefragt.


Mit Fleisch kochen: Carne Asada – erklärt von einem Taco-Experten


Metzger Bobby Müller
Der 60-jährige Bobby Müller arbeitet seit 28 Jahren im Familienbetrieb als Metzger

MUNCHIES: Wie war es für Sie, das erste Mal ein Tier zu töten?
Bobby Müller: Das war ein ganz seltsames Gefühl. Das erste Tier, das ich getötet habe, war eine Sau. Ich war 16 Jahre alt. Mein Vater war auch Metzger und hat mich oft zur Arbeit mitgenommen, ich wusste also, was passieren wird. Auch in der Lehre habe ich gleich zu Beginn miterlebt, wie ein Tier mit Bolzenschuss oder Stromschlag betäubt wird. Das ist krass, in der einen Sekunde steht es noch, in der nächsten – Bumm! – kracht das Tier leblos zu Boden. Das erste Mal selbst den Bolzenschussapparat anzusetzen war intensiv. Ich war gehemmt, weil ich es richtig machen wollte, damit die Sau nicht leidet. Als das Tier tot war, staunte ich, dass ich das wirklich konnte.

Und wie fühlt es sich heute an?
Heute ist es einfacher. Das fängt schon damit an, dass ich mit einer ruhigen Einstellung zum Transporter gehe und ganz genau weiss, was zu tun ist. Ich gehe mental den Schlachtplan durch, stelle mich auf das Tier ein und versuche, seine Stimmung einzuschätzen. Tiere reagieren auf die Einstellung eines Menschen, das merkt man auch beim eigenen Haustier. Wenn ich also ruhig und bestimmt an die Arbeit gehe, spürt das auch das Schlachtvieh. Bevor ich dann den Bolzenschussapparat oder die Schockzange ansetze, denke ich mir "OK, du bist dran, ich erlöse dich". Das klingt vielleicht etwas esoterisch, aber ich glaube so ist es besser, als impulsiv abzudrücken.

Wie läuft das Töten genau ab?
Jeden Montag bestellen wir die Tiere zu uns ins Schlachthaus. Der Tierarzt beurteilt zuerst das Verhalten der Tiere und checkt die medizinischen Befunde. Danach heisst es: Ruhig bleiben! Sobald die Klappe zum Transporter aufgeht, verhalten wir uns leise und bedacht, um das Tier nicht unnötig zu stressen. Wir führen Tiere einzeln in den Schlachtraum, um zu verhindern, dass sie bei der Schlachtung zusehen müssen. Ich glaube zwar nicht, dass es ihnen etwas ausmacht, aber ich finde, das ist einfach respektvoller so. Danach betäuben wir das Tier, entweder mit dem Bolzenschussgerät bei grossem Vieh oder bei kleineren Tieren wie Schafen mit dem Elektroschocker.

Hackbeil in einer Metzgerei
Schlachten, ausbeinen, kochen – die Metzgerei Müller kümmert sich um alles

Aber das stimmt doch nicht, wir sehen doch regelmässig wie Tiere in Schlachtbetrieben gequält werden?
Vor allem in grossen Betrieben geht es manchmal rabiater zu, ja. Dort wird das Fleisch oft als Ware behandelt. Wenn du im Akkord tötest oder ausbeinst, verlierst du den Bezug zum Tier und siehst nur noch Fleisch. Nach der Lehre habe ich in so einer Firma gearbeitet. In einer Stunde wurden dort insgesamt 260 Schweine geschlachtet. Das geht dann auch an die körperliche Substanz. Jeden Tag habe ich mit einer Metallkralle Bauchspeck aus Schweinen geschnitten, am Wochenende waren meine Finger davon komplett geschwollen. Nach zwei Monaten habe ich gekündigt. Ich finde, das Leben eines Tieres muss gewürdigt werden. Das kann ich in einer kleinen Metzgerei wie unserer garantieren, in einem Grossbetrieb geht das oft nicht mehr.

Wird das Töten im Verlauf des Arbeitslebens irgendwann zur Routine?
Bis zu einem gewissen Grad, sicher. Irgendwann weisst ich ja, wo ich den Apparat ansetzen muss, um eine schnelle und korrekte Betäubung zu gewährleisten. Aber bei Kälbern hatte ich immer schon Mühe. Die lutschen gern an meinen Fingern wenn ich sie ins Schlachthaus führe und sind einfach süss und herzig. Da kam ich schon mal ins Zittern und hatte mehrere Male ein mulmiges Gefühl.

Halbes Rind in einem Kühlhaus
Das Rind im Kühlhaus wurde am Morgen erst geschlachtet

Sie könnten ja einfach aufhören Tiere zu töten.
Der Mensch tötet schon so lange für seine Nahrung. In der Steinzeit trieb man Tiere noch die Klippen hinunter, um sie zu jagen. Heute kann man aber einen humanen Tiertod ermöglichen, um Fleisch zu essen. Wichtig ist, dass wir wissen, woher das Fleisch kommt: von einem lebenden Tier und nicht fertig verpackt aus dem Supermarkt.

Unter welchen Umständen würden Sie sich weigern, ein Tier zu schlachten?
Wenn ich nicht die Möglichkeiten oder Geräte habe, das Tier fachgerecht zu schlachten. Zum Beispiel das Schächten, bei dem das Tier mittels Halsschnitt ohne Betäubung ausgeblutet und so getötet wird. Das ist etwas, bei dem ich den Sinn nicht erkennen kann. Unser Nervensystem, auch das von Tieren, ist so konstruiert, unseren Körper am Leben zu halten, auch wenn wir eine starke Verletzung erleiden. Der Schock sorgt dafür, dass wir bei Bewusstsein bleiben, ich kann mir also schwer vorstellen, dass Schächten eine leidfreie Methode ist, ein Tier zu töten. Wenn man mit dieser Kultur aufwächst, denkt man vielleicht anders. Für mich ist es einfach schwierig nachzuvollziehen.

Würden Sie auch Ihr Haustier töten?
Ja, das musste ich auch schon ein paarmal tun. Ich habe all meine Pferde bisher selbst getötet, wenn ihre Zeit gekommen war. Und auch mal den Nachbarshund. Aber nie, weil das Tier weg musste, sondern immer aus gesundheitlichen Gründen.

Hatten Sie schon mal schlaflose Nächte wegen Ihres Jobs?
Ich persönlich nicht, aber ein Kollege hat vor einigen Jahren mal in einer Grossschlachterei gearbeitet und mir erzählt, er käme abends nicht mehr zur Ruhe. Die anderen in seinem Betrieb hätten sich abends volllaufen lassen, aber das sei keine Option für ihn gewesen. Er hat den Job dann gekündigt.

Haben viele Schlachter ein Alkoholproblem?
Das hängt nicht automatisch zusammen. Vielmehr liegt es daran, dass in Grossbetrieben wie am Fliessband gearbeitet wird. Ich habe das selbst ja auch so erlebt, ich war acht Stunden lang hochkonzentriert und habe nur geleistet. Abends ging ich nach Hause und konnte gar nicht runterkommen, weil ich noch voller Adrenalin war. Wer so sein Feierabendbier trinkt, macht dann mit dieser Einstellung auch weiter. Als Metzger muss man sich bewusst sein, dass jede Schlachtung eine neue Herausforderung ist. Man darf nicht emotional abstumpfen und man muss sich bewusst sein, was man da gerade tut. Der Job ist eigentlich wie eine Beziehung, man muss immer kommunizieren, was in einem vorgeht und an sich selbst arbeiten. Nur so kann man damit umgehen.

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