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Deswegen sind Oomph! auf Platz eins der Albumcharts

Du denkst, die Rammstein-Vorgänger waren ein One-Hit-Wonder? Dann hast du das neue Album noch nicht gehört.

von Christoph Benkeser
29 Januar 2019, 2:09pm

Foto: imago | Manngold

Oomph! sind zurück. Und wie. Die Band, deren Name sich so ausspricht wie ein Schlag in die Magengrube ("Uumf!"), hat am 18. Januar ihr dreizehntes Album Ritual veröffentlicht. 15 Jahre nachdem sie sich mit "Augen auf" in unser Gedächtnis eingebrannt haben ("Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein"), katapultieren sich Oomph! auf Platz eins der deutschen Albumcharts. Wie haben die Braunschweiger Lackmantelträger das geschafft?

Eine mögliche Antwort führt zu den Wurzeln von Oomph! zurück. 1989 gegründet, veröffentlichte das Trio Dero Goi, Andreas Crap und Robert Flux 1994 Sperm. Das Album ebnete den Weg für ein deutschsprachiges Crossover zwischen Metal und Industrial-Rock, das die Musikpresse später Neue Deutsche Härte nannte.

Oomph! sind die Ziehväter von Rammstein

Rammstein führten Sperm als große Inspirationsquelle an. Doch während die rußverschmierten Mannen um Till Lindemann seit ihrem 1995 erschienen Herzeleid mit Pyrotechnik und Riefenstahl-Ästhetik um die Welt touren, gelang Oomph! erst 2004 der Durchbruch. "Augen auf!" krachte in Deutschland und Österreich auf Platz eins der Singlecharts und bescherte der Menschheit ein Musikvideo, das mit verzerrten Fratzen tiefe Kratzer in Kinderseelen hinterließ. Wer heute beim Wort "Eckstein" nicht instinktiv unter den nächsten Tisch hechtet und sich Bachblüten-Tropfen in den Rachen kippt, hat damals nicht gelebt.

Für Oomph! folgte eine Tour durch Deutschland, die das Trio unter anderem in die Markthalle nach Hamburg oder ins Columbia Fritz (heute Columbia Theater) nach Berlin führte. Locations, in denen gerade mal 1.000 beziehungsweise 3.000 Fans Platz finden – obwohl Oomph! eigentlich das Rezept zum Welterfolg gehabt hätten. Dass stattdessen Rammstein quer durch Europa tourten, und das 12.000 Menschen fassende Berliner Velodrom 2004 ganze drei Mal hintereinander ausverkauften, zeigt nur: Mit Feuerwerk und vermeintlichem Nazi-Kitsch holst du einfach die breitere Masse ab.


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2006 veröffentlichten Oomph! "Gott ist ein Popstar" – einen Song über die Machtstrukturen organisierter Religionen, bei der das Christentum nicht so geil abschnitt, wie sich das fanatische Gläubige mit Kruzifix überm Bett gewünscht hätten. Die Konsequenz: Oomph! durften 2006 nicht bei der Echo-Preisverleihung auftreten. Hätten Farid Bang und Kollegah 2018 dieselbe Behandlung bekommen wie Oomph!, gäbe es die Veranstaltung heute vielleicht noch.

Oomph! fabrizierten zu diesem Zeitpunkt ohnehin eher seichten Pop-Rock als rifflastigen Metal. 2007 gewann die Band mit Die-Happy-Sängerin Marta Jandová Stefan Raabs Bundesvision Song Contest; kurz zuvor schmiss sich Frontmann Dero bei Raabs Wok-WM den Eiskanal hinunter.

Die Band verschwand danach nie ganz, platzierte 2008, 2012 und 2015 je ein Album in den Charts, zum großen Wurf sollten Oomph! aber nicht mehr ausholen – bis jetzt. Mit Ritual ist ihnen 30 Jahre nach ihrer Gründung das erste Nummer-eins-Album gelungen.

Bereits vor der Veröffentlichung teaserte Sänger Dero, der Sound auf dem Album sei "so heftig, hart und düster wie schon lange nicht mehr". Und tatsächlich: Oomph! haben sich zurück zur Neuen Deutschen Härte gewurstelt, die sie vor über einem Vierteljahrhundert miterfanden.

Du. Du hast. Du hast keine Views.

Die Single "Tausend Mann Und Ein Befehl" sammelte in drei Wochen auf YouTube 373.000 Aufrufe. Die zweite Single-Auskopplung "Kein Liebeslied" schaffte in einem Monat ungefähr das Doppelte. Nicht wenig, aber eben auch nicht wirklich viel. Der 18-jährige Rapper Mero knackt etwa die Millionengrenze auf YouTube innerhalb zehn Stunden. Und auch der leidige Vergleich mit Rammstein zeigt: Gegen die 166 Millionen Aufrufe von "Du Hast" haben irgendwelche Ecksteine keine Chance.

Alles egal. Denn die Album-Charts basieren nicht auf YouTube-Aufrufen. Das Marktforschungsinstitut GfK Entertainment erstellt jede Woche die Charts basierend auf CD-Verkäufen, Downloads von iTunes und Streams von Bezahl-Accounts auf Spotify. Wie oft das Album von Oomph! über die analogen und digitalen Ladentheken ging, geben die Verantwortlichen selbst auf unsere Anfrage zwar nicht bekannt. Fakt ist aber: Oomph! haben in der vergangenen Woche richtig abgeräumt.

Wer seine Fans 30 Jahre lang so konsequent bei der Metallstange hält wie Oomph!, hat sich die erste Nummer eins redlich verdient. Wir wissen zwar nicht, wer sich 2019 ein Oomph!-Album kauft, aber eigentlich ist das egal. Vielleicht warten alle auf das neue Rammstein-Album und haben sich jetzt die neue Scheibe von Oomph! als Trostpflaster besorgt. Besser als das Schlagergestampfe von Daniela Alfinitos ehemaligen Nummer-eins-Album ist es allemal.

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