In Thüringen soll ein Bratwurstmuseum auf ein ehemaliges KZ-Gelände ziehen

"Es kommt auf die Klugheit des Nutzungskonzepts an."

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01 Februar 2019, 3:12pm

Buchenwald Tor: imago | Hartenfelser ||Bratwürste: imago | Bild13 || Collage: VICE

Die Thüringer sind stolz auf ihr Essen. So stolz, dass sich ein gelockter Bubi mit seiner Ode an "Thü-rin-ger Klöööße" nicht nur in die Charts, sondern auch ins Gehirn der meisten Deutschen knödeln konnte. So stolz, dass Thüringen bundesweit das erste Bratwurstmuseum hat. Aber auch so stolz, dass es dieses Museum auf das Gebiet eines ehemaligen KZ-Außenlagers verlegen würde – weil: Ist ja Wurst?

Von vorne. Das Holzhausener Bratwurstmuseum, gelegen in der Nähe von Erfurt, will umziehen. 50.000 Besucher und 400 Busse kommen jedes Jahr, Tendenz steigend. Und weil der Platz nicht ausreicht, suchen die Betreiber einen neuen Standort. Und werden fündig auf einem Gebiet am Stadtwald von Mühlhausen. 16 Hektar groß und damit 16 Mal größer als das derzeitige Gelände. Der Investor Jan Kratochwil habe das Grundstück schon vor zehn Jahren gekauft. Er plane, das Museum zu erweitern. Eine Tourismus-Attraktion soll daraus werden mit Hotels, Bratwurst-Theater und "Schauverwurstungen". Er denke sogar über Riesenräder nach, Kostenfaktor: vier Millionen Euro. Das berichtet die Bild. Und am 31. Januar bewilligte der Stadtrat von Mühlhausen den Umbau.

Das Problem dabei: Der Stadtwald von Mühlhausen war von 1944 bis kurz vor Kriegsende das Außenlager "Martha II". Ein Frauen-Arbeitslager des KZ Buchenwald, wo knapp 700 jüdische Gefangene in einer mitten im Wald versteckten Rüstungsfabrik, der Gerätebau GmbH, schuften mussten.

Das wusste der Stadtrat. Gegenüber dem MDR Thüringen sagte Oberbürgermeister Johannes Bruns: "Die Stadt Mühlhausen ist sehr feinfühlig, auch in der Thematik der ganzen Erinnerungskultur." Auf dem Gelände solle ein Gedenkort entstehen, das an die Außenstelle des KZ erinnert. Aber ist es moralisch zu vertreten, ein Bratwurstmuseum auf ein ehemaliges KZ-Gelände zu bauen?


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"Es kommt auf die Klugheit des Nutzungskonzepts an", sagt Rikola-Gunnar Lüttgenau von der Stiftung Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-Dora dem MDR. Darauf, inwiefern eine Erinnerung mit dieser historischen Schicht integriert sei. "Auch meine Fantasie reicht am ersten Tag nicht aus, wie man ein Bratwurstmuseum mit einem ehemaligen KZ-Außenlager verknüpfen will."

Die Frage ist, wie mit der Erinnerung umgegangen wird. Und bei den Ankündigungen wird es jetzt sehr, sehr schräg.

Bei seiner Standortsuche war das Bratwurstmuseum offenbar auf der Spur von Johann Sebastian Bach unterwegs. Als Organist orgelte er sich quer durch Thüringen. In einer Pressemitteilung von 30. Januar ("Bratwurst-Tagebuch") heißt es: "Rund vier Jahre verbrachte Johann Sebastian Bach in Arnstadt, bevor er 1707 weiterzog und Organist an der Divi-Blasii-Kirche in Mühlhausen wurde. Diesen Weg wird nun auch das Bratwurstmuseum gehen und aus der Mitte Thüringens in die Mitte Deutschlands ziehen." Nach intensiver Standortsuche, "in die viele Protagonisten in ganz Thüringen einbezogen waren", sei es nun gelungen, eine "ideale Symbiose aus Standort, Investor und Gemeinwesen zu finden". Weiter heißt es: "Das Gelände am Stadtwald in Mühlhausen bietet in landschaftlich reizvoller Umgebung ideale Standortbedingungen." Das klingt jetzt nicht ganz danach, als habe sich da wirklich jemand Gedanken darum gemacht, in was für eine Lage das Bratwurstmuseum am Stadtwald von Mühlhausen geraten könnte.

Das wirklich Verrückte sind aber die wirren Erklärungen der Verantwortlichen. Auf die Frage nach moralische Bedenken sagte Christian Fröhlich, der Berater des Investors, gegenüber Bild: "Unser Stadtarchiv hat alles genau überprüft. Hier war kein Außenlager von Buchenwald. Die Insassen haben höchstens dort übernachtet, aber nicht gearbeitet." Weiter sagt er: "Es gibt Berichte, da steht, dass die Leute gern dort waren."

Auf welche Berichte sich Fröhlich genau bezieht, ist nicht bekannt. Die Stiftung Gedenkstätte Buchenwald spricht von "mangelndem Geschichtsbewusstsein". Auch der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde, Reinhard Schramm, findet, dass ein "Standpunkt auf der Fläche einer ehemaligen Baracke jüdischer Zwangsarbeiterinnen" nicht akzeptabel sei. Dass sich das Areal zumindest teilweise auf KZ-Gebiet befindet, bestätigt eine Sprecherin der Stadt.

Ob das Bratwurstmuseum immer noch umziehen wird, steht noch aus. Kurz nach der ersten Pressemitteilung erklärte der Vereinsvorsitzende der Freunde der Thüringer Bratwurst, die das Museum betreiben, die Verantwortlichen hätten bis zum 30. Januar keinen Schimmer von einer "Nutzung vor 1945" gehabt. Man werde in den nächsten Tagen "die historischen Hintergründe aufklären" und mit allen Verantwortlichen eine "komplette Neubewertung vornehmen".

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