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Was waren die ersten Namen der Menschheitsgeschichte?

Spoiler: Adam und Eva ist die falsche Antwort.

von Martin Angler
29 April 2016, 5:24am

Eine Wandmalerei in der französischen Höhle Font-de-Gaume. Bild: Charles Robert Knight, Wikimedia | Public Domain

Ohne Namen wärst Du ein Niemand. Du bekämst keinen Ausweis, könntest nicht arbeiten, bekämst keine Wohnung, keinen Führerschein, könntest nicht studieren, gar nichts. Dein Name ist Teil Deiner Identität.

Deswegen bekommt jeder einen Namen, sogar Menschen, die ihren eigenen vergessen haben, weil sie unter psychogener Amnesie leiden, so wie Benjaman Kyle alias Burger King Doe. Oder unidentifizierte Leichen und anonyme Angeklagte, die in den USA meist als John Doe bezeichnet werden.

Wann aber fing das an, dass jeder Mensch einen Namen bekam? Und wie hieß der erste Mensch, dessen Name die Launen von Evolution und Geschichte überlebt hat und bis heute überliefert wurde? Spoiler vorab: Adam und Eva waren's schon mal nicht.

Mündliche Überlieferungen von Namen über einen Zeitraum von Tausenden von Jahren fallen offensichtlich aus. Also haben wir uns ein Stück weit durch die Menschheitsgeschichte gekämpft und sind zunächst bei den alten Sumerern gelandet, die eines der ersten echten Schriftsysteme der Welt erfunden haben: Die Keilschrift.

In seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit" schreibt der israelische Historiker Yuval Harari, der erste aufgezeichnete Name der Menschheitsgeschichte befinde sich möglicherweise auf einer 5.100 Jahre alten sumerischen Tontafel. Auf dieser steht in Keilschrift eingeritzt mutmaßlich der Name einer Person aus der Buchhaltung: „Kushim".

Und worum dreht sich die Nachricht des ersten namentlich bekannten Menschen? Um eine Malzbestellung zum Bierbrauen. Kushim bestellte 134.813 Liter Malz über einen Zeitraum von 37 Monaten. Auf dem Ton-Tablet steht weiter, dass der Malz in den Inanna-Tempel der antiken Stadt Uruk (die im heutigen Irak, südlich von Bagdad, liegt) geliefert werden soll. Gezeichnet: „Kushim".

In einem Video erklärt John Huehnergard, damals Professor für Sprache und Kultur des Nahen Ostens an der Harvard University, dass der Name Kushim aus zwei Silben besteht, „Ku" und „Shim", jede für sich allein bedeutungslos. Reiht man diese beiden Silben aneinander, ergibt sich eben Kushim, genau wie bei einem Bilderrätsel.

Eine historische Tontafel aus dem Louvre, ebenfalls von Kushim gezeichnet. Zu sehen ist auch das Piktogramm für eine Brauerei. Bild: Public Domain.

Huehnergard gibt allerdings auch zu, dass es nicht bewiesen sei, dass Kushim zwangsläufig eine Person bezeichnet. So wie der Archäologe Hans Nissen, der in seinem 1993 erschienenen Buch "Archaic Bookkeeping" schreibt, der Name „Kushim" könne genauso gut ein Büro oder eine öffentliche Einrichtung bezeichnet haben. Kushims Name tauche auf 18 weiteren Tontafeln auf, alle im Zusammenhang mit, logisch, Bier.

Es gibt aber weit mehr als 18 Tafeln—dem Metropolitan Museum of Art zufolge sind es ca. 6.000 Tontafeln, die allein aus Uruk stammen. Demzufolge gibt es viele weitere Kandidaten aus dieser Zeit—selbstverständlich sind sich die Alterskundler und Historiker alles andere als einig, welcher Name als erster überlieferter menschlicher Name in die Geschichtsschreibung eingeht. Sumerer-Experte Christopher Woods etwa schreibt in seinem Buch, der älteste aufgezeichnete Name gehöre einem Sklavenhalter namens Gal-Sal, der zusammen mit den beiden Sklaven Enpap-x und Sukkalgir auf einem Tontäfelchen erwähnt wird. Die Besitzurkunde stammt ebenfalls aus der Zeit um 3.100 vor Christus.

Eine genaue Datierung sei aber ohnehin schwierig, behauptet Woods. Denn die Sumerer setzten die Tontafeln nach dem Gebrauch einfach als Füllmaterial für Gebäude-Fundamente ein. Also ist es praktisch unmöglich, das genaue Entstehungsdatum der Business-Tafeln um Kushim & Co. festzustellen.

Während das Geschlecht der Mesopotamier Kushim, Gal-Sal, Enpap-x und Sukkalgir unklar bleibt, beansprucht eine ägyptische Königin den Titel des ersten bekannten weiblichen Namens für sich: Neithhotep. Im Gegensatz zu den Mesopotamiern hatte der Name sogar eine Bedeutung: Neith (die Göttin des Krieges und der Jagd) ist gnädig. Neithhotep lebte zur Zeit des ersten Pharaos Narmer, in der ersten ägyptischen Dynastie.

Aber es gibt noch ältere Namen in Ägypten: Die Archäologen Pierre Tallet von der Universität Paris-Sorbonne und Damien Laisney vom Maison de l'Orient et de la Méditerranée (MOM) in Lyon entdeckten 2012 auf Felsinschriften in der Sinai-Wüste die Namen der bis dato ältesten ägyptischen Könige: Ka, Skorpion II und Iri-Hor. Iri-Hor (Falke-über-Mund oder Gefährte des Horus) gilt als der älteste namentlich bekannte ägyptische Herrscher und soll um 3.200 vor Christus gelebt haben.

Damit ist Iri-Hor vielleicht der älteste bekannte Name der Welt—zumindest nach dem aktuellen Forschungsstand. Denn mit ständig neuen Ausgrabungen und besseren archäologischen Datierungsmethoden ist es nur eine Frage der Zeit, bis Falke-über-Mund nur mehr der mutmaßlich zweitälteste bekannte Name ist. Ob der neue älteste Name wieder einem ägyptischen König gehören wird?

Verschiedene Schreibweisen des Namens Iry-Hor. Bild: User Trey, Wikimedia. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Unabhängig davon, ob der erste Name nun einem König, Pharao, Buchhalter, Sklavenhalter oder dessen Sklaven gehörte: Auffallend ist, dass Personen-Namen mit der Zeit—besonders in Ägypten—zunehmend an gesellschaftlicher Bedeutung gewannen, so wie bei Neithhotep und Iri-Hor. Dieses Bestreben, Namen Bedeutungen mitzugeben, hat sich bis heute gehalten.

Das gilt auch für „John Doe", oder in Benjaman Kyle's Fall: „Burger King Doe". Denn Doe heißt im Englischen Hirschkuh. Kyle alias Fastfood-Hirschkuh hat allerdings auch mit erfundenem Namen weder Arbeit gefunden, noch einen Führerschein erhalten oder eine Wohnung mieten dürfen: In den USA ist die Social Security Number wichtiger als der eigene Name.

Ende 2015 bekam Kyle nach einem erfolgreichen DNA-Abgleich seinen echten Namen, seine Sozialversicherungsnummer und damit seine wahre Identität wieder. Die Nummer will er sich auf den Rücken tätowieren lassen. Für alle Fälle.

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