LGBTIQ-Flüchtlinge und ihr Leben in Österreich
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LGBTIQ-Flüchtlinge und ihr Leben in Österreich

"Verzweifelte Asylsuchende stellen sogar die Überlegungen an, private Sexvideos anzufertigen, um sie später den Richtern als Beweismittel zeigen zu können."
2.4.17

Foto mit freundlicher Genehmigung von Fedaa.

Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Interpersonen sowie Queers werden in über siebzig Ländern der Welt kriminalisiert und sind von Gewalt bedroht. In 7 Staaten gilt darauf bis heute die Todesstrafe. Viele sind in ihren Heimatländern dazu gezwungen, versteckt zu leben und ihre Identität zu verleugnen. In Syrien droht gleichzeitig der Krieg – eine Lose-lose-Situation. In Österreich erhoffen sie sich ein Leben in Freiheit und Frieden. Die Realität sieht aber oft nicht ganz so rosig aus.

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Auch wenn Österreich ein vergleichsweise sicheres Land für LGBTIQs ist, sind es nicht zuletzt bürokratische und menschliche Hürden, die Asylsuchende regelmäßig vor große Herausforderungen stellen. Eine Wartezeit von 15 Monaten auf das erste Interview für das Asylverfahren sei keine Seltenheit, erzählen mir Marty und Fedaa von der Queer Base. Dabei ist das Asylverfahren für Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Identität flüchten mussten, noch einmal belastender.

Eine der wichtigsten Unterstützer_innen von LGBTIQ-Asylwerber_innen in Österreich ist dabei das Projekt lares*homebase, welches wiederum Teil der Einrichtung LARES Wien ist, ein Wohnprojekt für Menschen in der Grundversorgung der Diakonie. Aktuell werden dort 59 Wohnplätze angeboten, die sich auf 12 Wohnungen und eine Wohngruppe in einem Haus aufteilen, erzählt mir Elisabeth Blankenhorn, Einrichtungsleiterin von LARES.

Sehr eng wird dabei auch mit der Queer Base zusammengearbeitet, die in der Türkis Rosa Lila Villa beheimatet ist. Queer Base wurde gegründet, um LGBTIQ-Flüchtlingen einen fairen Prozess zu ermöglichen. "Vor schon fast drei Jahren sind die Probleme für schwule, lesbische und transsexuelle Flüchtlinge in den Unterkünften immer schlimmer geworden", beschreibt Marty Huber den Zeitpunkt, an dem die Queer Base ihre Arbeit aufgenommen hat. Mit der Ermordung der Transsexuellen Hande Ö. Anfang 2015 wurde dann auch die Stadt Wien aktiv und unterstützte sie. Ingesamt wurden in der Queer Base bis dato rund 190 Personen aus 26 Ländern betreut.

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In der Villa treffe ich mich auch mit Fedaa, der vor knappen 2 Jahren aus Syrien, wo er Politikwissenschaften studierte, nach Österreich kam. Seine Mutter lebt nach wie vor in Syrien. Sie ist auch die Einzige, der er in seiner Heimat von seiner Homosexualität erzählte. Fedaa ist einer der wenigen, dessen Asylbescheid ziemlich rasch durchging. Er "hatte unglaubliches Glück", wie er selbst sagt. Mittlerweile arbeitet er bei Queer Base und hilft anderen Flüchtlingen, sich in Österreich zurechtzufinden. Der Syrer spricht von dem Projekt als "seine Familie", ohne der er es nicht geschafft hätte.

Während Geflüchtete in Grundversorgungseinrichtungen eigentlich Schutz finden sollten, zeichnet die Realität oft ein anderes Bild: In den Heimen treffen sie auf engstem Raum erst recht wieder auf ihre Verfolger_innen; jene Menschen, die sie oft erst zur Flucht bewegten. Die Situationen sind teils prekär. Auch Fedaa berichtet von Landsleuten, die ihn damals in Mödling schlugen. Er wurde daraufhin erst in ein Einzelzimmer und später nach Wien verlegt.

"Es wird gewissen Menschen aus gewissen Ländern einfach oft schon grundsätzlich nicht geglaubt. Die Rassismus-Komponente ist da noch immer riesig. Sobald der erste Schwarze in erster Instanz einen positiven Asylbescheid bekommt, schmeiß ich eine Party"

Offiziell könnten sie endlich offen zu ihrer sexuellen Identität stehen, sind aber in ihrer Blase erst recht wieder "back in the closet" wie mir Elisabeth Blankenhorn erzählt. Sie versuchen, so gut wie möglich unentdeckt zu bleiben, sich nicht zu outen. Gerade bei Transpersonen gestaltet sich das aber oft schwierig. Sie sind Mobbing, physischer Gewalt und sexuellen Übergriffen ausgesetzt.

Spätestens hier springt die Queer Base ein. Sie beantragen und organisieren unter anderem die Transfers von geflüchteten Queers aus den Bundesländern, LARES kümmert sich im Anschluss um die Zuweisung. Das funktioniert laut Blankenhorn relativ gut – auch wenn die Kommunikation mit manchen Bundesländern leichter ist als mit anderen.

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"Homosexualität ist kein Verlegungsgrund", heiße es dann. Die Isolation und somit auch die Gewalt in anderen Einrichtungen sei aber teils massiv. "Ich bin selbst in einem Dorf aufgewachsen, und wenn du dir denkst 'Ich bin die Einzige im Dorf' dann ist das einfach schon grundsätzlich nicht schön", sagt mir Marty dazu.

Angekommen in Wien, sind LGBTIQ Refugees aber weiter Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt. Es sei ein regelrechtes Lotteriespiel, dem "passenden" Asylreferenten zugewiesen zu werden. Auch wenn es in Österreich seit längerer Zeit möglich ist, unter dem Titel "Angehörige einer sozialen Gruppe" Asyl aufgrund von homo- beziehungsweise transfeindlicher Verfolgung zu beantragen, gibt es in Österreichs Ämtern wohl noch immer trans- und homophobe Beamt_innen, die sich querstellen. Sie haben nur wenig Verständnis für die Situation der Flüchtlinge, verlangen intime Beweise ihrer sexuellen Identität oder glauben ihnen schlicht nicht.

Marty Huber berichtet von Klienten, die laut Asylbescheid nicht "feminin genug waren, um als schwul zu gelten". Die Beamt_innen hätten da öfter eine sehr verquere Vorstellung davon, wie Homo- oder Transsexualität auszusehen hat. "Es wird gewissen Menschen aus gewissen Ländern einfach auch oft schon grundsätzlich nicht geglaubt", sagt Huber weiter. "Die Rassismus-Komponente ist da noch immer riesig. Sobald der erste Schwarze in erster Instanz einen positiven Asylbescheid bekommt, schmeiß ich eine Party. Traditionell wird Homosexualität immer noch als 'Fälschung' gesehen. Das reproduziert sich. Kommt jemand und behauptet, er würde aufgrund seiner Glaubensrichtung flüchten, würde keiner auf die Idee kommen, ihn als Lügner darstellen."

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Die Einrichtungsleiterin Elisabeth Blankenhorn berichtet Ähnliches. "Bei uns wohnen sogar Paare, die seit Jahren eine Beziehung pflegen und aktiv in der Szene sind – und trotzdem wird ihnen nicht geglaubt", sagt sie. "Das betrifft unter anderem Menschen aus Ländern wie Uganda, welche eindeutige Gesetzeslagen haben und kommt leider besonders oft bei Frauen vor."

Verzweifelte Asylsuchende würden deshalb sogar die Überlegungen anstellen, private Sexvideos anzufertigen, um sie später den Richtern zeigen zu können. Es würde massiv in ihre Intimsphäre eingegriffen, was zu erneuter Traumatisierung führe. Überhaupt sind solche "Beweise" nur schwer zu erbringen – gerade wenn man aus einem Land kommt, in dem Homosexualität vielleicht sogar unter Strafe steht. Für viele ist es aufgrund ihrer konservativen Erziehung auch nicht leicht, darüber zu reden.

Marty erzählt mir, dass ein weiteres Problem des Öfteren auch die Dolmetscher_innen darstellen. Manche von ihnen würden aufgrund ihrer Einstellung mutwillig falsch übersetzen, oder kennen teilweise schlicht nicht einmal den arabischen Ausdruck für "schwul" – oder lediglich als Schimpfwort, wie Fedaa anfügt. Es würde dann nachgefragt, ob sie das überhaupt sagen dürfen, sie haben Angst, die Asylwerber_innen zu denunzieren oder stigmatisieren; ihre Kultur ist fest verankert, sie schämen sich – und das, obwohl die Flüchtenden ja selbst ihre sexuelle Orientierung als Fluchtgrund angegeben.

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Es sei allerdings recht schwer, Asylreferent_innen oder Dolmetscher_innen einfach zu wechseln, meint Marty. Nachdem Asylwerber zum Teil außerdem 15 bis 20 Monate auf ein Interview warten müssen, wollen sie diese unter keinen Umständen abbrechen. "Manche steigen aus dem Interview mental dann völlig aus, da sie durch gewisse Aussagen getriggert werden. Wir versuchen, unsere Klient_innen im Vorfeld deswegen so gut wie möglich über ihre Rechte aufzuklären, sie auf das Interview vorzubereiten; sind sie alleine beim Termin, kann es aber durchaus schwierig sein", erklärt mir Marty Huber.

Auch Therapieplätze sind knappe Ware – schon grundsätzlich, aber bei doppelt traumatisierten Personen, die oft auch Gewalt innerhalb der Familie erfahren haben, noch mehr. Obwohl es zwar einige persische Ärzte gibt, sprechen nur wenige Somali oder Farsi. Zusätzlich sollte der Therapierende auch noch auf Geschlechtsidentität spezialisiert sein und sehr akzeptierend mit den Geflüchteten umgehen. Viele Refugees seien anfangs auch schlicht von der neuen Situation überwältigt. Sie glauben keine Therapie zu brauchen, sind froh, endlich auf einer "sicheren Insel" gelandet zu sein und genießen die neue Freiheit. Erst später kommen die traumatischen Erlebnisse wieder hoch.

"Da merkt man, wie wichtig wir sind. Der Erfolg ist, angenommen zu werden – auch von außen. Die Grundhaltung, zumindest in Wien, stimmt."

Überhaupt entpuppt sich die "sichere Insel" Österreich gesellschaftlich öfter als Bauchfleck: Das Biber berichtete beispielsweise in einem Artikel von einer homosexuellen Immigrantin, die sich stolz – und von der vermeintlich neu gewonnen Freiheit beflügelt – zeigte. Daraufhin wurde sie massiv angefeindet und bedroht. Sie kommt ursprünglich aus einem Land, einer Kultur, bei der auch Ehrenmord kein Fremdwort ist. Die "Juhu, ich bin jetzt im Westen – ich will alles, und zwar sofort"-Mentalität führt so leider auch in Österreich immer wieder zu großen Problemen.

Aber selbst in der Community ist man nicht vor Rassismus gefeit, wie mir Sam von der Türkis Rosa Lila Villa erzählt. Bei Partys komme es immer wieder zu rassistischen oder auch sexistischen und transphoben Vorfällen. "Noch haben wir es nicht geschafft, ein komplett geschützter Raum zu sein", sagt Sam. "Wir haben den Anspruch, dass sich Leute hier zurückziehen können, dem können wir noch immer nicht vollständig gerecht werden."

Hört man den vielen Freiwilligen zu, merkt man vor allem, wie viel Arbeit noch bevorsteht – und das, wo schon so unglaublich viel passiert und geleistet wurde. Hier werden täglich Leben verändert – zum Positiven. Ja, es ist viel zu tun, aber die Geflüchteten, die den Helfern Vertrauen schenken, in der Villa feiern und tanzen können, ohne Angst davor zu haben, verfolgt oder gehängt zu werden, sind ihr Erfolg. "Da merkt man, wie wichtig wir sind. Der Erfolg ist, angenommen zu werden – auch von außen. Die Grundhaltung, zumindest in Wien, stimmt", beschließt Marty unser Gespräch. Am 9. Juni bekommen sie für ihre Leistungen Österreichs renommiertesten Menschenrechtspreis, den Bruno Kreisky Menschenrechtspreis verliehen. Zurecht.

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Nähere Infos findet ihr hier und hier.

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