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Im Hotel mit Snoop Dogg, auf der Bühne mit Eminem – Diese Fotos sind so groß wie HipHop selbst

"Die Wohnung war voller Kakerlaken" – Der Hamburger Fotograf Pascal Kerouche kommt überall rein, ob bei Snoop Dogg, Kanye West oder Dr. Dre. Seine Fotos und Geschichten dazu sind atemberaubend.

von Noisey Staff
08 März 2017, 3:19pm

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Pascal Kerouche

Pascal Kerouche ist Fotograf. Er ist aber nicht einfach nur Fotograf. Der Hamburger kommt überall hin, er kommt überall rein, ist mit gefühlt jedem Rapper UND dessen Kumpels und Kumeplinen auf Du. Auch mit den ganz Großen aus den USA – weil Kerouche dort gelebt und gearbeitet hat, weil er sich mit der Welt seiner Motive auseinandergesetzt und sie studiert hat, wie er im Interview mit Red Bull Music erklärt. So ganz sicher sei er sich aber selbst nicht, weshalb genau er nun das Vertrauen eines Snoop Dogg (!) und weiterer Künstler dieses Kalibers genießt.

Zu Pascal Kerouches neuem, umfangreichen Bildband "Snapshot Stories" heißt es: "Ein junger Kerl, der mit nichts als 70 Dollar und seinem Idealismus in die USA fliegt, um seiner Neugierde zu folgen. Er wollte fotografieren, seine Umgebung aufsaugen und wie es dann der Zufall (genauer: viele Zufälle) so wollten, saß er irgendwann in dem Hotelzimmer von Snoop Dogg. Von da an zog er mit Underdogs, Hip-Hop-Größen und weltbekannten Musikern durch die Lande und gewährt uns mit seinem intensiven Momentaufnahmen Einblick in eine spannende, eigenwillige Welt." 

Die Fotos, die dabei entstanden sind, sind nicht weniger als magisch. Sie saugen uns ein und nehmen uns mit – ins Herz und ganz nah an den Puls von HipHop. Und darüber hinaus. Für Noisey hat Pascal eine Auswahl seiner Lieblingsmotive zusammengestellt. Wo und unter welchen Umständen die Aufnahmen entstanden, erzählt er euch in seinen eigenen Worten. Viel Spaß!


Syience x Bronx

Unser Wohnzimmer. Reggie Perry Jr. war ein weiterer Mitbewohner von mir. Das Keyboard im Hintergrund war so kaputt, dass es mit einem Schraubenzieher angeschaltet werden musste. Wenn man versehentlich ausschaltete, das ging leichter, dauerte es 20 Minuten bis es wieder funktionierte. Reggie kam ursprünglich aus Flint, Michigan und hatte ebenfalls den Traum ein erfolgreicher Produzent zu werden. New York sei die Stadt schlechthin für ihn gewesen, deshalb war er hergekommen. Er produziert unter dem Namen Syience.

Manchmal saß er tagelang da, spielte Keyboard und sang vor sich hin.

Syience x Bronx II 


Das Schlafzimmer. Die meiste Zeit schlief man aber auf dem Boden. Jeder schlief halt da, wo Platz war. Es gab keine festen Betten. Die Wohnung war voller Kakerlaken, dass wenn man gegen den Kühlschrank trat, sie von allen Seiten zu Hunderten herausgerannt kamen. Man gewöhnte sich erstaunlicherweise daran. Manchmal, wenn man auf dem Boden schlafend aufwachte, saß neben einem eine Kakerlake. Da sie sich durch die Eier vermehren, wenn man sie zerquetscht, drehte man sie auf den Rücken, wodurch sie verhungerten. Danach drehte man sich selber um und schlief weiter.

Auf dem Bild sind Syience und eine Freundin, Denise Weeks. Denise ist Sängerin und hat ewige Jahre in den Subways von New York gesungen. Jahre später nahm sie an der amerikanischen TV-Show American Idol teil und kam dort in eine der Endrunden. Heute lebt sie teils in New York, teils in Los Angeles und spielt aktuell erfolgreich in einem Musical auf dem Broadway.

Syience  war zu dem Zeitpunkt so was von absolut pleite, dass er kein Geld für irgendetwas hatte, und ich anfing mein Geld für Essen mit ihm zu teilen. Außerdem versorgte ich ihn mit sauberen Socken, weil er es sich nicht leisten konnte, Wäsche so wie es in NY üblich ist im Waschsalon zu waschen. 

Syience x Studio

Ein Jahr später. Ich war gerade in Deutschland, als mich Syience anrief, worauf wir eine längere Unterhaltung hatten. Nach einer Weile fragte ich ihn, woher er das Geld für das teure Telefonat hatte und er antwortete, dass er gerade einen Song für Jay Z produziert hat und jetzt Millionär ist. Ich konnte es zuerst nicht glauben. Aber als ich wieder in New York war, holte er mich tatsächlich mit einem repräsentativen, neuen schwarzen BMW vom Flughafen ab. Danach fuhren wir ins Tonstudio. Er arbeitete jetzt in den großen Studios, welche in der ganzen Stadt verteilt waren. Syience hat mittlerweile mehrere Grammys gewonnen und erfolgreich mit Künstlern wie Rihanna, Beyoncé, J. Cole und anderen mehr gearbeitet. 

Bleu Davinci von Black Mafia Family im Studio

BMF  waren dafür bekannt, dass sie den größten Teil ihres Geldes mit dem Handel von Kokain verdienten und die Musik nur dafür nutzten, um dieses Geld zu waschen. Bleu kriegte irgendwie mit, dass es diesen „deutschen Jungen" gibt, der alle in der Stadt fotografiert und auch ein bisschen was kann. Also suchten seine Leute mich auf und brachten mich zu ihm ins Studio. 

Nun war ich also im Studio, mit Bleu Davinci und seinen 20 Kollegen um mich herum. Bleu saß in seinem Stuhl an einem Tisch und meinte zu mir, dass er Fotos braucht, aber nur $200 hat und ob ich welche von ihm machen könnte. Ich nahm in meiner Dummheit, die mich immer sehr weit brachte mein Telefon (ein Aufklapphandy von Motorola), fotografierte ihn und sagte „Das wären $200." Der komplette Raum wurde relativ ruhig, bis einer seiner Freunde anfing zu lachen. Bleu fand das nicht so witzig, stand auf, griff an seinen Hosenbund und legte eine Waffe auf den Tisch. Er blickte mich an und fragte, ob ich das ernst meine. Daraufhin ist dieses Foto entstanden. Ich hab ihm gesagt, dass ich es umsonst mache, er hat mir dennoch $500 dafür gegeben. 

Manhattan, New York

Wir gingen auf einem Hinterhof zum Kiffen. Sechs von den Jungs sind heute mittlerweile verstorben. 

Snoop x Lil Kim

Ich habe ein unglaubliches Talent darin, mich an Orte zu schleichen und mich überall durch zu quatschen. Ob Flughäfen, Clubs oder Konzerträume, das ist eigentlich egal und kann sonst was sein. Als in NY die MTV Video Music Awards 2006 stattfanden, gab es am Vortag überall Pre-Partys. Wie zum Beispiel die Party von Lil Kim, die gerade erst aus dem Knast kam und eine solche geschmissen hat.

Ich stehe hin und wieder zu nah an irgendwelchen Absperrbändchen und im richtigen Moment springe ich auch mal drüber. Das habe ich da nicht viel anders gemacht und mich so auf die Party geschmuggelt. Ich war der Einzige mit Kamera in dem Club. Snoop Dogg war auch da. Das ist das erste Bild, dass ich je von Snoop Dogg geschossen habe. 

Snoop x Hotel

Die Pre-Party nahm ihren Lauf und irgendwie mochten er und die ganze Crew mich, sodass ich den ganzen Abend über mitgenommen wurde. Irgendwann landeten alle bei Snoop Dogg im Hotel. Dort ging die Party noch bis 4 Uhr morgens weiter. Als ich dann realisierte, dass ich für meinen Heimweg noch 45 Minuten lang in die Bronx fahren muss, wollte ich mich langsam mal verdrücken. Snoop rief mich an der Tür zurück und schaute sich alle meine Bilder an. Er meinte, ich soll am nächsten Morgen um 10 Uhr wiederkommen. Das tat ich auch. Von da an hingen wir drei Tage am Stück zusammen rum. Ohne jeglichen Kontakt auszutauschen, flog er wieder zurück nach Los Angeles und ich blieb in New York.

Ein paar Monate später kam Snoop Dogg für eine Listening Session zum neuen Album wieder nach New York. Ich flog passenderweise am selben Tag nach Deutschland, aber einer von meinen Mitbewohnern, Ray Lynch, hatte eine Webseite über Musik und wurde zu der Veröffentlichung eingeladen. Ich druckte die Bilder von Lil Kim und Snoop aus, schrieb meinen Kontakt auf die Rückseite und drückte sie Ray in die Hand. Später bekam ich eine Email, „if you ever in L.A. feel free to come by the studio" von Snoop Dogg persönlich. Nice. 

Snoop Dogg x Studio

Im Winter 2006 war ich dann wirklich zufällig einen Tag lang in Los Angeles. Bevor ich weiter musste, besuchte ich Snoop im Studio. Dabei sagte er zu mir, wenn ich bleiben will, kann ich bleiben. Also cancelte ich meinen Rückflug und blieb eben in L.A.. Mein erster Job war für ihn ein Mixtape-Cover für „The Big Squeeze" zu designen.

Er fragte mich wie viel ich dafür haben will und ich hatte keine Ahnung; es war Snoop Dogg ... Nix! In New York nahm ich normalerweise von Underground-Künstlern $150 bis $200 für so etwas. Er griff in seine Tasche und warf mir ein Bündel Scheine zu.

Es waren $5.000. Dazu sagte er, dass er gerade nicht mehr da hat und ich die andere Hälfte morgen kriege. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt war mein Entschluss getroffen, dass ich bleibe. 

Kanye West x Vegas

Ich war für die MTV Video Music Awards in Las Vegas, um sie für MTV zu dokumentieren. Der ganze Trip ging schon komisch los und begann damit, dass ich in New York meinen Flug verpasste und es für den ganzen restlichen Tag keinen anderen Flug mehr gab. Ich musste also umbuchen – und da alle Flüge so gut wie ausgebucht waren, waren die Preise entsprechend. Alles, was ich bei dem Job verdient habe, ging komplett für den Flug drauf.

Die Hotels in Las Vegas sind so groß, dass sie neben den eigentlichen Hotelzimmern in der Regel noch ein riesiges Kasino und mehrere eigene Nachtclubs haben. 50 Cent spielte eine Show in einem dieser Clubs, wohin ich eigentlich auch wollte. Dank meines fabelhaften Orientierungssinns verlief ich mich natürlich, um dann aber doch noch zu dem richtigen Club zu finden. Dachte ich zumindest. Es war zwar das richtige Hotel, aber der falsche Club und es spielte an dem Abend dort nicht 50 Cent, sondern Kanye West. Was ich Backstage schnell feststellte, indem ich fragte ob Kanye auch da ist, um 50 zu sehen. Nach dem peinlichen Moment fragte Kanye, ob ich Bock habe seine Show zu fotografieren, wenn ich eh schon einmal da bin. 

Beats by Dre Party

2014 war ich wieder für ein paar Tage in L.A.. Klug wie ich bin, bin ich genau während der Grammy Woche zurück nach Deutschland geflogen. In dieser Woche, in der eigentlich jeder in der Stadt ist und massenweise Parties stattfinden, fliege ich natürlich weg. Fail. Mein Flug ging am Samstag, und die ersten Pre-Grammy Parties fanden am Freitag statt. Was heißt, dass ich die Chance hatte wenigstens eine Party mitzunehmen. Da es in dieser Nacht hunderte von Parties in L.A. gibt, ist die Wahl oft nicht einfach, aber Dr. Dre hatte mich zu seiner Beats Music Party eingeladen, wie konnte man da nein sagen?

Ich bin super spät zu der Party gekommen, und es kam niemand mehr rein. Einlassstop. Super, die Türen waren dicht. Ich hatte zwar schon mein Bändchen und alles, aber die Kapazität des Gebäudes wurde einfach schon vor Stunden erreicht. Irgendwie hab ich es hingekriegt nach ganz vorne in die Schlange zu kommen, aber es waren immer noch sechs Securities direkt vor mir, die alle damit beschäftigt waren, Leute vom reinkommen abzuhalten. Im Minutentakt kam irgendjemand bei ihnen an und versuchte sich reinzureden. Normalerweise bin ich sehr, sehr gut bei sowas, aber was soll man schon sagen? Sie sagen doch schon zu jedem nein. Währenddessen drängelte ich mich bis an die Wand zum äußersten Punkt, und wartete. Sobald die Security in einer Diskussion verwickelt war, machte ich eine geschmeidige Drehung. Ein kleiner Sprung über das Absperband, eine schnelle, gefakte Konversation mit nem Typen den ich vorher noch nie gesehen hatte, und ... Ich war drin!

Bester Move ever, beste Entscheidung ever. Sobald ich ankam, bin ich aus Zufall sofort Crooked I begegnet. Als ich mich umdrehte und weiter wollte, stand dort auf einmal Drake. Ich machte kurz ein Foto von ihm mit Crooked I und drängelte mich dann zur Bühne durch. Bone Thugs-N-Harmony waren grade fertig mir ihrer Performance.


"Snapshot Stories" von Pascal Kerouche könnt ihr ab sofort unter pascalkerouche.com bestellen. 

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