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Amsterdams legendärste Nachtclubs

Zur Feier des ADE haben wir uns die Geschichten der legendärsten Amsterdamer Clubs erzählen lassen—von ihren Resident-DJs.
15.10.14
Foto: Marco Okhuizen

Diese Woche startet das Amsterdam Dance Event. Bevor wir uns aber ins Getümmel stürzen, werden wir hier einen Blick auf die bunte Geschichte des Amsterdamer Nachtlebens werfen. Seit den späten 80er Jahren spielt die holländische Metropole einen wichtigen Part in der Welt elektronischer Musik und beherbergt einige der besten DJs, Producer und Clubs überhaupt. Das Nachtleben hier hat den Ruf, eins der besten und spannendsten in ganz Europa zu sein. Wir haben die legendärsten Wahrzeichen der Nacht rausgesucht und die jeweiligen Residents darum gebeten, ihre persönlichen Geschichten mit uns zu teilen.

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**iT **

Foto: Marco Okhuizen

Direkt am Rembrandtplein—da, wo jetzt das AIR steht—befand sich früher einmal die einflussreichste Schwulendisco ganz Europas. Das iT war einer von Hollands berühmt-berüchtigten House-Clubs und in vielerlei Hinsicht ein wilder und bunter Laden.

 DJ Jean (iT Resident): ‚Am Anfang gab es in Amsterdam nur zwei Clubs, in denen du regelmäßig House hören konntest: das RoXY und das iT. Die ersten Male, die ich im iT gespielt habe, war der Laden komplett leer. Bis auf die Betreiber war niemand da—Manfred Langer und seine Freunde, die sich auf der Tanzfläche Trips einfuhren. Mit der Zeit aber startete der Laden durch und das iT wurde zum „place to be". In den 90ern herrschte eine sehr offene Atmosphäre ... alles schien möglich zu sein. Die Anwesenheit der ganzen Transvestiten und Transsexuellen sorgte immer wieder für amüsante Situationen. Als sich in Holland die Gerüchte über die Ausschweifungen im iT verbreiteten und die ganzen Leute von außerhalb anfingen, dort hinzugehen, konntest du oft beobachten, wie sich jemand an ein vermeintlich heißes Babe ranmachte—nur um dann später rauszufinden, dass der hieße Feger, mit dem er die ganze Nacht rumgemacht hatte, eigentlich ein Typ war.'

‚Als DJ wurde von mir nicht nur erwartet, für die entsprechende Musik zu sorgen, sondern auch die Stimmung im weitesten Sinne des Wortes zu lenken. Wenn Manfred an den schwulen Nächten die Atmosphäre zu abgestanden fand, sagte er immer: „Es ist Zeit für etwas gezelligheid." Das war mein Stichwort dafür, hochzuklettern und die Nebelmaschine mit Poppers zu füllen. Wie du dir vielleicht denken kannst, ist der ganze Laden dann durchgedreht. So eine Aktion ist in der heutigen Clubszene einfach unvorstellbar.'

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RoXY

Foto: Dennis Bouman

Einen Steinwurf von den Munttoren entfernt befand sich früher einmal die Wiege der niederländischen Elektroszene, wie wir sie heute kennen. Innerhalb seines zwölfjährigen Bestehens übte das RoXY einen Einfluss aus, der auch heute noch in der Clubszene zu spüren ist. Es ist auch der Ort, an dem Isis ihre DJ-Karriere begann.

 Isis: ‚Das RoXY war ein großartiger Ort. Es hat seitdem nichts Vergleichbares mehr gegeben. Es ist einfach unglaublich, wie viel Arbeit man damals darin investiert hat, eine einzigartige Stimmung zu erschaffen. Jede Woche gab es dort die besten DJs zu hören, begleitet von großartigen Performances und Kunstwerken. Der Club war im wahrsten Sinne des Wortes multi-disziplinär. Er war avant la lettre—also seiner Zeit voraus.'

‚Es war außerdem der einzige Ort in Amsterdam, an dem du dich als Frau frei bewegen konntest, ohne belästigt zu werden. Es gab eine sehr strikte Türpolitik, aber innendrin fühlte man sich unglaublich sicher und frei. Man konnte einfach so sein, wie man war—Schwule, Fashionistas, Alternative, egal wer. Auch an nackten Menschen störte sich niemand.'

‚Der eine DJ, der das RoXY für mich von allen anderen Clubs unterschied, war Dimitri. Damals galt er als einer der besten DJs der Welt und diesen Ruf hatte er sich auch wirklich verdient. Er war auch derjenige, der mir zu einem Openingslot verhalf, der dann auch den Anfang meines Status als Resident bedeuten sollte. Die folgenden Jahre sollen dann mit die besten meines Lebens werden.'

‚Als das RoXY dann 1999 niederbrannte, hatte es bereits Einiges seiner Magie verloren. Das Feuer war ein großes Drama für die niederländische House-Szene, aber in meinen Augen war es das theatralische Ende, das sich der Gründer Peter Gielen (RIP) immer gewünscht hatte.'

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Melkweg

Foto: Per

Der Melkweg an der Lijnbaansgracht ist einer von Amsterdams ältesten Veranstaltungsorten. Es war auch das erste Konzerthaus, das House dauerhaft in sein Programm aufnahm. Die Person, der das zu verdanken ist, ist DJ Per. Als Resident der Samstagnacht hatte er den Melkweg auf der Karte anspruchsvoller Partygänger platziert.

 ‚Als ich anfing, experimentellere Musikstile wie HipHop bei meinen regelmäßigen Samstagnachtsets im Melkweg einzuführen, waren die Gäste nicht gerade begeistert. Der Widerstand gegen diese unbekannten Sounds war sogar so heftig, dass die Stammgäste eine Umfrage starteten, um mich feuern zu lassen. Zum Glück unterstützen die Booker mich aber und das Publikum gewöhnte sich langsam an meinen Geschmack.'

‚In den späten 80ern fing ich an, größtenteils New Beat und Acid House zu spielen. Der einzige andere Ort, an dem man so etwas hören konnte, war das RoXY, das eine sehr strenge Türpolitik verfolgte. Der Melkweg hingegen war eine subventionierte Konzerthalle, die das nicht hatte, also landete jeder, der gerne House hörte, aber nicht zur innerstädtischen Elite gehörte, auf meiner Party.'

‚Wie du dir wahrscheinlich denken kannst, lief alles komplett aus dem Ruder als die House-Geschichte 88/89 explodierte. Anstatt mich vom DJ-Pult verbannen zu wollen, standen da plötzlich 400 durchgeknallte Housefans auf der Tanzfläche und riefen ‚Per, Per, Per!', bevor die letzte Band des Konzertabends überhaupt fertiggespielt hatte. Der Melkweg war außerdem der erste Laden in Amsterdam, in dem jeder, also auch die Clubber aus der Arbeiterschicht, härtere House-Spielarten hören konnten. Tatsächlich war es der Ort, an dem das Wort Gabber (Amsterdamer Straßenslang für Kumpel) zum ersten Mal mit Hardcore in Verbindung gebracht worden war.'

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Paradiso

Foto: Ali Mousavi

Das Paradiso, nicht weit vom Leidseplein entfernt, wird auch der Poptempel genannt. In den letzten vierzig Jahren hat jede größere Band in dieser umgebauten Kirche gespielt. Gert van Veen von Quazar war der erste, der hier nach seiner legendären Debütperformance von 1991 eine regelmäßige House-Nacht veranstaltete.

‚Es kamen unglaublich viele Leute vorbei, das Paradiso war komplett ausverkauft und die Menge drehte durch. Ich werde nie wieder den Zauber dieser Nacht vergessen. Als dann morgens um fünf die Lichter angingen und alle vor die Tür mussten, kam irgendein Typ mit seinem Auto vor den Laden gefahren und drehte seine Lautsprecher auf. Hunderte Menschen tanzten einfach direkt am Leidseplein weiter. Die ganze Geschichte zog sogar die Aufmerksamkeit des berühmten holländischen Chansonsängers Ramses Shaffy auf sich. Total besoffen feierte er noch zwei Stunden mit uns weiter.'

‚Das war eine sehr wichtige Nacht für mich. Dank Atmosphere organisierten wir die erste Welcome To The Future Party im Paradiso und brachten dem holländischen Publikum auf diese Art Künstler wie Underworld näher.'

Gert van Veen ist inzwischen der künstlerische Leiter von Studio 80 und dem renommierten Welcome To The Future Festival. Er produziert und spielt auch weiterhin mit seiner Band Quazar. Im Paradiso gibt mit Voltt und Earth weiterhin regelmäßige Elektropartys.

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Elementenstraat

Irgendwo in der Nähe des Hafens—es wurde gerade erst als The Warehouse wiedereröffnet—befand sich eine von Hollands berühmtesten Hardcore-Locations. Multivgrooves Elementenstraat Warehouse war kein offizieller Club, sollte sich aber als essenziell für die Entwicklung von Hollands härteren Tanzstilen erweisen. Nach anderthalb Jahren führte die Polizei dort eine brutale Razzia durch—es war die Nacht, in der Resident Dano zufälligerweise krank war.

 ‚Multigroove war eine großartige Organisation, um sich auszutoben. Sie kamen immer mit den verrücktesten illegalen Locations an, die man sich vorstellen kann. Sie suchten einfach leerstehende Lagerhallen und besetzten sie. Genau das gleiche war auch mit dem Focus Hangar in der Elementenstraat passiert, der dann für anderthalb Jahre zur Bühne für einige der verrücktesten Partys wurde, die ich je erlebt habe.'

‚Der Ort war einfach großartig, weil es so viel Platz zum Experimentieren gab. Du konntest selbst einen langsamen Track auflegen, der im Mittelteil dann extrem schnell wurde, und die Leute drehten durch. Elementenstraat war der erste Ort, an dem einige von uns anfingen, House im dritten Gang zu spielen, und so den Weg für das ebneten, was später als Hardcore und Terror bekannt werden sollte.'

‚Natürlich wurde dort viel mit Drogen gedealt, weswegen die Polizei dachte, dass wir irgendeine kriminelle Organisation seien. Sie hatten eine große Undercover-Ermittlung mit dem Namen ‚Ponytail' gestartet (weil die meisten Multigroove-Typen lange Haare hatten). Die eine Nacht, als ich krank war und Flamman und Abraxas [Fierce Ruling Diva] darum bat, für mich einzuspringen, wurde der Laden von 200 Spezialeinheiten auseinandergenommen. Selbst die DJs wurden verhaftet und man stülpte ihnen Säcke über die Köpfe ... Alles nur weil sie ein bisschen Spaß hatten.'

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Mazzo

Foto: Huybert van der Stadt

Bis zu seiner Schließung 2004 galt das Mazzo an der Rozengracht als ältester Club Amsterdams. Angefangen hatte es als die Art von Laden, in der man Bandmitgliedern von Depeche Mode, The Cure und U2 über den Weg lief, entwickelte sich dann aber in den 90ern in die Richtungen ‚rau' und ‚Techno'. Bart Skils hat den Club in besonderer Erinnerung—wie auch seine Türsteher.

‚Das Mazzo war viele Jahre lang ein großartiger Club. Von seinen Anfangstagen an, als dort Public Enemy und andere auftraten, hatte er einen Ruf als der wichtigste Undergroundclub Amsterdams. Als ich dann in den 90er Jahren anfing, selber auszugehen, war das Mazzo der Ort für Techno. Später organisierte ich dann jeden Donnerstag dort meine eigene Veranstaltung mit dem Namen Voltt.'

‚An irgendeinem Punkt dann—das muss 2002 gewesen sein—entschied sich das Mazzo dafür, Techno dranzugeben, weil sie dachten, dass Black-Music ihnen ein besseres Publikum bescheren würde. Das war in meinen Augen der Anfang vom Ende. Innerhalb einer Woche wurde der Wechsel vollzogen, aber nicht bevor wir noch eine letzte, legendäre Party schmissen.'

‚Am Morgen kam dann ein müder und gereizter Türsteher rein, um die Musik auszumachen. Er schob einfach die Nadel unachtsam von der Platte, wusste aber nicht, dass der Mixer mit einer Samplefunktion ausgestattet war. Als die Musik nicht aufhörte zu spielen, drehte er komplett durch und fing an, die Leute zu verprügeln. Ja, das Mazzo war ein komischer Ort. Die Türsteher waren wirklich schlimm, aber auch so furchteinflößend, dass nicht mal das Management sich mit ihnen anlegen wollte.'

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Gashouder

Foto: Dennis Bouman

Der Gashouder war für Amsterdams Partyszene unglaublich wichtig. Ursprünglich im 19. Jahrhundert als Gasspeicher gebaut, schreit jeder Winkel dieser gigantischen, runden Struktur Techno. Bekannt wurde der Ort als Partylocation Ende der 90er Jahre, als das erste Awakenings hier abgehalten wurde. Seitdem hat das große Gebäude einige denkwürdige Technopartys miterlebt und Eric de Man kann sich an eine ganz besonders erinnern.

‚Der Gashouder hat dieses Feeling eines gigantischen Raves. Irgendwie schaffst du es immer, da drin total verloren zu gehen, obwohl das Gebäude eigentlich einen perfekten Kreis darstellt. In den späten 90ern gab es bestimmte Stellen, an denen die Klangwellen von der Wand abprallten und um dich herum diese matschige Kakophonie aus Beats und Drumsounds erschufen. Dann ging die Nebelmaschine los, psshhhhht! Wenn du dann fest davon überzeugt warst, dich und deine ganzen Freunde verloren zu haben, standen sie plötzlich wieder alle direkt neben dir.'

‚Der Gashouder ist eine der wichtigsten Locations für Techno auf der ganzen Welt. Wenn du irgendwas in dieser Richtung machst, dann kommt es einer Krönung gleich, dort zu spielen. Ich erinnere mich noch an die Nacht, in der ich das Closing nach Jeff Mills spielen musste. Er hatte sich Monitorlautsprecher hinstellen lassen, die locker einen ganzen Club beschallt hätten. Der Sound war so laut, dass es fast schon furchteinflößend war. Die Menge war aber unglaublich energetisch—das waren die meisten Raver damals.'

‚Es ist aber schon etwas lustig, dass das eine Bild, das mir von dem Auftritt am besten in Erinnerung geblieben ist, das war, wie 5000 Menschen total durchdrehen, aber dieser eine Typ in der ersten Reihe mit einem neongrünen Shirt einfach nur dasteht und auf die Uhr guckt. Wahrscheinlich dachte er sich: „Meine Güte, wie lang geht das noch?!"'

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_Foto: Merlijn Hoek _

Als das 11 seine Pforten öffnete hatte Amsterdams Nachtleben eine Erfrischung bitternötig. Das Restaurant bindestrich Club im elften Stock des alten Postgebäudes bediente eine neue Generation von Musikern und Clubgängern. Es war der Ort, an dem der holländische Minimal seine Blüten treiben sollte, es war aber auch die Heimat der Electrosounds eines Joost van Bellen.

 ‚11 war der erste Club in Amsterdam, der mit wenig Aufwand in einem industriellen Nachkriegsgebäude etabliert worden war. Davor mussten Clubs immer schön sein. Im 11 wurde der größte Teil einfach so belassen, wie er war, und das gab dem Club einen fast schon berlinesquen, industriellen Anstrich. Die meisten Menschen damals dachten, dass es mit dem Nachtleben jetzt vorbei war, nachdem das RoXY, iT und Mazzo geschlossen worden waren, aber das 11 belehrte sie eines Besseren.'

‚Das, was mir von unseren monatlichen Rauw-Nächten am besten in Erinnerung geblieben ist, war die Synergie aus Musik, den großflächigen Visuals, dem Blick auf die Stadt und der Stimmung der Leute. Das heruntergekommene Ambiente des 11 war das perfekte Setting für Bands wie Whitey, die Rock'n'Roll mit elektronischer Musik verbanden. Am großartigsten war es aber als DJ's Are Not Rockstars spielten und ein riesiges Gewitter dafür sorgte, dass im Laden alle Sicherungen rausflogen. Das einzige, was noch funktionierte, war das Soundsystem, also spielten die DJs einfach weiter und weiter. Die Blitze draußen lieferten dann die beste Lightshow, die man sich vorstellen kann.'

‚Ja, es war ein großartiger Ort, aber die Zeiten haben sich geändert. Die Bush-Regierung und der Irakkrieg förderten eine bestimmte Form von Unruhe. Die Krisen von heute aber erfordern mehr Wärme—kein Stagediving mehr, sondern Gruppenumarmungen und menschliche Pyramiden!'

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