Ein Jahr später ist von dem Sensationsfund nicht viel übrig geblieben. Beim Besuch des Leipziger Gerichtsverfahrens gegen den hauptbeschuldigten Chlorephedrin-Händler wird schnell klar, dass nur noch 20 Kilo des Grundstoffs eine Rolle spielen. Alle weiteren Vorwürfe, insbesondere die Beschaffung von 4,1 Tonnen Chlorephedrin durch den Pharmahändler aus Leipzig, haben sich in Luft aufgelöst. Wir haben uns die Hintergründe des Verfahrens genauer angeschaut, mit Strafverteidigern gesprochen und die Prozesse in Leipzig besucht, um herauszufinden, wie das passieren konnte.Während das Grundstoffüberwachungsgesetz den Umgang mit typischen Crystal-Grundstoffen wie Ephedrin oder Pseudoephedrin in Deutschland streng reglementiert, ist Chlorephedrin nach wie vor frei verkäuflich. Tschechischen Drogenköchen und deutschen Dealern muss aufgefallen sein, dass sich diese Substanz zur Produktion hochwertigen Methamphetamins eignet.Der Plan war clever. Peter-Philipp F. (33) bestellte 4,1 Tonnen des Crystal-Grundstoffs und täuschte die Vernichtung der Chemikalien in der Hamburger Müllverbrennungsanlage vor.
Durch diese Schornsteine am Hamburger Hafen hätte der Crystal-Grundstoff laut der fingierten Entsorgung verpufft sein können. Bild: Imago/Westend61
In Leipzig observierten die Ermittler mehrere Chlorephedrin-Übergaben. Allerdings verrannten sie sich in dem Gedanken, der Umgang mit der Chemikalie sei an sich bereits strafbar, da der einzige bekannte Verwendungszweck, dem Chlorephedrin diente, die Produktion von Methamphetamin sei. An dieser Stelle machten die Kriminalisten die Rechnung ohne die sächsische Justiz. Das Landgericht kassierte in mehreren Eröffnungsbeschlüssen einen Teil der Vorwürfe. Das Dresdner Oberlandesgericht bestätigte die Rechtsauffassung. Mit anderen Worten: Das klandestine Transportieren mehrerer Kilo Chlorephedrin fällt in Deutschland nicht unter Strafe.Das Ende von Shiny Flakes: Aufstieg und Fall eines 20-jährigen Online-Dealers aus Leipzig
Der Hauptangeklagte Peter-Philipp F. beim Prozesauftakt am 23.06.2015 in Leipzig. Kurze Zeit nach diesem Foto kann er das Gericht zunächst auf freiem Fuß verlassen. Bild: Martin Schöler
Grigori A. hatte am 25. September 2014 bei den in Tschechien lebenden Vietnamesen Huan Huong D. und Minh Duc T. vier Kilogramm Crystal geordert. Als Gegenleistung vereinbarten die Männer die Übergabe von 20 Kilo Chlorephedrin. Das Geschäft platzte, weil der tschechische Drogenkurier am 1. Oktober auf der A9 in eine Kontrolle geriet, festgenommen und vor Gericht gestellt wurde. Anhand chemischer Analysen ließ sich feststellen, dass das beschlagnahmte Crystal aus jener Charge Chlorephedrin hergestellt wurde, die Peter-Philipp F. in der Schweiz bestellt hatte.Bis das SEK kommt: Die erste Festnahme eines deutschen Deepweb-Waffenhändlers?
Das Verfahren sorgte für mächtig Zündstoff zwischen einzelnen Richtern und der Leipziger Staatsanwaltschaft. Der Prozess gegen Peter-Philipp F. und Saur S. war im vergangenen Juni nach nur einem Sitzungstag schon wieder beendet. Eigentlich waren 18 Verhandlungstage anberaumt gewesen. Doch die Verteidiger hatten noch vor Verlesung des Anklagesatzes mit einem Aussetzungsantrag Erfolg.Der Prozess gegen Peter-Philipp F. und Saur S. war nach nur einem Sitzungstag schon wieder beendet.
Auf einem Parkplatz vor der Red Bull Arena in Leipzig wurde der VW Golf mit 20 Kilogramm Chlorephedrin abgestellt. Bild: STAR-MEDIA/Imago