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Anti-Atom-Quallen legen Kraftwerk lahm

Der größte Siedewasserreaktor der Welt fährt nach einer von Quallenschwärmen erzwungenen mehrtägigen Betriebspause gerade erst wieder hoch.
2.10.13
Bild: flickr | Gerry Thomasen | Lizenz: CC BY 2.0  

Eines der größten Kernkraftwerke der Welt musst gestern aufgrund einer Ohrenquallen-Invasion abgeschaltet werden. Was sich wie eine Science-Fiction Geschichte oder der Traum eines jeden Anti-AKW-Aktivisten anhört, kommt in Wirklichkeit durchaus häufig vor. Atomkraftwerke in Kalifornien, England, Japan und Isreal wurden schon von marodierenden Quallen befallen. Und was der Juchtenkäfer für Stuttgart 21, oder die Kammmolche für die Streckenführung einer hessischen Autobahn sind, demonstrieren Quallen nun eben für die atomare Energieversorgung mit ihren schleimigen aber wirksamen Blockadeaktionen.

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Aber wie kann eine der gefürchtesten und gleichzeitig weitentwickeltesten menschlichen Methoden der Energieproduktion einfach so von einer Horde eigenartiger Meeresbewohnern aufgehalten werden? Ganz einfach: Die Quallen verstopfen die Kaltwasserzufuhr der Kraftwerke.

Die Oskarshamn Anlage bei Stockholm, welche alleine ein Zehntel des schwedischen Energiebedarfs deckt, besteht aus drei Reaktoren. Zur Kühlung des größten Siedewasserreaktors weltweit mit einer Leistung von 1400 Megawatt werden große Mengen Wasser in die Anlage gepumpt. Der Kühlbedarf dieser Reaktortechnologie, die z.B. auch in Fukushima genutzt wird, ist auch der Grund ist, warum soviel Atomkraftwerke an der Küste gebaut werden. Dies führt aber auch dazu, dass die Rohre, die das Seewasser aufnehmen, anfällig für das unbeabsichtige Aufsaugen von Meeresbewohner sind. Und an dieser Stelle kommen die Quallen ins Spiel: Wenn eine Horde Quallen zu nah an die Aufnahmeapparaturen driften, dann kann es schnell passieren dass die Ansaugmechanismen und Rohre verstopfen und der Durchfluss von ausreichendem Kühlwasser unterbrochen wird.

Genau die daraus resultierende Gefahr einer Kernschmelze, bestand auch im israelischen Hadera im Juli 2011 als Schwarm um Schwarm das dortige Kernkraftwerk attackierte.

Über drei Tage brauchten die Mitarbeiter der Anlage um das System wieder Rund laufen zu lassen. Dazu mussten sie 100 Tonnen Quallen entfernen.

Noch im selben Moment verursachte damals ein Quallenschwarm das Herunterfahren beider Reaktoren einer schottischen Atomanlage.

Und im Jahr 2012 verstopften die noch kleineren quallen-ähnliche Salpidae die Wasserzufuhr des Kernkraftwerks im kalifornischen San Luis Obispo, und sorgten auch hier für das Herunterfahren des gesamten Komplexes.

Damals berichtete die San Luis Tribune, dass aufkommende Südwinde, die die Salpidaen in das Wasseraufnahmesystem gespült hätten, für das Ereignis verantwortlich seien: "Die Beitreiber der Anlage beobachteten Unterschiede beim Wasserdruck beim Ansaugsystem, was darauf hindeutet, dass Salpidaen die rotierende Ansaugsiebe verstopfen."

Das selbe ereignete sich in der Zwischenzeit auch bei einer japanischen Atomanlage, und wird höchstwahrscheinlich auch in Zukunft noch häufiger vorkommen. Laut Steve Haddock, vom Monterrey Bay Aquarium Research Institute sind Kraftwerke von quallenbedingten Ausfällen mindestens seit 1937 betroffen, als es eine australische Analge traf: "Nur wenn es einen wirklich großen Zufluss von Quallen gibt, dann überfluten sie die Leitungsrinnen", sagte Steve gegenüber Live Science und erklärte auch, dass die Anlagen bereits mit Filtern ausgestattet sind gegen die Schwarmattacken der Meeresbewohner.

Auch wenn Quallen nun nicht gerade „die neueste Gefahr für Atomkraftwerke" sind, so stellen sie doch eine ersthafte technologische Herausforderung dar. Außerdem demonstrierten sie schon lange vor jeder Gorleben-Aktion eine fabelhaft folgenreiche Blockade-Strategie.