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Fünf Reisetipps: Hier sollten die historisch interessierten Putin-Biker als Nächstes einfallen

Geheimtipps für die nächste historisch inspirierte Bildungsreise.
16.4.15
​Bild: imago

Um dem Vorwurf der Verweiblichung vorzubeugen und den Kontakt zu entscheidungsfreudigen Zielgruppen im jungen Volk nicht zu verlieren, pflegt der russische Präsident Putin gern den engen freundschaftlichen Kontakt zu seiner persönlichen Fanboy-Bikergang mit dem sexy Namen „Die Nachtwölfe".

Das muss man sich ungefähr so vorstellen, als hätte Franz-Josef Strauß eine eigene Mofagang gehabt, die brav seine Außenpolitik beklatscht und bei jeder Gelegenheit bereit ist, in seinem Namen ein Ehrenwürstchen zu essen—gern auch im Ausland.

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Nun will der mysteriöse russische Bikerclub einen kleinen Bildungsausflug machen, und in Berlin einfallen, äh, einfahren natürlich. Die Route, die sie von Russland aus nehmen, zeichnet nicht zufällig die Truppenbewegungen der Roten Armee im 2. Weltkrieg nach. Am 25. April soll es in Moskau losgehen, es folgen: Minsk – Brest – Breslau – Brno —Bratislava – Wien – München – Prag – Torgau – Berlin-Karlshorst, bevor die Botschafter am 9. Mai (in der offiziellen russischen Sprachregelung der „Tag des Sieges über den Faschismus") ihren Urlaub mit einer Runde um das Sowjetische Ehrenmal in Treptow ausklingen lassen wollen.

Die Route des Motorradclubs. Bild: ​vkontakte.ru/Moto Rezervation

Besagte Bildungsreise (auf BMW-Motorrädern) erfolgt natürlich streng im Sinne der Geschichtsaufarbeitung. Es geht um nichts weniger als die Ehrerweisung der ruhmreichen Roten Armee. Ewa Kapos, die polnische Regierungschefin, bezeichnet die Siegesfahrt dagegen als „Provokation". Auch einige Behördenmitarbeiter in Deutschland wollen diesen wunderbar antifaschistischen Roadtrip auf den Spuren der Roten Armee nun zumindest in Berlin ​verhindern und prüfen, wie sie Mitgliedern des Motorradclubs die Einreise oder die Genehmigung zur Sternfahrt verweigern können.

Aber Vorsicht, diese Entscheidung sollte wirklich nicht überhastet getroffen werden—wer weiß schon, welche Show wir verpassen könnten! Die Jubiläumsfeier, die die Nachtwölfe 2014 anlässlich des 70. Jahrestags des russischen Sieges in Stalingrad organisierten, ist nun wirklich post-sowjetisches Entertainment vom Feinsten:

200.000 Live-Zuschauern klappte vor lauter Patriotismus die Kinnlade herunter angesichts dieses Spektakels irgendwo zwischen Wacken Open Air, dem dramaturgischen Höhepunkt eines Andrew Lloyd Webber-Musicals und choreographiertem Kriegskitsch, in dem die Organisationen zwischen knapp bekleideten Geigerinnen, Zaren, etwas Pferdeakrobatik, in Sowjetflaggen gehüllten Trapezkünstlern und vielen, vielen Panzern mal eben den glorreich erfochtenen Sieg im Zweiten Weltkrieg als martialisches Metal-Revuetheater auf der Bühne nachstellten.

Kriegsverherrlichend? Ach was. Nach diesem Spektakel sind wir restlos überzeugt, dass die Nachtwölfe nur in einer Mission unterwegs sind: Der historisch korrekten Aufarbeitung der Geschichte. Und gerade weil den Männern in Schwarz so viel an Aufklärung und Gedenken an den „großen vaterländischen Krieg" (offizielle Moskauer Sprachregelung) gelegen ist, haben wir für sie ein paar weitere Reisetipps abseits der Spurrillen und ausgetretenen Pfade zusammengestellt. Hier sind unsere Sightseeingtipps für den politischen interessierten Biker:

Das Perm-36 Gulag-Museum

Bild: imago​​

Ein echter Geheimtipp! Die Nachtwölfe sollten sich glücklich schätzen, die einzigartige Ausstellung über den stalinistischen Terror anschauen zu dürfen. Denn die Gedenkstätte—geleitet und eröffnet von einer NGO—ist nicht nur das einzige Museum, das an die Millionen Opfer der sowjetischen Arbeits- und (Um)Erziehungslager direkt auf dem Gelände eines Gulag erinnert–sie existiert auch bald nicht mehr: Wer braucht schon ein öffentlich zugängliches Museum für die systematischen Abscheulichkeiten, die im Namen des Sozialismus an der eigenen Bevölkerung begangen wurden? So dachte auch der gütige Staat und ließ die Verhandlungen über die Öffnung mit den gemeinnützigen Betreibern elegant gegen die Wand fahren. Irgendwo muss man ja auch sparen!

In jedem Fall ist das ehemalige Gefängnislager im Uralgebirge einen Besuch wert—auch wenn mittlerweile die vielen Portraits und Hinweise auf den bei vielen Russen magischerweise rehabilitierten „Helden" Stalin von lokalen Beamten weggeräumt wurden. Man will dem Besucher ja nicht zu viel zumuten. (Selbstverständlich ist der Umschwung in der Ausrichtung kein politisch motivierter Move, sondern „die Schuld der Betreiber"). Und so ist das Lager mittlerweile eher ein informatives, sachliches Museum über ein Lagersystem als eine Gedenkstätte für ein Arbeitslager.

Die Killing Fields in Kambodscha

Erstklassiges Motorradwetter erwartet die geschichtsbewussten Zweiradfahrer in der Tropenluft Kambodschas und entschädigt für die weite Anreise. Dort wurde in den 1970er Jahren auf Äckern am Rande der Hauptstadt Phnom Penh ein gutes Viertel der kambodschanischen Bevölkerung hingerichtet. Grund: Die kommunistische Regierung rund um Pol Pot wollte das Land in einen reinen, ursprünglichen Bauernstaat verwandeln, in dem jeder Bürger mit Brille sich schon der Intellektualität verdächtig machte und damit zum unnützen Staatsfeind degradiert wurde. Besonders empfehlenswert ist die Stupa.

Der Fernsehturm in Vilnius

Bild: Wikimedia Commons

Er mag unspektakulär erscheinen, doch der Fernsehturm in der litauischen Hauptstadt war Zeuge einer interessanten Wendung der Geschichte, die spannenderweise auch sowjetische Panzer einschließt: Am 13. Januar 1991 versuchten die Rotarmisten einen Putsch, weil ihnen das Land zunehmend zu entgleiten drohte.

Im Rahmen der Singenden Revolution versuchten die Bürger von Vilnius daraufhin friedlich, den Fernsehturm gegen die einrollenden Panzer der Roten Armee zu verteidigen. Dafür bildeten sie eine Menschenkette rund um den Turm und sangen verbotene Lieder in ihrer verbotenen Landessprache. Die Strafe für diesen Ungehorsam folgte auf dem Fuße: Die Panzer überrollten die Menschen kurzerhand und 14 Zivilisten starben. Der Tag ging als „Vilniuser Blutsonntag" in die Geschichte ein. Wer ist hier der Stärkere?

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Bis heute sind die Litauer deshalb nicht ganz so wahnsinnig gut auf die Zeit unter der Knute der Sowjetunion zu sprechen.

Katyn in Polen

Bild: Wikimedia Commons

Einen kleinen Schlenker über einen reizvollen Waldweg abseits der ausgetretenen Pfade braucht es, um über einen kurzen Umweg vom Nachtwölfe-Tourstopp Breslau den Schauplatzes des Massakers von Katyn zu besichtigen, das in einem verwunschenen Wald liegt.

Dort wurden binnen sechs Wochen 4.400 polnische Offiziere vom sowjetischen Volkskommissariats für innere Angelegenheiten (NKWD) ermordet, alles auf Befehl von Stalins Politbüro, die in mehreren Dokumenten das Todesurteil für Zehntausende beschlossen: „Die individuellen Urteilsgründe – erspitzelte, ungeprüfte und unprüfbare Aussagen, aus denen auf unverbesserliche, gefährliche sowjetfeindliche Einstellung gefolgert wurde – wurden der Troika nachträglich vorgelegt.", schreibt die Wikipedia lapidar. Ein Muss auf jeder Polenreise und Siegestour im Namen der Weltkriegsverherrlichung. Ist euch egal? Hey, selbst Vladimir Putin himself war schon mal da!

Prag

Bild: Wikimedia Commons

Prag ist immer eine Reise wert, ganz besonders im Frühling und für Interessenten in Sachen Sozialismus und Widerstand gegen ein totalitäres Regime. Damit ist die Zielgruppe bereits exzellent gewählt.

Schließlich ist keine Europareise komplett ohne eine Besichtigung des Schauplatzes der größten europäischen Militäroperation seit 1945: Eine halbe Million Soldaten des Warschauer Pakts marschierten und rollten im August 1968 in der ehemaligen Tschechoslowakei ein, um den Studenten und Oppositionellen ihre Flausen von einem „menschlichen Antlitz des Sozialismus" auszutreiben. Die Prager reagierten mit kreativen Ideen zum zivilen Ungehorsam und demontierten oder übermalten Schilder im Land, um die Invasion zu verlangsamen. Doch auch hier bleiben die Truppen der UdSSR am Ende noch eine ganze Weile siegreich gegen die „konterrevolutionären Kräfte".

Bonus: Katzhütte

Bild: Wikimedia Commons

Die Hamburger Morgenpost machte sich die Mühe, mal bei deutschen Bikerclubs nachzufragen, was sie denn so von dem hohen Besuch hielten. Und die meisten reagierten sehr entspannt—vielleicht wissen die Hell's Angels und andere Clubmitglieder ja um das deutsche Franchise der legendären Nachtwölfe:

Über drei Jahre lang hatte sich nämlich der Motorradclub Night Wolves im thüringischen Katzhütte dem russischen Motorradclub angeschlossen, bevor man 2007 wieder getrennte Wege fuhr: „Die mussten ständig nach Russland fahren, um an irgendwelchen Ehrenhainen Kränze für die ruhmreiche Sowjetarmee abzulegen - das hat sie dann irgendwann doch genervt", erklärt ein „Szenekenner" der MoPo.

Vom Kränzeniederlegen hat möglicherweise nach Tausenden Kilometern durch Europa auch die Reisegruppe der Nachtwölfe die Schnauze voll. In diesem Fall empfehlen wir von ganzem Herzen den gänzlich unpolitischen Schulterschluss mit Wodka und Doppelkorn bei einem kleinen Abstecher zu den geistigen Brüdern im zauberhaften Thüringen. Und bei den Katzhütter Touristenmagneten wie dem Heimatmuseum, dem Goldwaschplatz und dem Geo-Lehrpfad kommt sicher keine Langeweile auf, die die nächstbeste Weltkriegsverherrlichung seltsame Blüten treiben ließe.