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Wissenschaftlich betrachtet: Die unangenehmsten Arten zu sterben

Was ist wohl schlimmer, Verbluten, Ertrinken oder Verbrennen? Wissenschaftler meinen, es gibt Todesarten, die noch viel, viel schlimmer sind.
20 Oktober 2014, 10:10am
Mosaik zeigt eine Köpfung
Ein tunesisches Mosaik aus Zeiten der Römer. Bild: Dennis Jarvis/Flickr | CC BY-2.0

Sterben hat sich in unserer Gesellschaft zu einem nur allzu gerne verdrängten Tabuthema entwickelt. Das ändert jedoch nichts daran, dass der Sensenmann sich einen Dreck um unsere Ignoranz schert und mit seiner knochigen Hand bei jedem früher oder später an die Tür klopft. Es lohnt sich also, einmal darüber nachzudenken, welche Todesart wir ob ihrer Schrecklichkeit doch lieber vermeiden sollten.

Diejenigen unter uns mit einem Faible für's Morbide haben vielleicht schon mal über diese Frage reüssiert. Vielleicht bereitet dir Ertrinken ganz besonderes Unbehagen oder die unschöne Methode, lebendig verbrannt zu werden. Denken wir über den Tod nach, dann oft darüber, wie er uns unter höchst eigenartigen Umständen ereilen könnte. Als sei er ein ein längst überholtes Relikt aus einer unberechenbaren Zeit, bevor Ärzte etwas über Keime herausfanden. Sterben ist meistens nur dann ein Thema, wenn die Oma beginnt, ihre eigene Beerdigung zu planen oder in lustiger Runde mit ein bisschen schwarzem Humor und ein paar Drinks. Danach geht's weiter mit dem Leben wie gehabt.

Doch die Tode, die unsere Albträume bevölkern, haben gemeinsame Charakteristika. Und obwohl die Wissenschaft noch weit entfernt ist von einem Konsens, können wir uns einige wissenschaftlich fundierte Perspektiven zusammenpuzzlen, zwischen den Zeilen lesen und die Frage nach der „allerschrecklichsten Todesart" beantworten. Die Antwort, die ich gefunden habe, ist allerdings nicht leicht zu ertragen.

Bevor es jedoch ans Eingemachte geht, sollten wir erstmal definieren, was „Todesarten" überhaupt bedeutet.

Wenn ein Mensch gestorben ist, füllt der Arzt einen Totenschein aus. Auf diesem Schein stehen unter anderem die Ursache, die Klassifikation und die Todesart. Diese harmlos klingenden Abschnitte können ziemlich unappetitlich sein und ich beschränke mich hier auf die Todesursache.

„Die Todesursache ist die Krankheit oder Verletzung, die einen körperlichen Zusammenbruch hervorruft, der im Tod endet wie zum Beispiel eine Schusswunde in der Brust", erklärt Kevin Henderson, Totengräber aus Ontario im Bundesstaat New York. Diese Ursachen lösen unsere tiefsitzenden Ängste aus. Es gibt dabei einen Unterschied zwischen der Angst vorm Ertrinken, der Furcht vor dem Sauerstoffentzug, dem inhalierten Wasser und der Tatsache, dass du nicht schwimmen kannst.

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Eugène Delacroix. 1798-1863. Paris. La mort d'Ophélie. 1838. Neue Pinakothek München. Bild: Wikimedia | Gemeinfrei

Der Gedanke an eine Todesursache erschüttert uns Menschen oft, da wir einen bestimmten Schmerz antizipieren. Schmerz wird generell als „unangenehmes Gefühl" im Körper definiert, ist in der Empfindung jedoch subjektiv und kann je nach Kontext abgemildert oder verschärft werden.

„Bei der Schmerzempfindung ist der Kontext sehr wichtig", erzählt Randy Curtis, Leiter des Zentrums für Palliativmedizin an der Uniklinik Washington. „Geburten sind ein gutes Beispiel dafür. Das ist ein ziemlich schlimmer Schmerz, aber die Frau weiß, es wird vorübergehen. Sie weiß, wieso sie diesen Schmerz empfindet und es ist aufregend. In diesem Kontext können Menschen ein viel höheres Schmerzlevel tolerieren als zum Beispiel bei Schmerzen, die von Krebs ausgelöst werden. Denn hier herrscht der Gedanke vor, dass die Krankheit deine Lebensspanne verkürzen und immer schlimmer werden wird."

Obwohl Schmerz sehr subjektiv ist, kann er objektiv kategorisiert werden. Das hilft Ärzten bei der Entscheidung für die Behandlung. Sie untersuchen, wie lange du schon unter den Schmerzen leidest: akut (kurzfristig) oder chronisch (langfristig). Beides kann schrecklich sein, so Curtis. Schmerz fühlt sich allerdings auch je nach Ursprung unterschiedlich an. Nozizeptiver oder somatischer Schmerz ist das Gefühl deiner Nerven als direkte Folge einer Verletzung, wohingegen neuropathischer Schmerz keinen erkennbaren Ursprung hat und Schmerz aufgrund von Alkoholismus, Phantomschmerzen oder Multipler Sklerose einschließen kann.

Nur wenige Menschen nutzten die Macht des Schmerzes so gründlich aus wie die frühen modernen Inquisitoren, die das erschaffen haben, was wir heute im Allgemeinen als „mittelalterliche Folterstrafen" bezeichnen. Diese schrecklichen Peinigungen verbreiteten sich um 1520—nach der Reformation in Westeuropa—relativ schnell, erklärt Larissa Tracy, Professorin für mittelalterliche Literatur an der Longwood-Universität in Farmville, Virginia.

Nehmen wir zum Beispiel das Hängen, die üblichste Todesstrafe im Spätmittelalter. „Das war keine besonders ausgefeilte Methode, um jemanden zu töten. Man zog den Kriminellen hoch, damit er erstickte, was sechs bis zehn Minuten dauern konnte", so Tracy. Folterstrafen wurden sehr selten angewandt und das auch nur bei den übelsten Kriminellen wie Verrätern und Mördern. Gemeinsam war ihnen jedoch die Brutalität und der nur langsam eintretende, erlösende Tod.

Andere furchterregende Methoden, darunter ausgeweidet und gevierteilt zu werden, waren für die schlimmsten Verbrecher im frühen modernen England reserviert. Dabei wurde eine Person erst einmal bis zum herannahenden Tod gehängt, dann heruntergeschnitten und anschließend kastriert. Im Anschluss daran rissen die Henker seine Eingeweide mit einem heißen Schürhaken, der in den Unterbauch des Verurteilten gestochen wurde, vor dessen Augen heraus. Schließlich wurde der Bösewicht geköpft und, als wenn das noch nicht reichen würde, in vier Stücke gehackt, die zum guten Schluss prominent auf Pfählen zur Schau gestellt wurden. Manche Überlieferungen sprechen auch vom Auseinanderreißen des Körpers durch vier Pferde, aber laut Tracy sei die Beweislage dafür eher dünn.

Eine weitere ganz besonders fiese Strafe war, über dem Rad gebrochen zu werden. Auch diese Methode war reserviert für die schlimmsten Kriminellen in Europa sowie revoltierende Sklaven in den USA. Der Verurteilte wurde an ein großes, hölzernes Rad gebunden und geschlagen, bis alle seine Knochen brachen. Einigen Berichten zufolge siechten die Opfer noch bis zu drei Tagen in diesem Zustand vor sich hin.

Eine Köpfung mit einer Guillotine

Das Köpfen war oft dem Adel vorbehalten, da es schnell und im Vergleich nahezu schmerzlos erfolgte. Bild: Wikimedia | Public Domain

So mittelalterlich und schrecklich die Methoden auch sind, laut Tracy setzen wir heutzutage noch viel häufiger Todesstrafen ein und unsere Methoden sind auch alles andere als gnädig. Studien haben bewiesen, dass der tödliche Giftcocktail in den Todesspritzen vermutlich nicht den betäubenden Effekt hat, den er haben soll. Die Verbesserung gegenüber dem elektrischen Stuhl ist also eher fraglich.

„Dabei werden tausende Volt durch einen menschlichen Körper gejagt, die Gehirne beginnen zu kochen, manchmal züngeln Flammen durch die Haut", erzählt Tracy und schüttelt sich. „Und während des ganzen Vorgangs sind die Verurteilten bei vollem Bewusstsein."

Obwohl diese Methoden extrem schmerzhaft sind, dauern sie (normalerweise) nur ein paar Minuten. Der Durchschnittsamerikaner stirbt heute eher an einer Krankheit und leidet dran wesentlich länger. Die häufigsten Todesursachen sind Herzleiden und Krebs, die zusammen für 63 Prozent aller Tode in den USA verantwortlich sind. Menschen, die an diesen oder anderen Krankheiten leiden, leben zwar länger als ihre Vorfahren, doch diese letzten Lebensabschnitte ziehen sich oft schmerzhaft in die Länge.

„Wir tun so, als würden wir alle über Nacht an einem Herzinfarkt sterben, aber so ist es nicht."

„Die Leute denken, sie wüßten genau, wann ihre letzte Stunde schlägt. Doch die meisten von uns nähern sich ganz schleichend ihrem Lebensende", sagt Joanne Lynn, eine Ärztin und Palliativspezialistin. „Wir tun so, als würden wir alle über Nacht an einem Herzinfarkt sterben, aber so ist es nicht."

Wenn sich unsere Zeit dem Ende zuneigt, müssen plötzlich viele Menschen ihre Angst vor dem Sterben ausleben. „Verfall ist bitter, deswegen fürchten Menschen den Verlust umso mehr", sagt Lynn. „Sie fürchten sich vor dem Leiden, vor physischer und psychischer Isolation. Sie haben Angst vor Kontrollverlust, vor dem Verarmen. Und natürlich steckt dahinter letztlich die Angst vor der Nonexistenz, die Furcht vor dem Totsein."

Es ist nicht unüblich, mit all diesen Ängsten gleichzeitig kämpfen zu müssen. Menschen, die es bis ins hohe Alter von 85 oder 90 Jahren schaffen, empfinden diese Angst als weniger lähmend, denn viele ihrer Freunde haben diesen Planeten vermutlich schon vor ihnen verlassen. Der Tod ist für sie daher häufig „erschütternd, aber nicht unerwartet", fügt Lynn hinzu.

Die schlechte Nachricht lautet also, dass der Tod heutzutage eher herausgezögert wird und dadurch ziemlich beängstigend wirkt. Die gute Nachricht ist, dass unser Schmerzmanagement viel besser ist als im Mittelalter. Je nach Schmerzquelle und Belastung können dich die Ärzte mit allen möglichen Heilmethoden behandeln, von Non-Steroiden wie Tylenol bis zu Opioiden wie Morphin. Hier spielt wieder das individuelle Schmerzempfinden die größte Rolle.

„Der erste Schritt vor jeder Behandlung ist die Ursachenforschung. Wenn wir wissen, wo der Schmerz sitzt, gibt es vielleicht auch etwas, was wir dagegen tun können.", sagt Dr. Curtis aus Washington. Krebsmetastasen, die den Knochen anfressen, können beispielsweise einen besonders schlimmen Schmerz auslösen.

„Manche Krebsarten sind sehr empfänglich für Strahlung, das lindert das Leiden ungemein", so Curtis. „Andere wiederum sind nicht strahlungsempfindlich. Wenn die Ärzte zu viel bestrahlen, kann es somit zu Komplikationen wie Verbrennungen und Verletzungen kommen, die dann noch mehr schmerzen."

Ein Krankenhausbett

Hier werden wir wahrscheinlich sterben. Bild: Dan Cox/Flickr | CC BY-2.0

Schmerz, fügt Curtis an, ist nur eins von vielen Symptomen, die einen Patienten am Ende des Lebens traumatisieren können. „Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, Depression, Angstzustände und Kurzatmigkeit—das alles kann enorm schwächend und erschreckend sein", so der Arzt. Das deutet allerdings noch auf etwas anderes hin, auf die Mutter aller Ängste: Die Angst, dass niemand die eigene Angst versteht, sodass man gezwungen ist, sie allein zu durchleiden.

Ärzte sind aufgrund ihrer Arbeitserfahrung oft ein wenig besser darin, dies zu artikulieren. „Ich habe Angst vor großen Schmerzen und gleichzeitig auch davor, keinen Zugriff zu einem Arzt zu haben, der mich ernst nimmt und effektiv behandeln kann", erklärt Curtis.

Lynn fürchtet sich ebenfalls vor unzureichender Behandlung. „Ich hätte gern ein System, auf das ich mich verlassen kann. Das vertrauenserweckend ist, in dem jeder Involvierte weiß, wie er auf meine Bedürfnisse reagieren kann und ehrlich über meine Aussichten urteilt", sagte sie.

Nach all den Gesprächen mit Experten scheint es, dass die wissenschaftlich gesehen schlimmste Art zu sterben die ist, die den meisten von uns bevor steht: Auf einem Krankenhausbett nach langer Krankheit. Vielleicht spüren wir dann das nahende Ende, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht umgeben uns Ärzte, die unsere Schmerzen behandeln können. Oder Familienangehörige, die deine Wünsche respektieren. Aber das wissen wir alles nicht.

Doch nicht alles ist schwarz und weiß. Ob eine Person als verurteilter Krimineller mit einem Schürhaken ausgeweidet wird oder eine Durchschnittsperson vom Krebs, es bestimmt immer noch der psychische Zustand, wie schlimm „schlimm" wirklich ist. Forscher werden sicherlich noch raffiniertere Methoden zur Schmerzbehandlung und zum Verständnis von Schmerz und Tod entwickeln. Doch unsere Psyche hat unendlich viele Gesichter—und jeder einzelne von uns hat es zu großen Teilen in der Hand, deren Zustand zu kontrollieren.