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Warum haben so viele Männer rote Bärte, obwohl sie keine roten Haare haben?

Was haben Dirk Nowitzki, Pierre Vogel, Xabi Alonso und Kai Diekmann gemeinsam?

von Adriaan Schiphorst
04 August 2015, 5:00am

Was haben Kai Diekmann und Pierre Vogel gemeinsam? Bilder: imago

Als mein Bruder sich eines Tages einen Bart wachsen ließ, durfte ich Zeuge eines mir bis dato vollkommen neuen Naturphänomens werden: Sein Leben lang waren seine tiefschwarzen Haare mir eine Gewißheit, doch nun spross in seinem Gesicht ein Schnurrbart in einem üppigen Rotton. Ich begann, unser Verwandtschaftsverhältnis anzuzweifeln. Wie konnte das sein? Sollte er vielleicht gar nicht mein leiblicher Bruder sein? Was ist überhaupt los mit all den Männern, die rote Bärte, aber keine roten Haare haben, die mir nun überall ins Auge stachen? Sollte es eine geheime, genetische Gemeinsamkeit von Dirk Nowitzki, Pierre Vogel, Kai Diekmann, Xabi Alonso und Thomas Gottschalk geben?

Ich entschied mich, das Mysterium zu entschlüsseln—mit ein wenig Hilfe des renommierten und angenehm service-orientierten Erfocentrum, dem niederländischen Informationszentrum für Gen- und Erbforschung.

Aus genetischer Sicht ist die Frage, ob ein Mensch rote, blonde oder braune Haare hat, eine äußerst komplexe Angelegenheit. „Die Gene, die über die Haarfarbe entscheiden, werden durch die sogenannte unvollständige Dominanz vererbt", erklärte mir Petra Haak-Bloem, die als Spezialistin in dem niederländischen Erfocentrum arbeitet. Das bedeutet, dass es kein einzelnes Gen gibt, das die anderen Gene dominiert, sondern dass mehrere Gene innerhalb eines intermediären Erbgangs im Zusammenspiel den Phänotypen bestimmen.

Eine noch ungewöhnlichere genetische Anlage: Diese Menschen haben seltene Krankheiten, die ihnen Superkräfte verleihen

Dieselben Gene können sich also in jedem Erbgang unterschiedlich ausprägen, was wiederum viele unterschiedliche Möglichkeiten für die Entwicklung einer Haarfarbe bedeutet. Eines dieser Szenarien heißt auch, dass sich die Farbe deiner Kopfbehaarung von der Farbe der Achsel- und Schambehaarung und des Bartes unterscheiden kann.

„Die Menschen erben ihre Haarfarbe nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von ihren Großeltern und noch älteren Vorfahren. Es ist also absolut möglich, dass die Haarfarbe eines entfernten Urahnen durch eine bestimmte Genkombination nach vielen Jahrzehnten wieder zum Vorschein kommt—für die Eltern kann das ziemlich überraschend sein", erläutert Haak-Bloem weiter.

Wie kommt es jedoch zum abweichenden Rot mancher Männerbärte? Die Farbe eines Haares wird von der Menge des Pigments Melanin in einem Haar bestimmt. In deiner DNA ist nicht nur eingeschrieben, welche Art von Pigmenten du mit dir herumträgst, sondern auch in welcher Menge. „Bei Menschen mit weißer Hautfarbe beispielsweise ergibt sich die Haarfarbe aus zwei Formen von Melanin: Eumelanin (schwarze Pigmente) und Phäomelanin (rote Pigmente). Dunkelhaarige Menschen haben oft nur Eumelanin in ihren Haaren, während blonde Haare schlicht eine extrem geringe Menge Eumelanin aufweisen. Die Haarzellen von Rothaarigen wiederum weisen fast ausschließlich Phäomelanine auf", erklärt Haak-Bloem.

Xabi, wie zur Hölle funktioniert das? Bild: imago

„Vor über einem Jahrzehnt entdeckten Forscher, dass ein spezifisches Gen (namentlich MC1R) auf dem 16. Chromosom eine bedeutende Rolle bei Rothaarigen spielt. Die Aufgabe von MC1R ist die Produktion des Proteins Melanocortin 1. Das Protein spielt eine wichtige Rolle in der Umwandlung von Phäomelanin in Eumelanin", führt Haak-Bloem weiter aus. „Wenn also jemand zwei Mutationen des MC1R-Gens erbt, dann wird weniger Phänomelanin in Eumelanin verwandelt. Das Phäomelanin sammelt sich in den Pigmentzellen und die Person hat am Ende rote Haare und helle Haut."

Die Kombination aus rotem Bart und anderer Haarfarbe ist das Ergebnis derselben Mutation des MC1R-Gens. Wenn du dabei nun nur ein mutiertes MC1R-Gen erbst, kann es sein, dass rotes Haar an überraschenden Stellen deines Körpers sprießt.

Sogar die Expertin Haak-Bloem war sich nicht vollkommen sicher, wie der Mechanismus hinter dieser phänotypischen Ausprägung genau funktioniert. Die Überraschung eines roten Bartes ist noch nie mit tödlichen Krankheiten in Verbindung gebracht worden—was wiederum bedeutet, dass das Phänomen auf der Prioritätenliste der Wissenschaftler ziemlich weit unten steht.

Ein Blick in die Genetik zeigt jedoch, dass es biologisch durchaus möglich ist, Geschwister zu haben, deren Bartwuchs rot ist, obwohl niemand in der näheren Verwandtschaft rote Haare aufweist. Fest steht nur, dass alle die mit diesem speziellen genetischen Phänomen gesegnet sind, sich nicht dagegen wehren können—tragt eure roten Bärte also besser mit Stolz.

Dieser Artikel ist zuerst bei Motherboard Niederlande erschienen.