Im Profifußball gibt es keine Echte Liebe
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Borussia Dortmund

Im Profifußball gibt es keine Echte Liebe

Die Nachricht von Klopps Vertragsauflösung traf die BVB-Fans ins Mark. Doch sein Abgang ist auch eine Chance, sich endlich neu zu erfinden. Endlich zu akzeptieren, dass es so etwas wie echte Liebe im Fußball nicht gibt.

Die Nachricht schlug ein. Die sozialen Netzwerke sind vollgespamt. Alle Medien ausgerastet. Zig Anrufe in Abwesenheiten. Auf Whatsapp will jeder die Kunde als erstes mitteilen. Bei allen schwarz-gelben Fans herrscht hingegen große Tristesse. Jürgen Klopp will nicht bei Borussia Dortmund bleiben. Er wird den Verein am Ende der Saison verlassen. Die BVB-Fans kennen dieses Gefühl. Es war wie damals bei Mario Götze. Der Bayern-Fan-Kumpel schreibt dir, dass es „Echte Liebe" wohl doch nicht gibt.

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Doch es gibt sie—bei den Fans. Sie leben die „Echte Liebe". Vor zehn Jahren konnte die Insolvenz des Vereins knapp abgewendet werden. Danach dümpelte die Borussia im unteren Mittelfeld der Bundesliga herum. Kovac und Wörns verteidigten, Kruska und Kringe spielten im Mittelfeld, Valdez und Klimowicz stürmten. Der große BVB riss nichts mehr. Die Fans blieben ihrer Liebe treu und sorgten trotzdem bei Heimspielen für Europas größte Zuschauerkulisse. Trotz schlechtem Fußball und Tabellenplatz kamen mehr als 70 000 Fans Woche für Woche ins Stadion.

Im Jahr 2008 kam dann Jürgen Klopp. Er tauschte die halbe Mannschaft aus und die Jugend durfte ran. Fortan verteidigte das kongeniale Duo Hummels und Subotic. Sahin, Großkreutz, Götze und Co. drängten in die erste Mannschaft. Lewandowski, Kagawa und Barrios wurden günstig gekauft und schlugen ein—wenn auch manchmal erst im zweiten Jahr. Zwei Meisterschaften und ein Pokalsieg konnten eingefahren werden, danach schossen sie unter anderem Real Madrid ab und spielten sich bis ins Champions-League Finale. Der BVB war wieder jemand. Die Südtribüne und „Echte Liebe" wurden als yellow wall und „true love" überall in Europa bekannt. Alle feierten den erfrischenden Pressing-Fußball von Borussia Dortmund. Und jeder feierte Jürgen Klopp. Wenn man von der Wiederauferstehung Borussia Dortmunds redet, spricht man auch immer von Jürgen Klopp.

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Doch seitdem hat sich für Verein und Trainer wenig getan. Die „Echte Liebe" wurde für Klopp und den BVB zum Problem. Als der Verein zwischenzeitlich auf dem letzten Tabellenplatz stand, gab es nur vereinzelt Pfiffe. Der Verein sprach Klopp eine Jobgarantie aus. Niemand kam auf die Idee den Trainer in Frage zu stellen. Der Großteil der Fans feierte Trainer und Mannschaft weiterhin frenetisch. Auf Schalke oder bei Bayern München undenkbar. Bei Borussia Dortmund wissen sie, wo sie herkommen. Echte Liebe eben. Doch das ist Quatsch. Im Profifußball gibt es keine Echte Liebe.

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Echte Liebe ist ein Slogan. Er trifft auf die Fans zu. Sie geben dem Verein, der Mannschaft und dem Trainer die unendliche Liebe. Doch die können sie nicht zurückzahlen. Der Verein ist ein börsennotiertes Unternehmen und muss seinen Anlegern Rechenschaft zollen. Spieler und Trainer sind Angestellte—keine Fans. Sie brauchen keine Liebe, sondern wollen Erfolg und Geld. So wie das beruflich bei uns allen ist. Ein Marco Reus hat seinen Vertrag nicht wegen echter Liebe verlängert. Er kann sich bei der Borussia bestmöglich entwickeln und hat obendrein eine dicke Gehaltserhöhung bekommen. Ein Shinji Kagawa ist nicht aus echter Liebe zurück zum BVB gekommen. Hier hat er ein Umfeld, das er kennt und ihm Spielpraxis gibt.

Im Profifußball geht es um Sieg oder Niederlage und um Meisterschaften, internationale Wettbewerbe und Abstiegsplätze. Vor allem geht es aber um Geld. Bei all der Liebe zu Mats Hummels würde der BVB bei einem Angebot über 50 Millionen schwach werden. Das ist normal. Ebenso wie der Austausch eines Trainers, wenn es mal schlecht läuft. Doch bei Borussia Dortmund haben Fans und Verantwortliche viel zu lange schwerverliebt in die gute alte erfolgreiche Zeit geschaut, ohne in die Zukunft zu schauen. Das wird dem Verein jetzt zum Verhängnis.

Jürgen Klopp bemerkte letztes Jahr schon, dass sich das Spiel von Borussia Dortmund verändern muss. Er bat auch letztes Jahr schon um Auflösung seines Vertrags. Aki Watzke und Michael Zorc überredeten ihn zum Verbleib—trotz eines unmoralischen Millionen-Angebots aus England. Der riskante und schnelle Pressing-Spielstil, der auf Konter ausgelegt ist, funktionierte nicht mehr so gut, weil sich viele der Gegner darauf einstellt hatten. Nach den zwei Überraschungsjahren haben clevere Gegner den Schwarz-Gelben den Ball gegeben, so dass diese das Spiel selber machen mussten. Die Mannschaft war überfordert.

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Im Sommer versuchte Klopp den Spielstil der Dortmunder zu ändern. Doch geschafft hat er es nicht. Sportlich schmierte der BVB langsam ab und neben dem Platz feuerten die Medien nach vielen Jahren der Klopp-Feierei gegen die Dortmunder. Und auch der reagierte immer grantiger. Die Neuzugänge taten ihr übriges und schlugen nicht ein. Ciro Immobile und Adrian Ramos konnten Robert Lewandowski nicht ersetzen und die Verunsicherung der alteingesessenen Spieler schien sie noch ein bisschen schlechter zu machen. Dass Ciro Immobile nicht mal zum Essen bei den Mitspielern eingeladen wurde, lässt bei der sonst so eingeschworenen Spaß-Truppe von Klopp tief blicken. Der sonst so treue Mats Hummels sprach öffentlich von einem Wechsel ohne vorher mit dem Verein über die Aussagen zu sprechen. Als sich Leitwolf Sebastian Kehl beim Spiel gegen Borussia Mönchengladbach auf dem Platz lautstark mit Klopp stritt, war spätestens klar, dass Klopp sein Rudel verlassen muss.

Die Echte Liebe ist auch eine Bürde. Kapitän Mats Hummels und Jürgen Klopp können sie kaum an Fans und Verein zurückzahlen. Sie belastet die beiden so sehr, dass sie selbst den Schritt woanders hingehen wollen. Der Freifahrtschein von Fans und Verein für Trainer und Spieler tut allen Beteiligten wenig gut. Die Entwicklung stockt. Weder für Klopp als auch für den BVB ging es in den letzten zwei Jahren voran.

Die Basis für Klopp und Borussia Dortmund ist gelegt. Der BVB ist wieder ein Spitzenverein in Deutschland und Jürgen Klopp einer der wohl begehrtesten Trainer Europas. Ohne viel Geld konnte Borussia Dortmund dem großen FC Bayern München Paroli bieten und hat durch die zwei Meisterschaften den Rekordmeister so heftig in Zugzwang gebracht, dass die Bayern jetzt wohl die beste Mannschaft der Welt ist. Ein Mario Götze und ein Robert Lewandowski haben seinerzeit gesehen, dass sie den nächsten Schritt für ihre Entwicklung machen müssen—das sollten Klopp und BVB auch. Jürgen Klopp kann sein ganzes Feuer bei einem neuen Verein entfachen und sich vielleicht auch selbst neu erfinden. Borussia Dortmund kann sportlich und taktisch einen neuen Schritt gehen, um in der Bundesliga wieder anzugreifen.

Foto: imago/Jan Huebner

Thomas Tuchel ist der beste Nachfolge-Kandidat auf dem Markt. Denn Tuchel ist neben Pep Guardiola der einzige Trainer, der schon bei seiner Zeit in Mainz versuchte innerhalb des Spiels die taktische Marschroute zu verändern. Das ist große Kunst, die für Klopp zu groß war. In Mainz hat Tuchel schon einmal gezeigt, dass er Klopps Basis sehr gut für größere Schritte nutzen kann. Nur sollten die BVB-Fans die „Echte Liebe" diesmal richtig verstehen. Die Liebe zum Verein sollte größer sein als die zu Spielern und Trainer—denn den Verein wird es immer geben, bei allen anderen muss man sowieso irgendwann loslassen.

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