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weltmeisterlich?

Waren wir nicht mal Weltmeister?

Vor einem Jahr holte die deutsche Nationalmannschaft den WM-Titel. Dass wir Weltmeister sind, hört man seitdem aber nur, wenn die Nationalmannschaft nicht weltmeisterlich spielt. Können wir überhaupt Weltmeister?
Foto: Imago/Müller-Stauffenberg

Wir, lieber Leser, du und ich, wir sind seit einem Jahr Weltmeister. Wir haben großartig gespielt, haben den Brasilianern das gegeben, was sie verdient haben, und wir haben dem Rest der Welt das Fürchten gelehrt. Wir haben der Welt eine simple Nachricht zukommen lassen: Don't fuck with the Germans!

Gut möglich, dass du dir bei diesen Zeilen ein wenig unwohl vorkommst.Der Grund scheint relativ offensichtlich: Wir-Patriotismus ist einfach nicht unser Ding. Während es im Ausland üblich ist zu sagen, dass wir ein gutes Spiel gemacht haben, oder dass wir zu viele Fehlpässe gespielt haben, würde hierzulande kaum jemand auf die Idee kommen, zu sagen, dass wir die Samba-Tänzer platt gemacht haben. Jeder Mensch mit zwei Gehirnzellen kann sich den historischen Kontext zu dieser Aversion eines Wir-Gefühls bei Deutschlandspielen denken, trotzdem stellte sich mir die Frage: Warum wird sich nicht öfter auf die Schulter geklopft? Warum fällt der Begriff Weltmeister immer nur dann, wenn die Nationalmannschaft „eines Weltmeisters nicht würdig" spielt? Wir waren doch Papst, aber warum sind wir nicht Weltmeister?

Zunächst mal ist der WM-Titel eine Belohnung für den deutschen Fußball, ein Geschenk an sich selbst nach den grauenhaften Jahren um die Jahrtausendwende. Es ist ein Zeugnis für den konsequenten Umbau der Strukturen im DFB. Während das Champions-League-Finale 2013 zwischen den Bayern und dem BVB als Indikator für den Aufschwung der Bundesliga und des deutschen Fußballs galt, war der WM-Sieg dann wie eine Urkunde. Dafür, dass man sich innerhalb weniger Jahre strukturell zum Maß aller Dinge im Weltfußball entwickelt hat. Kreativ, gradlinig, modern, erfolgreich, das ist mittlerweile das Ansehen, das Fußball made in Germany im Ausland genießt.

Doch irgendwie scheint dieser WM-Titel heute kaum jemanden mehr zu jucken. Klar, schön, dass man Weltmeister geworden ist, aber es wäre wohl auch nicht schlimm gewesen, wenn man es eben nicht geworden wäre. Am nächsten Tag wäre man immer noch zur Arbeit gegangen oder man hätte sich halt noch eine Caipirinha im Urlaub gegönnt. Denn auch wenn Fußball in Deutschland die Nr. 1 ist, ist es doch nicht das Wichtigste. Man möchte sich gar nicht vorstellen, was in Argentinien los gewesen wäre, wenn Messi und Co. den Titel nach 28 Jahren zurück nach Buenos Aires geholt hätten. Ohne den Argentiniern zu nahe treten zu wollen, aber das Land hat in den letzten Jahren einen wirtschaftlichen Abstieg ohnegleichen erlebt. Der Fußball ist in diesem Land Heilsbringer und Ablenkung zugleich. Ein WM-Titel hätte wohl ein ganzes Land stolz gemacht und der Nation zu neuem Selbstvertrauen verholfen.

In Deutschland ist man darauf nicht so angewiesen. Es läuft ja auch ohne WM-Titel, deswegen war der WM-Sieg sehr schön, doch der Titel der Besten der Welt scheint uns fast unangenehm zu sein. Wir wollen nicht das Scheinwerferlicht auf uns fokussiert wissen, schon gar nicht auf uns als Nation. Deswegen gehen wir auch nicht hausieren mit dem Titel und deswegen schauen wir uns auch diesen bescheuerten Film des DFB nicht an. Erstens mal haben die Jungs was geleistet, von Neuer bis Großkreutz (Danke, Kevin!), nicht wir. Wir durften nur genießen. Übermäßiges Schultergeklopfe braucht man hierzulande nicht. Deswegen lebe ich gerne hier, auch wenn ich kein Deutscher bin.