fankultur

Das Worst-of der Fan-Aktionen 2016

Auch wenn die Fanszenen 2016 wichtige Aktionen hervorbrachten, sorgten sie mit „Titten"-Bannern, Nazi-Parolen und einem Toten auch für negative Schlagzeilen. Unser Autor sammelte sein persönliches „Worst-of“.
29.12.16
Foto: Imago

Wie in jedem Jahr bewiesen auch 2016 zahlreiche Fankurven in Deutschland nicht nur ihre Kreativität und Leidenschaft, sondern immer wieder auch wie viel gesellschaftskritisches Potential in ihnen steckt. An vielen Stellen konnten bemerkenswerte Positionierungen zu Debatten im Fußball oder auch zum tagespolitischen Geschehen vernommen werden. Wie in jedem Jahr waren aber in den vergangenen Monaten auch vielerorts rassistische Stimmen zu hören, sexistische Spruchbänder zu lesen und gewalttätige Übergriffe von rechts zu verzeichnen.

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Unser Autor sammelte zahlreiche Vorkommnisse—ob beim Champions-League-Aspiranten oder in unterklassigen Ligen—und präsentiert uns sein persönliches Worst-of. Dabei setzt er bei der Anzahl der Aktionen nicht auf Vollständigkeit.

Januar

Das Jahr 2016 begann geradezu mit einem Paukenschlag. Am 11. Januar überfiel eine Gruppe Neonazis und rechter Hooligans Ladengeschäfte in Leipzigs linksalternativ geprägten Stadtteil Connewitz. Die Täter griffen dabei auch den sogenannten ‚Fischladen' des antirassistischen Fußballvereins Roter Stern an. Von den 215 anschließend festgesetzten Personen sei ein Großteil laut Polizeiangaben als ‚rechts motiviert' und/oder ‚Gewalttäter Sport' bekannt gewesen. Nicht wenige konnten anschließend verschiedenen ostdeutschen Fußballgruppen zugerechnet werden, über 40 davon etwa der Fanszene von Lokomotive Leipzig. Auch ehemalige Mitglieder der 2014 aufgelösten neonazistischen Ultra-Gruppe „Scenario Lok" sollen beteiligt gewesen sein. Dass diese nach wie vor eng mit der Anhängerschaft des für sein gewaltaffines Fanklientel bekannten Regionalligisten verbandelt sind, wurde spätestens im August deutlich, als Teile des betreffenden Personenkreises bei der ‚Imperium Fighting Championship'—einem Kampfsportevent, dessen Organisator beste Kontakte ins Neonazi-Milieu pflegt—antraten und von den Fußballfans unterstützt wurden.

250 rechte Hooligans haben Roter-Stern-#Leipzig-Kneipe in #Connewitz angegriffen. #legida https://t.co/AoTnLwt0mY pic.twitter.com/EL1aGntOh5
— VICE Sports DE (@VICESportsDE) 11. Januar 2016

Februar

Dass Fans des VfB Oldenburg im vergangenen Jahr gar vom DFB für ihr Engagement gegen Diskriminierung ausgezeichnet wurden, konnten offenbar einige Anhänger des Regionalligisten VfB Lübeck nicht auf sich sitzen lassen. Beim Gastspiel ihres Vereins in Oldenburg Ende Februar zeigten sie eine Fahne in Richtung des Heim-Fanblocks, auf der das allseits bekannte antifaschistische ‚Good Night White Pride'-Logo zu einem ‚Good Night Gay Pride' abgewandelt wurde. Auch in der Lübecker Fanszene sollen sich zwar in der Vergangenheit immer wieder organisierte Rechte getummelt haben, den Gegner auf homophobe Weise zu schmähen kommt aber allzu oft auch unter sich als ‚unpolitisch' verstehenden Stadionbesuchern vor. Die unsägliche Fahne in Oldenburg steht somit beispielhaft für nach wie vor allzu viele Spruchbänder und Gesänge in Deutschlands Fankurven 2016, die homosexuelle Lebensweisen diffamieren und angreifen.

März

Anfang März präsentierten Ultras von Hannover 96 bei einem Heimspiel eine Fahne mit der Aufschrift „We love Teens! ACAB" und dem Bild einer blutigen Hand. Sie spielten damit auf die Messerattacke einer mit dem ‚Islamischen Staat' sympathisierenden Jugendlichen auf einen Bundespolizisten an, die sich in der Woche zuvor am Hauptbahnhof der niedersächsischen Landeshauptstadt ereignet hatte. Dass es den Ultras wohl vor allem um eine plumpe Verunglimpfung von Polizisten ging, scheint offensichtlich. Eine Erklärung, warum es dazu allerdings des positiven Bezugs auf eine mutmaßlich islamistische Gewalttat bedarf, blieben sie schuldig. In dieses Bild fügte sich außerdem ein, dass der Fanblock im selben Spiel die sportliche Talfahrt des eigenen Clubs durch einen in der Kurve baumelnden Galgenstrick kommentierte.

April

Beim Derby in der Oberliga Baden-Württemberg zwischen dem SSV Ulm 1846 und dem SSV Reutlingen zeigten Teile der Ulmer Fanszene zwei Spruchbänder mit den Aufschriften „Seit 2016 Flüchtlinge in der Kreuzeiche?" und „Seit 2005 Asylanten in Block E!". Während Ersteres den Hinweis darauf beinhaltete, dass im Frühjahr eine Notunterkunft für geflüchtete Menschen im Reutlinger Stadion eingerichtet wurde, folgte mit dem zweiten Teil eine rassistisch motivierte Beleidigung in Richtung der im Block E beheimateten Ultras aus der Nachbarstadt. Glücklicherweise wurde die sogenannte Flüchtlingskrise in deutschen Fankurven in ähnlicher Weise darüber hinaus nur selten thematisiert, vielmehr gab es zum Teil klare antirassistische Statements in einzelnen Stadien. Auch die Ulmer Ultra-Gruppen distanzierten sich von den Spruchbändern.

Mai

Im Mai wurde auf Vice Sports ein Erlebnisbericht aus dem Sonderzug veröffentlicht, der die Fans von Borussia Dortmund zum Pokalfinale nach Berlin bringen sollte. Der anonyme Autor schilderte homophobe und antisemitische Gesänge, vorgetragen von einem Teil der Mitfahrenden, die er der Hooligan-Gruppe ‚0231 Riot' zuordnet. Diese hätten zunehmend ein Gewaltmonopol in der Dortmunder Fanszene aufgebaut, sodass sich in besagter Situation niemand zu widersprechen getraut habe. Die Hooligans sollen zum Rocker- und Kampfsport-Milieu der Stadt gehören und Kontakte in neonazistische Strukturen pflegen. Insbesondere das Engagement gegen rechte Tendenzen in der Dortmunder Fanszene, um das sich der Verein und Teile der Fan- und Ultra-Szene in den vergangenen Jahren durchaus erfolgsversprechend bemühten, scheint durch diese gegenwärtigen Entwicklungen bedroht zu sein.

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Juni

Anfang Juni traf der VfL Halle auf die BSG Wismut Gera in der Oberliga Nordost-Süd. Bei bestem Sommerwetter verfolgten weite Teile des Gästeblocks um die Ultras Gera 99 das Spiel oberkörperfrei. Mindestens zwei Personen fielen dabei durch tätowierte Reichsadler auf ihren unbedeckten Bäuchen auf. Während weitere Körperstellen zu dieser Begebenheit noch notdürftig abgeklebt waren, konnte man im August beim Auswärtsspiel der Geraer in Brandenburg einen der Nazis in ganzer Pracht bewundern. Im Angesicht von SS- und Adolf-Hitler-Tattoos fühlte man sich dabei allerdings in finsterste Zeiten deutscher Fankultur versetzt. Fast noch erschreckender als der Anblick selbst erscheinen da lediglich die dümmlichen Kommentare, die sich im Internet zum Thema sammeln ließen.

Juli

Mitte Juli sagte der SV Werder Bremen ein für Anfang August geplantes Testpiel gegen Lazio Rom ab. „Es mehren sich die Hinweise, dass die Partie von rechtsradikalen Gruppierungen als Bühne missbraucht werden soll", begründete Werder-Geschäftsführer Klaus Filbry den Schritt. Dass die Fanszene des italienischen Erstligisten seit jeher als rechtslastig gilt, hatte deutsche Hooligans, vornehmlich aus dem Umfeld des Berliner FC Dynamo und von Lok Leipzig, dazu bewegt, in die Hansestadt zu mobilisieren—auch um dort die Auseinandersetzung mit den antifaschistischen Ultras von Werder Bremen zu suchen. Bereits 2014 war es beim Testspiel Lazios in Hannover zu antisemitischen Rufen aus dem Gästeblock gekommen, an denen einige Deutsche beteiligt waren.

August

Mit dem Ende der Sommerpause kündigten die Ultras Braunschweig an, künftig nicht mehr unter diesem Namen im Stadion auftreten zu wollen. Damit endete auch das langjährige Engagement der Gruppe gegen rechte Strukturen und Einstellungen in der Fanszene. Schon vor acht Jahren waren die Ultras mit zahlreichen Stadionverboten konfrontiert, nachdem sie gegen den Status Quo in der Braunschweiger Fanszene protestierten. 2013 untersagte der Verein der Gruppe als Ganzes gar den Spielbesuch, obwohl (oder besser: weil) diese regelmäßigen Angriffen durch rechte Hooligans ausgesetzt war. Nachdem die Ultras zur neuen Saison erneut Einschränkungen auf sich nehmen sollten, zogen sie die Konsequenz, ihre Aktivitäten einzustellen. In einem Statement betonten sie zwar viele positive Entwicklungen in der Fanszene der Eintracht, verwiesen aber auch auf die fehlende Unterstützung in den vergangenen Jahren.

September

Beim Heimspiel gegen den 1. FC Heidenheim zeigte die Ultra-Gruppe ‚Crew 36' vom VfB Stuttgart ein Spruchband mit dem Inhalt: „Bibis Titten sind so klein wie die Ehre von Heidenheim!" Adressat dieser Botschaft war wohl weniger die Schiedsrichterin der Partie, Bibiana Steinhaus, als die Ultras im Gästeblock. Während etwa offen rassistische Parolen in vielen Kurven mittlerweile verpönt scheinen, gilt Sexismus, wie er hier präsentiert wird, oftmals noch als salonfähig. Den Stuttgarter Ultras ‚gelingt' es zudem, ihn gleich doppelt zu akzentuieren: Zum einen wird eine Frau – in diesem Fall die Unparteiische – auf ein Dasein als Sexualobjekt reduziert, zum anderen stellen sie die Männlichkeit der Heidenheimer Ultras unter Verweis auf deren mangelnde ‚Ehre' in Frage. Der Spruch wirkt wie eine Aufforderung an die Gäste, diesen vermeintlich gemeinsam geteilten Wert bei nächstbester Gelegenheit unter Beweis zu stellen.

Das Banner der „Crew 36" beim Spiel des VfB gegen Heidenheim. (Foto: Imago)

Oktober

Am 12. Oktober verstarb Hannes S., Fan des 1. FC Magdeburg. Wenige Tage zuvor war er in einer Regionalbahn von Anhängern des Lokalrivalen Hallescher FC bedroht worden, von denen er entweder aus dem fahrenden Zug gestoßen oder vor denen er selbst geflohen war. Die Auseinandersetzungen zwischen den Fans der beiden Drittligisten fanden damit einen tragischen Höhepunkt. Zahlreiche Fanclubs aus Halle besuchten im Sinne einer Deeskalation des Geschehens nicht das diesjährige Sachsen-Anhalt-Derby, Ähnliches wird für das Rückspiel seitens der Magdeburger erwartet. Selbsternannte „Hooligans Magdeburg" sorgten allerdings bereits mit der Erklärung für Aufsehen, sich nicht an ein „weich gespültes Abkommen mit dem Erzfeind Halle" zu halten.

November

Dass es in Braunschweig einer Gruppe wie den nicht mehr aktiven antifaschistischen Ultras dringend bedarf, bewies nicht zuletzt das Zweitliga-Derby der Eintracht gegen Hannover 96 im November. Die ‚Cattiva Brunsviga', die zweite Ultra-Gruppe der Stadt, präsentierte ein Spruchband mit der Aufschrift: „Trendige Batikkurse für sie und es gibt es unter homo@rbh.de!" Was genau dessen Aussage überhaupt sein soll, wissen wohl nur die Verfasser allein, offensichtlich handelt es sich aber um eine homophobe Schmähung der ‚Rising Boys', einer Ultra-Gruppe im Gästeblock. Ein weiteres Transparent, das aus den Reihen rechter Hooligans um die ‚Fetten Schweine' und die ‚Exzess Boys' stammen soll, vermochte es gar das Niveau noch zu senken, indem es mit einem antisemitischen Klassiker deutscher Fangesänge kokettierte, in welchem eine U-Bahn nach Auschwitz gebaut werden soll.

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Dezember

Insbesondere in Aufeinandertreffen mit RB Leipzig übertrifft sich ein Gutteil deutscher Fanszenen noch immer mit platten Parolen. Nicht etwa eine durchaus legitime Kritik an der undemokratischen Vereinsstruktur RBs, am Verbot antirassistischer Banner im Stadion oder an der allumgreifenden Vermarktlichung des Fußballsports, sondern Hass und Stumpfsinn spiegeln sich im Auftreten vieler Fans. Erst im Dezember wünschten Hertha-Ultras dem Sportdirektor der Leipziger, Ralf Rangnick, per Spruchband ein Burn-out, woran dieser bereits 2011 erkrankt war. Mit dieser Aktion beschlossen die Herthaner ein Jahr mit zahllosen in ähnlicher Weise diffamierenden Angriffen, die in der Regel ebenso jeder produktiven Kritik entbehrten, dafür aber wohlüberlegten und differenzierenden Gedanken aus der Fanszene—wie etwa in einer Stellungnahme von Werder Bremen-Ultras formuliert—die Öffentlichkeit nehmen.

"Hey Ralf, esperamos fervientemente a tu siguiente 'burnout'." le dice la afición del Hertha a Rangnick. Malísimo gusto. pic.twitter.com/fb1vNoP3wi
— Guillermo Valverde (@willy_sagnol) 17. Dezember 2016