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Versteckte Bedrohung "Disc-Fäule": So erkennst du, ob deine CDs und DVDs in Gefahr sind

Von den Herstellern wurden CDs und DVDs einst als Medien für die Ewigkeit angepriesen. Doch die Realität sieht anders aus, wie das Disc-Fäule Phänomen beweist.
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Bild: Hutschi | Wikimedia Commons

Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Kaffeefleck: eine markante Verfärbung auf der CD-Oberfläche, die man einfach nicht wegbekommt. In anderen Fällen ist die gesamte CD verfärbt oder weist kleine Löcher auf der Oberfläche auf. Egal, wie sich das Phänomen bemerkbar macht, wenn du die Anzeichen bemerkst, ist es meist schon zu spät: Dein Speichermedium ist der Disc-Fäule zum Opfer gefallen und ein großartiges Musikalbum oder ein sehenswerter Film könnten für immer verloren sein.

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Die Vergänglichkeit unserer digitalen Speichertechnologie ist ein oft unterschätztes Problem. Tatsächlich bereitet der langsame Verfall von optischen Speichermedien sowohl offiziellen digitalen Archiven als auch privaten Sammlern echte Schwierigkeiten – die leider nur allzu oft vergessen werden.

Die drei Anzeichen für Disc-Fäule

Michele Youket kann von der Disc-Fäule ein Lied singen. Als Archivarin der zentralen Forschungsbibliothek des US-Kongress gehört es zu ihren Aufgaben, alte Datenträger und ihre Inhalte für die Nachwelt zu bewahren. Der schleichende Zerfall wurde für die Nationalbibliothek der USA zu einem großen Problem, als die Einrichtung dazu überging, Musik auf CD-Formaten zu archivieren, wie sie gegenüber Tedium berichtet.

Als Archivarin kennt Youket die Schwächen von CDs nur zu gut. Laut Youket kann die Disc-Fäule in drei Formen auftreten: einer bronzenen Verfärbung der gesamten CD, kleine Löcher auf der Oberfläche oder der sogenannten "Rand-Fäule".

Disc-Fäule ist kein neues Phänomen

Eine der ersten Untersuchungen des Phänomens wurde schon im Jahr 1988 durchgeführt, veranlasst von Nimbus Records, dem ersten CD-Hersteller Großbritanniens. Die Studie kam zu dem Schluss, dass die meisten CDs sich nach acht bis zehn Jahren selbst zerstörten. Damit standen die Ergebnisse in starkem Kontrast zu der damals vorherrschenden Meinung, dass die CD quasi unzerstörbar sei und ewig halten würde. Nimbus vermutete, dass ungeeignete Lacke für den Qualitätsverlust verantwortlich seien. Andere Plattenfirmen standen dieser Theorie zuerst skeptisch gegenüber, doch Nimbus' Sorge über das Schicksal der Datenträger sollte sich als berechtigt herausstellen.

Obwohl sich optische Speichermedien auf den ersten Blick oft zum Verwechseln ähnlich sehen, kann es in der Produktion kleine aber entscheidende Unterschiede geben, die sich immens auf die Haltbarkeit des Mediums auswirken. Bei älteren CDs wurden beispielsweise andere Chemikalien verwendet als in der heutigen Produktion und auch die Herstellungsprozesse wurden über die Jahre immer weiter optimiert.


Michele Youket untersucht eine CD auf Schäden. Bild: Amanda Reynolds/Library of Congress

Ein gutes Beispiel dafür ist der britische CD-Hersteller Philips and Dupont Optical (PDO). Zwischen 1988 und 1993 verwendete PDO einen mangelhaften Lack zum Prägen der CDs, der nicht schwefelresistent war. Das stellte sich als großes Problem heraus, da in den Booklets und CD-Covern Spuren von Schwefel enthalten waren. Somit wurde die CD von den Hüllen angegriffen, die sie eigentlich schützen sollten.

Durch den Schwefel fing die Aluminiumschicht der CDs an, zu korrodieren, wodurch die CDs einen bronzenen Farbton erhielten. Schlimmer noch: Auch die Audioqualität der CDs wurde beeinträchtigt. Darum richtete PDO zwischen 1991 und 2006 eine eigene Hotline ein, damit Kunden ihre beschädigten CDs umtauschen konnten.

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Youket zufolge wurden Vorfälle wie die von PDO mit der Zeit immer seltener. "Viele dieser anfänglichen Produktionsfehler wurden vermieden, als die Technologie sich weiter entwickelte. Doch die neueren und komplexeren Disc-Formate brachten wieder neue Probleme mit sich", erklärt sie.

Die Library of Congress listet insgesamt fünf Fakten auf, die jeder über Disc-Fäule wissen sollte und die wir euch hier nicht vorenthalten wollen:

1. Wann eine CD für immer verloren ist – und wann nicht

Beschädigte Discs sind nicht zwangsweise völlig verloren, sondern können laut Youket meist zumindest noch teilweise gelesen werden.

"Auch wenn die CD einen unkorrigierbaren Fehler hat, können viele der Daten noch gerettet werden, je nachdem, wo genau der Fehler auftritt. Viele CDs mit schweren Schäden können immer noch abgespielt werden und abhängig vom Inhalt – Audio, Video oder Daten – könnte selbst ein unbehebbarer Schaden keine ernsten Folgen haben."

2. Wo Kratzer wirklich zu einem Problem werden

Kratzer auf der CD-Oberseite sind problematischer als Kratzer auf der Unterseite. Youket erklärt, dass optische Speichermedien mit integrierten Korrekturmechanismen ausgestattet sind, die die Fehler auf der Unterseite einer CD beim Abspielen ausgleichen können.
"Da die Reflexionsschicht auf der Oberseite einer CD jedoch nur durch eine dünne Acryl-Schicht und ein gedrucktes Label geschützt wird, können Kratzer auf der Oberseite leicht durch diese Schicht dringen und die Reflexionsschicht beschädigen." Ist die Reflexionsschicht beschädigt, kann die CD nicht mehr gelesen werden – erst dann gibt es ein echtes Problem.

3. Sind DVDs langlebiger als CDs?

Generell halten DVDs Schäden besser stand als CDs, weil sich ihre Reflexionsschicht im Inneren der Polycarbonatscheibe befindet. Dafür können DVDs durch die chemischen Reaktionen zwischen den einzelnen Schichten leichter auseinanderbrechen und sich somit mit der Zeit voneinander lösen.

Fazit: Auch wenn sie etwas besser sind, schneiden auch Dual-Layer-Discs in punkto Lebensdauer nicht gut ab.

4. Wie ist das nochmal mit den selbstgebrannten CDs?

Beschreibbare CDs haben eine kürzere Lebenserwartung. Ein Grund dafür sind die organischen Farbstoffe, mit denen die Bytes auf den Disks gespeichert werden. Diese Farbstoffe können sich laut Youket nach einer Weile zersetzen.

Vor allem beschreibbare DVDs sind durch ihre hohe Lichtempfindlichkeit anfällig für Schäden. Wie Youket betont, hat allerdings auch das jeweilige Brennverfahren einen großen Einfluss auf die Lebensdauer der beschreibbaren Discs.


Ebenfalls auf Motherboard: Die letzten Mechaniker der New York Times


5. Wie eine gute Lagerung die Lebensdauer verlängert

Die richtige Lagerung und Handhabung kann die Lebensdauer von CDs verlängern, das haben Tests der Library of Congress ergeben. "Unsere Studien haben gezeigt, dass qualitativ hochwertige CDs viele Jahrzehnte halten können, wenn sie korrekt aufbewahrt und gehandhabt werden", erklärt Youket.

"CDs, die unter ungünstigen Bedingungen aufbewahrt werden, wie hohen Temperaturen und/oder hoher Luftfeuchtigkeit, haben eine kürzere Lebenserwartung als Discs, die unter kontrollierten Bedingungen aufbewahrt werden."

Werden CDs und DVDs angesichts all dieser Problem schon bald auf ewig verschwinden?

CD- und DVD-Besitzer machen nun das durch, was Laserdisc-Fans bereits in den 80er Jahren ertragen mussten. Der Verfall der Laserdiscs machte sich vor allem durch Fehler wie Flimmern oder Flackern beim Abspielen bemerkbar. Die Laserdiscs werden mit der Zeit oft milchig und die Bild- und Tonqualität verschlechtert sich deutlich. Vor allem Produkte von Sonys DADC-Fabrik scheinen vom sogenannte Laser-Rot betroffen zu sein.

Natürlich macht es einen gewissen Reiz aus, Filme oder Musik in ihrer ursprünglichen Form zu konsumieren. Doch sobald die Mehrheit der Leute das Interesse an einem Medium verliert, wenden sich Hersteller und die meisten Konsumenten schnell dem nächsten Format zu. Das Beispiel Laserdisc zeigt deutlich: Sobald ein Format keine Gewinne mehr bringt, haben die Hersteller auch kein Interesse mehr daran, dieses Medium weiter zu unterstützen.

Während Youket der Meinung ist, dass hochwertige beschreibbare CDs das beste Medium sind, um Daten langfristig zu bewahren, sieht ihr Kollege Peter Alyea das anders. Der Digitalisierungsspezialist meint, dass der Wechsel zum Cloud-Computing es eher unwahrscheinlich macht, dass Hersteller das ältere Format auf lange Sicht unterstützen werden.

Der Radiosender WNYC bewahrt sein Archiv auf gebrannten CDs auf. Diese Taktik könnte nach hinten los gehen, erklärt die Library of Congress in einem Blog-Post.

"Da die Konsumenten immer weniger physische Speichermedien nutzen, steht das für die meisten Firmen wahrscheinlich gar nicht zur Debatte", erklärt Alyea gegenüber Motherboard. "Konsumenten sind mehr daran interessiert, ihre persönlichen Daten dauerhaft extern zu speichern und Unterhaltungsmedien wie Musik, Filme und Videospiele jederzeit nach Lust und Laune abrufen zu können. Es wäre sehr schön, wenn die Hersteller großen Wert auf eine lange Lebensdauer ihrer Produkte legen würden, aber dieser Wunsch ist wahrscheinlich nicht sehr realistisch."

Jeder Gegenstand altert und verliert mit der Zeit seinen Glanz. Doch im Zeitalter der Cloud sind Konsumenten offenbar bereit, dieses Problem auf andere abzuwälzen – selbst wenn ihre CDs und DVDs im Schrank verrotten, können sie ihre Lieblingsfilme und -alben jederzeit bequem über Netflix, Spotify und Co konsumieren.

Diesen Luxus können sich Archivare nicht leisten.

Dieser Artikel ist zuerst in voller Länger auf Englisch im Newsletter Tedium erschienen.