10 Fragen an einen BDSMler, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Was war der stärkste Schmerz, den du jemandem zugefügt hast? Hast du auch Sklavinnen, die für dich putzen? Bist du schon mal zu weit gegangen?

von Wlada Kolosowa
27 März 2017, 9:58am

Alle Fotos: Janosch Boerckel

In seinem "Spielzimmer" bei ihm zu Hause hängen knapp 60 Peitschen, 27 Rohrstöcke und ein Hängekäfig. Außerdem eine Schaukel aus Lederriemen, ein Bondagebrett, Edelstahlnäpfe, damit die bestraften Frauen daraus essen können, und 40 Meter Ketten. "Aber die Kette ist nur zur Deko", sagt der Mann, der sich Gentledom nennt und das Interview nur unter diesem Künstlernamen geben möchte. Zu seiner Person verrät er so viel: Er arbeitet im juristischen Bereich, ist 39 Jahre alt und kommt aus Mitteldeutschland. Er betreibt eine der größten BDSM-Onlineplattformen Deutschlands – gentledom.de – und praktiziert seit 17 Jahren BDSM. Seine Rolle dabei ist "Dom" – das ist die Kurzform von Dominus und bedeutet im Lateinischen "Herr" oder "Gebieter". Der Gegenpart dazu ist "Sub" – Menschen, die darauf stehen, sich zu unterwerfen.

Auf seiner Seite kann man nachlesen, dass er Frauen unter anderem durch folgende Mittel dominiert: "Sex, Atemreduktion, Ohrfeigen, verbale Erniedrigung, Knebelung, Vorführung, Ignorieren, Keuschhaltung." Seine Subs bestraft und belohnt er mit "Hand, Rohrstock, Gerte, Paddel, Gürtel, Riemenpeitsche, Rosshaarpeitsche, Nadelrad, Flogger, Reizstrom, Klammern/Klemmen/Magneten und Wachs." Geld nimmt er dafür nicht, es sei eine Leidenschaft. "Ich bin nicht immer in meine Subs verliebt, aber sie müssen mich geistig und optisch ansprechen." Momentan hat er eine Spielpartnerin.

In Umfragen geben zwischen 5 und über 40 Prozent der Befragten an, BDSM zu betreiben – die Zahlen schwanken so sehr, weil BDSM in unterschiedlichen Studien anders definiert wird. (Ist es schon BDSM, wenn man mal Handschellen anlegt? Oder dem Partner die Augen verbindet?) Bei einer Studie von Durex unter 317.000 Personen in 41 Ländern verwendeten weltweit im Schnitt rund 20 Prozent Bondage-Utensilien, fünf Prozent bekannten sich ausdrücklich zu SM. 19 Prozent gaben an, Spanking zu betreiben. In einer Umfrage des deutschen Casual-Dating-Portals Secret sagten sogar 43 Prozent der 5.000 Befragten, Erfahrungen mit BDSM gemacht zu haben. Drei Viertel der Frauen waren dabei gern devot, ein genauso großer Anteil der Männer dominant. Und spätestens seit dem Hype um die Fifty Shades-Filme ist klar: Auch Strickcardigan-Trägerinnen fantasieren manchmal darüber, den Hintern versohlt zu bekommen. Zeit für ein paar Fragen.

Alle Fotos: Janosch Boerckel

VICE: Was war der stärkste Schmerz, den du jemandem zugefügt hast?
Gentledom: Es gibt positiven und negativen Schmerz. Ersterer ist Lustschmerz, er macht den Subs Spaß und ist als Belohnung gedacht. Negativer Schmerz ist unangenehm und wird zum Beispiel als Bestrafung eingesetzt. Ein Erlebnis, bei dem eine Partnerin gelitten hat, war ein Tunnelspiel im klitoralen Bereich – Tunnelspiele heißen so, weil man sie zu Ende spielen muss, wenn man sie einmal angefangen hat, es gibt kein Zurück. Sie wollte, dass ich ihr Cayennepfeffer auf die Klitoris auftrage – ungefähr so viel, wie ich sonst für ein Chili für vier Personen nehmen würde. Bereits nach 30 Sekunden hatte sie Tränen in den Augen.

Könntest du jemanden, den du liebst, erniedrigen oder schlagen?
Ja, das ist kein Problem. Früher konnte ich mir das nicht vorstellen. Mit meiner Ex-Freundin, mit der ich sechs Jahre lang zusammen war, hatte ich eine offene Beziehung und habe meine Neigung in Affären und Spielbeziehungen ausgelebt. Die Frauen, die ich damals geliebt habe, zu erniedrigen, das konnte ich mir nicht vorstellen. Außerdem stand diese Ex-Freundin nicht auf BDSM. Irgendwann hat sie vorgeschlagen, es für mich auszuprobieren. Aber das wollte ich nicht. Nach dem Ende der Beziehung hatte ich eine Affäre, mit der ich BDSM ausgelebt habe. Daraus hat sich dann aber eine Liebesbeziehung entwickelt und ich habe gemerkt, dass es schön und intensiv ist, mit jemandem zu spielen, mit dem ich mehr teile als nur die sexuelle Neigung.

Hast du schon mal Nein zu einer devoten Partnerin sagen müssen, weil sie zu krasse Sachen wollte?
Ja. Eine Sub hatte Lust auf Spritzen, Blutspiele, Kanüle setzen und Tackern. Sowas ist für mich absolut unerotisch. Wir sind nach wie vor befreundet, aber spielen nicht mehr miteinander. Außerdem sind Kinder und Tiere für mich Tabu, alles, was bleibende psychische oder physische Schäden hinterlässt, wie auch Nadeln, Sex an Kult- oder Gedenkstätten und Sex mit Männern. Zweimal habe ich außerdem ein Spiel abgebrochen, da es zu einer Gewaltspirale kam. Das passiert, wenn die Sub sich sturstellt, weil sie ihre Grenzen austesten will. Wenn ich dann als Dom versuche, mich durchzusetzen, das Gegenüber aber nach wie vor stur bleibt, läuft die Situation mit der Zeit Gefahr, sich hochzuschaukeln und die Schwelle des Gesunden zu überschreiten. Das ist in meinen 17 Jahren als Dom aber erst zweimal vorgekommen.

Hast du auch Sklavinnen, die für dich putzen?
Nein. Derzeit habe ich eine Sub, die vielleicht mal das Bad sauber macht, wenn sie hier für längere Zeit bei mir ist. Aber das ist keine Bestrafung, sondern einfach Arbeitsteilung. Ich bin ein erwachsener Mann, ich kann selber Wäsche waschen und meine Hausarbeit erledigen. Meiner Partnerin aufgrund ihrer sexuellen Neigung zu sagen, sie solle die Küche putzen, ist nicht meins. Höchstens Kuchen backen, das habe ich schonmal verlangt. 

Hast du schonmal eine Abfuhr wegen deiner Neigung bekommen?
Ja. Momentan bin ich Single und suche nicht gezielt im BDSM-Bereich nach Partnerinnen, sondern im Alltag oder auf Elite-Partner. Ich rücke mit meiner Neigung aber schon beim ersten Date raus. Länger damit zu warten, finde ich unfair. Es gab auch schon Frauen, die sich deswegen nicht mit mir treffen wollten. Die Absagen waren jedoch nett. Nur einmal habe ich online eine böse Nachricht bekommen, in der mir eine Frau unterstellte, dass ich gestört sei.

Bist du schon mal zu weit gegangen?
Ich glaube nicht. Wenn ich Zweifel habe, breche ich das Spiel lieber ab. Ich würde nie ohne Safeword spielen, mit dem die Partnerin sagt, wenn ihr etwas zu viel ist. Etwas anderes fände ich unmoralisch. Ich habe bei der Partnersuche immer gewisse Bedenken, an eine Borderlinerin zu geraten, die nicht Lustschmerz erfahren will, sondern echten Schmerz, um etwas zu kompensieren. Das wäre eine ungesunde Beziehung. BDSM ist keine Therapie.

Hast du schonmal mit einer Frau Schluss gemacht, weil sie keine Lust hatte, sich zu unterwerfen?
Nachdem die Phase vorbei war, in der ich mir nicht vorstellen konnte, mit einer Partnerin BDSM auszuleben, gab es eine Zeit, in der ich mir nur Beziehungen mit BDSMlern vorstellen konnte. Mittlerweile könnte ich auch ganz darauf verzichten. Man kann auch viel anderen guten Sex haben. BDSM ist mir zwar immer noch wichtig, aber nicht so wichtig, dass ich dafür eine Beziehung opfern würde.

Hast du Angst, wegen Körperverletzung angezeigt zu werden?
Nein. Grundsätzlich ist jemanden zu beleidigen und zu schlagen zwar strafbar. Aber wenn der devote Part eine zumindest mündliche Einwilligung gibt, ist sehr viel erlaubt, was Spaß macht. Die Einwilligung gilt nicht für Sittenwidriges wie zum Beispiel Amputation, was mich aber auch nicht reizen könnte und für mich kein BDSM mehr darstellt.

Glaubst du, jede Frau hat heimlich auch eine devote Seite?
Ja, ich glaube, jeder Mensch hat eine dominante und eine devote Seite, die ist aber nicht zwangsläufig so gepolt, dass man damit BDSM ausleben kann. 

Wissen deine Eltern, dass du zu Hause einen Dungeon hast?
In Deutschland spricht man eher von Spielzimmern oder BDSM-Räumen. Dungeons steht eher für Keller. Meinen Eltern habe ich von meiner Neigung erzählt. Ich betreibe eine große BDSM-Seite. Wenn nahe Personen nicht von meiner Neigung wissen, wäre ich erpressbar. Daher wissen auch gute Freunde Bescheid. Ansonsten geht meine Sexualität aber keinen etwas an. Ich frage Arbeitskollegen ja auch nicht, wie sie am liebsten vögeln.

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