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Drogen

Was passiert, wenn die Polizei die Nummer deines Freundes in einem Dealer-Telefon findet

Eine Rechtsanwältin und die Berliner Polizei erklären, was droht.

von Henri Tartaglia
02 März 2017, 6:00am

Stellen wir uns mal folgende Situation vor: Ein Freund von dir ruft den Typen seit ungefähr einem Jahr ein- oder zweimal im Monat an oder schreibt ihm SMS. Meistens beschränkt sich der Austausch auf "Hey, hast du gleich Zeit, mich zu treffen?", dann sagt der andere eine Zeit, und drei Stunden später sitzt dein Freund bei ihm im Auto. Sie reden ein bisschen über das Wetter, und dann steckt der eine dem anderen einen Schein für ein klebriges Tütchen Premium-Kokain (Reinheitsgrad: 20 Prozent) zu.

Und dann ist die Nummer plötzlich nicht mehr zu erreichen. Die erste Reaktion deines Freundes: "Scheiße, wen ruf ich denn jetzt an?" Zwei Wochen später erfährt er dann um ein paar Ecken, dass der Typ verhaftet wurde, und plötzlich geht das Kopfkino los: "Was stand nochmal in all diesen SMS? Wurde der Typ vielleicht abgehört? Sitzt da gerade eine LKA-Task-Force in irgendeinem Büro und lacht darüber, wie verklemmt ich klinge, wenn ich cool sein will? Musst ich jetzt jederzeit damit rechnen, eine Vorladung zu bekommen, weil die Polizei sich mit mir über meinen Konsum beschissener Drogen unterhalten will?"

Um das herauszufinden, haben wir mit der Rechtsanwältin Friederike Schmidt gesprochen, die sich auf Drogen-Fälle in Berlin spezialisiert hat. Und weil wir wirklich ganz sichergehen wollten, auch mit der Berliner Polizei.

Foto: VICE Media

Zuerst die schlechte Nachricht für alle, die regelmäßigen Kontakt mit einem erwischten Dealer hatten: Es ist für die Polizei ziemlich einfach, eine verdächtige Nummer der richtigen Person zuzuordnen, erklärt die Rechtsanwältin. "Die Polizei setzt sich mit dem Anbieter in Verbindung und kriegt dann Auskunft darüber, wer dieser Anschluss ist. Das ist gang und gäbe." Das heißt: Nur weil dein Dealer glaubt, dass du "Francois" heißt und dich so gespeichert hat, wird das die Polizei nicht lange aufhalten.

Aber: Nur weil die Polizei es kann, heißt es nicht automatisch, dass sie es auch machen wird. "Wahrscheinlich passiert nicht so viel", erklärt Friederike Schmidt. "Meistens bedeutet das viel zu viel Arbeit, die sich für die Polizisten nicht lohnt." Was die Polizei will, sind die Dealer. "Die einzelnen Konsumenten sind eher so Kleinkram – als würde man in der U-Bahn den Heroin-Junkie festnehmen, der gerade ein kleines Tütchen gekauft hat."

Thomas Neuendorf von der Berliner Polizei bestätigt, dass die Polizei nicht automatisch jeder Nummer hinterher ermittelt. "Das ist eine Abwägungssache, klar", erklärt der Polizist. "Da müssen schon schwerwiegende Verdachtsmomente bestehen. Wenn wir zum Beispiel den Verdacht haben, dass das ein anderer Händler ist, bei dem er ständig ankauft und Geschäfte macht – dann würden wir da auch ein Verfahren einleiten." Bedeutet im Umkehrschluss: Wenn die Polizei jemanden eher für einen Gelegenheitskonsumenten hält, dann ist sie da nicht ganz so hinterher.

Also, keine Gefahr für den Gelegenheitsabnehmer? Ganz so einfach ist es leider nicht, sagt die Rechtsanwältin. "Wenn das wöchentlich vorkommt, kann da schon was passieren." Und: "Wenn die Polizisten gerade schlechte Laune oder Langeweile haben, kann es schon sein, dass die Ermittlungen weitergehen." Wenn es soweit kommt, bedeutet das aber auch nicht unbedingt, dass es auch in einer Verurteilung endet. 

Ermittelt die Polizei tatsächlich, reichen "Codes", die Dealer und ihre Konsumenten oft benutzen, allerdings nicht aus: Um "Schnee" oder auch einfach "1g" oder "1" deuten zu können, muss man nicht so clever sein, wie der ein oder andere Gelegenheitskonsument denken mag. "Wenn da die gängigen Synonyme und eine Adresse stehen, weiß das Gericht auch Bescheid", warnt Schmidt.

Aber: Wenn in den Nachrichten immer nur von Treffen die Rede ist, ohne irgendeinen offensichtlichen Zweck zu erwähnen, wird es schon schwieriger, dem Konsumenten eine Straftat nachzuweisen. "Da würde ich als Verteidiger ansetzen", sagt Schmidt.

Fazit: Nach allem, was wir gehört haben, muss sich dein Freund also vielleicht nicht allzu große Sorgen machen – er ist einfach nicht wichtig genug. Garantieren kann das aber niemand. "Es sind immer noch Betäubungsmittel", warnt Friederike Schmidt. "Auch wenn man es nur einmal macht – man muss wissen, dass es illegal und strafbar ist. Da kann immer was passieren."

Und wenn du glaubst, du hast ein Problem mit Drogen, findest du hier Stellen, an die du dich wenden kannst.