Fotos: Rebecca Rütten

10 Fragen an einen Apotheker, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Rebecca Baden

Rebecca Baden

Welches Medikament eignet sich für einen Rausch? Was machst du wirklich in der Nachtschicht? Was war das Bizarrste, das ein Kunde kaufen wollte?

Fotos: Rebecca Rütten

Zum Apotheker gehst du, wenn deine Blase gefühlt Rasierklingen ausscheidet, du das Rezept für die Pille einlösen willst, oder du deine Durchfallmittelreserven für den Thailand-Urlaub aufstocken musst. Kaum einer kennt die physischen Abgründe der Menschheit so gut wie der Mensch hinter der Hustenbonbon-Theke. Alexander Ehrmann ist so ein Mensch. Der 50-jährige Wiener studierte Pharmazie in Wien und Perugia, weil sein Vater meinte: "Der Bub wird Apotheker."

Alexander gehorchte, setzte die Familientradition fort und arbeitete nach seiner Ausbildung eineinhalb Jahre in der Apotheke seiner Eltern – als Pharmazeutiker in der sechsten Generation. Mit 35 eröffnete er seine eigene Apotheke Saint Charles in Wien, mit der er 2009 nach Berlin expandierte.

Obwohl er als Schüler eigentlich Theaterregisseur werden wollte, kann Alexander sich heute keinen anderen Beruf mehr vorstellen. Er sagt, er mag es, jeden Tag mit Menschen zu tun zu haben, sie intensiv kennenzulernen "bis hin zu den Details über ihre Hämorrhoiden". Als Apotheker treffe er Menschen in Extremsituationen. Akut Kranke, Menschen mit chronischen Leiden: "Denen möchte ich bestmöglich helfen." Alexander glaubt, für manche Kunden seien auch synthetische Medikamente nicht die beste Lösung. Er interessiert sich für natürliche Heilmethoden traditioneller europäischer Medizin, zum Beispiel Nelken gegen Schmerzen und Jasmin gegen Grippeinfektionen.

Dass all die synthetischen Medikamente in seinen Schubladen und Regalen nicht ungefährlich sind, zeigt die Statistik: Mehr als anderthalb Millionen Menschen in Deutschland sind medikamentenabhängig. Was passiert jeden Tag an den Theken, über die massenweise Nasenspray, Schmerzmittel und seit Neuestem auch Cannabis wandern? Wir haben Fragen.

VICE: Sind Apotheker Ärzte, die zu dumm zum Operieren sind?
Alexander: Ich glaube eher, dass Apotheker Menschen sind, die Angst vorm Operieren haben und keine Menschen aufschneiden wollen. Und es sind einfach Menschen, die für den Beruf des Apothekers brennen und die Mischung aus Chemie und Medizin gut finden. Und dann gibt es noch die, die aus Familientradition ins Studium reinrutschen – so wie ich.

Hast du schonmal Medikamente missbraucht, um davon high zu werden?
Medikamente als Rauschmittel zu verwenden, hat mich nie wirklich interessiert – ich beschäftige mich lieber mit traditioneller europäischer Medizin, das ist auch fürs Highsein spannender. In der Natur gibt es wahnsinnig viele Gewächse, die psychotrop wirken: Stechäpfel, Tollkirschen, Fliegenpilze. Wenn du beim Fliegenpilz die Haut abziehst und in Alkohol einlegst, kannst du dir zum Beispiel einen wunderbaren Flatterschnaps brauen. Aber zur Warnung: Das ist gefährlich. Verboten ist das auch. Aber wer überprüft schon, ob jemand in den Wald geht und da giftige Pilze einsammelt?

Bekomme ich bei dir Cannabis?
Ja, auf Rezept. Ich verkaufe Cannabis primär an Krebs-, Depressions- und Multiple-Sklerose-Patienten. In vielen Fällen ist es viel besser, Cannabis zu verabreichen als ständig synthetische Medikamente. Bei uns gibt es Cannabis in Tropfen- oder Zäpfchenform, nicht als Gras zum Rauchen.

Ich finde, dass es von Vorteil wäre, wenn es legalisiert wäre, ein uneingeschränkter Befürworter der Legalisierung bin ich aber nicht. Auch wenn es vielen Menschen gut tun würde, nach Feierabend zu kiffen, statt sich fünf Bier und drei Schnäpse reinzuhauen – Cannabis kann zu schweren Psychosen führen, wenn es übermäßig konsumiert wird. Darüber sollte man sich bewusst sein.


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Was war das Seltsamste, das ein Kunde je bei dir kaufen wollte?
Ein Kunde hat mich mal gefragt, ob ich Bibergeil im Lager hätte. Das ist ein Sekret, das aus den Drüsen des Bibers gewonnen wird und früher gegen Kopfschmerzen und Migräne verwendet wurde – es stinkt bestialisch und gegen richtige Migräneanfälle ist es auch nicht das Wirkvollste. Trotzdem hatte ich noch etwas davon in einer Schublade. Es gibt immer irgendwelche Freaks, die sich mit solchen Dingen beschäftigen. Ein befreundeter bayerischer Bankbeamter kannte einen Jäger, der Biber umgelegt hat und ihm dieses Bibergeil besorgt hat. So konnte ich dann schließlich auch meinen Kunden zufriedenstellen.

Welches rezeptfreie Medikament eignet sich am besten für einen schnellen Rausch – rein theoretisch gefragt natürlich?
Einige Grippemittel, die den Wirkstoff Pseudoephedrin enthalten, können in einer bestimmten Menge und in Kombination mit Alkohol durchaus ein kleines Delirium provozieren. Das steht meiner Meinung aber in keinem Verhältnis zu den möglichen Nebenwirkungen. Wenn es blöd läuft, beschäftigst du dich nach kurzer Zeit eher mit Magenschmerzen als mit einem guten Trip.

Was machst du wirklich, wenn du in der Nachtschicht alleine bist?
Das ist tages- und jahreszeitenabhängig. Oft nutze ich die Nachtschicht für ausgiebige Fernsehabende. Wenn wichtige Champions-League-Spiele übertragen werden, ziehe ich mir die rein, oder spannende Sendungen oder Filme. Oder ich recherchiere für Artikel und Presseanfragen, die gerade anfallen – im Alltag habe ich ja nie so viel Zeit wie im Nachtdienst. Bis um zwei oder drei Uhr klingeln meistens noch Leute, die Medikamente, Babynahrung, die Pille danach, Zahnbürsten, Binden oder Antibiotika haben wollen – danach lege ich mich ganz unspannend ins Bett.

Haben schon mal Drogenabhängige deine Apotheke überfallen?
Nein, das war früher mal gang und gäbe, ist aktuell aber wohl – zum Glück – nicht mehr so trendy. Als meine Eltern auf dem Land ihre Apotheke hatten, wurde sie mal von Drogenabhängigen überfallen. Die sind eingebrochen, haben den Safe abmontiert, geknackt und ausgeräumt. Das ist jetzt etwa 30 Jahre her – erbeutet haben sie die Tageseinnahmen und den gesamten Suchtgiftbestand, hauptsächlich Opiate. Den leeren Tresor haben sie dann in einem Fluss versenkt.

Klaust du manchmal rezeptpflichtige Medikamente?
Ich habe ja meine eigene Apotheke – warum sollte ich mich selbst bestehlen? Manchmal versorge ich allerdings meine Freunde mit Medikamenten, auch wenn sie gerade kein Rezept haben. Das passiert aber auch nur in Fällen, bei denen ich genau weiß, dass die Leute eh in ärztlicher Behandlung sind und das Mittel auch wirklich brauchen: bei Blutdruckgeschichten zum Beispiel oder Antidepressiva.

Hast du schonmal erlebt, dass jemand Medikamente in der Apotheke besorgt und du denkst: Der wird sich damit umbringen?
Wenn ich das mitkriegen würde, hätte ich nicht nur die moralische, sondern auch die gesetzliche Pflicht, diesen Plan zu unterbinden. Ich kann zwar nicht entscheiden, ob jemand seinem Leben ein Ende setzen möchte und das tatsächlich irgendwann umsetzt. Als Apotheker kann und will ich aber keinen Suizid unterstützen – ich gebe doch auch niemandem eine Waffe in die Hand, wenn er sich umbringen will.

Einmal bat mich eine Bekannte um ein Betäubungsmittel, das dem Mittel Midalozam sehr ähnlich ist – ein Arzneistoff, der in den USA bei Hinrichtungen als Todesspritze verwendet wird und 2014 in die Schlagzeilen geriet, weil der Verurteilte erst zwei Stunden nach der Injektion starb. Sie wollte vorsorgen, falls sie mal unheilbar krank werden würde und vorher Suizid begehen wolle. Da habe ich mich geweigert und Nein gesagt. Ob sie das Mittel letztendlich woanders bekommen hat, weiß ich nicht.

Was war das Bizarrste, das du je in deiner Apotheke erlebt hast?
Mit Menschen in Extremzuständen erlebt man einiges: Die einen sind sauer wegen ihrer schmerzhaften Hämorrhoiden, die anderen, weil sie irgendeinen Stoff brauchen. Einmal kam ein Pärchen in die Apotheke, das eine Drogenvergangenheit hatte und sein Substitutionsprogramm abholen wollte. Das hatte ich ihnen aber schon ausgehändigt – der Typ hat das nicht eingesehen und vor Wut ein Schwert gezogen, mit dem er vor der Theke herumgewedelt hat. Ich habe die Situation schließlich entschärfen können. Solche Kunden sind ein Grund, warum Pharmazeutiker auch psychologisch geschult sein sollten.

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