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Stalking-Vorwürfe gegen Polizisten: Dutzende Anrufe von der Wache und keiner will es gewesen sein

Gibt es in den Reihen der Berliner Polizei einen Stalker? Die Ermittler legen den schwerwiegenden Verdacht schnell zu den Akten, doch das Opfer leidet monatelang unter dem Fall, der in einer Herbstnacht beginnt und mit einer Flucht aus Deutschland endet.

von Benedict Wermter
17 Mai 2017, 7:27am

Alle Bilder: Grey Hutton

Einer der letzten warmen Herbsttage des vergangenen Jahres: Cristina Jäger* und ihre Partnerin trinken abends noch ein paar Gläser Wein, in einer Bar etwa einen Kilometer von ihrer Wohnung in Berlin Neukölln entfernt. Sie fahren mit dem Auto zurück zur Wohnung, wegen der Einkaufstaschen im Kofferraum – der erste Fehler. Dann werden einige Besucher vor einer anderen Bar in der Nähe der Wohnung Zeugen, wie Cristina Jäger und ihre Partnerin abwechselnd versuchen einzuparken. Dabei berühren sie wohl ein anderes Fahrzeug. Der Wirt der Bar greift zum Telefon und ruft die Polizei. Was jetzt passiert, könnte eigentlich eine kurze Routinekontrolle sein – doch es kommt anders.

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Zwei Polizisten vom Neuköllner Abschnitt 54 schnappen sich Cristina Jäger und ihre Freundin, die gerade dabei sind, sich vom Unfallort zu entfernen und nach Hause zu gehen – der zweite Fehler. Unter den Augen schaulustiger Barbesucher müssen die beiden pusten. Das Ergebnis des Atemtests bei Jäger: 1,17 Promille. Lappen weg. Dann läuft die Maßnahme aus dem Ruder: Die Teamleiterin der Polizei erklärt Jäger, dass sie jetzt mit auf die Wache zur Blutentnahme müsse. Jäger verstand die Aufforderung nicht richtig, sagt sie: "Ich dachte, ich kann gehen." Also lief sie los, nach Hause. Eine Kurzschlussreaktion: Jäger ist durcheinander und sie hat große Angst vor Spritzen, sagt sie. Deswegen lässt sie irgendwie unbewusst ihre Partnerin zurück mit den Polizisten, den angetrunkenen Barbesuchern und den Einkaufstaschen, erzählt Cristina Jäger – der dritte Fehler.

Cristina Jäger hat die Ereignisse in Comic-Zeichnungen verarbeitet. Foto: Grey Hutton

Der Polizist Sebastian C. will Cristina Jäger daran hindern, den Unfallort erneut zu verlassen. Er habe sie an der Schulter gepackt und sie im Stehen fixiert, sie habe kurz mit ihm gerangelt, erzählt Cristina Jäger. Als sie stand, habe er die Tischlerin zu Boden gerissen. Es krachte laut in der Schulter. „Ich wusste sofort, da ist was kaputt", sagt Jäger. Das Ergebnis des ärztlichen Befundes im Krankenhaus: Schulter ausgerissen und gebrochen. Doch die Schulterverletzung ist nur das sichtbarste Resultat dieser Nacht – eine andere Folge wird Cristina Jäger monatelang beschäftigen.

Der Stalking-Auftakt

Schon in der Nacht nach dem Vorfall meldet sich ein Polizist vom Abschnitt 54 auf Jägers Handy. Ihre Partnerin geht dran: Der Polizist habe wissen wollen, ob die Nummer korrekt sei. Jägers Freundin sagt, sie habe ihm von der zerstörten Schulter erzählt, und von der bevorstehenden Anzeige gegen den Polizisten Sebastian C. Danach geschieht etwas sehr merkwürdiges: In den folgenden Wochen wird Cristina Jäger zu über dreißig verschiedenen Zeitpunkten angerufen, meistens nachts, oft folgen mehrere Anrufe aufeinander. Screenshots auf ihrem Handy zeigen eine Nummer, die zum Abschnitt 54 gehört, auf der die Polizisten von jenem Herbstabend Dienst haben. Wenn Jäger antwortete, habe der Anrufer aufgelegt.

Die Anrufe zeigten Wirkung: "Wir haben uns gefragt, wozu die Polizisten noch fähig sind, wenn die so auf das Recht pfeifen", sagt Cristina Jäger. Ob wohl jemand mal nachts einfach vorbei kommt? Ob die Polizisten sich weitere Gründe für Anzeigen gegen sie einfallen lassen könnten? Jäger und ihre Freundin sahen Sebastian C. und weitere Beamte aus der Nacht in den Wochen danach sogar in Neukölln auf Streife, die Frauen wechselten dann die Straßenseite. Die Anzeige gegen C. hielten sie trotzdem aufrecht. Doch die Geschichte des Falls Cristina Jäger vs. Abschnitt 54 ist kompliziert und sie verdeutlicht, wie mühsam es für Bürger ist, juristisch gegen Polizisten vorzugehen.

Ein Röntgenbild zeigt die Schrauben in Jägers Schulter. Bild: Grey Hutton

Mit den körperlichen Folgen der Nacht muss Jäger allein klar kommen: Wegen ihrer Schulterverletzungen werden ihr in einer Operation zwölf stützende Schrauben eingesetzt, entschädigt worden ist sie von der Berliner Polizei dafür bis heute nicht. Seit der Operation ist die Werkstatt der 40-jährigen Tischlerin geschlossen, ihre Meisterprüfung musste sie absagen. Sie ist arbeitsunfähig.

Der Polizeipräsident musste sich einschalten

Jägers Anwalt geht den belästigenden Anrufen nach, und rief Ende November 2016 auf der Neuköllner Wache an. Ein Polizist gesteht laut dem Juristen die Anrufe sogar am Telefon ein, diese würden "bestimmt bald weniger werden", habe er dem Anwalt gesagt. Protokolliert habe die Polizei keinen dieser Anrufe – und auch Jäger kann bei ihrem Handyanbieter nur die ausgehenden Anrufe abfragen. Die Wache wollte die Anrufe immerhin bei einer kommenden Besprechung aufgreifen. Trotzdem schellte offenbar weiterhin das Handy der Tischlerin und zeigte die Nummer der Wache. Wieder oft nachts. Auch eine Anzeige von Jäger gegen Unbekannt wegen Nötigung lief ins Leere – die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein. Die Begründung: Es liege keine Nötigung vor, denn es habe keine verbale Drohung gegeben.

Schließlich schreibt Jägers Anwalt Mitte Dezember 2016 dem Berliner Polizeipräsidenten und reicht eine Dienstaufsichtsbeschwerde ein. Der Polizeipräsident antwortet kurz vor Weihnachten in gelassenem Ton, man habe den Vorfall überprüft: Da zu den Anruf-Zeitpunkten verschiedene Gruppen Dienst hatten, seien die Anrufe bestimmt nicht von der Wache gekommen, sondern die Polizei sei Opfer von Call ID Spoofing. Erstaunlich allerdings: Wurde noch einen Tag vor dem Schreiben des Berliner Polizeichefs auf Jägers Handy angerufen, hörten die Anrufe mit dem Schreiben endlich auf.

Die Legende vom Call ID Spoofing

Unter Call ID Spoofing wird ein Anruf verstanden, bei dem dem Angerufenen eine Nummer vorgetäuscht wird – also hier auf dem Telefon von Frau Jäger. Die Originalnummer bleibt dabei verborgen. Diese Methode wird zum Beispiel von Betrügern verwendet, um ältere Menschen zu täuschen – etwa beim Enkeltrick. Dabei wurde zuletzt teilweise auch die Nummer örtlicher Polizeidienststellen verwendet, um die Angerufenen unter Druck zu setzen. Aber hier? Alles ein Zufall? Wer sollte ein Motiv haben, Cristina Jäger unter Druck zu setzen? Außer die Polizei Berlin.

Bild: Grey Hutton

Der Fall sorgt bei der Berliner Polizei für wenig Aufregung: Auf Anfrage von Motherboard teilt die Polizei nach langem hin und her wortkarg mit: "Das ID Spoofing an sich stellt keine Straftat dar sondern eine Ordnungswidrigkeit. Die Hoheit bei der Überwachung des Telefonnetzes obliegt der Bundesnetzagentur." Und: "Aufgrund fehlender rechtlicher Voraussetzungen wurden keine Nachforschungen zum „Handy-Spoofing" vorgenommen." Auch gebe es bisher keine weiteren bekannten Opfer solcher Anrufe.

Offenbar besteht bei der Polizei wenig Interesse, den angeblichen Nummernklau aufzuklären. Die Polizei ist sich aber sicher, dass keiner ihrer Beamten des Abschnitts 54 Frau Jäger telefonisch belästigt habe, erklärt die Pressestelle in einem Statement gegenüber Motherboard weiter. Warum man sich da so sicher sei, erklärt die Polizei nicht.

Vor Gericht gibt es nur einen Beschuldigten

Die Alkoholfahrt und das Entfernen vom Unfallort – beide Fehler gesteht Jäger ein. Sie täten ihr sehr leid. Doch die gebrochene Schulter sei jenseits der Verhältnismäßigkeit, findet Cristina Jäger. Den Polizisten hat sie wegen Körperverletzung angezeigt. Auch der Polizist Sebastian C. erstattet im Gegenzug Anzeige: Wegen Widerstand gegen Polizeibeamte.

Am 1. März 2017 sehen sich Cristina Jäger und Sebastian C. schließlich vor Gericht wieder. Das Verfahren gegen Jäger wegen Trunkenheit am Steuer, Unfallflucht und Widerstand gegen die Polizei wurde verhandelt. C. und seine Kollegen aus der Nacht stehen lässig an die Wand gelehnt vor dem Amtsgerichtssaal. Vielleicht sind sie auch deswegen entspannt, weil das Verfahren gegen Sebastian C. wegen Körperverletzung im Amt zwischenzeitlich eingestellt wurde. Statistisch gesehen ist das nicht überraschend: In den vergangenen Jahren wurden fast alle Anzeigen gegen Polizisten eingestellt. Kritiker sagen, Ermittlungen bei der Polizei scheitern regelmäßig, weil Kollegen gegen Kollegen ermitteln.

Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Bürgern laufen im Nachgang immer gleich ab: Auf Anzeigen folgen Gegenanzeigen, fast immer gewinnen die Polizisten auf dem Rechtsweg. Glaubt man den beiden deutschen Polizeigewerkschaften, nimmt Gewalt gegen Polizisten zu. Deswegen bestraft Justizminister Heiko Maas künftig jeden Schubser gegen Polizisten mit Haft. Aktivisten von Campact oder Juristen wie Tobias Singelnstein halten das für maßlos übertrieben.

Polizist C. tut es nicht leid

Sebastian C. ist der größte Polizist in der Runde seiner Kollegen bei der Verhandlung – und er ist mit Mitte 20 noch nicht einmal ein Dreiviertel Jahr im Dienst. In einer Verhandlungspause konfrontieren wir ihn mit der gebrochenen Schulter und den Anrufen: "Ich bin angegriffen worden, deswegen tut es mir auch nicht leid, was passiert ist. Ich habe das mildeste Mittel angewandt und das ist verhältnismäßig, weil sich Frau Jäger gewehrt hat." C. wirkt nervös aber er antwortet druckreif. "Von den Anrufen habe ich nie gehört, das ist Quatsch", erklärt er abschließend.

Cristina Jäger hat die Ereignisse in Comic-Zeichnungen verarbeitet. Foto: Grey Hutton

Die Richterin ist erstaunt, dass Cristina Jäger so viele Freunde im Publikum sitzen hat. Trotzdem geht die Verhandlung in Sachen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte für Jäger nicht gut aus: Staatsanwältin und Richterin unterbrechen Cristina Jäger, als sie davon erzählt, mit Sebastian C. gerangelt zu haben. Für das Gericht ist damit klar, der Tatbestand des Widerstands gegen Polizisten ist erfüllt. Jäger darf acht Monate nicht Auto fahren und muss 1200 Euro Strafe zahlen.

Um die Anrufe geht es vor Gericht nicht, doch Jäger hat Berufung auf das eingestellte Verfahren wegen Körperverletzung im Amt gegen Sebastian C. eingelegt – sie gibt nicht auf. Vielleicht kommen dann die nächtlichen Telefonate immerhin zur Sprache. Zu eigenen Ermittlungen wegen Stalking wird es nicht mehr kommen, die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren wegen Nötigung schon eingestellt.

Für Cristina Jäger ist die Bilanz des warmen Herbsttages verheerend: Ihr Führerschein ist weg, sie ist arbeitsunfähig. Und sie fühlt sich von der Berliner Polizei misshandelt. Mittlerweile hat sie die deutsche Hauptstadt verlassen und lebt derzeit im Ausland.

*Wir haben den Namen geändert, um die Identität der Frau zu schützen