Zwangsarbeit

Wie ausländische Hausangestellte in Hongkong missbraucht werden

Sie kommen, um ihre Familien in der Heimat versorgen zu können. Stattdessen werden sie oft geschlagen und ausgebeutet.

von Justin Heifetz​​
25 Mai 2017, 4:00am

Alle Fotos von Philipp Engelhorn

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Von Nicoles* zerkratztem Rücken tropfte das Blut, als sie in den Fahrstuhl des Luxushochhauses auf Hong Kong Island flüchtete. Diesmal gab es für sie kein Zurück. Sie hatte monatelang durchgehalten trotz der Ohrfeigen, dem Gekreische, wie "widerlich" und "dumm" sie sei, trotz der zermürbenden Schlaflosigkeit. Normalerweise bat sie Gott um die Kraft, einen weiteren Tag durchzustehen, doch dies war der schlimmste Tag ihres Lebens.

Wenige Minuten zuvor hatte Nicole noch für die Familie ihrer Arbeitgeberin das Mittagessen vorbereitet. Ihre Chefin – eine Mutter zweier Kinder, die ihr den ganzen Tag kritisch über die Schulter sah – hatte sie beschuldigt, beim Kochen schmutziges Wasser vom Schneidebrett verwendet zu haben. Dann, so Nicole, sei die Frau ausgerastet, habe sie zu Boden geschleudert, sie am Arm zur Tür gezerrt und blutend aus der Wohnung geworfen.

Nicole ist wie etwa 165.000 andere Haushaltshilfen von den Philippinen nach Hongkong gekommen. Sie zittert und weint, als sie von jenem Januartag erzählt. "Als die Beamtin mich untersuchte, wusste ich nicht, dass ich eine Wunde am Rücken hatte", erzählt sie. Sie sitzt auf einer Bank im ruhigen Hof der Sankt-Johannes-Kathedrale, nur wenige Schritte von Hongkongs geschäftigem Finanzviertel entfernt. "Ein solches Unrecht habe ich nicht verdient", sagt sie.

Doch Nicoles erschreckende Missbrauchserfahrung ist in Hongkong, wo sich Frauen zu Tausenden als Haushaltshilfen verdingen, nur eine Geschichte von vielen. Die Frauen kommen, um ihre Familien daheim zu unterstützen, doch viele landen schnell in einer Spirale aus Schulden und Gewalt.

Grace Estrada ist eine philippinische Hausangestellte und Vorsitzende der Progressive Labour Union of Domestic Workers (PLU). Die Arbeiterinnen treffen sich an ihrem einzigen freien Tag, dem Sonntag, um sich über Probleme auszutauschen

Filipinas machen etwa die Hälfte der ausländischen Hausangestellten Hongkongs aus. Ein weiterer Großteil – etwa 150.000 – kommt aus Indonesien, der Rest aus anderen süd- und südostasiatischen Ländern. Im Juli 2015 waren 336.000 ausländische Hausangestellte in Hongkong registriert. Laut staatlichen Statistiken beschäftigt dort einer von drei Haushalten mit Kindern eine solche Arbeitskraft.

Diese Frauen erhalten, anders als einheimische Angestellte, lediglich den Mindestlohn, der aktuell bei etwa 500 Euro im Monat liegt. Ihre Arbeitszeit unterliegt keinen offiziellen Beschränkungen, ein freier Tag pro Woche ist aber erlaubt. Meist haben die Frauen den Sonntag frei und sitzen dann zu Tausenden auf Pappunterlagen in den öffentlichen Parks und Fußgängerzonen. Der Großteil verschwindet mit dem Einbruch der Dunkelheit, denn die meisten Arbeitgeber verhängen Ausgangssperren.

Besonders problematisch ist, dass diese Frauen laut ihren Visabestimmungen bei ihren Arbeitgebern wohnen müssen. Eine ausländische Hausangestellte "sollte ihre Arbeit als im Haushalt lebende Vollzeitangestellte ausüben", wie es auf der Website der Einwanderungsbehörde heißt. "Ausländische Hausangestellte erhalten keine Genehmigungen für eigene Wohnsitze."

"Diese Vorschrift ist die Wurzel vieler Probleme", so Elisabeth Tang, Generalsekretärin der International Domestic Workers Federation. "Die Hausangestellten haben keine Wahl. So spielt sich alles im Verborgenen ab und sie sind allen möglichen Formen der Ausbeutung ausgeliefert", sagt sie. Ihre Organisation höre regelmäßig von 16-stündigen Arbeitstagen.

Die Hilfsorganisation HELP for Domestic Workers (HELP) hat Nicole geholfen, ihren Missbrauch anzuzeigen. Daraufhin zeigte ihre ehemalige Arbeitgeberin sie ebenfalls an, ohne jegliche Beweise: Nicole habe zwei Designer-Portemonnaies und eine Kamera gestohlen. "Arbeitgeber machen häufig solche Anzeigen wegen Diebstahls. Dabei wollen sie nur den Lohn der Angestellten einbehalten", sagt Holly Carlos Allan, die Geschäftsführerin von HELP. Sie bestätigt auch, dass Nicole ihre frühere Arbeitgeberin angezeigt hat. "Die Polizei hat bereits manchen unserer Klientinnen gesagt, sie müssten nur gestehen, dann dürften sie gehen."


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Grace Estrada, eine philippinische Hausangestellte und Vorsitzende der Progressive Labor Union of Domestic Workers (PLU), findet die Pflicht zur Unterbringung in Familien geradezu gefährlich. "Es ist Sklaverei, wenn Arbeiterin und Arbeitgeber zum Zusammenwohnen gezwungen sind", sagt sie. "Man ist rund um die Uhr auf Abruf." Ihre Gewerkschaft ist ein loser Zusammenschluss von Hausangestellten, die sich jeden Sonntag in einer winzigen Wohnung im Austin-Viertel in Kowloon treffen. Dort tauschen sie sich über verbreitete Probleme aus, von der Schuldknechtschaft bis hin zu körperlichem und psychischem Missbrauch.

Dass ausländische Haushaltshilfen auch an ihrem Arbeitsplatz wohnen müssen, ist relativ neu. Laut Tang hat die Regierung diese Regelung erst 2003 eingeführt, als die SARS-Epidemie die Arbeitslosenzahlen in die Höhe trieb. So sollte verhindert werden, dass ausländische Arbeitskräfte dem heimischen Markt potenzielle Teilzeitjobs entziehen. "Wer aus dem Ausland kommt, muss nun mit im Haushalt leben. Nur wer aus Hongkong ist, darf auch in Teilzeit arbeiten, sodass bestimmte Jobs einheimischen Frauen vorbehalten sind", so Tang.

Der Zwang, in einem gesetzlich kaum geregelten Sektor auf engstem Raum zusammenzuleben, öffnet dem Missbrauch Tür und Tor. "Körperliche wie auch verbale Angriffe sind keine Seltenheit", sagt Allan. "Die Wohnsituation fördert diese Art Angriffe und beschneidet die Privatsphäre der Angestellten."

Estrada erzählt, ihre Arbeitgeber hätten sie verpflichtet, nachts alle zwei Stunden nach dem Wasserglas ihres Kindes zu sehen. Sie und zwei weitere PLU-Mitglieder berichten von traumatischen Misshandlungen durch ihre Arbeitgeber: Eine Frau sei gezwungen worden, auf dem Wäschetrockner zu schlafen, wo die Hitze und das ständige Rütteln sie wach hielten. Ein Arbeitgeber habe in Unterwäsche Pornos geschaut, während seine Angestellte arbeitete. Eine weitere Frau habe auf dem Fensterbrett schlafen müssen. Diese Betroffenen möchten anonym bleiben.

"Der Arbeitgeber hat die volle Kontrolle", sagt Rowena Borja, eine Gewerkschafterin der PLU. Sie erzählt, ihre ehemalige Arbeitgeberin habe sie oft bis 3 Uhr morgens wach gehalten und ihr den gesetzlichen Urlaub verweigert. "Sie schrie mich die ganze Zeit an. Ich hatte einen Nervenzusammenbruch." Die PLU führte 2012 zusammen mit der Alliance of Progressive Labor–Hongkong ihre letzte größere Befragung durch. In Gesprächen mit 1.500 philippinischen Haushaltshilfen stellte sie fest, dass diese im Schnitt 15,6 Stunden am Tag arbeiten, in der Regel von 6 bis 23 Uhr.

"Ob die Arbeitsbedingungen den vertraglichen Absprachen entsprechen, wird kaum überprüft – die Arbeitgeber werden also fast nie zur Verantwortung gezogen", sagt Jade Anderson von der NGO Justice Center Hong Kong.

Ein Sprecher des Arbeitsministeriums schreibt per E-Mail, "die Regierung und die Gemeinschaft" würden "keinen Missbrauch von ausländischen Hausangestellten tolerieren". Man untersuche alle angezeigten Fälle gründlich und verfolge bei entsprechender Beweislage die Täter umgehend. Auch organisiere das Ministerium Veranstaltungen, die "sicherstellen sollen, dass ausländische Hausangestellte ihre Rechte und die Hilfsangebote kennen".

Für manche Angestellte ist die Lösung dennoch, außerhalb zu wohnen und sich illegal in einem der sogenannten "Gästehäuser" einzumieten. Diese kleinen, überfüllten Wohnungen gibt es in Hongkong zuhauf. Meist philippinische Vermieter bieten günstige Plätze in Stockbetten an. Doch diese Wohnsituation bringt für die Migrantinnen eigene Probleme mit sich.

Die PLU und andere Organisationen haben öffentlichkeitswirksam Frauen vertreten, die von Arbeitgebern misshandelt wurden. Die Gewerkschaft macht Kampagne gegen Gesetze, die Frauen verpflichten, bei ihren Arbeitgebern zu wohnen.

Bing* teilt sich eine Wohnung mit nur einem Bad mit zehn anderen philippinischen Hausangestellten. Die Frauen schlafen zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer. Bings Arbeitgeber, ein ausländisches Paar, zahlen ihr monatlich 175 Euro für ihren Schlafplatz. Sie weigern sich aber oft, ihr Taxigeld zu geben, wenn sie Bing zwingen, bis nach Mitternacht zu babysitten. Sie empfindet das dennoch als Fortschritt. Ihre vorherigen Arbeitgeber, mit denen sie zusammenlebte, hätten ihr nichts als Reste zu essen gegeben.

Die langen Arbeitszeiten der Hausangestellten machen es ihnen allerdings fast unmöglich, zur Arbeit zu pendeln. "Meine Arbeit beginnt um 5 Uhr. So kann ich nicht auswärts wohnen", sagt Ida*. Dazu kommt die ständige Angst vor der Polizei und den Behörden: Kommt es in einer der Pensionen zu einer Razzia, droht den Frauen die Abschiebung. Bing sagt, ihre philippinische Vermieterin befinde sich in einer von Angst geprägten Affäre mit dem chinesischen Eigentümer des Gebäudes. Laut Estrada gibt es derartige Mietverhältnisse häufig. "In Hongkong arbeitende Filipinos mieten eine Wohnung, teilen sie in Zimmer auf und vermieten diese dann weiter."

Die meisten Organisationen fordern für die Hausangestellten das Recht auf freie Wahl des Wohnorts. Die PLU setzt sich für diese Option ein und trifft sich regelmäßig mit Regierungsvertretern, bislang gibt es aber laut Estrada "kein bisschen Fortschritt". Der PLU zufolge behauptet die Regierung, die Haushaltshilfen würden sonst in Teilzeit arbeiten und somit Visa-Missbrauch begehen. "Wir haben ihnen hundertmal gesagt: Wie sollen wir denn in Teilzeit arbeiten, wenn wir von 5 bis 23 Uhr beschäftigt sind?", klagt Estrada.

Die PLU hat sich im Mai 2016 mit Vertretern des Arbeitsministeriums und im Februar 2017 mit dem Dachverband der Gewerkschaften in Hongkong getroffen. Beide geben Estrada zufolge ähnliche Gründe für die Beibehaltung der Wohnvorschriften an. Man sagte ihr, wenn die Migrantinnen auswärts leben dürften, würden sie nachts durch die Straßen ziehen oder in Bars und Clubs arbeiten.

"Jegliche Veränderung dieser Vorschrift widerspräche unserem Verständnis der Rolle der Arbeitsmigration und dem Grundsatz der Bevorzugung einheimischer Bewerber", so ein Sprecher des Arbeitsministeriums per E-Mail.

Letztes Jahr verabschiedete die Regierung Hongkongs ein Gesetz, das ausländische Haushaltshilfen davor schützen soll, Hochhausfenster putzen zu müssen; diesen Januar hat sie einen Leitfaden für Vermittlungsagenturen veröffentlicht. Ansonsten ist aber wenig geschehen. "Es fehlt die Anerkennung, dass diese Frauen für Hongkong wichtige Arbeit leisten", sagt Anderson. Sie verweist auf die Studie des Justice Center: "Viele beklagten mangelnden Respekt. Sie sagten, ihre Arbeitgeber würden ihnen die Kleidung und sogar den Zeitpunkt des Toilettengangs vorschreiben, und überhaupt einfach alles kritisieren."

Laut einem Bericht, den Anderson im März 2016 mitverfasst hat, arbeiten von über 1.000 migrantischen Hausangestellten 17 Prozent unter Bedingungen, die Zwangsarbeit gleichkommen. Die Studie des Justice Center belegt, dass nicht nur die Arbeits-, sondern auch die Lebensbedingungen von Zwang gezeichnet sind. Die Frauen sind Tag und Nacht auf Abruf, ihre Gehälter werden manipuliert, ihre Papiere einbehalten. Arbeitgeber isolieren sie zudem absichtlich, indem sie ihnen zum Beispiel die Handys wegnehmen.

Die Gründe, warum die Frauen in diesem Missbrauchssystem feststecken, sind zahlreich und komplex. Laut Gesetz müssen sie die Stadt nach einer Kündigung binnen zwei Wochen verlassen, was viele Frauen davon abhält, Missbrauch anzuzeigen. Viele von ihnen haben Schulden bei ihren Vermittlungsagenturen, die immer weiter ansteigen und denen sie nicht mehr entkommen. Zugleich sind sie für ihre Familien in der Heimat die Hauptverdienerinnen.

"Wir schaffen es zwar lebend nach Hause, aber dafür ohne Geld und Ehemann", sagt Borja, die PLU-Sekretärin. Nach Jahren des Wartens würden die Männer oft Affären eingehen. "Die Frauen fangen wieder bei null an."

Während sie abwartet, ob die Behörden Anklage gegen sie oder ihre Arbeitgeberin erheben, lebt Nicole in einer spartanisch eingerichteten Unterkunft des philippinischen Konsulats. Sie hat kein Einkommen und auch ansonsten kaum Beschäftigung.

Sie schickt ihrer Familie im philippinischen Davao City weiterhin Geld, obwohl sie ihrer Vermittlungsagentur über 1.000 Euro schuldet. Nicole traut sich nicht, ihren Freunden und Verwandten zu gestehen, dass sie ihren Job verloren hat. Schließlich halten ihre Angehörigen Hongkong für eine glamouröse Stadt voller Geld und Aufstiegschancen.

"Ich schicke ihnen Geld für Milch und Medikamente. Mein Kind hat momentan Fieber. Ich dachte, Hongkong wäre der richtige Ort für Haushaltshilfen", sagt sie mit tränenüberströmtem Gesicht. "Das dachte ich wirklich."

*Namen zum Schutz der Personen geändert

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