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Alkohol

Was es dir bringt, einen ganzen Monat nicht zu trinken

Der Januar wirkt wie der perfekte "Trockenmonat". Aber warum nochmal solltest du dir das antun? Wir haben mit Experten gesprochen.

von Esmee Schenck De Jong
09 Januar 2017, 1:23pm

Die Erkenntnis, dass du ein ganzes Jahr lang deinen Körper zur Giftmüllhalde gemacht hast, kommt am 1. Januar, als du aus einer Hausparty stolperst, kleine Bröckchen hochhustend, die vielleicht einmal Teil deiner Lunge oder eines anderen wichtigen Organs waren. Am nächsten Tag scrollst du dich katerschweißgebadet durch einen Feed voller Entgiftungskuren und "Dry January" und beschließt, dass es Zeit ist, einen Monat lang auf Alkohol zu verzichten.

Wunderbar. Aber das allein ist wirklich noch keine Medaille wert: Es gibt viele Leute, die regelmäßig sogar noch länger auf Alkohol verzichten, schwangere Frauen zum Beispiel. Trotzdem, OK, es kann wirklich hart sein. Du willst nicht mehr so viel aus dem Haus wie sonst, du musst streng mit dir sein, obwohl du gerade locker sein willst, und deine Freunde mögen dich eine Zeit lang weniger als vorher.

Warum solltest du dir also diesen Monat den Alk verkneifen? Was bringt das, abgesehen davon, dass du beweisen kannst, dass du ein besserer Mensch bist als deine Alki-Freunde? Ich habe ein wenig recherchiert und mich mit einer klinischen Psychologin unterhalten, die auch Sprecherin des Amsterdamer Jellinek-Zentrums für Suchtprävention ist.

Alle Fotos aus Raymond van Mils und Sabine Rovers Fotoreihe 'Drinken, dutten en een punt drukken'

2013 ließen 14 Redakteure von New Scientist einen Monat lang das Trinken sein und ließen sich danach ärztlich untersuchen. Am Ende des Monats hatten die Redakteure im Durchschnitt 15 Prozent weniger Fett in der Leber (Fett kann Leberschäden hervorrufen) und 16 Prozent weniger Glucose im Blut. Abgesehen davon hatte das Team auch durchschnittlich 1,4 Kilogramm abgenommen, ohne die Ernährung zu ändern.

Das sind sehr überzeugende Argumente, um Getränken mit Umdrehungen eine Weile abzuschwören. Es überrascht allerdings auch nicht, dass die Redakteure angaben, ihr Sozialleben leide unter dem Experiment. Floor van Bakkum vom Jellinek-Zentrum in Amsterdam sagt mir: "Für viele ist das Schwerste nicht das Aufhören mit dem Alkohol, sondern der Umgang mit den Reaktionen anderer. Früher oder später hört man: 'Ein Drink wird dir schon nicht schaden!' Oder: 'Bist du schwanger oder so?'"


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Nicht nur deine Mitmenschen scheinen dir zu wünschen, dass du kläglich scheiterst, auch dein eigener Körper scheint genau das zu wollen. Der klinische Psychologe Bart Vemer erklärt mir, dass der Körper sich daran gewöhnen kann, jeden Tag um 17 Uhr ein Bier zu bekommen, und dann beginnt das Gehirn bereits um 16 Uhr, den Körper auf die Aufnahme dieses Biers vorzubereiten. "Die Leber befindet sich in einem anderen Zustand; der Teil des Gehirns, der für Alkohol zuständig ist, wird aktiv und fängt an zu fragen: 'Kommt bald was?' Diese Impulse sind anfangs noch chemisch—der Körper reagiert auf eine bestimmte Art, was Gefühle und Gedanken freisetzt. Wenn man aufhört zu trinken, verschwinden diese Bedürfnisse nicht einfach. Man wird übellaunig und müde, oder vielleicht leitet man die freigewordene Energie in andere Bahnen, die einem auch schaden. Diese Symptome lassen nach einer Weile nach, wenn dem Körper aufgeht, dass kein Drink mehr kommt."

Es gibt allerdings etwas, das du deinem Körper stattdessen geben kannst: Ruhe. "Nach drei Wochen ohne Alkohol schlafen die meisten Menschen erheblich besser", sagt van Bakkum. "Leute, die vor dem Schlafengehen ein paar Bier trinken, schlafen meist schnell ein, aber ihr Körper erholt sich nicht so gut, wie er sollte." Mehr Schlaf von höherer Qualität ist wichtig, wenn du deine Vorsätze einhalten willst, denn Schlafmangel hat desaströse Auswirkungen auf die Willenskraft, sagt die Psychologin Kelly McGonigal, die an der Stanford University über das Thema Willenskraft doziert. Zu wenig Schlaf stört das Gehirnareal, das für Entscheidungen und Impulskontrolle zuständig ist.

Ein Monat Abstinenz wird allgemein dein psychisches Wohlbefinden verbessern. Du wirst dich gesünder und konzentrierter fühlen, und dein Erinnerungsvermögen wird besser sein. Doch sowohl van Bakkum als auch Vemer räumen ein, dass dieser Effekt nicht immer alles einfacher macht. Wenn du zum Beispiel die Sorte Trinker bist, die trinkt, um zu vergessen, dann wirst du dich natürlich stattdessen mit dem Thema auseinandersetzen müssen, statt davor zu fliehen. Vielleicht fühlst du dich am Ende des Monats also nicht unbedingt so viel besser, aber es ist trotzdem gesünder.

Schließlich habe ich gefragt, ob es etwas gibt, das die Abstinenzphase erleichtern kann. Van Bakkum sagt, den Leuten gehe in der Regel plötzlich auf, in wie vielen Alltagssituationen Alkohol eine Rolle spielt. Sie empfiehlt, sich im Voraus darauf einzustellen: "Es ist gut vorauszudenken und sich schon einmal auszusuchen, was man stattdessen trinken will, oder wie man ablehnen will, wenn einem jemand etwas anbietet. Oder vielleicht sollte man sich auch überlegen, ob es nicht einfach zu schwer ist auszugehen." Natürlich ist es auch sinnvoll, andere in deine trockene Hölle zu zerren. "Wenn man es zusammen macht, muss man sich nicht ständig rechtfertigen. Manche Leute haben WhatsApp-Gruppen, in denen sie miteinander reden können, wenn es ihnen gerade schwerfällt."

Den Stoff einen Monat lang aufzugeben, wird dich körperlich und geistig in bessere Form bringen, aber die wirkliche Frage ist, was es dir überhaupt bringt, wenn du dafür am Ende des Monats sofort wieder in alte Verhaltensmuster verfällst. Allerdings kann dir dann immer noch niemand deine moralische Überlegenheit wegnehmen. Immerhin hast du mehr Disziplin an den Tag gelegt und damit bewiesen, dass du offiziell besser bist als alle anderen. Außer schwangere Frauen, die sind in jedem Fall noch krasser als du.

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