Größer als Michael Jackson: Das geheime Tourleben der Vengaboys
90er

Größer als Michael Jackson: Das geheime Tourleben der Vengaboys

Es ist 2016 und die Vengaboys wollen noch immer Party machen.
13.4.16

Hier ist ein Spiel: Sag das Wort „Eisbär" und versuch, dann nicht an einen Eisbären zu denken. Das kannst du nicht. Es ist unmöglich. Du denkst immer an Eisbären, wenn jemand „Eisbär" sagt. Dasselbe gilt für das Wort „Vengaboys", nur, dass du dann „Boom boom boom boom, I want you in my room" singst, anstatt an Eisbären zu denken. Probier es direkt aus. Denk an die Vengaboys und versuch, nicht einen ihrer Smashhits im Kopf zu singen. Kannst du das? Wenn du kein Cyborg bist, dem das fehlt, was wir Menschen als Emotionen bezeichnen, dann ist die Antwort ein dickes fettes Nein.

Wenn du tatsächlich ein Cyborg bist, dann hier ein klein wenig Geschichte: Die Vengaboys sind ein niederländisches Dancepop-Quartett, das in den späten 90ern mit einer wahnsinnig ansteckenden Form poppiger Dance-Musik das Radio beherrschte. Im Grunde war das Musik, zu der deine Mutter im Urlaub nach ihrer zweiten Kanne Sangria tanzt. Ich habe mich vor Kurzem mit Donny Latupeirissa in Verbindung gesetzt, einem der derzeitigen Mitglieder der Band. Nach dem Stand der Dinge bestehen die Vengaboys weiterhin aus zwei Girls und zwei (irgendwie namensgebenden) Boys. Ich war mir nicht sicher, wer gerade in der Band ist und wer nicht, also habe ich Donny gebeten, die Besetzung zu erläutern:

„Am Anfang waren es nur Kim und unsere beiden Produzenten Danski und DelMundo, die die eigentlichen Vengaboys sind, weil sie die beiden Boys waren, von denen das Wort Vengaboys stammt. Nach ein paar Songs haben sie beschlossen, die Gruppe zu vergrößern, also sind Roy und Robin zusammen mit Denise eingestiegen."

Das hat die Sache nicht wirklich aufgeklärt. Eine kurze Wikipedia-Recherche half. Ein wenig.

Alles klar? Gut, dann machen wir weiter. Erfolg in der Popwelt ist nicht die beständigste Sache, also war es vielleicht nicht überraschend, dass die Vengaboys nicht die Langlebigkeit von Neil Young oder einem dieser anderen alten Typen hatten, die noch immer auf der Bühne herumröcheln und Jahr für Jahr überschwängliche Reviews im Classic Rock Magazin abstauben.

Doch in den Charts fehlt etwas, seit sie uns verlassen haben.

Es fühlt sich an, als wären wir vor einer Ewigkeit durch diese liebenswert übertriebenen und ungestüm grellen Dancepop-Schlawiner vereint worden. Was haben Donny und Co so getrieben, während wir freudlos oberflächlichen Deep-House und trockenen, süßlichen EDM verschlungen haben? Hauptsächlich Familien gegründet. „Denise hat mittlerweile zwei Kinder, Kim hat auch eine Familie gegründet, ihr Kind ist Zwei", erzählt Donny mir. „In den 90ern hatten sie keine Zeit dafür. Die Typen haben in der Zwischenzeit Party gemacht und wie immer Spaß gehabt!"

Diejenigen von euch, die sich Sorgen gemacht haben, die Vengaboys nur noch als verschwommene Erinnerung erleben zu können, sollten sich auf überraschende Neuigkeiten gefasst machen: Sie sind zurück, Baby! Ja, du hast richtig gehört, die verdammten Vengaboys sind zurück und sie werden durch ganz Europa touren. Angefangen beim berüchtigten Bangface an diesem Wochenende in Southport, England. Donny, bist du bereit?

„Ich habe ehrlich gesagt noch nie von Bangface gehört, wann ist das?"

Kim Sasabone, Robin Pors, Denise Post-Van Rijswijk & Donny Latupeirissa (v.r.) sind die heutigen Vengaboys

Nachdem er mir sagte, dass sie letztes Jahr fast 100 Shows gespielt haben—und 2016 das Gleiche machen werden—habe ich ihm verziehen, dass er die Veranstaltung, bei der er zusammen mit Rotterdam Terror Corps, Devvo und DJ Scotch Egg spielen wird, nicht kennt. Trotzdem bin ich sicher, dass sie eine tolle Zeit in Southport haben werden. Denn, wie Donny es ausdrückt, es geht ihnen hauptsächlich darum, „Party zu machen und vielleicht ein bisschen unanständig zu werden!" Partys können manchmal seltsam enden, also habe ich an die treueren Fans gedacht, die sie über die Jahre getroffen haben müssen.

„Es gibt einige Vengaboys-Tattoos", sagt er. „Einige mit Kims Gesicht, einige mit dem Bandnamen und einige mit dem Vengabus. Ich glaube, ich habe ihn auf dem Knöchel eines Typen gesehen, mit den Buchstaben VENGABUS darauf."

Wer kann es dem Typen verübeln, die Vengaboys sind offensichtlich eine Religion. Ihre Liveshow ist so lebhaft und fröhlich wie ihre Klänge, die du kennst und liebst. Ich kann mir vorstellen, dass einige im Publikum daher vielleicht auf die Idee kommen, selbst „ein bisschen unanständig" zu werden. Donny erzählt mir, dass dies immer wieder passiert:

„Wir haben einige Flitzer. Und sie versuchen, auf die Bühne zu kommen. Wir hatten einen Typen, der komplett nackt mit uns auf der Bühne war. Er war im Publikum und wir haben gerufen: ‚Mach mit!' Also kam er auf die Bühne und fing an rumzuspringen und sein Pimmel machte ‚Boing, boing, boing'. Es war wirklich witzig. Ich glaube, wir haben gerade ‚Boom Boom Boom' gespielt." Ich verurteile niemanden, der wegen „Boom Boom Boom" so in Verzückung gerät, denn das ist einer der absoluten Klassiker meiner Kindheit. Wahrscheinlich ist es sogar der Grund, warum ich heute Dance-Musik höre.

Die Vengaboys gut gelaunt wie eh und je anno 1999

Ich nehme an, dass diese Art von Ereignissen in Europa stattfindet, da es die Heimat des Partymachens ist, aber Donny sagt, es sei anders. Indien war total angesagt, stellt sich heraus. Es ist ein „wirklich, wirklich verrückter Ort", sagt er. Die Vengaboys haben dort sogar mehr Tonträger verkauft als Michael Jackson.

„Letztes Jahr sind wir nach so vielen Jahren wieder in Indien aufgetreten und es war komplett ausverkauft. Sie kennen alle Texte. Sie sind so enthusiastisch, weinen vor der Bühne und nehmen alles, was sie bekommen können." Größer als Michael Jackson, da kannst du nichts gegen sagen.

Als der Tour- und Party-Veteran, der Donny offensichtlich ist, frage ich mich, welcher Art von Späßen er und der Rest der Gruppe auf Tour so begegnet sind. Es kann sich schließlich nicht alles nur darum drehen, Michael Jackson in den Schatten zu stellen. Denn wir sollten nicht vergessen, dass die Vengaboys eine Band sind, die der Welt vor etlichen Jahren „We Like to Party" entgegnet hat. Und was für eine Party das war! Welche Art von ausgelassenem Wahnsinn spielte sich ab?

„Ein Mal waren wir mit 2Unlimited in Norwegen auf Tour und beschlossen, Backstage eine große Afterparty zu veranstalten. Wir haben den Laden auseinandergenommen, aber auf gute Art und Weise. Es herrschte Rauchverbot und wir haben weiter geraucht, dann haben sie das Licht ausgemacht und es wurde Disco-Licht, es hat also viel Spaß gemacht", sagt er. Das klingt tatsächlich nach Spaß! Und stell dir diesen Abend vor, stell dir vor, 2Unlimited als Support der Vengaboys zu sehen. Es gibt einen Himmel und ein paar Glückspilze haben ihn gesehen.

Ein aktuelles Promofoto der Vengaboys

Bands wie die Vengaboys und Sängerinnen wie Whigfield und Sonique spielen immer noch live die Hits von vorgestern, also lohnt es sich, zu fragen, was die 90er-Revival-Crew in ihrer Freizeit hört. Zieht sich Donny etwa Gigi Masin rein? Insgeheim hoffte ich, dass er ein riesiger Dance-Fan ist, die Art von Typ, die du komplett nüchtern neben den Lautsprechertürmen auf der eigenen Techno-Veranstaltung stehen siehst. Die Realität ist davon nicht weit entfernt.

„Was wir mit den Vengaboys machen, ist unser Job", fängt er an, „aber wenn wir ausgehen, dann gehen wir nicht zu 90er-Partys, wir gehen auf Deep-House- und Techno-Partys. Ich bin viel ins Trouw gegangen, bevor es zugemacht hat, und natürlich ist das Berghain großartig, aber ich achte nicht zu sehr darauf, welcher DJ spielt."

Wenn du also das nächste Mal im Berghain jemanden mit Cowboyhut siehst, dann weißt du, wer es ist.

Also ja, sie machen gerne Party. Ja, ihre Songs sind unglaublich eingängig. Ja, ihre Outfits sind meistens treffend. Aber abgesehen davon wollte ich wissen, warum der Name der Vengaboys so lange Bestand hat; was an ihnen ist, das überdauert hat? Donny ist ehrlich bezüglich des Effekts der Nostalgie. „Die Leute nehmen ihre eigenen guten Erinnerungen an eine Zeit, in der sie die Vengaboys gehört haben", sinniert er. „Immer, wenn wir irgendwo spielen, sagen die Leute uns: ‚Ich erinnere mich daran, als ich so und so alt war und eure Songs gehört habe, das bringt so viele Erinnerungen zurück!'"

Das stimmt und ich bin da nicht anders. Ich erinnere mich daran, mit 16 in der Kneipe Bier getrunken zu haben, wo der einzige Dance-Track in der Jukebox „Up and Down" war, also hat er nicht Unrecht. Und was sind seine Erinnerungen? Was hast du, Donny Latupeirissa, davon mitgenommen, ein Vengaboy zu sein?

„Ich bin einfach dankbar, so vielen Leuten Freude und Lachen zu bringen und so viele Leute glücklich zu machen."

Boom boom, in der Tat, boom boom.

Die Vengaboys spielen demnächst u.a. in Essen, Lübeck, St. Gallen, Herborn, Zürich und Thun.

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