Teenager, Drogen und Witze über HIV: Die Witch-House-Szene in Russland

Witch House ist in Russland (immer noch) angesagt—und irgendwie beängstigend.

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Juni 19 2015, 9:00am

Foto: Stanislav Mytarov/Furfur

"Stell dir vor, du bist eine 16-Jährige, die von ihrem Vater vor all ihren Freunden vergewaltigt wurde und es bei Instagram hochlädt." So hat ein Typ einem örtlichen Reporter auf einer Party in Moskau russischen Witch House beschrieben. (Russen haben einen sehr eigenen Sinn für Humor). Wenn dir das Unbehagen bereitet, dann ist genau das der Punkt. Düstere Witze sind elementar für die Witch-House-Szene in Russland, genau wie ihre nihilistische Grundhaltung. Aber ehrlich gesagt reden wir hier eher über die Art von Untergangsstimmung, die du auf einem zerrissenen T-Shirt findest als in einem Buch von Nietzsche.

Bevor wir uns der speziellen russischen Form des Witch House widmen, hier ein paar Hintergrundinformationen: Der Begriff "Witch House" wurde 2009 von dem New Yorker DJ Travis Egedy (alias Pictureplane) geprägt, der ihn benutzt hat, um spielerisch die Musik zu beschreiben, die er und ein kleiner Kreis aus Freunden gemacht haben. "Mein Freund Shams und ich haben ihn uns ausgedacht, um auf Okkultismus basierende House-Musik, die sich mit düsteren Themen auseinandersetzt, zu beschreiben. Magische House-Musik eben", erklärt Egedy mir. Nachdem er den Begriff in einem Interview mit Pitchfork über Dark Rift erwähnt hat—Egedys Album über die astrologische Bedeutung des Jahres 2012—verbreitete er sich im Internet und war zuerst in Musik-Blogs, später bei Last.fm und schließlich sogar in der New York Times zu lesen.

Es ist einfach, zu sehen, warum der Begriff "Witch House" so prägnant war. Er bezeichnet treffend einen geisterhaften Gothic-Zweig der elektronischen Musik, der Ende der 2000er den Höhepunkt seiner Popularität erreicht hat: langsame Tracks, die zu Trap-Drums dahinschleichen, mit viel Hall und Gesang, der bis zu einem dämonischem Knurren heruntergepitcht wurde. "Im Prinzip mussten die Leute diesem Ding einfach einen Namen geben", sagt Egedy.

Witch House wurde von einem abseitigen Insider-Witz zu einem echten Genre, das sowohl mit der Internetkultur als auch den frühen Veröffentlichungen von Tri Angle Records assoziiert wird—besonders von Künstlern wie Salem, Balam Acab und oOoOO. Es wurde auch mit einem bestimmten Look assoziiert: Goth-Kids, die mit genug Pentagrammen und Kreuzen ausgestattet waren, um damit eine ganze Folge American Horror Story zu füllen. Für mich wurde diese theatralische Karikatur von Kargheit von der Tatsache wettgemacht, dass die besten Witch House-Songs auch einen Sinn für Humor hatten. Zwei meiner Favoriten, Shamantis 35-minütiger Remix von Justin Biebers "U Smile" und Salems Remix von Britney Spears "Till The World Ends", haben banale Popsongs zu bizarren Reisen durch ein unheimliches Tal gemacht.

Wie es bei kulturellen Zyklen so ist, haben die Medien der Witch House-Szene irgendwann keine Beachtung mehr geschenkt, insbesondere, nachdem ein anderes Underground-Genre ins Blickfeld geriet, das als Witz angefangen hatte und später ziemlich ernst wurde (ja, ich spreche von Seapunk und Vaporwave). Aber Witch House ist in seiner eigentlichen Heimat am Leben geblieben—dem Internet. "Ich denke, in den meisten Ländern außerhalb Amerikas, und sogar in Amerika, haben viele Leute [Witch House] ernst genommen", sagt Egedy. "Es gibt da draußen eine Menge treuer und hingebungsvoller Fans. denen es egal ist, ob es als Witz angefangen hat, weil die Musik so gut ist. Es wurde viel richtig gute Musik gemacht, die du als Witch House bezeichnen kannst."

Witch House hat seine ideale Pflegefamilie in Russland gefunden, wo der düstere Humor des Genres zu den Empfindungen der dortigen Bevölkerung passt. "Warum es so beliebt ist? Vielleicht weil es so düster und abseitig ist, was gut zu unserer Realität passt", sagt Jewgenija Nedosekina, eine Elektro-Musikerin aus Moskau, die sich Jekka nennt. "Wenn du schwarz tragen und bei einem Rave in einer umfunktionierten Fabrik mitmachen willst, dann ist Witch House der richtige Zugang dazu."

Ein Gast bei einer VV17CHOU7-Party. Foto: Stanislav Mytarov/Furfur

Die größte Witch House-Party in Russland heißt VV17CHOU7, was einfach eine kryptische Schreibweise von "Witch House" mit einer Menge unnötiger Zahlen ist. Die Party gibt es seit November 2013, als "ein paar Leute, die Salem und White Ring gut fanden, beschlossen haben, diese Dunkelheit in Russland zu verbreiten", sagt Valery Nikolskaya von der Gabber-Gruppe Kaigerda aus Moskau. "Sie haben die VV17CHO7-Party erschaffen, mit einem Dresscode, der komplett Schwarz fordert. Protagonisten aus allen Teilen Russlands haben hier ihre DJ-Sets gespielt und damit immer mehr Leute angezogen."

Russische Witch House-Produzenten bringen das Genre weiter. Dieser Track von Summer of Haze wäre auch im Kontext von PC Music nicht falsch aufgehoben.

Dass Russland geografisch so weit von anderen Szenen entfernt ist, macht es manchmal schwer, ausländische Acts zu buchen. Witch House hat dieses Vakuum gefüllt. "Crystal Castles haben zwei Mal versucht, in Russland zu spielen. Die Leute haben sich Tickets gekauft, aber irgendwas ist immer schief gelaufen und die Auftritte wurden gecancelt", sagt Nikolskaya. "Aber die Russen wollten trotzdem diesen dramatischen, verrückten Skins-Style fühlen. Also war VV17CHOU7 nicht länger nur ein Ort, wo du Witch House hören konntest—es wurde ein riesiger Rave mit hunderten Leuten. Es wurde die größte neue Party in Russland 2014 und 2015, also wurde auch Witch House populär."

Laut Berichten über die VV17CHOU7-Partys ist die russische Witch House-Szene gerade von Teenagern überlaufen, die unfassbar viele Drogen zu Bands wie HEALTH und Crystal Castles nehmen. Aber so richtig merkwürdig wird das Genre aufgrund einer sprachlichen Eigenart. Auf Russisch wird HIV "VIH" geschrieben, was als "Vitsch" ausgesprochen wird. Das klingt stark nach "Witch". Dieses Wortspiel haben sich einige Leute zu Nutzen gemacht und im beliebtesten sozialen Netzwerk des Landes, Vk.com, eine Seite namens "HIV-infected Witch House" kreiert, um sich über die Kultur lustig zu machen.

Und wieder hat das, was als Witz begann, schnell an Bedeutung gewonnen, da die Verbindung zu dem tödlichen Virus eines der Genre-definierenden Attribute wurde. (Die gesamte Kommentar-Sektion dieses Blog-Posts über russischen Witch House ist voll mit aufgebrachten Lesern, die anprangern, wie dämlich es ist, dass die jungen Menschen die HIV-Kultur feiern.)

Trotzdem gibt es Videos wie dieses (das "v17chou7 pvrty" heißt und in einer Irrenanstalt gefilmt wurde):

Die düstere Besessenheit der Jugendkultur mit der Krankheit ist nicht so merkwürdig, wenn dir klar wird, dass Russland gerade eine HIV/AIDS-Epidemie durchmacht und die konservative Agenda des Kremls wenig unternimmt, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Tatsächlich hat sich die Zahl infizierter Russen laut staatlichem AIDS-Zentrum in den letzten fünf Jahren von 500.000 auf 930.000 fast verdoppelt. Als ich Seva Granik, einen russischen Partyveranstalter in New York, gefragt habe, warum nicht infizierte Witch House-Kids aus der Mittelklasse dazu neigen, Witze über HIV zu machen, hat er es abgetan: "Typisches Teenager-Zeug. Es gibt einen Kult der Hoffnungslosigkeit und des Nihilismus dort, verständlicherweise, also ergibt das wirklich Sinn". Vor dem Hintergrund von 90.000 HIV-Neuerkrankungen im Jahr 2014 ist es vielleicht nicht so verrückt, dass die Jugend des Landes eine Art Galgenhumor entwickelt hat.

Einige Experten sehen die Witch House-Bewegung schon wieder auf dem Rückzug: "Viele Teenager haben versucht, modisch und cool zu sein; überall sind zerrissene Strumpfhosen und klassische Adidas-Jacken aufgetaucht", sagt Nikolskaya. "Als Ergebnis veranstalten jetzt verschiedene Organisationen Witch House-Partys, nur um Geld zu verdienen. Leute mit anspruchsvollem ästhetischen Geschmack (lol) verstehen, dass dies der Tod ist."

"Heutzutage mögen russische Clubgänger einen "neuen Stil'", erzählt sie weiter. "Gabber-Rave-Hardcore-Musik mit farbiger, sportlicher Kleidung, MDMA und aggressive Typen mit Glatzen. Wir werden sehen, wohin das führt!"

Selbst wenn der Begriff "Witch House" irgendwann aus der Mode kommt, ich wette, dass deprimierende Synthesizer-Goth-Musik so lange in Russland Bestand haben wird wie in den USA seit Jahrzehnten; dass sie sich weiterentwickeln und mit der Zeit verändern wird, während sie verschiedene Labels aufnimmt und abstößt. Egedy stimmt zu, dass in gewisser Weise alles dasselbe ist. "Als Witch House zu bekannt wurde, wurden sie alle Seapunks, das war das nächste Ding. Als Seapunk uncool wurde, haben sie alle angefangen, über Health Goth zu reden". Die Hype-Zyklen verändern sich vielleicht, die Anziehungskraft düsterer Musik bleibt.

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