Fischerei

Fischen im Schatten eines Kernkraftwerks

Seit Generationen fischt Familie Thomas in den Gewässern vor Dungeness, wo der Strand zwischen zwei Kernreaktoren und den Weiten des Ärmelkanals einklemmt ist.

von Michael Segalov
28 September 2015, 2:40pm

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Kernkraftwerk Dungeness, Kent. Alle Fotos vom Autor.

Ein Strand, eingeklemmt zwischen einem Kernkraftwerk, einem kargen Brachland von Geröllund den Weiten des Ärmelkanals ist nicht unbedingt die Umgebung, in der man einen Familienfischereibetrieb erwarten würde.

Aber die Landzunge von Dungeness in der südöstlichen Ecke Englands ist das Zuhause der Familie Thomas, die schon seit Generationen in den Gewässern des Küstenorts in Kent fischt.

Als ich zum Wasser hinuntergehe, werde ich von einem Mann begrüßt, der sich gegen ein rostiges gelbes Gefährt lehnt.

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Der Fischer Dave Ellis.

Dave Ellis, der sich selbst als „nur Dave" vorstellt, wartet, bis die Boote wieder an der Küste anlegen. Er lebt seit 30 Jahren in dieser Gegend und zieht schon seit einem Jahrzehnt die Boote nach einem Morgen auf See aufs trockene Land.

„Vor zehn Jahren gab es—wie viele werden es gewesen sein?—vielleicht 12 Boote", sagt Ellis. „Heute fischen hier nur noch zwei Familien."

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In anderen Fischerdörfern in Großbritannien sieht es ähnlich aus. Die Zahl der gemeldeten Fischerboote ist seit 1938 um 74 Prozent gesunken, seit den 1990er-Jahren geht die Zahl konstant zurück. Dafür gibt es eine Reihe von Erklärungen, nicht zuletzt die Probleme, denen sich kleinere Fischer durch das Quotensystem der EU stellen müssen.

Könnte es aber noch einen weiteren Grund für den Rückgang der kommerziellen Fischerei in Dungeness geben? Auf der 182 Hektar großen Fläche befinden sich zwei Kernkraftwerke, von denen eines noch in Betrieb ist. „Dungeness A" wurde 1965 eröffnet, produziert aber seit 2006 keine Energie mehr, während in „Dungeness B" kürzlich die Computersysteme erneuert wurden, obwohl die Schließung für 2028 geplant ist.

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Im Schatten von nicht nur einem, sondern gleich zwei Kernkraftwerken zu fischen, klingt für mich nicht nach einer besonders guten Idee.

„Die spürbarste Auswirkung der Kraftwerke sind die kochenden Stellen", erzählt Ellis und zeigt dabei auf ein Blubbern.

Das Meerwasser selbst kocht nicht wirklich, aber der endlose Wasserstrom, der vom Kraftwerk in den Kanal gepumpt wird, lässt es so aussehen.

„Ich glaube schon, dass das warme Wasser, das aus dem Kraftwerk fließt, sich irgendwie auswirkt", fügt er hinzu, während wir auf den Ozean hinausblicken und auf die Rückkehr der Boote an Land warten. „Dadurch werden kleinere Kreaturen angezogen, die als Köder für größere Fische dienen. So funktioniert die Nahrungskette."

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Fische werden außerdem im Kühlsystem des Kraftwerks gefangen, getötet und wieder ins Meer befördert. So wirken die blubbernden Stellen auf Meerestiere anziehend. Ellis sagt, man könne nicht direkt von „nuklearem Fischen" sprechen, aber glaubt, dass die Reaktoren definitiv einen Dominoeffekt auslösen.

Als die Boote am Horizont erscheinen, macht sich Ellis bereit, um sie aufs Kies zu ziehen, während ein Schwarm Möwen sich um das Deck schart in der Hoffnung, einen Teil des Fangs erbeuten zu können.

Kabeljau, Rotzunge und Knurrhahn werden Joe Thomas gereicht, dessen Vater und Großvater schon an derselben Stelle fischten wie er heute. Onkel Dave (ein anderer, nicht Dave Ellis) hat ebenfalls ein Boot hier und sein Vater ist für den Dungeness Fish Hut Snack Shack zuständig, wo der Fang verarbeitet, verkauft und hungrigen Gästen serviert wird.

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Ein Fischer der zweiten Generation, Joe Thomas.

Thomas ist 33 und fischt in diesen Gewässern schon seit 20 Jahren. Er ist nicht ganz überzeugt davon, dass der Kernreaktor ein gutes Umfeld zum Fischen ist.

„Für uns verändert es eigentlich nichts", sagt er, als wir im Pickup zurück den Strand hochfahren, um die Fische zur Weiterverarbeitung zu bringen. „Direkt über der kochenden Stelle kommen tote Fische heraus, die sehr viele wertlose Arten anziehen: Weißlinge, Flundern, kleine Krabben und ein paar keine Barsche."

Um die 100 Millionen Meerwasser pumpt das Kraftwerk jede Stunde aus dem Ozean, bevor es auf 12°C erhitzt zurück in den Kanal fließt.

„Der Ozean verteilt die Wärme relativ schnell", fügt Thomas hinzu.

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Auch wenn die Kernreaktoren ihre Arbeit hier sicherlich nicht leichter machen, stellen Thomas und die anderen Fischer jedoch klar, dass man vor den Fischen aus dieser Stelle des Ozeans keine Angst haben muss. Bisher wurden keine mutierten Superfische aus dem Wasser gezogen, wie sie scheinbar in den Gewässern um Fukushima nach der Nuklearkatastrophe entdeckt wurden.

Wo sind dann alle Boote hin?

„Dass es hier so ruhig ist, liegt an der rechtlichen Situation", erklärt Thomas, der die Rotzungen abwiegt. „Durch das Quotensystem ist es schwierig, seinen Unterhalt zu verdienen. Die Fische sind zwar da, aber wir dürfen sie nicht fangen."

Seine Brötchen als Fischer zu verdienen, ist also kein Kinderspiel. Thomas' Schwester Kelly Smith hat dem Familienbetrieb jedoch neues Leben eingehaucht. Sie kocht seit der Eröffnung des Dungeness Fish Hut Snack Shack vor drei Jahren frische Fischgerichte für ihre Kunden.

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Der Dungeness Fish Hut-Imbiss.

„Wir hatten dort einen Laden, den gab es schon immer", sagt Smith, als sie sich nach mehreren Stunden Arbeit zu uns setzt. „Meine Oma führte den Laden, aber als sie zu alt wurde, mussten wir ihn schließen. Die Jungs gingen alle mit den Booten raus. Dann entschied mein Vater, dass er die Arbeit auf dem Boot aufgeben wollte—die langen Stunden, die harte Schufterei—, man kann das nicht ewig machen."

Smiths Vater zog sich vom Fischen zurück und beschloss, den Laden wiederzueröffnen. Kurz darauf folgte der Imbiss. Damals hatte Kelly ihr zweites Kind bekommen und keine Lust, zu ihrem „ziemlich langweiligen" Bürojob zurückzukehren.

„Die Jungs schlugen vor, dass ich mitmache", erinnert sich Smith. „Ich dachte eine Weile darüber nach, aber die Vorstellung, feuchten Fisch zu verkaufen, fand ich nicht besonders ansprechend."

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Kelly Smith, die Besitzerin des Imbisses.

Stattdessen schaffte sich Smith, inspiriert von der Londoner Street-Food-Szene, einen Wagen an und fing an, an ihrer Speisekarte zu tüfteln.

„Ich dachte mir, wir haben diese tolle Ware direkt aus dem Meer", erklärt sie. „Frischer geht es gar nicht und keiner macht etwas daraus."

Die Speisekarte hängt vom jeweiligen Tagesfang ab. Während der Wintermonate gibt es häufig Fischstäbchen und Fischsuppe, heute stehen Hummer und Krabben auf der Tafel. Wir beißen in eine Rotzunge in einem selbst gebackenen Fladenbrot, dazu wird Salat und selbst gemachte Sauce Tartare in einem Pappteller serviert.

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Rotzunge mit Salat und hausgemachtem Fladenbrot.

„Gerichte wie dieses stehen das ganze Jahr auf der Karte", sagt Smith. „Plattfische bekommen wir eigentlich immer: Rotzunge, Scholle, Flunder. Für die Küche sind sie ideal, weil ich hier nur den einen flachen Grill habe!"

Der kleine Gastro-Betrieb im Schatten der Kernkraftwerke scheint für Smith und ihr Team ziemlich gut zu laufen.

„Ich bin der Meinung, je mehr von ihrem Fang die Fischer an der Quelle verkaufen können, desto besser", sagt sie. „Das ist für den Kunden toll, der Fisch durchläuft keine lange Lieferkette, das Produkt ist so frisch, wie es nur geht."

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Auch für den Produzenten ist es besser, wenn die Kunden die Ware direkt aus dem Meer an der Theke oder als Gericht beim Imbisstand kaufen.

„Wir bekommen den fairsten Preis und wissen, dass unsere Arbeit geschätzt wird", fügt Smith hinzu. „Je mehr Leute es im ganzen Land so machen, desto besser."

Ich bin nicht ganz sicher, ob es etwas mit dem Wasser in Dungeness zu tun hat, aber was auch immer beim Fish Hut Snack Shack vor sich geht, es scheint zu funktionieren.