Sex

Buffets, Wet-T-Shirt-Contests und Elektroschocks – Wir waren bei einem Swinger-Wochenende

Die Stimmung ist wie bei einem All-Inclusive-Urlaub – nur, dass viele Gäste eben nackt sind.

von Manisha Krishnan
21 Februar 2017, 1:08pm

Ein beige-grauer Tagungsraum in einem Hotel in der Stadt Niagara Falls in Kanada. Vor mir schlägt QueenEh, eine Frau mit blauem Iro, ihren Sub mit einer lila Leder-Peitsche. Er ist an einer Stripstange gefesselt. Seine Haut rötet sich erst, dann treten böse Striemen hervor. Links von mir kniet die Blondine Lindsey* vor ihrem Partner und gibt ihm einen Blowjob. Ihre Arme und Hände sind dabei hinter ihrem Rücken zusammengebunden. Am anderen Ende des Raums liegt eine Frau auf einem Tisch. Sie lässt sich Haarfestiger auf verschiedene Stellen ihres Körpers sprühen und zündet das Ganze danach an. Und rechts von mir hängt eine weitere Frau in einem roten Ledergeschirr in der Luft.

"Das nenn ich mal eine Swingerparty", flüstert ein Zuschauer.

QueenEh | Alle Fotos: Melissa Renwick

Die Niagara Falls Lifestyles Convention – ein Valentinstag-Event für Swinger – findet schon zum zehnten Mal in diesem Hotel statt. Überall liegen "Hilfsmittel" und Valentinstag-Deko herum: unechte Rosen, Herzen aus Spitze, Kondome, Menstruationsschwämme und herzförmige Süßigkeiten.

An der Außenpoolanlage wurde ein Buffet und eine Bar aufgebaut. Sogar ein Salsa-Lehrer steht bereit. Die Stimmung ist wie bei einem All-Inclusive-Urlaub – nur, dass viele Gäste eben nackt sind. Die anderen Outfits reichen von Hawaiihemden und Sommerkleidern über enge Netz-Outfits bis hin zu schwarzen PVC-Klamotten.

Kevin (49) und Morgan (50) sind das erste Pärchen, mit dem wir uns unterhalten. Die beiden swingen schon seit Jahren und erklären uns auf ihrem Zimmer, was uns hier erwartet. Die Regeln hätten sich im Laufe der Jahre nicht wirklich verändert: Nein heißt nein und immer zuerst fragen, bevor man jemanden anfasst. Ach ja, ungeschützter Geschlechtsverkehr ist ein absolutes No-Go.

"Viele Leute denken, dass man in den Clubs einfach so Sex haben kann", sagt Morgan. "Dabei kommt es auch auf die zwischenmenschliche Verbindung an." Das Paar ist seit 14 Jahren zusammen und hat nach eineinhalb Jahren mit dem Swingen angefangen. Die bisexuelle Morgan erzählt, dass es mit ihrem Ex nicht geklappt hat, weil die beiden von Anfang an keine gute Beziehung führten. "Viele Pärchen denken, dass das Swingen jegliche Probleme löst. Dabei werden viele dadurch nur noch verschlimmert", meint Kevin. 

Lindseys Hände sind hinter ihrem Rücken gefesselt

Kevin und Morgan suchen nach anderen Pärchen, aber unbedingt Sex zu haben, ist kein Muss. Die beiden sind vor allem hier, um sich zu entspannen. Wenn sie dabei mit anderen Anwesenden "spielen", dann ist das ein Bonus. Eine solche Gelegenheit würden sie natürlich trotzdem nie ablehnen.

Zurück am Pool ist gerade ein Wet-T-Shirt-Contest im Gange. "Ich will jetzt ein paar Möpse wackeln sehen", schreit ein Typ hinter mir. Sein Wunsch geht sofort in Erfüllung.

Auf der Bühne stehen 15 Frauen in weißen Tanktops und zehn Männer in schwarzen Boxershorts. Nachdem sie ordentlich nass gemacht wurden, ziehen sie sich aus. Wer den meisten Applaus bekommt, darf in die nächste Runde. Nachdem nur noch fünf Pärchen übrig sind, fragt der Moderator: "Könnt ihr etwas mit dem Begriff 'menschlicher Eisbecher' anfangen? Das wird richtig lecker!"

Die fünf Frauen legen sich hin und ihre jeweiligen Partner schmieren sie mit Eiscreme und diversen Toppings voll. Ein Typ sprüht Schlagsahne auf das Geschlechtsteil seiner Freundin und leckt diese wieder ab. Letztendlich gewinnt das Pärchen, das die größte Sauerei macht. 

Lindsey, die Gewinnerin des Wet-T-Shirt-Contests

Inzwischen sind meine Fotografin und ich so hungrig, dass wir uns ins Restaurant nebenan begeben. Dort fragt uns ein Paar, warum wir Fotos machen. Als wir erzählen, dass wir die Veranstaltung für VICE dokumentieren, ist Tracy*, die Ehefrau, plötzlich total aufgeregt. "Mein Mann sagt immer, dass ich als Porno-Star arbeiten sollte", sagt sie.

Die 40-Jährige ist eine zierliche Brünette und sieht viel jünger aus – auch weil sie zwei Zöpfe trägt. "Ich habe gestern zum ersten Mal eine Frau geleckt", erzählt sie kichernd. "Das war richtig geil!"

Tracy

Tracy und ihr Mann Craig* sind seit 22 Jahren verheiratet und haben auf einer Swinger-Website vom Event in Niagara Falls erfahren. Sie swingen seit einem Jahr, seit sie an einem Strand neben einem anderen Pärchen Sex hatten. "Wir haben miteinander geredet, uns aber nicht angefasst. Das hat mich richtig angeturnt", sagt Tracy.

Craig ist heterosexuell und ihm gefällt es, Tracy beim Sex mit anderen Männern und Frauen zuzuschauen. Tracy selbst steht laut eigener Aussage vor allem auf "schwarze Schwänze". Die beiden suchen sich für ihre Swinger-Abenteuer immer weiter entfernte Orte aus, denn so kommen sie am Wochenende mal raus und vermeiden gleichzeitig potenzielle Kletten. Nach ihren Ausflügen sind sie drei Tage lang wie im Rausch.

Jason, ein US-Army-Veteran

Zurück im Hotel treffen wir auf Jason, einen 36-jährigen ehemaligen Soldaten. Er ist offensichtlich betrunken und nimmt uns sofort mit auf sein Zimmer, wo er uns etwas tollpatschig küsst und mich auffordert, seine Eier in die Hand zu nehmen. Seine Frau stellt sich unter ihrem Pseudonym Jessie Jewel vor und es ist mir irgendwie unangenehm, dass sie zusehen muss, wie Jason mich ständig hinter den Ohren küsst und am Arsch packt. Jessie scheint das jedoch gewohnt zu sein: "Er ist total verrückt. Und nicht satt zu kriegen." 

Jessie erzählt uns von einem Zimmer, in dem ein Typ mit einer BDSM-Spielzeug-Schatztruhe wartet – inklusive Stäben, um anderen Leuten Elektroschocks zu verpassen. Als wir dort ankommen, zeigt uns Liam*, der "Spielzeugmeister", seine verschiedenen Werkzeuge. Von Floggern über Vibratoren bis hin zu Paddeln ist alles dabei. "Die hier nenne ich 'Evil Motherfucker'", sagt er über eine Peitsche.

Erst präsentiert Liam seine Sammlung, dann gießt er Wachs über QueenEh

Hier lernen wir auch QueenEh, die Frau mit dem blauen Iro, sowie Lindsey, die Wet-T-Shirt-Gewinnerin, kennen. Die beiden nehmen abwechselnd die Rolle von Liams Sub ein. QueenEh zieht sich aus und legt sich aufs Bett. Anschließend peitscht sie Liam mit einem Leder-Flogger aus. Auf die Frage, ob es wehtut, antwortet QueenEh: "Ich habe ein Kind ohne Schmerzmittel auf die Welt gebracht. Das hier ist vielleicht 20 Prozent davon." Später zündet Liam zwei Kerzen an und träufelt das blaue Wachs auf QueenEhs Körper. Ihr Partner kratzt das Wachs anschließend wieder ab und fingert sie so lange, bis sie laut stöhnend squirtet

Als nächstes klärt uns Liam über seine "elektrischen Fähigkeiten" auf. Dafür schaltet er einen Generator an und hält ihn an seinen Körper, damit der Strom durch ihn fließt. Dann kann er mit verschiedenen Gegenständen die Elektrizität auf andere Menschen übertragen. Den elektrisch aufgeladenen Pompom hat jemand wohl schon mal als "tausende Mückenstiche" beschrieben.

Liam wählt eine niedrige Stufe aus und hält mir verschiedene Glasstäbe an den Arm. Es bitzelt zwar ein wenig und brummt auch etwas, aber intensiv ist das bei weitem nicht. Dann legt sich Lindsey, deren Arme inzwischen hinter ihrem Rücken gefesselt sind, aufs Bett und Liam kann die höheren Stufen an ihr demonstrieren.

Liam versetzt Lindsey mithilfe des Pompoms einen elektrischen Schlag

"Wollt ihr etwas Cooles sehen? Dann macht das Licht aus!", sagt Liam. Wir folgen seiner Anweisung und plötzlich ist nur noch das lila Leuchten des Elektrospielzeugs zu sehen sowie Lindseys Stöhnen zu hören.

Im Laufe des Abends treffen wir noch auf frisch gebackene Eltern, die sich eine Pause von ihrem Kind gönnen, und ein junges Ehepaar, das hier lediglich flirten will. Außerdem sind wie bei einer Gameshow dabei und einer Karaokeparty, bei der am Ende zu alten 2000er-Hits wild getanzt wird.

Engtanz

Natürlich können wir auch immer wieder Leute beim Ficken beobachten – egal ob nun im Pool, auf Picknicktischen oder oben im "Spielzimmer", wo drei verschiedene Betten für Gangbangs bereitstehen. Und selbst die Gäste, die es nur in ihrem Zimmer krachen lassen, haben oft die Vorhänge beiseite geschoben, damit ihnen jeder zuschauen kann.

Morgan, die wir am Anfang des Abends kennengelernt haben, ist eine der wenigen, denen es nichts ausmacht, wenn wir ihren echten Namen benutzen. Sie glaubt dennoch, dass ihre Bekannten sie wie eine Aussätzige behandeln würden, wenn ihre Vorliebe fürs Swingen rauskäme.

"Dabei sind wir hier alle ganz normal. Das ist doch nur wie ein Hobby, das wir mit anderen  Erwachsenen ausüben", erklärt sie. "Und ich will es mir auch noch als alte Frau von hinten besorgen lassen!"

*Name geändert

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