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Fotografie

Diese Fotos verbrannter Hände von Köchen sind alles andere als Food Porn

Während unsere Instagram-Accounts voller Fotos von perfekt arrangiertem Essen sind, zeigt eine Londoner Fotografin mit ihren Bildern von vernarbten Händen von Köchen eine andere, ehrlichere Seite der Gastronomie.

von Phoebe Hurst
09 April 2015, 7:00am

All photos by Katie Wilson

Es lässt sich nicht leugnen: Wir sind besessen davon, unser Essen zu fotografieren. Früher hast du vielleicht einmal einen Urlaubsschnappschuss deiner Paella in Teneriffa oder einem unscharfen „Ich hab gerade Suppe gemacht!"-Bild auf Facebook angefangen. Aber schaut euch einmal an, wohin uns das geführt hat. Das Anrichten unseres Frühstücks ist zur Hochpräzisionsarbeit geworden, es gibt Instagram-Accounts, die die Neue Nordische Küche parodieren, und wir besuchen 550 Euro teure Kurse, in denen man lernt, wie man sein Mittagessen am besten in Szene setzt. Denk das nächste Mal daran, wenn deinen Cappuccino lomofizierst.

Es ist völlig in Ordnung, wenn man das Bedürfnis hat, das, was man isst oder trinkt, visuell darzustellen. Das machen wir Menschen schon seit der Urzeit. Das Problem ist nur, dass die tausenden Fotos von schön frisierten Avocado-Toasts alle irgendwann im Auge des Betrachters zu einem undefinierbaren, grünen Matsch verschwimmen. Und das ist ziemlich unappetitlich.

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Dieser Überdruss an Food-Bildern macht Katie Wilsons Projekt mit dem Titel Fifty Chefs-The Hands That Feed London so spannend. Die jüngste Ausstellung der Fotografin besteht aus Porträts—ja, schwer zu erraten—von 50 Köchen der britischen Hauptstadt. Jeder Person sind zwei Bilder gewidmet—eines zeigt sie in einer kurzen Arbeitspause und das zweite ist eine Nahaufnahme ihrer Hände.

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Margot Henderson.

Die Resultate sind faszinierend. Wilsons Ansatz ist meilenweit entfernt von den kunstvoll angerichteten Tellern, die diese Köche tagtäglich aus ihren Küchen schicken und mit denen wir unser Social Media-Feeds schmücken. Und die verbrannten und vernarbten Hände zu sehen, die deinen wunderschönen Brunch zubereitet haben, irritiert.

Ich habe Wilson getroffen, um mit ihr darüber zu sprechen, was uns die gebrandmarkten Hände der Köche über Essen verraten und über die Art, wie wir es konsumieren.

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Margot Hendersons Hände.

MUNCHIES: Hallo Katie, wie ist das Fifty Chefs-Projekt entstanden?

Katie Wilson: Einige meiner Freunde sind Köche. Immer wieder sah ich, wie viele Verbrennungen und Narben sie an den Händen haben—so hat eigentlich alles angefangen. Ich begann, darüber nachzudenken, was genau sie in der Küche machen und wie sie sich diese Verletzungen zuziehen. Irgendwann ging es aber mehr um die Hände, als um die Narben. Es geht um die Geschichte, die die Hände über eine Person erzählen.

Für dein Projekt hast du sowohl mit Michelin-Sterneköchen als auch mit Köchen kleiner Familienbetriebe zusammengearbeitet. Wie hast du diese Auswahl getroffen?

Das Projekt hat sich ausschließlich durch Empfehlungen entwickelt. Ich fing mit Freunden an, die mir andere Leute empfahlen. Dann empfahl beispielsweise Mark Hix den Koch vom Mangal, einem türkischen Kebab-Restaurant. Mir war wichtig, dass nicht nur Sterneköche oder Köche aus schicken Restaurants dabei sind. Meistens fragte ich die Leute einfach, Wo gehst du Donnerstag abends essen? Und die Köche dieser Restaurants nahm ich dann in mein Projekt auf.

Es geht nicht immer um die Qualität des Essen. Es geht um Restaurants, die die Londoner gerne mögen. Viele Cafés wie Arthur's gibt es vielleicht in 20 Jahren nicht mehr. Ich hatte irgendwie das Gefühl, ich sollte allen einen Platz in meinem Projekt geben, ich hätte ewig weitermachen können!

Hussein vom Mangal.

Du hast vor zehn Jahren angefangen, Fotos von Küchenchefs und Küchenmitarbeitern zu machen. Wie hat sich die Londoner Food-Szene seither verändert?

Es war eine unglaublich faszinierende Reise. Als ich anfing, wurde in den Medien nicht darüber gesprochen, was in den Küchen vor sich geht und es gab keine Kochsendungen am Samstag Morgen. Heute ist Essen ein omnipräsentes Thema und jeder scheint ein „Foodie" zu sein. Das Tolle daran, ist, dass dadurch die Qualität des Essens gestiegen ist—vor zehn Jahren war Carluccios vielleicht noch das beste Lokal, um einen guten Kaffee zu bekommen, heute ist das nicht mehr so.

Ich habe schon sehr viele Restaurants und Küchen gesehen und im Laufe der Zeit ein ziemlich beeindruckendes Foto-Archiv erstellt. Ich habe mich mit vielen Portiers, Kartoffelschälern und jungen Leuten, die in Küchen arbeiten, unterhalten und gehört, woher sie alle kommen—in dieser Hinsicht hat sich in den letzten zehn Jahren durch die Migration sehr viel verändert, aber auch die Art von Restaurant, für die sich die Leute interessieren, ist heute eine andere.

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Mark Hix.

Wie gehst du die Sache an, wenn du ein Fotos von einem Koch machst?

Die Fotos sehen alle so aus, als hätte man sie in einem Studio aufgenommen. Eigentlich habe ich aber nur schnell einen Hintergrund und die Belichtung aufgestellt, als die Köche eine kurze Pause hatten. Sie kamen direkt aus der Küche, stellten sich vor den Hintergrund und ich machte die Fotos. Manche sind in Schweiß gebadet oder hatten Rote Bete-Flecken an den Händen—es ist alles sehr unverfälscht.

Als wir im Nobu die Fotos machten, waren die Mitarbeiter gerade am essen und ein paar Köche legten sich kurz aufs Ohr. Wenn man diese Seite eines Restaurants sieht und die Leute richtig kennenlernt, bekommt man plötzlich ein ganz anderes Bild.

Arthur Woodhams Hände.
Arthur Woodham von Arthur's Cafe.

Es ist eine sehr menschliche Seite der Gastronomie.

Ich mag Foodies, sie ziehen mich an—die Tatsache, dass diese Leute für das Wohl der anderen sorgen wollen. Nicht alle Leute haben die Motivation, andere zu ernähren. Mit dem ganzen Hype um Essen, vergisst man schnell, worum es beim Kochen eigentlich geht.

Und die Narben und Verbrennungen auf den Händen der Köche spiegeln das auf physischer Ebene wider.

Ja, wenn man seine Hände auf diese Art und Weise verwendet, lässt sich das nicht verbergen. Und gutes Essen kann man nicht vortäuschen. Früher habe ich im Modebusiness gearbeitet. Wenn ich das vergleiche, habe ich den Eindruck, Essen hat etwas sehr Aufrichtiges an sich und die Leute sind in dieser Branche unglaublich nett.

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James Lowe

Haben sich die Köche geschämt, ihre Hände zu zeigen oder haben sie sie wie Kriegswunden bereitwillig hergezeigt?

Die Leute waren generell ziemlich stolz und konnten sich daran erinnern, wo jede einzelne Narbe oder Verletzung herkam. Sie erzählen, Das war der Backofen, da habe ich Austern zubereitet, da hätte ich fast einen Finger verloren. Einige der Verletzungen waren ziemlich übel, aber keiner sagte: Nein, du darfst meine Hände nicht anschauen!

Hat dich irgendetwas an den Händen der Köche überrascht?

Es war interessant zu sehen, dass Leute wie Michel Roux oder Angela Hartnett nicht viele Verletzungen haben und beide gleichzeitig sehr gepflegt aussahen—keine Flecken auf ihren Schürzen. Ich glaube, es hat mit der Persönlichkeit zu tun; was aber nicht heißen soll, dass man kein guter Koch ist, wenn man verbrannte Hände hat. Vielleicht ist man sogar ein bisschen leidenschaftlicher. Sie erzählen einfach eine andere Geschichte.

Fergus Hendersons Hand.

Erzähl mir doch etwas über die Wohltätigkeitsorganisation, die Fifty Chefs unterstützt.

Der ganze Gewinn aus dem Verkauf der Prints bei der Ausstellung gehen an FareShare, eine britische Wohltätigkeitsorganisation, die sich dem Problem der Lebensmittelverschwendung und der Ernährungsarmut widmet. Es ist so ein Privileg, hier sitzen zu können und über Lokale zu sprechen, in denen wir essen können, aber es gibt noch eine ganz andere Seite. Viele der Köche—wie Fergus Henderson mit seinem Nose-to-tail-Ansatz—sind sich des Problems der Lebensmittelverschwendung sehr bewusst.

Fergus Henderson.

Der Großteil der Food-Fotografie, mit der wir es heutzutage zu tun haben, dreht sich um wunderschön arrangierte Gerichte und kunstvolle Fotos von unserem Abendessen. Sind deine Fotos als eine Art Gegengift zu Food Porn gedacht?

Mir war wichtig, dass die Fotos aufrichtig sind. Ich habe Farbkorrekturen vorgenommen, aber die Fotos sind nicht retouchiert. Früher habe ich im Bereich der Modefotografie gearbeitet, bei der es immer um Perfektion geht—das kann wunderschön sein und hat definitiv seinen Platz—, aber ich hatte das Bedürfnis, etwas Ehrliches und Raues zu machen. Ich möchte nie, dass jemand hässlich oder Essen unappetitlich aussieht, aber ich setze mich mit der Realität auseinander.

Und es gibt nichts Ehrlicheres als Essen. Vielen Dank für das Gespräch, Katie.