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Landwirtschaft

Wird das Kükenschreddern weitergehen?

Jedes Jahr werden allein in Deutschland 50 Millionen Küken bei lebendigem Leibe umgebracht, weil sie keine Eier legen können. Wissenschaftler haben eine vielversprechender Lösung gefunden. Ob sie umgesetzt wird, hängt jedoch von mehrere Faktoren ab.

von Alex Swerdloff
27 Oktober 2015, 1:25pm

Photo via Flickr user Binkley27

Wenn man gewisse Dinge mal weiß, kann man sie nicht einfach wieder vergessen. Eine solche Sache wissen wir, und da geteiltes Leid ja bekanntermaßen halbes Leid ist, wollen wir es euch nicht vorenthalten.

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Macht euch gefasst: Küken-Schreddern ist eine weit verbreitete Praxis in der Eierindustrie. Während die Industrie uns mit unseren geliebten Eiern versorgt, steht sie vor einer unvermeidlichen, schwierigen Frage: Was macht man mit den Millionen von winzigen männlichen Küken, die biologisch nicht in der Lage sind, Eier zu legen?

Sie werden entsorgt. Indem sie bei lebendigem Leibe geschreddert werden.

Nur sehr wenige werden auserwählt, der Rest landet im Schredder. Damit wir unsere Frühstückseier schlemmen können, werden allein in Deutschland jedes Jahr fast 50 Millionen männliche Küken umgebracht, indem sie geschreddert oder vergast werden.

In nicht allzu ferner Zukunft könnte dem jedoch, zumindest hierzulande, ein Ende gesetzt werden. Ein Forscherteam der Universität Leipzig unter der Leitung von Maria Krautwald-Junghans ist derzeit damit beschäftigt, eine Technologie zu entwickeln, mit der das Geschlecht eines befruchteten Eis bestimmt werden kann, noch bevor sich das Küken entwickelt. Mit Hilfe dieser Methode könnte man alle Eier mit männlichen Küken aus der Brutstätte entfernen und nur weibliche schlüpfen lassen. Landwirtschaftsminister Christian Schmidt von der CSU besuchte die Forscher im März diesen Jahres in ihrem Labor und hat sich zum Ziel gesetzt, dass das Kükenschreddern 2017 nur noch in unserer Erinnerung existiert.

Denkt ihr euch, „Naja! Aber ich kauf doch schon Bio-Freilandeier mit Omega-3?"

Dann müssen wir euch leider enttäuschen. Das Kükenschreddern ist in jeglichen Bereichen der kommerziellen Eierproduktion gang und gäbe.

Die neue Technologie funktioniert folgendermaßen: Eier haben eine Brutzeit von 21 Tagen. Nach neun Tagen wird ein winziges Loch in das Ei gepikst und eine kleine Menge Flüssigkeit entzogen. Durch einen Gentest—ähnlich wie eine Fruchtwasseruntersuchung, bei der man Abnormalitäten bei menschlichen Föten feststellen kann—kann man bestimmen, ob aus dem Ei ein männliches oder ein weibliches Küken schlüpfen wird. Wenn es ein Männchen ist, wird das Ei weggeworfen und als Tierfutter verwertet.

Scheinbar sollen die neun Tage alten Föten keinen Schmerz spüren. Wie Wissenschaftler das genau sagen können, wissen wir aber nicht. Einen neun Tage alten Fötus wegzuschmeißen muss aber besser sein, als ein lebendiges Küken zu schreddern, oder?

In diesem Bereich gab es in den letzten Jahren jedoch noch weitere interessante Innovationen. Lohmann Tierzucht, der Weltmarktführer in der Zucht von Legehennen, präsentiere nach jahrelangen genetischen Experimenten sein „Zweinutzungshuhn". Es nennt sich Lohmann Dual, legt 250 Eier pro Jahr und erreicht ein ansehnliches Schlachtgewicht von gut zwei Kilo in nur 56 Tagen. Lohmann-Dual-Hähne sind deshalb besser als Masthühner geeignet—was in der Welt der Hühner wohl erstrebenswerter ist, als nach wenigen Tagen auf dieser Welt schon wieder getötet zu werden. Durchgesetzt hat sich das Dual-Huhn bisher aber noch nicht.

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Ob sich diese neue Technologie des Leipziger Forscherteams wirklich flächendeckend bis 2017 umsetzen lässt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Landwirtschaftsminister Schmidt will ein Verbot jedoch nicht im Gesetz verankern, was bei anderen Politikern wie dem nordrhein-westphälischen Agrarminister Rummel auf Kritik stößt. Stattdessen appelliert er: „Ich will, dass wir in Europa Vorreiter für mehr Tierschutz in der Eierproduktion werden. Mein Ziel ist, dass das Kükenschreddern 2017 aufhört—aber nochmal: Da muss die Wirtschaft mithelfen."

In der Zwischenzeit bleibt uns nichts anderes übrig, als darauf zu hoffen. Oder keine Eier mehr kaufen.

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