Popkultur

Ich habe sieben Tage lang eine 90er-Rave-Jeans getragen, um mich selbst zu finden

Meine Frau hätte gut darauf verzichten können.

von Devin Pacholik
18 Februar 2017, 11:30am

Michael Jackson, Stickeralben und fragwürdige Modetrends. Wenn man an die 90er Jahre denkt, dann schießen einem viele Bilder in den Kopf. Zu den absurdesten Kleidungsstücken gehörten aber ohne Zweifel die extra weit geschnittenen Jeans, die vor allem in der Rave- und Goth-Szene beliebt waren. JNCO Jeans war damals mit der erste und berüchtigste Hersteller dieser Art von Hosen. Während meiner Teenager-Rebellen-Phase wollte natürlich auch ich eine JNCO besitzen. Zum Glück war meine Mutter vernünftig und erlaubte mir erst gar nicht, so ein Teil zu kaufen. Inzwischen bin ich erwachsen und kann mir deshalb selbst aussuchen, welche Hosen ich trage. Also habe ich mir meinen Teenie-Wunsch erfüllt und eine Woche lang eine Raver-Jeans getragen, um zu sehen, wie sich mein Leben dadurch verändert.

Mein Hechtsprung in die JNCO-Kultur sollte sich als überraschend teurer Spaß herausstellen. Ich dachte, im Internet oder in einem Second-Hand-Laden schnell ein günstiges Paar zu finden, aber Vintage-Raver-Jeans scheinen Sammlerobjekte zu sein – je weiter der Schlag desto teurer. Letztendlich wand ich mich direkt an JNCO und war nach meiner Bestellung ein ganzes Stück ärmer. Während des Experiments interviewte ich zu Forschungszwecken so viele Leute wie möglich und fragte sie, ob ihnen meine Raver-Jeans gefällt. Ich schrieb alle ihre Kommentare auf. Und verspürte viel Scham.

Tag 1: der öffentliche Auftritt

Um das JNCO-Leben in all seinen Facetten zu erfahren, nahm ich mir für die Zeit mit der Hose einiges vor. Gleich am ersten Tag sollte ich bei der Grown Ups Read Things They Wrote as Kids-Show auftreten. Anfangs dachte ich noch, dass mein "witziges" Experiment ein Klacks wird. Als sich der zeltartige Stoff dann aber auf meine Haut legte, wusste ich sofort, dass ich mich ordentlich verschätzt hatte. Ich schleifte die schwere Jeans durch den Schnee und mich überkam eine gewisse Angst. Die Hosentaschen waren zudem so tief, dass ich nicht mehr an mein Handy und meinen Autoschlüssel kam. Ich fühlte mich isoliert. Im ausverkauften Veranstaltungssaal sah ich mich dann mit 200 Zuschauern konfrontiert, denen ich in einem Meer aus schwarzem Jeansstoff einen persönlichen Moment aus meiner Kindheit vortrug.

Feedback:
- 14 Personen befragt
- 7 Personen mochten meine Hose

"Mutig und auffallend. Erinnert mich an meine Raver-Tage. Wo sind deine bunten Armbänder? Die fehlen definitiv!"

"Überflüssiges Hosenbein-Design. Für mich sollten Hosen zu 80 Prozent funktional und zu 20 Prozent modisch sein. Deine Jeans ist in beiden Kategorien ein Totalausfall. Sorry."

"Steckst du dir die Jeans beim Fahrradfahren in die Socken?"

Tag 2: die Symphonie

Klassische Musik und schicke Kleidung passen so gut zusammen wie Käse und Wein. Klassische Musik und JNCO-Jeans passen so gut zusammen wie Käse und Kaffee. Dementsprechend war ich bei der Viola da Gamba-Aufführung des Per Sonatori Baroque Ensembles auch der einzige Mensch in Raver-Hosen. Als ich so die Musik der Intellektuellen auf mich wirken ließ, fühlte ich mich erleuchtet. Meine Frau fühlte sich peinlich berührt und wollte nicht neben mir sitzen.

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- 4 Personen mochten meine Hose

"Irgendwie sehr schrill."

"Absolut Nu Metal!"

"Ich dachte, du hast einen Rock an."

Tag 3: der Spaziergang durch die Innenstadt

Die Innenstadt meines Wohnorts ist im Grunde wie eine JNCO-Jeans: ein Schock für die Sinne und zum Großteil leer. Trotzdem war ich vor Angst fast wie gelähmt, als ich vor dem Eingang eines Shoppingcenters herumstand und Passanten ganz zögerlich nach ihrer Meinung zu meiner Hose fragte. Und dann kam es zum Worst Case: Ich sah einen ehemaligen Mitschüler. Inzwischen ist er Polizist und an diesem Tag führte er in schicker Uniform gerade einen Jugendlichen in Handschellen ab. Als die beiden an mir vorbeigingen, erkannte mich der Polizist. Er musterte meinen unteren, in JNCO-Stoff gehüllten Körperbereich und machte sich plötzlich mehr Sorgen um mich als um den rebellischen Teenager neben ihm. Selbst der schüttelte nur fassungslos den Kopf. Ich selbst konnte nur irgendwas von wegen "Das ist für eine … Sache" stottern.

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- 20 Personen befragt
- 5 Personen mochten meine Hose

"Ich hätte damit Angst vor Rolltreppen."

"Voll gut! Ich habe auch so eine."

"Du siehst aus, als würdest du mich gleich umbringen."

Tag 4: das Treffen mit Freunden

Inzwischen hatte ich für meine Hose schon einiges einstecken müssen. Sie verlieh mir nicht nur einen durchgeknallten Look, sondern verwandelte mich auch noch in einen Müllbesen auf zwei Beinen. Als ich mich mit meinen toleranten Freunden zu einem Super Mario Strikers-Wettbewerb traf, konnte ich meine von Streusalzflecken geprägte JNCO-Jeans endlich auf ihre Strapazierfähigkeit testen. Und diesen Test bestand sie mit Bravour, denn meine Gruppe landete sogar auf dem zweiten Platz. Dazu aß ich Käse-Dips und moshte zu Linkin Park. Die Raver-Jeans war ein Symbol meiner Jugend, ein Symbol meiner Seele.


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- 12 Personen befragt
- 7 Personen mochten meine Hose

"Respekt, dass du sowas anziehst. Bei mir bräuchte es dafür wahrscheinlich eine gezogene Waffe."

"Die Hose erinnert mich an vergangene Zeiten. An einfachere Zeiten. An wütendere Zeiten. Ich bin hin- und hergerissen."

"Das ist das Schlimmste, was ich jemals gesehen habe."

"Richtiger Absturz."

Tag 5: das Date

Meine Frau Jill hätte diesen Tag lieber übersprungen. Ich führte sie in ein vornehmes Lokal mit Pianomusik aus. Als ihr klar wurde, dass man sich dort seinen Platz selbst aussuchen darf, lief meine Frau sofort in eine dunkle Ecke im hinteren Bereich. Als wir an den anderen Gästen vorbeihuschten, konnte ich ein deutliches "Was sind denn das für Hosen?" vernehmen. Weil ich es mir verdient hatte, bestellte ich ein Steak-Sandwich. Jill hingegen trank lieber viel Bier. Der Service war erste Sahne und die Kellnerin machte sogar noch ein Foto von mir, meiner Frau und meinen Raver-Jeans. Für sie schien das das Normalste der Welt zu sein. Vielleicht gibt es für den JNCO-Lifestyle doch noch Hoffnung?

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- 0 Leute mochten meine Hose

"Das war richtig peinlich. Ich bin in einem Restaurant noch nie so schnell vom Eingang zum Tisch gelaufen. Das einzige Highlight war, dass wir dort niemanden kannten. Du schuldest mir was."

So sieht Freude aus

Tag 6: der Heimwerker

Während meiner Selbstfindung stieß ich in unserem Keller auf Schimmel. Die Entfernung kostete letztendlich Tausende Dollar und deshalb war ich froh, dass ich mir meine JNCO-Jeans schon vor der Entdeckung gekauft hatte. Schließlich mussten die Wände neu gestrichen werden. Also zog ich meine Hose an und machte mich ans Werk.

Die Farbflecken ließen nicht lange auf sich warten und die monströsen Hosenbeine stießen einige Gegenstände um. Meine Frau konnte sich das nicht mehr länger mit ansehen und verdonnerte mich zum Videospielen. Vielen Dank, Raver-Jeans!

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"Lass mich!"

Tag 7: der Uni-Vortrag

Die Englischfakultät der University of Regina hatte mich dazu eingeladen, den Studenten etwas über mein Leben als Person in wichtigen Hosen zu erzählen. Der Titel meines Vortrags lautete dabei "It's All In the Pants: How to be a Famous Freelance Writer". Ich erwartete ein aus allen Nähten platzendes Audimax. Stattdessen tauchten aber nur zehn Leute auf, die in einem kleinen Seminarraum auf meine in der Haut von 40 toten Ravern gekleideten Beine starrten. Ich erzählte ihnen, wie wichtig ein unerschrockenes Auftreten im Leben und im Beruf ist. Dabei gestikulierte ich immer wieder in Richtung meiner flatternden Jeans. Fragen zu der Raver-Hose hatte niemand. Im Grunde erklärt sie sich ja auch von selbst.

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- 1 Person mochte meine Hose

"Sie ist echt groß."


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