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Russland

Die Sanktionen sind ein Segen für regionale, russische Produkte

Vier Monate ist es her, seit Russland Europa und anderen westlichen Ländern Sanktionen verhängt hat. Dadurch stieg der Preis für Lebensmittel in Russland. Regionale Produkte aber profitieren davon.
8.12.14
Photo via Flickr user Marx Foods

Es ist vier Monate her, seit Russland Lebensmittelimporten aus der Europäischen Union, Norwegen, den Vereinigten Staaten, Kanada und Australien Sanktionen auferlegt hat. Das Verbot schließt Alkohol aus, betrifft aber Geflügel, Schweinefleisch, Rindfleisch, Gemüse, Obst, Fisch und Nüsse.

Die russische Zollbehörde berichtet, dass im Jahr 2013 40 Prozent der importierten Meeresfrüchte und Fische aus Norwegen stammten; 42,6 Prozent der Milchprodukte und 31,5 Prozent des Fleischs kamen aus der EU. Das sind ziemlich große Lücken, die gefüllt werden müssen.

Haben sich die Restaurants in Russland angepasst?

Semen Krymov ist gemeinsam mit Alexei Zimin Besitzer des Ragout. Es gibt mittlerweile zwei Standorte des Restaurants und eine Bar, in denen französische Gerichte mit russischem Touch serviert werden.

Auf die Frage, wie sehr die Sanktionen seine Arbeit beeinflusst haben, sagt Krymov: „Viel zu sehr."

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Das Ragout in Moscow. Foto vom Ragout.

Die Zutaten sind nicht so sehr das Problem, sondern die Preise. „Wegen des Embargos sind gewisse Dinge knapp geworden und die Ersatzprodukte sind sehr teuer. Das ist das Gesetz des Markts—die Preise sind um 20 bis 30 Prozent gestiegen." Deshalb musste das Ragout den Preis einiger Gerichte um 10 bis 15 Prozent erhöhen.

„Ich habe einige Gerichte ganz von der Karte gestrichen, weil die Zutaten einfach zu teuer geworden sind, wie für Foie Gras. Für die Käseplatte verwende ich jetzt Ziegenkäse von einem Bauernhof der Region. Die Entenbrust aus Singapur [ist auch zu teuer geworden]. Ich habe sie durch Rostov-Ente aus der Region ersetzt."

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Trotz dieser Änderungen sagt Krymov, dass die Sanktionen die Speisekarte nicht all zu sehr beeinflusst haben. „Wir müssen bei unseren Gerichten eine Balance zwischen der Qualität und dem Preis eines Produkts finden. Und dem Preis für die Kunden."

„Man kriegt alles, was man will, aber der Preis setzt einem natürlich Grenzen. Man kann immer noch Dinge über Weißrussland oder Kasachstan beschaffen."

Diese zwei Länder bieten eine Hintertür. Da in keinem der beiden Länder aktuell ein Importverbot besteht, reisen gewisse Lebensmittel durch die Länder durch und bekommen auf dem Weg eine neue Kennzeichnung—wie Muscheln aus Weißrussland. Gar nicht mal so schlecht, für einen Binnenstaat.

Das Ragout versucht Fleisch und Fisch aus der Türkei zu beziehen und Gemüse und Salat aus Israel. „Das meiste stammt aber aus der Region", sagt Krymov. „Und reicht für den täglichen Gebrauch."

Er sagt, dass fast alles, was importiert wurde, durch russische Produkte ersetzt werden konnte, „außer Austern".

Die Oyster Bar hat sich vorübergehend zu No Oyster Bar umbenannt, aber wie Where Moscow berichtet, stammen die Austern, die es auf die russischen Teller schaffen, momentan aus Nordafrika (hauptsächlich Tunesien).

The Economist schreibt, dass Russland ungefähr 40 Prozent aller Lebensmittel importiert. Welche Langzeitauswirkungen diese Importverbote auf die Exportabhängigkeit und die inländische Landwirtschaft hat, wird sich zeigen. Derzeit sind die Auswirkungen am meisten an den Preisen spürbar.

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„Ich finde diese Sanktionen komplett sinnlos. Sie zerstören den Markt. Niemand kann während dieses Embargos etwas schaffen, das groß oder gut genug ist. Ich hoffe, es ist bald vorbei", sagt Krymov.

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LavkaLavka. Foto von der Autorin.

Die Sanktionen sind ein Segen für regionale Produkte

LavkaLavka—eine Kooperative für biologisches Essen, die sowohl in Moskau als auch in Sankt Petersburg eine Filiale hat—ist Russlands Protagonist der Farm-to-Table-Bewegung. LavkaLavka organisiert Führungen auf Bauernhöfen und in ihren Shops hängen Portaitbilder von Bauern, mit denen sie zusammenarbeiten. Sogar die Email-Signatur von LavkaLavka verbreitet die Botschaft: Support Your Local Farmer!

Obwohl LavkaLavka mit „Bio"-Bauern zusammenarbeitet, trifft die Organisation selbst die Entscheidung, wer ihren Kriterien entspricht und wer nicht. Bisher gibt es noch kein offizielles Zertifikat für biologisches Essen in Russland, aber die Regierung plant, im Jahr 2015 Regulierungen einzuführen.

„Seit die Sanktionen auferlegt wurden, gibt es immer mehr Leute, die an biologischer Landwirtschaft und Produkten Interesse haben", erzählt mir LavkaLavka Betreiber Boris Akimov.

„Wenn wir über LavkaLavka oder ähnliche Unternehmen sprechen, sind die Sanktionen etwas Positives, weil die Bauern aus der Region geschützt werden.", sagt Akimov. „Die Bauern können jetzt mehr produzieren und sich weiterentwickeln. Das hoffe ich zumindest."

Als ich Akimov frage, ob Bauern in der Lage sind, die derzeitige Nachfrage zu stillen, sagt er: „Sie können mehr produzieren, aber nicht schnell genug. Sie brauchen mehr Zeit. Manche von ihnen brauchen noch Monate, andere sogar ein oder zwei Jahre."

Die Importverbote sind vorerst auf nur ein Jahr befristet, und auch wenn die hohe Gastronomie auf Austern oder französische Stopfleber verzichten muss, scheint der kleine Bauer von den Sanktionen zu profitieren.