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Indien

So wird dein nächster Indientrip nicht zum Durch- und Reinfall

Hier erfährst du, was du während deiner Indienreise zu tun und zu essen hast, damit die Entdeckung deines inneren Selbst nicht nur auf der Toilette stattfindet.
2.10.14
Photos by the author.

Breaking News: Ich war vor Kurzem in Indien und blieb glücklicherweise vom Reisedurchfall verschont. Und das, obwohl dieses Leiden früher oder später fast jeden westlichen Besucher befallen soll.

Und das tut es scheinbar auch. Denn die meisten Leute, denen ich auf meiner Reise begegnet bin, hatten laut eigener Aussage nicht ganz so viel Glück. Ein Mädchen aus den USA hat es geschafft, sich in einer Autorikscha zu übergeben. Und in einem Hostel in Delhi meinte ein Deutscher kurz vor dem Einschlafen, dass ihm wirklich speiübel wäre. Glaub mir, das sind nicht unbedingt die besten Nachrichten, wenn du im Etagenbett unter ihm liegst und das Gesetz der Schwerkraft kennst. Mein Freund Jacques wähnte sich am Ende seiner zweiwöchigen Rundreise schon in Sicherheit, bis er im Flieger feststellen musste, dass das wahre Abenteuer erst auf dem Rückflug beginnen sollte.

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Aber wie gesagt: Abgesehen von ein paar wenigen brenzlichen Augenblicken, die wohl mehr mit dem örtlichen Whisky als mit Hühnchen-Korma zu tun hatten, blieb ich von Durchfall und Erbrechen verschont. Denn es gibt durchaus Mittel und Wege, der Reisediarrhoe zu entkommen, ohne ständig auf die Reiseapotheke zurückgreifen zu müssen. Jon Rogers, Professor an der University of Dundee, verbringt jedes Jahr viel Zeit in Delhi und rät, dass du am besten „nur solches Essen zu dir nimmst, das vor deinen Augen gekocht wurde." Außerdem empfiehlt er, mit Locals essen zu gehen. „Das Essen in Indien schmeckt einfach köstlich", sagt er, auch wenn er als Vegetarier auf Fisch und Fleisch verzichtet.

Doch natürlich werden nicht nur Touristen in Indien krank. Auch Inder haben ab und an mit Verdauungsproblemen zu kämpfen. Darum habe ich während meiner Reise für indische Geheimrezepte ein besonders offenes Ohr gezeigt.

Viele Inder praktizieren Ayurveda, die traditionelle indische Heilkunst, in der—neben Yoga und Meditation—auch Essen eine wichtige Rolle zukommt. Dabei kommt es vor allem auf maßvolles Essen und die Verwendung der kulinarischen Wunderwaffen Kardamom, Kurkuma und Zimt an. Denn für Inder sind das nicht nur irgendwelche Gewürze, die für ein kräftiges Aroma sorgen. Sie sind Medizin.

Es gibt aber scheinbar Nahrungsmittel, die angeblich noch besser bei Durchfallerkrankungen helfen können. Ob du nun auf Ayurveda vertraust oder nicht, Indien ist reich an natürlichen Heilmitteln. Eines davon ist Asant, das in der westlichen Ernährung kaum noch eine Rolle spielt. Ich musste erst mit dem Zug nach Agra fahren, um zum ersten Mal etwas von dieser Pflanzenart zu erfahren.

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Ich saß zusammen mit einer Familie aus Punjab in einem Abteil und war gespannt auf den vierstündigen Trip. Die Familie hatte reichlich Essen dabei und bestand darauf, dass ich alles mal koste. Los ging's mit einem Toffee-Kuchen. Dann wurde die Lunchbox ausgepackt. Neben duftendem Biryani und Chapatis kam ein unfassbar leckeres Kartoffelgericht zum Vorschein.

Das besagte Kartoffelgericht.

„Die Kartoffeln werden deiner Verdauung guttun", versprach mir die nette Frau, die ich auf Mitte 50 schätzen würde und die sich mit „Pinky" vorstellte. Und die mich für die restlichen Stunden wie ihren eigenen Sohn behandelte. „Iss noch mehr, Josh." Kein Problem.

Die Zutaten von dem Kartoffelgericht, die Pinky mehr als gerne mit mir teilen wollte, boten erstmal keine große Überraschungen—etwas Chili, Senfkörner, Kurkuma und reichlich Salz. Aber irgendwie schmeckte ich noch ein weiteres Aroma heraus, etwas Würziges und Zwiebelähnliches. Pinky verriet mir dann, dass sie zu den Kartoffeln eine „kleine, aber wirkungsvolle" Prise Asant gegeben hätte. „Wir benutzen Asant, damit es unserer Verdauung gut geht und sie uns wohlgesonnen bleibt", fuhr sie fort. Mir gefiel das Konzept auf Anhieb, seine Verdauung als einen Freund und nicht nur als biologische Notwendigkeit anzusehen.

Asant blickt auf eine lange Geschichte zurück, auch wenn er in Indien keine so große Rolle spielt wie andere Gewürze. Ich hatte vorher noch nie etwas davon gehört. Du findest ihn oft in Gerichten wie Dal oder Linsencurry. Er soll der Verdauung dienen. Pinky schwört auf dieses Gewürz. Und das nicht nur deswegen, weil ihre Eltern, die der Kaste der Händler angehören, ihn stets anstelle von Zwiebeln und Knoblauch verwendet haben, sondern weil er für einen „gesunden Körper einfach unerlässlich" ist.

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Wie bei so ziemlich jedem Gericht in Indien durfte auch bei diesem Essen Joghurt nicht fehlen. Fast immer stichfest und mit einer geschmacklichen Tiefe, die auf die vielerorts verwendete frische Milch zurückzuführen ist, bildet Joghurt eine tragende Säule in diesem Land und ist zudem, dank seiner probiotischen Eigenschaften, auch noch gut für deine Verdauung.

Als ich ein paar Wochen später in Südindien Joghurt (was auch sonst) aß, hielt mir ein Hostelmitarbeiter namens Narottam Sikhwal eine ähnliche Joghurt-Laudatio. „Joghurt ist gut für uns", sagte er mir. „Ich esse ihn zu jedem Gericht. Am liebsten zu Curry-Gerichten. Er kühlt dich ab und hält dich fit. Und ich weiß, dass er gut für meinen Magen ist." Ob er nun zum Einsatz kam, um Gerichten ihre Schärfe zu nehmen, oder—mit Zucker und Fruchtfleisch vermengt—zu einem Lassi zubereitet wurde, Joghurt wurde einfach an fast jeder Ecke und zu jedem Gericht serviert. Darum ist es gar nicht zu weit ausgeholt, zu sagen, dass Joghurt zu den großen Einigern dieses Landes zählt.

Ein weiteres Gericht, das bei Verdauungsproblemen angeblich Wunder bewirken kann, ist Rasam, eine saure Suppe mit Tamarinde. Es gibt zu viele Varianten von dieser Suppe, um sie hier alle aufzulisten und ehrlich gesagt weiß ich nicht mal, welche ich hatte. Die wichtigsten Zutaten waren auf alle Fälle Tomaten, Linsen, Tamarinde und sehr viel Chili. Der Geschmack der Suppe war äußerst intensiv. Nur dass es laut meinem neu gewonnenen Freund Sikhal viel mehr als nur eine normale Suppe ist. „Sie hat eine heilende Wirkung", erzählte er mir. „Sie schützt dich vor Verdauungsproblemen. Sobald ich mich unwohl fühle, steht bei mir Rasam auf dem Speiseplan. Je flüssiger deine Rasam ist, desto gesünder ist sie auch. Fast so wie ein Saft muss sie sein."

Die Wärme der Suppe durchdrang meinen ganzen Körper. Wie Asant hatte sie ein ganz eigenes Aroma, das mich Lichtjahre von meinen eigentlichen Essensgewohnheiten—am liebsten Omelette—weggebeamt hat. Und sie schmeckte unfassbar gut. Ich hätte niemals gedacht, dass Heilmittel so lecker sein können.

Indien ist ein Land, das viele westliche Besucher bereisen, um nach spiritueller Erleuchtung zu suchen und „sich selber zu finden." Doch für viele von uns endet die (buchstäbliche) Entdeckung unseres inneren Selbst leider auf der Toilette. Doch anstatt dich vor indischem Essen zu fürchten oder nur aus Höflichkeit etwas zu probieren, tust du gut daran, den Mund aufzumachen und zu fragen—denn viele Inder scheinen nur darauf zu warten, über ihre Küche und deren Heilwirkungen Auskunft geben zu können.

Trotzdem würde ich an deiner Stelle immer eine Pulle Gin griffbereit haben. Safety first.