Eines muss vorab geklärt werden: Butterskulpturen sind merkwürdig.
Die Kunst, gigantische Brocken gekühltes Kuhfett zu schnitzen, ist eine speziell amerikanische Tradition, was keine große Überraschung ist: Es ist fett, es ist verschwenderisch und es ist komplett überflüssig. Kein Mensch braucht eine 300 Kilo schwere Butterkuh. Butterkühe gelten nicht als Kunst.
Außer, das hier zählt:
Trotzdem sind Butterskulpturen einer der wichtigsten Bestandteile von state fairs, einer Art Jahrmarkt, der in (fast) jedem Bundesstaat im August stattfindet. Aus Butter werden Büsten von John Stamos aka Jessie Katsopolis anno 1991 oder Hommagen an Cafeteria-Mitarbeiter geschnitzt, während die Ironie gesunden Schulessens dabei scheinbar verloren gegangen ist.
Dieser Brauch geht auf Festtafeln der Renaissance zurück, wo Butterskulpturen neben dekorativen Stücken aus Zucker ihren Platz fanden. Im tibetischen Buddhismus haben Butterskulpturen eine komplett eigene Geschichte. Dort wird Yak-Butter und Mehl mit Farbstoff vermischt und zu komplizierten Szenerien und Mandalas, auch Tormas genannt, geformt. Die Butterskulptur auf state fairs im Sinne von Jessie Katsopolis ist aber ein rein amerikanisches Phänomen.
Das früheste kanonische Beispiel—ja, es gibt einen Butterkanon—ist ein Flachrelief mit den Titel Träumende Iolanthe, das mit einem Strohbesen und Holzstöcken von einer Bäuerin aus Arkansas mit dem Namen Caroline Shawk Brooks geschnitzt wurde. Iolanthe wurde 1876 bei der Centennial Exhibition in Philadelphia ausgestellt und erfreute sich enormer Beliebtheit. Sie wurde über einem Eimer voll Eis kalt gestellt, der permanent wieder aufgefüllt werden musste.
Laut Pamela H. Simpson, einer der wenigen Akademikerinnen, die sich mit der Geschichte der amerikanischen Butterskulpturen auseinandergesetzt haben, fertigte Brooks schon seit 1867 Butterporträts von Leuten aus ihrem Ort an und das beinahe ohne richtige künstlerische Ausbildung. Wie viele Bäuerinnen zur dieser Zeit, stellte sie die Butter für ihre Familie her und verkaufte einen Teil im Ort. Damit ihre Butter sich von der Konkurrenz abhob, schnitzte sie daraus Muscheln, Tiere und Gesichter von Hand, anstatt der üblichen Gussformen. Bald beauftragten die Leute sie mit Butterporträts, darunter auch eines von Mary Stuart.
Kurz darauf las sie Henrik Hertz' Theaterstück König Rénes Tochter und beschloss, eine Skulptur zu Ehren der Heldin der Geschichte, Iolanthe, zu schnitzen. Diese Skulptur nahm sie mit nach Philadelphia, nachdem sie schon kleinere Jahrmärte abgeklappert hatte, wo tausende Leute jeweils 25 Cents bezahlten, um die Skulptur sehen zu dürfen. Es wurde sogar in der New York Times diskutiert, die verkündete: „Die Harmonie des Gesichts ist exquisit. Das Ohr ist wahrlich ein Wunderwerk delikater Verarbeitung."

Obwohl sie eigentlich davon träumte, eines Tages mit Marmor zu arbeiten, wurde Brooks schnell zur „Butterfrau" und wurde diesen Ruf nie mehr los. Sie reiste mit Iolanthe (oder einer Version von Iolanthe) durchs Land und schnitzte weitere Skulpturen. Während sie von Ausstellungshalle zu Ausstellungshalle zog, entwickelte sie sich zu so etwas wie einer Berühmtheit. In Des Moines wurde die Live-Präsentation ihrer Technik von einer Blaskapelle begleitet, während sie ein Butterblock zuerst in eine Büste von Napoleon und schließlich in George Washington verwandelte.
Brooks zog schließlich nach Washington, D.C., wo sie zur republikanischen Prominenz wurde und Skulpturen von amerikanischen Präsidenten, Politikern und Schriftstellern schnitzte. Ihr ambitioniertestes Werk war ein Auftrag einer wohlhabenden Familie, die sich ein riesiges Butterporträt wünschte, das La Rosa hieß und später in Marmor geschliffen wurde. Es dauerte insgesamt acht Jahre.
Obwohl ihre Arbeit von konventionellen Künstlern keine Beachtung fand, hatte sie trotzdem zahlreiche Nachahmer. 1893 tauchten weitere weibliche Butterschnitzer bei Ausstellungen auf. Laut der Historikerin Karal Ann Marling wurden viele von ihnen aber nicht für ihre Arbeit gewürdigt, weil das Butterschnitzen immer noch als eine Erweiterung der Hausarbeit der Frauen angesehen wurde—mehr als ein Handwerk, als bildende Kunst.
Im Jahr 1904 hatte Butter bei der St. Louis Louisiana Purchase Exposition ein großes Comeback. Mehrere Bundesstaaten stellten große Butterskulpturen aus, darunter eine Szene mit einer Göttin, einem Ochsen und einem Bären aus Kalifornien, das aber von Wisconsins 300 Kilo schweren Statue eines Milchmädchens, das gerade eine Kuh melkt, in den Schatten gestellt wurde. Das wurde nur noch von Minnesota übertroffen. Der Bundesstaat beauftragte einen Bildhauer names John Daniels, der eine Darstellung von einem Missionar, Pater Hennepin, und zwei Ureinwohnern Nordamerikas als Führer in einem Kanu aus Birkenrinde fertigte.
Szenen wie diese setzten die Standards für die Butterskulpturen der damaligen Zeit: Hommagen an den spanisch-amerikanischen Krieg, Porträts von Teddy Roosevelt mit dem Fuß auf einem gerade erlegten Löwen und pastorale Darstellungen vom Leben auf dem Bauernhof. Daraus entwickelte sich die Tradition der Butterkuh, die wir heute kennen.
Dank der Fortschritte in der Kühltechnik waren Butterskulpturen bis 1930 äußerst beliebt. Während der Weltwirtschaftskrise in den 1920ern und des Zweiten Weltkriegs wurden viele Grundnahrungsmittel zur Mangelware und die Popularität von Butterskulpturen schwand dahin. Zur selben Zeit wurde in vielen Haushalten Butter durch Margarine ersetzt, weil es billiger und vermeintlich gesünder war.
Nach dem Krieg kam die Butterkunst aber zurück und die Bildhauer kehrten—häufig von großen Molkereien gefördert—in ihre gekühlten Zellen auf den alljährlichen state fairs zurück. Die berühmteste unter ihnen war eine Frau namens Norma „Duffy" Lyon, die Iowas führende Butterbildhauerin wurde und den Bundesstaat seit 1957 jedes Jahr mit einer Butterkuh versorgte. 2006 trat sie in den Ruhestand.
Lyon beließ es aber nicht bei Butterkühen. Sie schnitzte Persönlichkeiten aus der Popkultur wie Elvis Presley oder Tiger Woods. 1999 interpretierte sie Das Letzte Abendmahl in Butter, was ihr zu landesweiter Aufmerksamkeit verhalf. Sie kam 2007 sogar kurz aus dem Ruhestand zurück, um eine etwas wackelige Büste von Barack Obama zu schnitzen.
Lyon wird als Erbin dieser seltsamen Tradition angesehen, die von Caroline Shawk Brooks ins Leben gerufen worden war: eine bescheidene Bildhauerin, die durch ihre Gesichter von Politikern und anderen öffentlichen Personen, die sie aus diesem ungewöhnlichen Material schnitzte, ein bisschen Berühmtheit erlangte. Zyniker könnten aber in der Geschichte des Butterschnitzens auch den Verfall der amerikanischen Kultur sehen. Was als Träumende Iolanthe anfing wurde zu, naja, John Stamos.
Vielleicht spielt aber die Form sowieso keine Rolle. Ein unbeeindruckter Butterskulptur-Betrachter meinte in den 1870ern: „So anmutig und himmlisch die Formen auch sein mögen, die Leute würde nicht lange zögern, eine Nase oder einen Finger abzuscheiden, um ihre Pfannkuchen mit Butter zu bestreichen."